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„Graben zwischen den Gebäuden“, der „enorme Stützmauern“ nötig mache

Nachdem die Präsentation des Bauvorhabens auf dem SIGLOCH-Gelände (GSCHWÄTZ berichtete) zwischen Langenburger Straße und Kapellenweg zu großer Mißbilligung bei den Anwohnern und im Gemeinderat geführt hatte, war das Vorhaben erneut Thema im öffentlichen Teil der Sitzung des Gestaltungsbeirat der Stadt Künzelsau vom 1. Oktober 2010.

Lageplan der geplanten Häuser auf dem Sigloch-Areal. Stand 1.10.2021. Quelle: Sitzungsunterlage

Viele Anwohner waren erschienen, um sich über den aktuellen Stand des Projekts zu erkundigen, und sie erfuhren auch die eine oder andere neue Information. Erich Kalis, der das Projekt plant, konnte mitteilen, dass einige Wünsche, die Stadt und Anwohner geäußert hatten, inzwischen erfüllt sind:

  • Das nordwestliche Haus A wurde um ein Stockwerk reduziert
  • Das nordöstliche Haus B wurde um etwa 3m nach Norden verschoben – damit ergibt sich mehr Raum zwischen Haus B und dem Haus D.
  • Die Planung wurde um einen Spiel- und Begegnungsplatz ergänzt.
  • Die Dächer sollen jetzt begrünt werden, die Solaranlage ist über der Tiefgarage geplant.

Nicht alle Beanstandungen seitens der Planer erfüllt

Andere Punkte, die die Stadt gefordert hatte, wurden noch nicht erfüllt. Insbesondere die Themen Topographie und Freiraumplanung sowie Erschließung über den Kapellenweg boten Zündstoff.

Prof. Kai Haag stellte fest, dass man jetzt 16 m Abstand zwischen Haus A und Haus C habe, bei einem „enormen Höhenunterschied zwischen den Eingangsbereichen“. Er sprach von einem „Graben zwischen den Gebäuden“, der „enorme Stützmauern“ nötig machen würde.

Dieser Schnitt zeigt die Höhenunterscheide deutlich. Quelle: Sitzungsunterlagen

Außerdem sei der Kinderspielplatz ausgerechnet an der engsten Stelle mitten im relativ steilen Hang geplant. Auch das Wort „abenteuerlich“ fiel – und es war nicht als positive Beschreibung des Spielplatzes gemeint, sondern betraf die steilen Hänge.

„Die Bauherrschaft“ will es so.

Erich Kalis verwies auf „die Bauherrschaft“, die den Spielplatz an dieser Stelle haben wolle.

„Sicherheit, Begehbarkeit und Nutzbarkeit“ nicht nachgewiesen

Prof. Dr. Christina Simon-Philipp, die Vorsitzende des Gestaltungsbeirats, faßt zusammen, dass die Prinzipen „Sicherheit, Begehbarkeit und Nutzbarkeit“ nicht nachgewiesen seien und extreme Sicherungsmaßnahmen zu erbringen seien. Außerdem moniert sie, dass trotz mehrfacher Bitte noch immer kein Landschaftsarchitekt hinzugezogen worden sei. Dem konnte Kalis entgegnen, dass ein Münchener Büro bereits beratend tätig sei und im Zuge der Baugesuchsplanung eine weiterführende Beauftragung geplant sei.

Knackpunkt ist die Erschließung über den Kapellenweg

Auch bezüglich der Erschließung über den Kapellenweg erweisen sich räumliche Enge und der steile Hang als problematisch. Fraglich ist, ob der schmale Kapellenweg den zusätzlichen Verkehr aufnehmen kann. Selbst der von Kalis beauftragte Verkehrsgutachter ist der Meinung, dass der Kapellenweg verbreitert werden müßte – was allerdings, wie auch Kalis feststellt, nicht möglich ist, da dort bewohnte Grundstücke sind, die nicht in städtischem Eigentum sind. Eine Wendemöglichkiet für ein Müllauto müsse man aber nicht einplanen, meint Kalis, denn „das Müllauto fährt eh rückwärts“, wie auch in der Heinrich-Schüle-Straße.

Müllautos dürfen eigentlich gar nicht rückwärts fahren

Allerdings ist das laut Arbeitsschutzbestimmungen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung  (DGUV) gar nicht oder nur in Ausnahmefällen erlaubt. Dirk Füting, Leiter des Sachgebiets Abfallwirtschaft der DGUV erklärt: „Wir appellieren daher insbesondere an die Stadtplaner, die Bedürfnisse der Entsorger zu berücksichtigen, wenn sie die Verkehrswege planen.“  Möglicherweise besteht bei einem derart großen Bauvorhaben sogar die Pflicht der Stadtplaner, dahingehend einzugreifen.

„Halb so wild“

Johannes Rückgauer (UBK) spricht davon, dass die Wegbreite doch schon lange ein Thema sei und stellt die Fragen „Wie kann man Gefahrensituationen vermeiden?“ und „Gibt es andere Möglichkeiten der Entspannung?“ Kalis ist der Meinung, dass es ja um nur 2 zusätzliche Wohnungen gehe und das wohl „halb so wild“ sei.

