1

„Wir hoffen, mit einem blauen Auge davonzukommen“

Bis jetzt ist Ziehl-Abegg ganz gut durch die Corona-Krise gekommen. Der Künzelsauer Ventilatorenhersteller hat früh mit Präventionsmaßnahmen begonnen und ist jetzt auch beim Impfen der Mitarbeiter im Betrieb ganz vorne mit dabei. Wirtschaftlich steht das Unternehmen besser da als anfangs erwartet. Ziehl-Abegg profitiert vor allem von der höheren Auslastung der Rechenzentren. GSCHWÄTZ hat sich mit dem Vorstandsvorsitzenden Peter Fenkl über Corona-Maßnahmen, die Vorbereitung auf Lieferengpässe und Naben-Motoren unterhalten.

GSCHWÄTZ: Mir gegenüber steht Herr Fenkl, der Vorstandsvorsitzende von Ziehl-Abegg. Wir treffen uns heute anlässlich des großen Impf-Tags bei Ziehl. Herr Fenkl wird uns einige Fragen beantworten. Fangen wir mal damit an – generell zur Corona-Situation bei Ihnen in der Firma. Welche Maßnahmen haben Sie getroffen? An Hygienemaßnahmen?

„Das war ein sehr schwieriges Unterfangen“

Fenkl: Wir sind eigentlich von Anfang der Pandemie sehr, sehr aktiv gewesen, Prävention durchzuführen. Wir haben schon Ende Februar einen Krisenstab gebildet, der sich ausschließlich mit diesem Thema beschäftigt. Es sind Mitarbeitende hier im Haus, die sich mit der Prävention beschäftigen und Fragen der Mitarbeiter beantworten. Wir haben ganz früh, als es noch gar keine Masken gab, schon Faceshields hier im Haus gedruckt. Die haben wir auch in der Region verteilt. Wir haben Mitarbeiter ans Landratsamt entsandt, um das Tracking – also die Suche, die Vernetzung, die die Inzidenz hatte – zu überprüfen. All das haben wir gemacht. Mit der Impf-Thematik haben wir uns Ende beziehungsweise Anfang dieses Jahres beschäftigt. Konkret wurde es Anfang März, da hatten wir alle Vorbereitungen getroffen und uns bemüht, an Impfstoff heranzukommen und an Ärzte. Das war erst ein sehr, sehr schwieriges Unterfangen. Wir wären diese Woche gestartet, nachdem wir tatsächlich Impfstoff bekommen und die Ärzte organisiert haben, dass wir gemäß der Kategorien entsprechend geimpft hätten. Aber glücklicherweise hat Herr Spahn am Donnerstag AstraZeneca freigegeben für alle Bereiche, sodass wir noch alle Mitarbeiter im Moment impfen können.

„Wir werden auch die Angehörigen impfen“

GSCHWÄTZ: Heute hat er auch den Johnson und Johnson-Impfstoff freigegeben, also auch die Einmal-Impfung wäre jetzt möglich.

Fenkl: Da hab ich noch gar nicht gehört.

GSCHWÄTZ: Relativ neu.

Fenkl: Supergut. Wir sind jetzt gut bestückt mit dem AstraZeneca. Das heißt, wir haben sogar mehr Dosen bekommen, als wir erwartet haben. Das heißt, wir werden ab sofort nicht mehr nur die eigenen Mitarbeiter impfen, sondern auch direkt die Angehörigen.

„Das macht ein externer Arzt“

GSCHWÄTZ: Und ist das durch den Betriebsarzt oder wie ist das organisiert?

Fenkl: Es ist ein externer Arzt, der uns hier unterstützt, der auch die Impfdosen besorgen konnte. Das lief über unser Netzwerk, weil wir eben sehr aktiv gearbeitet haben an der Stelle. Wir sind sehr dankbar, dass er heute die Belegschaft impft.

GSCHWÄTZ: Wie sieht es denn durch die ganzen Maßnahmen, die innerbetrieblich getroffen werden, mit dem sonstigen Krankenstand aus? Hat sich da was verändert?

Fenkl: Grippe ist praktisch null. Da haben wir gar nichts. Heuschnupfen ist eine allergische Reaktion auf die Umwelt, die haben wir immer wieder. Das können wir nicht vermeiden.

„Bei den Augen hilft die Maske nicht“

GSCHWÄTZ: Aber die Maske schützt ja auch vor den Pollen.

Fenkl: Ich bin kein großer Allergiker, deswegen kann ich das nicht richtig beurteilen. Bei den Augen, da ist es ja auch immer so mit der Allergie, hilft die Maske natürlich nichts.

GSCHWÄTZ: Wenn Sie das Thema Grippe und Erkältungskrankheiten anschauen, können Sie sich vorstellen, die Hygienemaßnahmen aus dem Grund weiterzuverfolgen, wenn Corona vorbei sein sollte irgendwann?

„Maske zu tragen ist eine eine hohe Belastung für die Mitarbeiter“

Fenkl: Ich glaube nicht, weil es für die Mitarbeiter eine sehr hohe Belastung ist, insbesondere in der Produktion, die Masken zu tragen. Das wird in Richtung Sommer noch viel, viel schwieriger werden, die Maske immer aufzuhaben. Also von daher glaube ich es weniger. Ich würde es mir in gewissen Grenzen wünschen, aber da würde man von den Mitarbeitern zu viel verlangen.

GSCHWÄTZ: Okay, das wäre der erste Fragenkomplex gewesen. Der zweite Fragenkomplex dreht sich um die wirtschaftliche Situation von Ziehl-Abegg unter Corona. Wir haben uns das letzte Mal gesehen, als die Wirtschaftsministerin da war beim Spatenstich im Gewerbegebiet oben. Wie weit ist dieses Projekt mit der neuen Halle inzwischen?

„Alles ist am Laufen“

Fenkl: Das Projekt ist fast fertig. Die Halle ist bezugsbereit. Das heißt, die Maschinen sind jetzt im Anlauf. Es sind noch Kleinigkeiten zu machen, aber im Prinzip ist die Halle bezugsfertig. Jetzt kommen die Maschinen und die fahren wir in den nächsten Wochen ein. Also, es ist gut am Laufen.

GSCHWÄTZ: Sie haben damals davon gesprochen, dass Sie gerade in der Krise investieren wollen, damit Sie nach der Krise durchstarten können. Wie sind Sie denn bisher durch die Krise gekommen?

„Wir brauchen dringendst diese Produktionskapazitäten“

Fenkl: Wir haben das Jahr 2020 sehr gut abgeschlossen. Das sah zwischenzeitlich sehr schwierig aus, gerade in den ersten Monaten der Corona-Krise. In Summe haben wir das Jahr mit einem Umsatzwachstum von einem Prozent Plus abgeschlossen. Das heißt, wir waren sehr, sehr zufrieden. Dieses Jahr läuft hervorragend an. Das heißt, wir brauchen dringendst diese Produktionskapazitäten und wir werden sie wahrscheinlich viel schneller füllen, als wir das erwartet haben.

GSCHWÄTZ: Wie sieht es denn mit Ihren internationalen Lieferketten aus? Haben Sie da Einbußen erlitten? Sind da Lieferanten weggefallen?

„Das ist etwas, auf das wir uns vorbereiten müssen“

Fenkl: Im Wesentlichen sind wir relativ gut durchgekommen. Bis dato hat das ganz gut geklappt. Mittlerweile wird es insbesondere bei den elektronischen Komponenten immer schwieriger. Wir kennen das zum Beispiel aus der Automobilindustrie, wo ganze Werke stillstehen. Das ist etwas, auf das wir uns vorbereiten müssen. Wir sind da sehr stark am Arbeiten und hoffen, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen.

GSCHWÄTZ: Das heißt, bisher konnten Sie ihre Kunden befriedigen und jetzt könnte es langsam kritisch werden?

Fenkl: Es ist immer tagesabhängig. Es sah auch schon mal zwischenzeitlich sehr schlecht aus. Dann haben wir es wieder hinbekommen. Ich wage da keine Prognose. Das kann sich jeden Tag ändern zum Positiven wie auch zum Negativen.

„Im Moment bin ich sehr positiv gestimmt“

GSCHWÄTZ: Wie sieht es denn bei den Kunden aus? Ist da zu befürchten, dass Kunden wegbrechen aufgrund der Corona-Krise?

Fenkl: Wir sind ja in sehr vielen Industriezweigen unterwegs. Da ist durchaus anzunehmen, dass der ein oder andere Industriezweig sich etwas schwerer tut. In den Kernbereichen muss ich sagen, ist die Auslastung sehr gut. Das zeigt sich auch in unserer sehr guten Auftragslage, die wir im Moment zu verzeichnen haben. Résumé ist dann nicht zu sehr bange. Im Moment bin ich sehr positiv gestimmt.

„Rechenzentren schießen wie Pilze aus dem Boden“

GSCHWÄTZ: Wenn man in die Zukunft schaut und sich überlegt, wie die Märkte sich nach der Krise weiterentwickeln würden, können Sie sich vorstellen, dass es durch die Krise dann auch beschleunigt Investitionen in neuere Technologien gibt und so das Althergebrachte eher abnehmen wird?

Fenkl: Wir haben da tatsächlich eine Befruchtung von modernen Anwendungen. Dies gilt insbesondere natürlich für Rechenzentren, die schießen im Moment wie Pilze aus dem Boden…

GSCHWÄTZ: … Lüftungsanlagen für Rechenzentren …

„Das ist sehr positiv für uns“

Fenkl: … Kühlung für Rechenzentren. Das heißt also, durch den zunehmenden Gebrauch vor allem von Videokonferenzen, Datenübermittlung – man weiß ja im Moment noch nicht so viel – braucht man mehr Rechenkapazität. Die Rechenzentren sind höher ausgelastet. Das ist ein Thema, das ganz stark kommt, das stellen wir fest. Aber auch diese Thematik, die jetzt von der Bundesregierung oder von der EU beschlossen würde bezogen auf die CO2-Einsparungen, wird ja bewirken, dass man noch effizienter arbeiten muss. Zum Beispiel mehr Windkraft, die Gebäude noch dichter werden. All diese Maßnahmen führen dazu, dass zusätzlich Ventilatoren gebraucht werden. Das ist natürlich sehr positiv für uns.

„Das betrifft uns nur am Rande“

GSCHWÄTZ: Wenn wir mal in die Automobilindustrie gehen – Elektrifizierung. Wie sehen Sie da die Zukunft?

Fenkl: Bezogen auf unsere Produkte Ventilatoren haben die da relativ wenig Einsatzgebiete, sodass es uns nur am Rande betrifft. Andere Bereiche werden sicherlich profitieren.

GSCHWÄTZ: Sie haben ja eigentlich etwas im Angebot, was ich für die Killer-Applikation im E-Automotive gesehen hätte. Das sind die Naben-Motoren.

Fenkl: Warum Killer?

„Es ist schwierig, im Automobilsektor Fuß zu fassen“

GSCHWÄTZ: Weil sie doch ungeheuer konstruktive Freiheiten geben für neue Ideen im Automobilbau. Aber Sie haben das jetzt vor einigen Jahren veröffentlicht, dass sie diese Firma übernommen haben.

Fenkl: Nicht nur übernommen, wir haben sie aufgebaut.

GSCHWÄTZ: Ich zumindest sehe die Dinger noch nicht in freier Wildbahn.

Fenkl: Die gibt es in freier Wildbahn. Sie gibt es auch hier in Hohenlohe, die laufen auch sehr erfolgreich. Allerdings haben wir, das muss ich zugestehen, es unterschätzt, wie schwierig es ist, im Automobilsektor wirklich Fuß zu fassen. Das ist Nummer eins. Und zum zweiten ist der Fokus im Automobilbereich im Moment ganz massiv auf die Pkw-Schiene gerichtet. Das ist in der öffentlichen Wahrnehmung ganz stark zu sehen. Das ist eben das, wo man im Automobilgeschäft das größte Geld verdient. Also werden im Moment alle Entwicklungskapazitäten in diese Richtung geschoben. Der Nutzfahrzeug-Bereich wird im Moment etwas stiefmütterlich behandelt. Aber es sind super Projekte in der Pipeline und ich bin an der Stelle durchaus sehr zuversichtlich, dass sich einiges bewegen wird. Allerdings nicht kurzfristig.

„Da wollen wir nicht rein“

GSCHWÄTZ: Aber im Pkw-Bereich sind Sie noch nicht wirklich in den Markt eingedrungen?

Fenkl: Da wollen wir auch gar nicht rein.

GSCHWÄTZ: Herr Fenkl, ich bedanke mich für das Gespräch und viel Erfolg wünsche ich Ihnen.

Interview: Matthias Lauterer




„Das Wichtige ist dabei, dass wir mit den Leuten ins Gespräch kommen. Dass wir mit den Menschen, die stärker als andere belastet sind von dieser Coronakrise und den Pandemiebedingungen, in den Dialog treten“

Patrick Wegener im GSCHWÄTZ-Kandidatencheck zur Landtagswahl – Teil 2. Der Landtagskandidat für den Wahlkreis Hohenlohe sieht die SPD als wichtige Volkspartei in Krisenzeiten, wie wir sie derzeit erleben und fordert einen aktiveren Staat dort, wo der Markt nicht funktioniert: beim Wohnungsbau, bei der Kinderbetreuung und beim Breitbandausbau im ländlichen Raum. Wir haben ihn gefragt, ob der Staat wirklich so gut im managen ist, wenn man an die Krankenhausschließungen und die teilweise schlecht bezahlten Jobs im Gesundheitswesen denkt. Wäre das mit der SPD nicht passiert?

GSCHWÄTZ: Wie realistisch ist denn der Einzug in die Landesregierung im März 2021? Sie haben bei der letzten Landtagswahl 2016 11,5 Prozent erzielt. Man spricht ja sowieso schon sehr viel darüber, inwieweit die SPD noch eine Volkspartei ist. Wie sehen Sie das?

Von der Mitgliederstruktur ist die SPD noch immer eine Volkspartei

Wegener: Ich mache es nicht fest an den Wahlergebnissen, sondern ich schaue in meine Mitgliederschaft. Wenn ich meine Mitglieder als Ortsvereinsvorsitzender oder auch als Kreisvorsitzender anschaue, dann sehe ich, dass ich eine Breite der Gesellschaft habe. Und das ist für mich ein wichtiges Argument dafür, was eigentlich eine Volkspartei ausmacht und vor allen Dingen auch im Hinblick darauf, wie wir uns programmatisch aufstellen. Machen wir Programme für spezielle Gruppen oder nur für ein spezielles Thema oder stellen wir uns breit auf? Und ich arbeite fest daran,  dass wir ein besseres Ergebnis einfahren als 2016. Mehr als 11,5 Prozent. Wenn ich das so einfach mal zusammenfassen kann.

GSCHWÄTZ: Kann die SPD als Gewinnerpartei aus der Coronakrise hervorgehen?

„Corona als Chance für die SPD“

Wegener: Ich glaube, die Coronakrise kann eine Chance auch für Parteien sein. Vor allen Dingen auch für die SPD. Weil wir sehen, dass der soziale Zusammenhalt, den wir in den letzten Monaten eingefordert und sowohl politisch aber auch als Gesellschaft aktiv gelebt haben, dass das eben unsere Programmatik ist.

GSCHWÄTZ: Viele sagen aber auch, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt, der immer gefordert wird, nicht besteht. Man sieht es auch in den sozialen Medien, dass viele Gruppen unzufrieden sind. Und viele Bürger sehen, dass die Lasten nicht  gleichmäßig auf allen Schulten verteilt sind, sondern es gibt eben welche, die viel stärker belastet sind in dieser Krise als andere. Um mal kleine Ladenbesitzer zu nennen, um Familien zu nennen und berufstätige Mütter zu nennen. Es  gibt ja schon eine gewisse Ungleichverteilung auch bei diesen Corona-Maßnahmen.

Perspektiven und Chancen schaffen für die, die von der Krise besonders betroffen sind

Wegener: Das Wichtige ist dabei, dass wir mit den Leuten ins Gespräch kommen. Dass wir mit den Menschen, die stärker als andere belastet sind von dieser Coronakrise und den Pandemiebedingungen, in den Dialog treten. Gerade mit dem lokalen Einzelhandel steht bei mir ein Termin nächste Woche an, weil es mir einfach wichtig ist, zu hören, wie die Lage ist. Aber vor allen Dingen auch: Was kann die Perspektive werden und was ist die Chance? Sie haben gefragt, welches Stimmergebnis ich mir bei dieser Landtagswahl wünsche: Bei Landtagswahlen in Baden-Württemberg geht es um jede Stimme. Denn das Landtagswahlrecht ist so speziell, dass man eigentlich nicht sagen kann, mit welchem Stimmergebnis reicht es, in den Landtag von Baden-Württemberg einzuziehen. Außer man gewinnt diesen Wahlkreis direkt mit den meisten Stimmen. Und deswegen bin ich bis zum 14. März unterwegs, um zu sagen, dass die Stimme, die Sie haben, bei mir gut aufgehoben ist, weil ich nämlich genau Sie auch in den Mittelpunkt meiner Arbeit rücke.

GSCHWÄTZ: Was glauben Sie denn, warum im Hohenlohekreis bisher so wenig Bürger ihr Kreuz bei der SPD gemacht haben? Der Hohenlohekreis besticht jetzt nicht gerade durch viele SPD-Wähler.

Stimmenwanderung sichtbar – zu AfD und Grünen

Wegener: Wenn Sie sich die Wahlergebnisse der letzten 20 Jahre mal anschauen – da war ich sechs Jahre alt. Das hab ich gemacht, weil mich natürlich interessiert hat, welches Potenzial eigentlich für die SPD hier im ländlichen Raum mal da war. Und da waren wir zwischen 20 und 25 Prozent, bei der Landtagswahl 2011 bei knapp 22 Prozent.

GSCHWÄTZ: Dann kam die AfD…

Wegener: Ja, dann kam die AfD. Aber auch insgesamt hat sich das Stimmergebnis verändert, zum Beispiel auch bei den Grünen. Die Grünen haben natürlich stark zugelegt, vor allen Dingen im ländlichen Raum auf Kosten der CDU, das ist natürlich auch ein Punkt.

GSCHWÄTZ: Auch auf Kosten der SPD vielleicht?

Wegener: Auch auf Kosten der SPD. Aber was will ich damit sagen? Insgesamt ist der Hohenlohekreis durch seine Prägung ein schwieriges Pflaster, um hier vor allen Dingen ein Zweitmandat zu holen. Das Erstmandat war historisch immer in den Händen der CDU. Wir sind ein recht konservativer Kreis, sind ländlicher Raum und anscheinend haben wir als Parteien, vielleicht auch meine Partei, bisher die Menschen nicht überzeugen können, dass wir genauso gute Ideen haben, um den ländlichen Raum zukunftsfest zu machen. Und da setze ich mit meiner Arbeit an.

GSCHWÄTZ: Was würden Sie denn in den nächsten fünf Jahren in Angriff nehmen, wenn Sie denn gewählt werden würden? Im Speziellen für den Hohenlohekreis.