Deutliche Worte

Christina Simon-Philipp wird daraufhin deutlich: „So kommen wir nicht weiter. Der Gutachter sagt, der Weg muß verbreitert werden. Damit muß man sich auseinandersetzen, das ist Tatsache.“

Bisher Situation durch Rücksichtnahme gelöst

Erhard Demuth (SPD/GRÜNE) weiß, dass die Situation im Kapellenweg bisher durch gegenseitige nachbarschaftliche Rücksichtnahme geprägt war, man sei über die Einfahrten der Privatgrundstücke ausgewichen. Anwohner hätten ihm aber mitgeteilt, dass sie planten, ihre Einfahrten gegen derartige Nutzung zu sichern. Eine Ampelanlage hält Demuth aufgrund der Verkehrssituation im Bereich der Ampelkreuzung am Kreuzungsbereich Langenburger Straße / Zollstock / Kapellenweg für nicht machbar. Kalis geht nochmals darauf ein, dass für Fußgänger Ausweichzonen vorhanden seien, beim Begegnungsverkehr von PKWs wird er wortkarg. Als sich auch die Bevollmächtigte der Bauherrin mit „Der Weg ist ja nicht unmöglich zu befahren“ zu Wort meldet, schließt Simon-Phillipp die Diskussion ab: „Ich glaube nicht, dass wir das heute lösen können. Aber die Verkehrsplaner fordern das, also müssen wir eine Lösung anbieten. Es muß eine Lösung geben, sonst wird’s ein Problem geben, das Vorhaben zu realisieren“ sagt sie. Einem letzten Einwand Kalis‘, der auf frühere Feste hinwies, wo es auch keine Probleme gegeben haben soll und darauf, dass man ja auf dem Grundstück viel mehr Wohnungen bauen könne, entgegnet Simon-Phillip: „Ihr Gutachter sieht das anders“.

Auf nächste Sitzung verwiesen

Zu einer abschließenden Beurteilung konnte der Beirat nicht kommen, Simon-Phillipp sprach davon, dass man das Thema in der nächsten Sitzung wieder auf die Tagesordnung bringen werde – der Gemeinderat wird also vorher noch keinen Bebauungsplan beschliessen wollen.

Weiteres Problem – das Wasser

Im anschließenden Gespräch mit den Anwohnern wurde ein weiterer wichtiger Aspekt zur Sprache gebracht: Das Wasser. Einen 100-Liter-Starkregen möchten sich die Anwohner auf dem zukünftig teilversiegelten Hang gar nicht vorstellen. Dazu kommen wasserführende Schichten im Hang, die durch den Bau zerschnitten würden, wodurch sich das Wasser neue Wege suchen müsse. Ein diesbezügliches Gutachten ist den Anwohnern nicht bekannt.

Preiswerter Wohnraum für Familien an dieser Stelle vielleicht sinnvoller?

Die Anregung von Erich Kalis, auf dem Gelände auch mehr Wohnungen bauen zu können, werden die anwesenden  Gemeinderatsmitglieder im Ausschuss mit Interesse gehört haben – statt 14 Luxuswohnungen ab 200 Quadratmetern Wohnfläche und drei Metern Höhe könnte man auch doppelt so viele große Familienwohnungen bauen – an denen es in Künzelsau bekanntlich mangelt. Vor allem, nachdem auch auf dem MUSTANG-Gelände kein neuer Wohnraum mehr geplant ist.

Im Bereich zwischen Tiefgarage und Wohnungen befinden sich „Leergeschosse“. Quelle: Sitzungsunterlagen

Die geplanten – wohl der schönen Aussicht geschuldeten – Leergeschosse in den unteren drei Gebäuden könnte man sicherlich auch anderweitig nutzen – Arztpraxen brauchen nicht unbedingt eine schöne Aussicht.

Gute Erfahrungen, beispielsweise aus Freiburg, wo es Siedlungen ohne Dauerparkplätze gibt, legen nahe, dass ein Quartier nur mit Kurzzeitparkplätzen auch in Künzelsau funktionieren könnte.

Dieser Schnitt zeigt die Höhenunterscheide deutlich. Quelle: Sitzungsunterlagen

Kapellenweg in Künzelsau. Auf dem ehemaligen privaten Sigloch-Areal sollen die geräumigen Wohnungen entstehen. Foto: GSCHWÄTZ

 

Text: Matthias Lauterer




SIGLOCH-Gelände: Kompromiss über Neubebauung in Sicht

Wie bereits vor der nichtöffentlichen Sitzung des Gestaltungsausschusses, die am Freitag, den 26. Febraur 2021 um 18:00 stattfindet,  bekannt wurde, zeichnet sich bei der Bebauung des Siglochgeländes zwischen Langenburger Strasse und Kapellenweg ein Kompromiss zwischen Anwohnern und Bauherren ab.

Verzicht auf ein Stockwerk?

Dieses geplante Haus war den Anwohnern zu wuchtig – jetzt wird es wohl etwas niedriger geplant werden. Bild: Stadt Künzelsau

Geplant waren 5 Mehrfamilienhäuser, von denen zumindest eines so hoch geplant war, dass Anwohner laute Kritik an der Planung äußerten (GSCHWÄTZ berichtete ). Der Gemeinderat hat das Bauvorhaben am 13. Oktober 2020 zur Neubewertung an den Gestaltungsausschuß zurückverwiesen. GSCHWÄTZ erfuhr nun vorab, dass die Bauherren bei diesem Gebäude möglicherweise auf ein Geschoß verzichten werden.

Ob man auch bezüglich der Zufahrt über den Kapellenweg, die wegen der Enge von den Anwohnern ebenfalls kritisiert wurde, zu einem Kompromiss gekommen ist, ist noch nicht bekannt.

Text: Matthias Lauterer