Das Mandat anders verstehen

Wegener:  Ich möchte vor allen Dingen die Art und Weise, wie wir ein Landtagsmandat verstehen, ein bisschen verändern. Ich möchte Ansprechpartner sein für die Akteure hier vor Ort. Und es sollte klar sein, dass wenn wir ein politisches Thema haben, das vor Ort brennt, dass dann der Landtagsabgeordnete da sein kann, um zu vermitteln, in Stuttgart anzuklopfen, wo es notwendig ist, aber vor allen Dingen hier in der Fläche als Ansprechpartner dienen kann und vielleicht auch vermitteln kann. Das ist das eine, wie ich ein Landtagsmandat vor allen Dingen verstehen möchte und vor allen Dingen meine politische Arbeit verstehe. Das andere sind die inhaltlichen Punkte. Da sind mir drei Themen sehr wichtig, die wir in Stuttgart im Landtag anpacken müssen, damit sich hier vor Ort sich auch was tut.

Kernthema bezahlbarer Wohnraum

Vor allen Dingen wollen wir die Wohnraum-Thematik auf ein breiteres Fundament stellen, dass jeder Mensch den Wohnraum hier in der Fläche auch für sich findet, den er für sich braucht. Der Bedarf für jemand Junges ist ganz anders als für eine Familie. Oder wenn ich im höheren Alter vielleicht wieder alleine bin oder mit meinem Partner zusammenlebe. Und da stehen wir als SPD und da stehe ich auch als Kandidat hier vor Ort für den bezahlbaren Wohnraum, der vor allen Dingen in Künzelsau und auch in Öhringen gebraucht wird.

GSCHWÄTZ: Wenn ich unterbrechen darf: Die Preise – die Immobilienpreise und auch die Mietpreise – sind exorbitant angestiegen in den vergangenen Jahren.

Staatlicher Wohnungsbau, weil der Markt nicht für die richtigen Wohnungen sorgt

Wegener: Ja, genau. Und jetzt ist der Punkt: Wie kriegen wir das gelöst. Unser Vorschlag ist zu sagen: Okay, wir sehen aktuell, dass der Markt Wohnungen baut, aber der Markt baut uns keine bezahlbaren Wohnungen. Und das bestärkt mich darin, als Sozialdemokrat zu sagen: Da muss es eben der Staat wieder tun. Und da wollen wir mit der Landesbaugesellschaft BW-Wohnen wieder öffentliche Wohnungen bauen. Auf der einen Seite durch das Land, aber wir wollen auf der anderen Seite auch die Kommunen unterstützen, die vor Ort vielleicht nicht unbedingt die Kapazitäten haben, um mit dem Thema Wohnen auch konkret zu werden.

„Beste Bildung und Betreuung“ – mehr Geld in das System der Kinderbetreuung

Das ist das eine. Das zweite ist: Beste Bildung und Betreuung. Wir brauchen die Gebührenfreiheit. Es ist eine Ungerechtigkeit, dass der Wohnort entscheidet, welche Chance ein Kind hat, oder ob  Familien entlastet werden. Wir brauchen insgesamt mehr Geld im System der Betreuung, um vor allen Dingen auch die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die Aufgaben, die heute in der Kita, im Kindergarten geleistet werden, die sind immens. Und die Erzieherinnen und Erzieher leisten da auch eine sehr, sehr, sehr große Arbeit, eine sehr wichtige Aufgabe. Und die gilt es eben auch zu unterstützen. Und wenn wir dann über Erzieherinnen und Erzieher sprechen, da bin ich einfach kommunalpolitisch geprägt. Da müssen wir den Kommunen auch mehr Luft lassen, dass sie vor Ort ihre Schwerpunkte setzen können. Aber das setzt voraus, dass das Land auch stärker mit einsteigt in die frühkindliche Förderung.

Breitbandausbau im ländlichen Raum – der Markt hat versagt

Und das dritte Thema, das ist der Breitbandausbau. Das werden Sie bei vielen anderen Parteien auch hören. Dass der wichtig und richtig ist. Auch hier sehen wir, dass der Markt versagt. Leider wurde dieses Thema privatisiert. Heute sehen wir, dass eigentlich nur das erschlossen wird durch die privaten Telekommunikationsunternehmen, was sich für sie lohnt. Das ist privatwirtschaftlich gedacht. Und deswegen wollen wir als SPD in der Landes-Infrastrukturgesellschaft eigentlich das wieder auffangen. Dass wir auch öffentliche Breitbandnetze bauen und vor allen Dingen auch die Kommunen dabei unterstützen, das bei sich vor Ort zu realisieren. Warum? Weil das ein öffentliches Netz ist und dieses öffentliche Netz auch ein Mehrwert für die Menschen generieren soll am Ende des Tages. Und da ist mir vor allen Dingen wichtig, dass wir in der Fläche dieses Thema Glasfaser immer thematisieren, immer ansprechen. Wir brauchen keine andere Technologien langfristig, weil die eben nicht zukunftsfest sind.

Wohnungsbau, Kinderbetreuung, Breitband: drei Themen für die Zukunft des ländlichen Raums

Das sind drei Themen: Bezahlbarer Wohnraum, beste Bildung und Betreuung und vor allen Dingen eben Breitbandausbau mit Glasfaser in der Fläche, damit die ländlichen Räume auch Zukunft haben. Über Corona hinaus.

GSCHWÄTZ: Sprich: Mehr Staat, wenn ich es jetzt richtig verstanden habe.

Corona-Bilanz: Mehr staatliche Aktivität nach Wegener notwendig

Wegener: Genau, da haben Sie recht. Corona zeigt uns vielleicht, wo wir auch ein bisschen Bilanz der Politik der vergangenen 20, 30 Jahre ziehen können. Und da lief vieles gut. Aber wir sehen auch, dass beispielsweise dieser Privatisierungsgedanke in vielen Bereichen nicht unbedingt sinnvoll war. Und jetzt könnte man sagen, man lässt es einfach weiterlaufen. Das ist aber nicht unser Anspruch und mein Anspruch als Sozialdemokrat, sondern wir sagen: Wir brauchen eigentlich wieder einen aktiveren Staat. Corona beschleunigt eigentlich nur diese Erkenntnis.

GSCHWÄTZ: Aber Staat ist ja nicht gleich besser. Ich sage jetzt nochmal das Stichwort Gesundheitswesen und Gesundheitssystem. Da ist ja eigentlich viel in staatlicher Hand gewesen. Es wurde hier auch bei uns vor Ort in Künzelsau immer stärker auf die Zahlen geschaut. Aber im Grundgesetz verankert steht, dass der Staat eine soziale Aufgabe hat.

Wegener: Genau. Aber das spricht ja genau dafür, dass wir sagen, wir brauchen wieder diesen aktiven Staat.

GSCHWÄTZ: Hätten wir mit der SPD wieder mehr kleine Krankenhäuser?

„Mir geht’s darum, dass vor allen Dingen die Ärzt:innen in der Fläche da sind.“

Wegener: Eine dezentrale medizinische Versorgung auf jeden Fall. Die Digitalisierung wird auch in dem Bereich einiges verändern. Aber ich wünsche mir – da steht auch die SPD dafür – dass wir trotzdem eine dezentrale Gesundheitsversorgung auf dem Land garantieren können. Ob das allein nur ein Krankenhaus sein muss, das gilt es dann zu diskutieren. Aber mir geht’s darum, dass vor allen Dingen die Ärztinnen und Ärzte in der Fläche da sind.

GSCHWÄTZ: Aber die Ärzte kommen ja oft auch wegen dem Krankenhaus, weil ja das eine von dem anderen abhängt. Die Ärzte hier vor Ort haben uns gesagt, wir haben ein Problem, wenn ein Haus zumacht. Wenn das Krankenhaus geschlossen wird, haben wir schon eine schlechtere Gesundheitsinfrastruktur. Also das eine bedingt ja letzten Endes auch das andere bezüglich Attraktivität eines Standortes.

Medizinische Versorgung im ländlichen Raum neu und vernetzter denken

Wegener: Das gilt es auf jeden Fall zu diskutieren und weiterhin auf dem Schirm zu haben. Und gerade bei uns in der Fläche ist die Krankenhausdiskussion sehr wichtig. Und da sehen wir, dass wir in den letzten Jahren doch zu stark auf die Zahlen haben gucken müssen. Und das darf es eben nicht sein. Deswegen brauchen wir den aktiven Staat, der gerade in dem Bereich, auch den Krankenhäusern, den Trägern ein bisschen mehr Luft verschafft, damit sie auch dezentral ihre Angebote anbieten können. Wenn wir heute im Hohenlohekreis darüber sprechen, dann geht es eben darum, wie wir jetzt – die Entscheidungen sind gefallen, die Pläne für den Neubau in Öhringen stehen – diese medizinische Versorgung hier im ländlichen Raum vielleicht auch neu denken. Aber vor allen Dingen vernetzter denken, wie das vielleicht vorher der Fall war. Und da braucht man auch nicht nur aktive Gemeinderä:iinnen und Kreisrät:innen, sondern eben auch Landtagsabgeordnete, die hier unterwegs sind und vielleicht hier auch vermitteln können.

GSCHWÄTZ: Sie wohnen in Öhringen, Sie würden dann nicht nur für Öhringen sprechen, wenn sie im Landtag sitzen würden, sondern auch für Künzelsau und für all die anderen Orte, die der Hohenlohekreis beinhaltet. Auch das Jagsttal ist ein strukturelles Problem, weil da ganz viel schon weggebrochen ist in diesem Bereich des Hohenlohekreis.

„Mein Wahlkreis sind 22 Städte und Gemeinden“

Wegener: Selbstverständlich. Mein Wahlkreis sind 22 Städte und Gemeinden, 16 Städte und Gemeinden aus dem Hohenlohekreis, sechs aus dem Landkreis Schwäbisch Hall, in denen ich bisher auch unterwegs war. Und es ist mir wichtig, Gespräche mit den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern zu führen und zu hören, was ist politisch vor Ort los. Aber vor allen Dingen auch mit den Menschen in einen Austausch zu treten. Wenn Sie als Landtagskandidat unterwegs sind in Hohenlohe,  dann merken Sie einfach diese besondere Topographie, die wir auch haben mit dem Jagsttal und mit dem Kochertal.

GSCHWÄTZ: Unterschiedliche Menschen sind wahrscheinlich auch unterschiedliche Probleme, oder?

Infrastruktur für einen lebenswerten ländlichen Raum

Wegener: Wenn Sie vor Ort in den Kommunen unterwegs sind, dann wird ihnen jeder Bürgermeister sagen, dass die gleichen Herausforderungen da sind. Aber die Mittel, die sie vor Ort haben, sind eben unterschiedlich verteilt. Und das ist wiederum für mich der große Ansporn: Da dürfen sich die Landespolitik und die Bundespolitik nicht zurücklehnen, sondern müssen den Kommunen zur Seite stehen, dass vor allen Dingen der Mehrwert vor Ort auch generiert wird. Dass die Bürgerinnen und Bürger vor Ort wissen: Auch wenn ich mich im Jagsttal niederlasse, wenn ich dort wohne, aufgewachsen bin, vielleicht auch zurückkehre, dass ich da auch in Zukunft gut leben kann und vor allen Dingen auch vielleicht einen guten Arbeitsplatz habe, einen kurzen Pendelweg und ein gutes öffentliches Nahverkehrssystem. Dass es sich lohnt, hier zu leben, in einem lebenswerten ländlichen Raum.

Das Wichtige ist dabei, dass wir mit den Leuten ins Gespräch kommen. Dass wir mit den Menschen, die stärker als andere belastet sind von dieser Coronakrise und den Pandemiebedingungen, in den Dialog treten.

Das macht viele Punkte aus, da sind wir beim Thema Gesundheitsversorgung, im Bereich Bildung. Wir sind da beim Bereich öffentlicher Nahverkehr. Wenn wir über Zukunft des ländlichen Raumes sprechen, dann muss es eine ehrliche Diskussion sein. Und da gibt’s halt keine einfachen Antworten, sondern wir müssen diese Punkte aufmachen und genau an dieser Schiene, diese Zukunft des ländlichen Raumes auch diskutieren. Aber ich glaube, das geht. Und das geht nur dann, wenn einerseits die Personen, die politisch Verantwortung tragen, gemeinsam mit der hiesigen Wirtschaft, aber vor allen Dingen auch mit den Bürgerinnen und Bürgern, diese Zukunft gemeinsam gestalten.

GSCHWÄTZ: Eine Frage zum Schluss: Da sie beruflich derzeit relativ viel machen, viel eingespannt sind, viel Erfahrungen vielleicht auch gesammelt haben – was würden Sie tun, wenn Sie gewählt werden mit Ihrer Arbeit bei Josip Juratovic, mit den Stellen an den Unis?

„Das Landtagsmandat ist ein Vollzeit-Job und so will ich ihn auch leben.“

Wegener: Das Landtagsmandat ist ein Vollzeit-Job und so will ich ihn auch leben. Worauf ich ungern verzichten würde, wäre die Lehrtätigkeit an der Hochschule in Ludwigsburg, weil mir das sehr viel Spaß macht. Das Thema Europa und Kommunen ist mir verdammt wichtig und da würde ich mir gerne auch weiterhin den Kalender dahingehend freiräumen, dass ich das auch hinbekomme. Aber klar, das Landtagsmandat ist ein Fulltime-Job. Dem möchte ich auch sehr gerne nachgehen. Was allerdings meine Ehrenämter angeht, die möchte ich auch gerne beibehalten, als Stadtrat, aber auch bei der AWO. Das ist eine der Verankerungen, die ich auch als Landtagsabgeordneter brauche, um zu wissen, was auf der kommunalen Ebene passiert.

 

 




„Der Kreistag hat schon ordentliche Fehler gemacht“

Am Sonntag, den 14. März 2021, wählt Baden-Württemberg einen neuen Landtag. Hier veröffentlichen wir nun den zweiten Teil des Interviews mit Anton Baron, AfD-Landtagsabgeordneter und Spitzenkandidat der AfD in Hohenlohe. Dr. Sandra Hartmann sprach im Kandidatencheck mit ihm unter anderem über seinen Disput mit Arnulf von Eyb seine Nähe zu Jörg Meuthen, warum Künzelsau seiner Meinung nach Gas geben muss und es auch das Jagsttal schwer hat, warum Baron nach Öhringen gezogen ist, die Politik der Grünen und warum er Probleme in der Zuwanderungaus muslimischen Ländern sieht. Das Interview führte GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann.

Querdenker: „Da gibt’s halt wirklich sehr komische Leute“

GSCHWÄTZ: Sie sind ja ein enger Vertrauter von Jörg Meuthen. Der hatte ja jüngst erst die Partei aufgefordert, Abstand zu den Querdenkern zu nehmen. Stehen Sie da in Konflikt mit Jörg Meuthen, wenn Sie selbst solche Veranstaltungen besuchen?

Baron: Nein. Ich muss sagen, wenn man seine Ansprache auf dem Bundesparteitag gehört hat, hat er ja nur gesagt, man soll sich von bestimmten Menschen distanzieren, da gibt’s halt wirklich sehr komische Leute, auch dort. Und das tun wir auch. Wir wollen mit Extremisten oder mit solchen Verschwörungstheoretikern nichts zu tun haben. Aber man darf doch nicht die gesamte Bewegung gleich abstufen. Das wird ja bei uns auch gemacht mit der AfD.

„Ich werde sehr oft persönlich angegriffen“

GSCHWÄTZ: Werden Sie auch persönlich angegriffen?

Baron:  Ja, leider sehr oft. Erst gestern habe ich wieder einen netten Flyer zurückbekommen. Wir haben jetzt eine Flyer-Aktion gemacht, auch nach Vorstellung des Kandidaten. Und da stand drauf, ich soll wieder nach Russland zurück.

„Man bekommt mit der Zeit eine dicke Haut“

GSCHWÄTZ: Wie gehen Sie damit um?

Baron: Man bekommt mit der Zeit eine dicke Haut und man geht damit inzwischen einfach gelassen um. Ich bin auch froh, dass ich bisher verschont worden bin von größeren Sachbeschädigungen. Einmal wurde mein Büro beschmiert.

Weißbach und seine Kreuzung

GSCHWÄTZ: Vor kurzem haben Sie sich ja geäußert zu Weißbach und unter anderem zur Geschwindigkeitsbegrenzung, die dort eventuell wegfällt durch den Wegfall der Schilder.

Baron: Es ist ja so, dass es ein Bundesgesetz ist und dass diese Ortsschilder tatsächlich unrechtmäßig dort stehen. Da kann sich auch keine Gemeinde hinwegsetzen, sondern ich finde schon, dass Regeln für alle gelten müssen. Aber es gibt dort auch steigende Unfallzahlen. Das hat damit zu tun, dass die Verkehrsdichte höher geworden ist. Also von daher denke ich, ist es schon gerechtfertigt, dass man da dann wieder 50 machen sollte. Ganz einfach auch aus dem anderen Grund, dass zu Stoßzeiten die Autos aus Weißbach heraus kaum eine Chance haben, auf die Straße zu fahren, weil sie so stark befahren ist.

GSCHWÄTZ: Wie ist da der Kontakt von Ihnen zu den Bürgermeistern, jetzt zum Beispiel zu Herrn Züfle?

Baron: Sehr gut. Wir tauschen uns aus. Ich versorge ihn auch mit Informationen.

 

GSCHWÄTZ: Sie kamen jüngst in Kontakt mit dem Herrn von Eyb bezüglich des Schlossgymnasiums und den Klimademos in Künzelsau, nachdem Sie kritisiert haben, dass die Schüler politisiert werden. Hat sich der Konflikt mit Herrn von Eyb mittlerweile gelegt? Haben Sie da mal persönlich mit Ihnen darüber gesprochen?

Baron: Man tauscht sich ja im Landtag immer wieder mal aus, außerhalb des Plenarsaals. Ich sag mal so, wir nehmen das beide gelassen. Es ist halt Wahlkampf. Sie haben es ja aus meinen aus der Antwort der Kleinen Anfrage auch gesehen: Die Schulaufsicht war ja dagegen, weil dort ja auch so Greta-Flyer diesbezüglich herumgegangen sind. Und ich glaube schon, dass wir da genau hinschauen müssen. Und ich sag ja, da sind einzelne Lehrer, die selbstverständlich – Sie kennen ja die Grünen, der Gang durch die Institutionen – die ihre politische Richtung auch ausleben. Und da muss man halt extrem aufpassen.

GSCHWÄTZ: Von der AfD liest man von wenig über diese ganze Klimakrise.

„Es ist nicht realistisch, die Klimaziele zu erreichen“

Baron: Keiner von uns bestreitet, dass es einen Klimawandel gibt, den gab es schon immer. Wir hatten auch Zeiten, wo die Erde eisfrei war. Das ist der Gang der Dinge. Und das wird sich auch wiederholen. Aber eins muss schon gesagt werden: Hier zu glauben, die Weltrettungspolitik in Deutschland zu machen, das greift viel zu kurz. Ich sage mir immer wieder, wir sollten so Projekte unterstützen wie Bäume pflanzen oder beispielsweise wäre es sehr wichtig – da stehe ich ja voll dahinter – dass die EU beispielsweise den Regenwald schützen sollte mit Mitteln. Das sollen sie gerne, weil ich glaube, das ist die Lunge der Erde und was dort passiert, kann man nicht wegschauen. Aber es ist nicht realistisch ist, diese Klimaziele zu erreichen. Das ist eigentlich ausgeschlossen, klimaneutral und so weiter.

GSCHWÄTZ: Ein großes Thema der AfD ist ja dafür noch nach wie vor die Flüchtlingspolitik. Im Kreistag wurde vor nicht allzu langer Zeit ein Antrag der SPD und der GRüNEN abgelehnt,  vier weitere Familien aus dem Flüchtlingslager Moria aufnehmen soll, aufzunehmen. Hat sich da die AfD durchgesetzt im Hohenloher  Kreistag.?

„Man kann viel mehr Menschen unterstützen, indem wir direkt vor Ort Flüchtlingsaufnahmezentren bauen“

Baron: Letztlich haben wir eine Resolution verfasst, dass wir natürlich hinter den Menschen stehen. Aber das löst man ja nicht damit, indem man alle nach Deutschland holt und sie fast schon hierher lockt, indem man einfach sagt: Ihr kommt hier auf jeden Fall her und kriegt alles. Ganz trivial gesagt: So löst man keine Flüchtlingspolitik.

GSCHWÄTZ: Aber das sollte doch eigentlich nur ein symbolisches Zeichen der Menschlichkeit sein, weil letztendlich die Entscheidung sowieso in Stuttgart gefällt wird. Und trotzdem hat man sich da quergestellt und wollte das Zeichen nicht geben.

Baron: Die Menschen sehen halt, wenn wir hier nicht rigoros die, die hier kein Asylrecht haben, abschieben, dann sehen Sie: Wenn ichs mal nach Deutschland geschafft habe, dann bleibe ich auch dort. Also das Signal geht damit nach außen. Das wollen wir einfach nicht. Sondern wir sind ja schon immer der Auffassung gewesen, man kann viel mehr Menschen unterstützen, indem wir direkt vor Ort Flüchtlingsaufnahmezentren baut und betreibt und dort die Menschen versorgt. Denn unser Asylrecht ist auf Zeit. Das heißt, sobald es dort wieder befriedet ist, ist es eigentlich laut deutschem Recht so, dass sie wieder zurück müssen. Aber das findet praktisch nicht statt. Und wir beharren darauf.

GSCHWÄTZ: Sie selber sind ja auch in Kasachstan geboren. Sie sind kein Flüchtling gewesen. Aber trotzdem kennen Sie die Situation, dass Sie in einem anderen Land geboren wurden und jetzt in Deutschland leben. Da würden jetzt viele argumentieren, gerade so jemand wie der Anton Baron müsste doch eigentlich das besser als jeder andere verstehen, wie es ist, in einem anderen Land vielleicht bessere Zukunftschancen zu haben.

Baron:  Ja, die Argumentation kenne ich. Das habe ich ja schon des öfteren gehört. Aber sie greift nicht. Wir sind ja nicht die klassischen Wirtschaftsflüchtlinge oder Flüchtlinge, sondern wir waren Vertriebene. Das heißt, wir haben natürlich auch Vorfahren aus Deutschland und meine Oma  war ja schon in Deutschland. Ich hab halt eine russische Seite und die deutsche Seite, mein Vater ist deutschseitig. Und so war das halt, dass wir dann vereinfacht wieder zurückkehren konnten. Das ist einfach der Grund. Also das ist zu einer ganz anderen Zeit gewesen, unter ganz anderen rechtlichen Voraussetzungen.

„Bei uns sind die Rechte der Frauen deutlich stärker als in Saudi-Arabien“

GSCHWÄTZ: Unser Dekan in Hohenlohe, der Herr Dr. Richert, hat in einem Interview gesagt, dass er ein wesentliches ein Problem von den kulturellen Unterschieden sieht. Es ist ein Unterschied, ob Christen zu uns kommen oder Muslime, sehen Sie das auch so?

Baron: Ja, dass sich vollkommen so, da hat Herr Dr. Richert vollkommen recht. Das ist ein großes Problem. Es ist ja auch so, wie in Saudi-Arabien und so weiter mit Frauen umgegangen wird. Das ist einfach in unserem Land ganz anders. Das sind die Frauenrechte deutlich stärker und ich glaube, damit können sehr viele nichts anfangen, auch mit den Gepflogenheiten, die hier in Deutschland umgegangen wird miteinander. Und deswegen sehen wir Probleme in der Zuwanderung, gerade aus den islamischen Ländern.

„Ich habe selber viele türkische Freunde“

GSCHWÄTZ: Wirft man damit nicht alle Muslime in einen Topf? Da gibt es ja riesige Unterschiede. Auch bei uns gibt es ja Männer, die ihre Frauen unterdrücken.

Baron: Das Christentum hat mehrere Reformation durchgemacht. Was ich mich immer frage: Warum der Islam sich nicht reformieren möchte? Auch ja der Zeit anpasst, auch reagiert und sich dagegen wehrt. Ich habe selber sehr viele türkische Freunde, die vielleicht auch dem Islam angehören. Da steht der Glauben an höchster Stelle. Und da sehe ich schon die Probleme. Also die sind da so religiös. Das ist schon fast fanatisch.

GSCHWÄTZ: Und das gibt’s im Christentum nicht?

Baron: Ich glaube, nicht so ausgeprägt wie jetzt beim Islam, weil viele Länder haben ja auch ihre Rechtsordnung. Da ist der Staat nicht von der Religion getrennt.

GSCHWÄTZ: Wenn wir gerade bei autoritären Dingen sind. Vor zwei Jahren war Alice Weidel in Niedernhall. Die Stadthalle war randvoll. Draußen war eine Gegenbewegung gegen die AfD. Und innendrin gab es Security von der AfD, die Leute aus dem Saal geführt haben, die sich kritisch zu Wort gemeldet haben.

Baron: Wir haben alle reingelassen, die rein wollten. Aber wenn jemand durch Rufe auffällt, aa wurden mehrere zweimal verwarnt und beim dritten Mal sind sie rausgeflogen. Und ich glaube, wenn ich jetzt bei einer SPD- oder CDU-Veranstaltung bin, ich war ja auch schon eingeladen zu verschiedene Veranstaltungen, dann halte ich den Mund und höre zu. Wir haben ja extra noch eine Fragerunde angekündigt und jeder hatte ja die Gelegenheit sich zu Wort zu melden und das haben ja viele genutzt. Aber wenn man sich so verhält, das geht einfach nicht. Das ist einfach nur störend. Und wie bereits gesagt, wir haben nichts zu verbergen. Es waren auch Gemeinderäte aus Niedernhall anwesend. Also die Veranstaltung war durch und durch erfolgreich. Und die Security-Leute? Mir wäre es auch recht, wenn wir ohne Security solche Veranstaltungen durchführen können, weil uns kostet es erheblich an Geld und wir haben nicht die finanziellen Mittel von anderen Parteien.

„Wir sind ja nicht gegen Flüchtlinge selber“

GSCHWÄTZ: Die AfD wird ja nicht selten in die Ecke zur NPD gerückt. Was sind denn Ihrer Meinung nach die Gründe, warum man die AfD immer sehr rechtskonservativ verortet ist?

Baron: Flüchtlingspolitik da, das scheucht natürlich die Linken auf, die alle aufnehmen möchten. Ich weiß, das Thema muss man mit Bedacht ansprechen und da hat man auch eine große Verantwortung, wenn man das Thema berührt. Und es ist halt leider so, dass ihn im Fernsehen immer nur 5-Sekunden-Ausschnitte gezeigt werden, obwohl man da noch richtig ausgeholt hat. Dass wir ja nicht gegen die Flüchtlinge selber sind, weil in ihrer Situation hätten wir ja das Gleiche gemacht. Das ist halt prinzipiell so, das wissen wir. Da kann man den Menschen, der zu uns kommt, ja nicht verurteilen, weil sie einfach die Chance sehen. Das kann ich nachvollziehen. Sondern die Politiker machen hier  Fehler, das sagen wir ja auch immer. Keiner bei uns hat irgendwas gegen echte Flüchtlinge, die wirklich vor Krieg flüchten. Da stehen wir auch voll dahinter. Aber wir wollen diese Zuwanderungen in unser Sozialsystem unterbinden. Dazu kommen aber natürlich einzelne Aussagen, die sehr zweideutig sind von bestimmten politischen Vertretern bei uns.

„Dazu kommen aber natürlich einzelne Aussagen, die sehr zweideutig sind von bestimmten politischen Vertretern bei uns.“

GSCHWÄTZ: Also zu klare Worte manchmal?

Baron:  Ja, genau. Zu klar und zu undifferenziert.

„Der Kreistag hat schon ordentliche Fehler gemacht“

GSCHWÄTZ: Wie würden Sie denn die Kreistagspolitik des Hohenlohekreises der letzten fünf Jahre beschreiben? Sie sind ja auch Kreistagsmitglied.

Baron: Der Kreistag hat schon ordentliche Fehler gemacht. Ich sage nach wie vor auch die Krankenhausschließung. Da obwohl ja, viel versprochen und wenig eingehalten wurde. Das gleiche ist ja die Abfallwirtschaft und den Gelben Säcken.

GSCHWÄTZ: Es war ein von zurück. Früher gab es die Gelben Säcke, dann kam die grüne Tonne. Jetzt wieder gelber Sack. Wie kommen Sie denn mit dem Landrat,

Neth: Ich muss ja sagen, der Landrat persönlich ist ein netter Mensch, sehr sympathisch. Aber manche Verwaltungsentscheidungen finde ich grundsätzlich…da muss er noch an sich arbeiten. Und wie man eine Verwaltung führt, ist natürlich auch so eine Sache.

Jagsttal hat nach Barons Ansicht das Nachsehen

GSCHWÄTZ: Welche Projekte möchten Sie dann im Kreis die nächsten fünf Jahre umsetzen oder nicht umgesetzt sehen?

Baron: Das Wichtigste ist einfach die Infrastruktur. Denn nur eine gute Infrastruktur zieht auch die Leute an. Im Kochertal haben wir die Autobahnanbindung. Aber im Jagsttal fängt es dann an, wenn da die Straßen schlecht sind, wenn die Einkaufsmöglichkeiten immer begrenzter werden, wenn keine Allgemeinmediziner mehr im Ort sind, wenn die Sparkassen rausgehen mit der Bank.

GSCHWÄTZ: Spaltet sich der Hohenlohekreis hier in  arm und reich?

Baron: Übertrieben gesagt ist es leider so.

GSCHWÄTZ: Böse Zungen könnten Ihnen jetzt vorwerfen, dass Sie vom beschaulichen Niedernhall nach Öhringen gezogen sind.

Baron: Das hat einfach damit zu tun, dass ich nach Stuttgart pendeln muss. Öhringen ist wirklich gut aufgestellt in jeglicher Hinsicht. Ich glaube, wir müssen mehr Augenmerk auf Künzelsau und insbesondere auf Jagsttal richten, weil dort wird es immer schwieriger. Man merkt einfach, dass immer mehr der Schwerpunkt in Richtung Kupferzell geht und Richtung Öhringen. Und deswegen müssen wir mehr auf Künzelsau und auf das Jagsttal schauen, dort haben wir extremen Nachholbedarf. Da müssen wir mehr tun, um das attraktiv zu halten.

„Wir müssen mehr tun, um Künzelsau attraktiv zu halten“

GSCHWÄTZ: Künzelsau hat ja auch sein Krankenhaus verloren. Fast parallel zur Schließung des Künzelsauer Krankenhauses wurde ja mit den Planungen der neuen Praxisklinik in Schloss Stetten jetzt unter der Federführung von Christian von Stetten begonnen, wo sich die Bürger auch fragen: Wie ist das möglich? Das widerspricht sich ja irgendwo.

Baron: Absolut. Das sollte eigentlich auch jedem aufzeigen, dass das nicht unbedingt ein Problem des Standort ist, sondern vielmehr vielleicht doch Managementversagen.

GSCHWÄTZ: Man hat ja im Grunde auch keinen Mehrwert, weil diese Ärzte, die jetzt da reinkommen, die gibt es ja sowieso schon vor Ort, nur in einem anderen Gebäude.

Baron: Richtig. Deswegen hab ich das auch kritisiert. Auch in meiner letzten Haushaltsrede. Ich sage ganz ehrlich das war eine große Fehlentscheidung und vor allem so, wie es jetzt abgewickelt worden ist. Das war nicht schön.




„Aber ich bin der Abgeordnete von Hohenlohe und nicht der Abgeordnete nur von Künzelsau oder von Dörzbach“

Am 14. März 2021 sind Landtagswahlen. Anbei veröffentlichen wir den zweiten Teil des Interviews mit dem CDU-Landtagskandidaten für Hohenlohe, Arnulf von Eyb darüber, warum er keinen Tesla fährt, Winfried Kretschmann kein Motor für Baden-Württemberg ist, warum der Hubschrauber für Künzelsau anstelle des Krankenhauses fliegen soll und was Milchkannen mit schnellem Internet zu tun haben.

Disput mit Anton Baron

GSCHWÄTZ: Die zweite große Krise neben der Coronakrise, ist die Klimakrise. Unter anderem sind auch zahlreiche Schüler, unter anderem vom Schloßgymnaisum in Künzelsau auf die Straße gegangen im Rahmen von Klimademos. Der AfD-Landtagsabgeordnete des Hohenlohekreises, Anton Baron, hat in diesem Zuge kritisiert,dass Schule darf nie politisch werden. Sie haben dagegen argumentiert.

Klimademos: „Ich möchte kritische junge Menschen haben“

Arnulf von Eyb: Zum einen: Es war keine Organisation der Schule, sondern das haben Schüler gemacht, ist das eine. Zum anderen: Ich möchte kritische junge Menschen haben. Ich möchte, dass auch die Künzelsau oder die Öhringen oder die Krauthammer Schüler sich mit diesem Thema beschäftigen, das ja Millionen von jungen Menschen beschäftigt. Übrigens nicht nur die jungen, sondern auch die alten und überhaupt alle. Und wenn die dann was organisieren und sich schlau machen und sich entsprechend auch informieren, dann ist das meines Erachtens völlig in Ordnung und davon zu sprechen, dass eine Indoktrination stattfindet oder ähnliches. Das finde ich völlig übertrieben.

„Das finde ich völlig übertrieben“

GSCHWÄTZ: Könnten Sie sich denn auch auf Bundesebene eine grün-schwarze oder schwarz-grüne Koalition vorstellen? Die Bundestagswahlen sind ja im Herbst.

von Eyb: Die ersten fünf Jahre Grün-Rot habe ich in sehr schlechter Erinnerung. Ich glaube, das waren auch Jahre des Stillstandes in Baden-Württemberg. In der zweiten Legislaturperiode, in der ich dabei war, haben wir jetzt Grün-Schwarz. Das ist sehr viel besser, wir haben hervorragende Minister. Wir haben einen guten stellvertretenden Ministerpräsidenten. Aber wenn schon Grün-Schwarz, dann werden wir Schwarz-Grün natürlich lieber. Ich möchte ganz gerne in meiner sicherlich auch letzten Periode – unterstellt, ich werde nochmal gewählt – würde ich gerne auch im Staatsministerium ein und ausgehen können, dass der Pförntner weiß: Da kommt der Abgeordnete aus Hohenlohe und man muss sich nicht groß anmelden. Ich glaube, das täte Baden-Württemberg gut. Und Frau Dr. Eisenmann [Anm. d. Red.: CDU, aktuell Kultusministerin in Baden-Württemberg] ist eine unglaublich engagierte Politikerin und ich glaube, sie wird etwas frischen Wind ins Staatsministerium bringen. Das heißt aber nicht, dass ich den Ministerpräsidenten nicht als Person sehr schätze, das kann ich offen dazusagen. Aber als Ministerpräsidenten weitere fünf Jahre wünsche ich ihn mir nicht, weil er in meinen Augen zu wenig die Zukunft des Landes Baden-Württemberg im Auge hat.

GSCHWÄTZ: Aber viele Bürger wünschen sich ja mehr Grün, mehr grüne Politik. Oder kann die CDU auch grün?

von Eyb: Die CDU kann grün. Die CDU war immer eine Partei, der es darum geht, das Beste zu machen, auch was die Natur anbelangt. Ich will nur ein kleines Beispiel nennen. Eine gute, naturnahe Lebensweise kann es nur geben, wenn wir Technologieführer sind in vielen Bereichen. Wir haben die Flüsse sauber gemacht, wir können die Schornsteine sauber machen. Dafür braucht man aber Geld. Ich war in Indien mit einer Reise des Ausschusses und da wurde uns ganz offen gesagt: Bevor unsere Kinder nicht eine vernünftige Schulbildung haben, interessieren wir uns nicht für die Reinheit unserer Flüsse. Und bei uns ist es umgekehrt Wir haben reine Flüsse, weil wir auch eine gute Schulbildung haben. Und ich glaube, wir brauchen Technologieführerschaft, um die Probleme der Zukunft zu bewältigen. Ich glaube insofern, da ist der Ministerpräsident bei aller persönlicher Wertschätzung nicht der Motor ist, den wir in Baden-Württemberg für die Zukunft brauchen.

GSCHWÄTZ: Manche CDU-Politiker auch aus dem Hohenlohekreis fahren ja auch Tesla. Sie auch?

von Eyb: Das ist völlig in Ordnung. Ich fahre kein Tesla. Ich habe ein Fahrzeug, das aller Voraussicht nach in Stuttgart zusammengebaut wurde. Aber sehr viele Einzelteile kommen sicherlich aus Hohenlohe.

„Kein verantwortungsvoller Landwirt düngt mehr als nötig“

GSCHWÄTZ: Stichwort Düngeverordnung. Das ist ja auch immer so ein streitpunkt zwischen den Grünen und der CDU.

von Eyb: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen verantwortungsvollen Landwirt gibt, wenigstens kenne ich keine hier, die mehr düngen als nötig. Nach dem Motto: Viel hilft auch viel. Unsere Landwirte sind extrem gut ausgebildet. Man muss sich fragen: Was kann ich? Was darf ich? Was ist vernünftig? Aber derjenige, der sät, der will irgendwann auch ernten. Und es ist ganz schön, dass man sich weniger wünscht. Aber man muss sich auch die Frage stellen: Wie kriege ich das hin? Und man kann von dem Landwirt nicht erwarten, dass er weniger düngt und dadurch die Hälfte seiner Ernte kaputtgeht oder sogar noch mehr. Wir können aber auch nicht verheimlichen, dass wir manch einen Stoff brauchen. Denken wir nur an den Weinbau. Da wird dann Kupfer ausgebracht. Also Kupfer ist ja nicht unbedingt das Beste für die Natur. Also man muss auch ein bisschen ehrlich sein.

„Ich habe vor wenigen Tagen einer Dame geschrieben“

GSCHWÄTZ:  Man hat ja schon über die Jahre dazugelernt und hat dann doch immer wieder neue Verordnungen gemacht, weil man erkannt hat, dass diverse Stoffe eben nicht so gut sind für den Menschen.

von Eyb: wenn die Menschen sagen, man geht dann an den Lebensmitteln irgendwie kaputt oder so, da bin ich sehr skeptisch. Ich habe vor wenigen Tagen einer Dame geschrieben. Und die Dame ist 106 Jahre alt geworden. Und ich gehe mal davon aus. 106 Jahre wird man nicht so ohne weiteres. Man, weil man sich vernünftig ernährt hat, weil man eine gute Konstitution hat. Und wir müssen darüber hinaus auch acht geben darauf, dass wir auch satt werden. Und ich möchte die Lebensmittel auch aus Deutschland haben. Ich möchte auch regional ernährt werden. Wir laufen Gefahr, dass Menschen, die nicht in dieser Produktionskette drin sind, die keine Ahnung haben, gewisse Stimmungsbilder erzeugen. Da müssen wir vorsichtig sein.

„Aber ich bin derAbgeordnete von Hohenlohe und nicht der Abgeordnete nur von Künzelsau oder von Dörzbach“

GSCHWÄTZ:Wenn Sie wiedergewählt werden sollten am 14. März 2021 – was möchten Sie noch bewirken für den Hohenlohekreis?

von Eyb: Es bleibt einmal die Infrastruktur. Um die müssen wir uns nach wie vor kümmern. Schule, Straße. Wir kriegen ein neues Krankenhaus in Öhringen.

GSCHWÄTZ: Leider nicht in Künzelsau.

von Eyb: Ja gut. Aber ich bin vier Abgeordnete von Hohenlohe und nicht der Abgeordnete nur von Künzelsau oder von Dörzbach oder wie auch immer. Ich bin überhaupt froh, dass wir ein modernes Krankenhaus hier bekommen. Das Jagsttal hat es ja relativ nah zu Bad Mergentheim. Ich glaube, die Entscheidung, die war sehr schwierig. Ich bin nicht im Kreistag, aber ich glaube letztendlich, die Entscheidung war nachvollziehbar, dass es so gekommen ist. Dann müssen wir sehr viel in die Infrastruktur investieren, was Breitband anbelangt. Da müssen wir noch zusätzlich Gas geben, obwohl wir ja jetzt schon das Zehnfache von dem gemacht haben. Und wir haben sehr viel zu tun, was unser Handwerk anbelangt. Wir müssen unseren Mittelstand stärken. Wir müssen unseren jungen Menschen entsprechende Perspektiven geben und da wird auch viel unternommen.

„Wenn ein einzelner Ort sagt: Ich bin schlecht angebunden, dann kann ich nicht sagen: Ich konzentriere mich jetzt auf den Ort“

GSCHWÄTZ: Stichwort Breitbandversorgung. Wir haben ja vor zwei Jahren schon mal ein Interview gehabt und da war das Thema Breitbandversorgung am Beispiel Eberbach eine ganz großes Thema, weil die Macher sich beschwert haben, dass sieteilweise  nicht mal Handyempfang haben und sich erhofft haben, dass die Politik da ein bisschen Abhilfe schafft.Hat sich da mittlerweile etwas getan?

von Eyb: Nein, so einfach geht es natürlich auch nicht. Wenn ein einzelner Ort sagt,ich bin jetzt schlecht angebunden, dann kann man nicht sagen, ich konzentriere mich jetzt auf den Ort. Es muss ja im Gesamtsystem passen. Es gibt Ortschaften, die sehr gut versorgt sind. Nehmen wir mal meine Heimatgemeinde Dörzbach, da wurde die Straße also dort neu gemacht. Warum wurde die Straße neu gemacht? Weil die Wasserleitungen neu gemacht werden mussten. Und wenn man die Straße neu macht, dann ist es nachvollziehbar, dass man auch andere moderne Versorgungsstränge gleich mitverlegt. Und die haben jetzt teilweise Glasfaser quasi ins Haus. In Buchenbach neben Eberbach will man jetzt Masten aufstellen, aber das passt auch nicht so recht. Also ich bin überzeugt, es wird noch ein paar Jahre dauern, aber bis 2025 haben wir das Versprechen, glaube ich, durchgesetzt, an jeder Milchkanne tatsächlich schnelles Internet zu haben.

„An jeder Milchkanne schnelles Internet“

von Eyb: Thema Krankenhaus. Die Schließung ist mittlerweile vollzogen. Den Künzelsauer Standort gibt es nicht mehr. Es wurde versprochen, dass der Rettungsdienst gestärkt wird und dass auch ein solides MVZ da ist. Wie sehen Sie das heute? Ist der Rettungsdienst gestärkt worden? Wenn ja, inwiefern? Und ist das MVZ so, wie Sie es sich vorgesteltt haben? Derzeit sind ja zwei Ärzte drin.

von Eyb: Also der erste Hinweis: Das ist natürlich ein Thema des Kreistages und ich bin nicht Mitglied des Kreistages. Und ich tue mich immer schwer, wenn ich weiß, wie viele Menschen da zusammenkommen und diskutieren und abwägen und Gutachten anschauen. Dass das Krankenhaus in Künzelsau geschlossen wurde, ist natürlich eine bedauerliche Sache. Die Versorgung, die menschliche Versorgung, sie war exzellent. Da hat man immer wieder Gutes gehört. Aber es geht ja nicht nur um die Frage darum, sondern es geht hier auch um die medizinischen Möglichkeiten. Das MVZ wird kommen oder ist es schon angelaufen. Und das mit dem Rettungsdienst, das wird auch kommen. Man diskutiert ja gerade hier, dass wir auch mit einem Hubschrauber besser angeflogen werden können oder versorgt werden.

„Man diskutiert ja gerade hier, dass wir auch mit einem Hubschrauber besser angeflogen werden können oder versorgt werden. „

GSCCHWÄTZ: Aber eigentlich wollte man ja erst das Krankenhaus schließen, wenn diese ganzen Dinge schon da sind und nicht vorher schon.

von Eyb: Gut, also da bin ich jetzt der falsche Ansprechpartner. Ich kann das ja nur zur Kenntnis nehmen und ich unterstütze da, wo ich kann. Das ist meine Aufgabe im Landtag eben auch dafür zu sorgen, z.B. dass die Landarzt-Quote kommt, damit wir eine medizinische Versorgung überall haben, nicht nur in den größeren Städten, sondern auch im Land. Aber das sind alles Prozesse, die gehen nicht von heute auf morgen. Aber man muss sie irgendwann mal angucken und dann entsprechend fördern.

Das Interview führte GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann




„Ich lasse meine Aufgaben hier nicht schleifen“

Am 14. März 2021 ist die Oberbürgermeisterwahl in Backnang. Künzelsaus Stadtoberhaupt kandidiert ebenfalls. GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann hat mit Stefan Neumann am 08. Februar 2021 über die Gründe gesprochen, über potenzielle Nachfolger und warum  der Oberbürgermeisterposten in Schwäbisch Hall keine Option für ihn war.

GSCHWÄTZ: Wie geht es Ihnen?

Neumann: Der Wahlkampf in Backnang läuft, es ist zwar keine einfache Zeit. Aber in Bezug auf den Wahlkampf ist es spannend.

„Das Umfeld hat überrascht, aber verständnisvoll reagiert“

GSCHWÄTZ: Welche Reaktionen aus der Künzelsauer Bevölkerung haben Sie seit Ihrer Veröffentlichung erhalten, dass Sie Oberbürgermeister in Backnang werden möchten?

Neumann: Das Künzelsauer Umfeld hat durchaus überrascht reagiert, aber auch durchaus verständnisvoll. Ich habe viele positive Rückmeldungen bekommen, dass ich diesen Schritt gehe und die mir auch Unterstützung angeboten haben, bis hin zum Lesen von Texten und das Hängen von Plakaten.

„Das ist kein Wegloben, sondern ein Wertschätzen meiner Arbeit“

GSCHWÄTZ: Es gibt Stimmen, die sagen, dass man Sie gerade „weglobt“.

Neumann: Das glaube ich nicht. Vertreter der Wirtschaft, Einzelhändler und Fraktionsvorsitzende haben sich positiv geäußert. Das ist kein Wegloben, sondern ein Wertschätzen meiner Arbeit unter teils schwierigen Bedingungen, wenn man nur an das Krankenhaus denkt.

„Ich bin immernoch in Künzelsau verankert“

GSCHWÄTZ: Wäre vor zwei Jahren, bei Ihrer Wiederwahl, nicht der ideale Zeitpunkt eines Wechsels gewesen und nicht mitten in einer Amtsperiode? Was hat sich seitdem verändert?

Neumann: Ich bin immer noch in Künzelsau verankert. Ich wurde im vergangenen Jahr mehrfach auf Angebote und attraktive Stellen angesprochen. Man macht sich seine Gedanken. Ich habe mich auch intensiv mit Schwäbisch Hall [auch Schwäbisch Hall ist in diesem Jahr Oberbürgermeisterwahl] auseinandergesetzt und für uns war klar, dass wir in Künzelsau bleiben. Aber dann kam Backnang und wir haben uns die Stadt angeschaut. Ich bin jetzt 38 Jahre, habe drei Kinder, das älteste ist 8 Jahre alt. Später würden wir es vielleicht nicht mehr tun.

„Später würden wir es vielleicht nicht mehr tun“

GSCHWÄTZ: Warum nicht Schwäbisch Hall?

Dieses Ambiente hat Neumann ausgeschlagen: Büro des Bürgermeisters von Schwäbisch Hall. Foto: GSCHWAETZ

Neumann: Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen, auf die ich gar nicht näher eingehen will. Aber es müssen alle Faktoren, auch die Familie, zusammenpassen. Aber Schwäbisch Hall ist eine tolle Stadt.

GSCHWÄTZ: Wie schaffen Sie es derzeit, Wahlkampf in Backnang und Bürgermeisteramt in Künzelsau unter einen Hut zu bekommen?

„Je näher der Wahltag rückt, desto mehr Tage werde ich in Backnang verbringen“

Neumann: Im Moment ist es noch der Spagat, aber je näher der Wahltag rückt, desto mehr Tage werde ich in Backnang verbringen, die letzten Tage vor der Wahl habe ich komplett Urlaub. In der ganz heißen Phase des Wahlkampfes muss man auch vor Ort sein.

GSCHWÄTZ: Aber es ist ein Spagat.

Neumann: Es ist so, wie man sich das aussucht. Wenn man sich entschieden hat, zu kandidieren. Ich bin ja nicht der erste, der das macht. Man muss hier seinen Aufgaben nachkommen und parallel Wahlkampf machen. Es geht vor allem auf Kosten von Freizeit. Aber die Zeit ist ja jetzt überschaubar.

„Mir kommt es zu Gute, dass es coronabedingt keine Veranstaltungen gibt“

GSCHWÄTZ: Unterstützen Sie hier Ihre Mitarbeiter in Künzelsau?

Neumann: Wir haben schon immer ein gutes Miteinander hier im Rathaus. Es gibt auch diverse Dinge, die wir vorgezogen haben, wie Mitarbeitergespräche mit Zielvereinbarungen.  Wir haben ja auch trotz Corona die ganze Zeit normal offen, im Gegensatz zu anderen Rathäusern. Mir kommt es aber zugute, dass es derzeit coronabedingt keine Veranstaltungen gibt.

„Ich lasse meine Aufgaben hier nicht schleifen“

GSCHWÄTZ: Was sind denn die primären Ziele für Künzelsau 2021, für Sie oder Ihren Nachfolger im Rathaus?

Neumann: Zunächst ist so eine Wahl nicht gewonnen, die muss man erst einmal gewinnen. Ich lasse meine Aufgaben hier auch nicht schleifen. Sollte das mit Backnang klappen, ist mir schon viel daran gelegen, dass das alles gut weiterläuft. Mir ist es wichtig, dass wir unsere Ziele für 2021 erfüllen. Die drei wichtigsten Ziele sind zum einen unser energiepolitisches Arbeitsprogramm für ein klimaneutrales Künzelsau, die Sporthallensanierungsprogramm von der Sporthalle am Kocher, da haben wir jetzt Vergabe im Gemeinderat und das Hochwasser- und Starkregenmanagement. Die Sofortmaßnahmen hierfür sollten eigentlich letztes Jahr schon gekommen sein. Da wollten wir eigentlich schon weiter sein. Was auch wichtig ist: das Voranbringen der Baugebiete in Amrichshausen und Gaisbach, die Erschließung des ehemaligen Ziehl-Abegg-Areals in der Würzburger Straße in Künzelsau mit  Gewerbe, also mit kleineren Fachmärkte wie Baustoffhandel und Lebensmittelmarkt und Wohnungen.

Peka-Areal soll bis Mitte 2022 fertig sein

Bürgermeister Stefan Neumann

Viel Veränderung in Künzelsaus Innenstadt steht an. Hier: Bürgermeister Stefan Neumann (links) bei der Planung des ehemaligen PEKA-Areals 2017. Foto: Stadt Künzelsau

GSCHWÄTZ: Wie schaut es aus mit dem ehemaligen Peka-Areal in der Innenstadt? Wann wird diese Lücke geschlossen (die Stadt hat das Grundstück 2007 erworben)?

Peka: Aktuell werden bis März 2021 auf dem Grundstück Gasleitungen verlegt, dann soll ab Frühjahr 2021 dort gebaut werden, da kann es dann auch zu Verkehrsbeeinträchtigungen kommen. Im Sommer 2022 soll laut der Activ-Group alles fertig sein.

Eine Art Studentenstadt auf dem ehemaligen Mustang-Areal

GSCHWÄTZ: Und das ehemalige Mustang-Areal?

Neumann: Im Frühjahr will die Merz-Gruppe hier beginnen. Neben einem Supermarkt sollen Mikrowohnungen für Studenten und Azubis kommen, also eine Art Studentenstadt.

GSCHWÄTZ: Soll hier sozialer Wohnraum geschaffen werden? Der Wohnraum in und um Künzelsau ist ja relativ knapp und teuer.

Preiswerter Wohnraum für Künzelsau: Bürgermeister Neumann (2.v.r.) mit Tina Kamber und Bauleiter Benz (rechts) nach getaner Arbeit  auf den Taläckern. Foto: GSCHWÄTZ

Neumann: Preiswerter Wohnraum ist ein anderes Thema. Wenn wir als Stadt Grundstücke vermieten, schauen wir, dass wir sie preisgünstig vermieten. Wir wollen aber immer eine Mischung haben, kein Haus nur mit sozialem Wohnungsbau, sondern dass es eine gewisse Durchmischung gibt. Auf den Taläckern und in Gaisbach sollen Wohnungen hinsichtlich sozialem Wohnungsbau beziehungsweise preisgünstiger Wohnraum entstehen. Bei den Ein- und Zweifamilienhäusern haben wir keine große Gewinnspanne, da haben wir  schon sehr faire Preise, wenn man diese zum Beispiel mit Backnang vergleicht.

„Man wirbt für sich und nicht gegen andere“

GSCHWÄTZ: Backnang ist aber deutlich größer als Künzelsau. Wie schätzen Sie denn Ihre Chancen ein, in Backnang gewählt zu werden? Es gibt ja diverse Bewerber (wir berichteten).

Stefan Neumann vor dem historischen Rathaus von Backnang. Quelle: Wahlkampfvideo

Neumann: Bevor ich mich beworben habe, habe ich schon geguckt, wer da auf dem Markt ist. Aber man wirbt ja für sich und nicht gegen andere. Am Ende ist es die Entscheidung der Wähler, wen sie nehmen. Ich würde meine Chancen schon als gut einschätzen, sonst wäre ich ja nicht angetreten. Ich habe auch einiges zu bieten und mitzubringen. Der Wahlkampf ist eine Mischung aus Telefon, Video, vor Ort sein und vielen Eins-zu-Eins-Gesprächen.

GSCHWÄTZ: Gesetzt den Fall, Sie werden in Backnang gewählt: Wen sehen Sie denn als möglichen Nachfolger im Künzelsauer Rathaus?

Potenzielle Nachfolgekandidaten: „Ich wüsste auf jeden Fall, wer es nicht werden sollte“

Neumann: Die Frage kommt zu früh. Jetzt fokussiere ich mich erst einmal auf die Wahl Mitte März 2021. Ich wüsste auf jeden Fall, wer es nicht werden sollte (lacht).

Wenn das mit Backnang nichts wird, könnte sich Neumann auch eine dritte Amtszeit in Künzelsau vorstellen

GSCHWÄTZ: Gesetzt den Fall, Sie würden nicht gewählt, bleiben Sie dann in Künzelsau oder schauen Sie sich dann weiter nach etwas Neuem um?

Neumann: Wenn ich jetzt tief gefrustet wäre hier, aber ich bin sehr glücklich und zufrieden hier. Es ist nicht so, dass ich nach anderen Posten schauen werde, sondern dass ich eher für eine dritte Amtszeit antreten und die 24 Jahre voll machen würde.

 

 

 




„Eltern sehen, wie sie selber überfordert sind“

Es wird das letzte Mal sein, dass er bei einer Landtagswahl kandidiert, verrät Arnulf von Eyb im GSCHWÄTZ-Interview. Nur 17 Stimmen Vorsprung hatte der 65-Jährige bekommen bei der CDU-Nominierungsveranstaltung im Hohenlohekreis. Im GSCHWÄTZ-Interview (Teil 1) sagt er uns, warum er mit der Werte-Union und der AfD nicht viel anfangen kann, Eltern überfordert sind mit der Homeschooling-Situation und die Hohenloher auf hohem Niveau jammern.
Am Sonntag, den 14. März 2021, sind Landtagswahlen in Baden-Württemberg. GSCHWÄTZ veröffentlicht ab sofort alle Informationen zu den Landtagswahlen – inklusive Kandidatenchecks mit Interviews mit Landtagskandidaten des Wahlkreises Hohenlohe (unter anderem der #SPD , den #Grünen , der #AFD und der #FDP ) sowie einem ausführlichen Wahlcheck. Also. SCHWÄTZ MER.

GSCHWÄTZ: Ich darf heute zum Wahlcheck für die Landtagswahlen in Baden-Württemberg am 14. März 2021 Arnulf von Eyb bei uns in der GSCHWÄTZ-Redaktion begrüßen. Er ist der CDU Landtagskandidat für den Hohenlohekreis und das wurde er mit einem hauchdünnen Ergebnis bei der Nominierung. Waren die 17 Stimmen Vorsprung zu ihrem Mitbewerber überraschend für Sie, dass es nur so hauchdünn war?

„Ich wusste natürlich, dass es Gegenstimmen gibt“

von Eyb: Also ich wusste natürlich, dass es Gegenstimmen gibt und ich wusste auch, dass es eine, ja, wie soll ich sagen, eine gewisse Stimmung gab, die mir kritisch gegenüberstand. Aber wie das bei Wahlen so ist, man weiß es nie im Vorfeld, und es hat auf jeden Fall gereicht. Und das ist für mich entscheidend. Ich bin ein liberaler Mensch und ich bin ein ruhiger und unaufgeregter Politiker, das werde ich auch bleiben. Ich haue keine Schlagworte raus, sondern ich mache meine Arbeit, so gut ich sie sie kann. Und der ein oder andere hätte vielleicht irgendwie etwas Kritisches in der einen oder anderen Richtung verlangt, aber ich habe es nicht getan. Ich weiß auch, warum ich das getan habe. Und ich glaube, die Arbeit eines Politikers bedeutet letztendlich, solide Arbeiten das ganze Jahr über und nicht in der Sekunde irgendeiner Stimmung nachgehen. Das mache ich nicht. Und das könnte auch der Grund sein, weshalb der eine oder andere sagt, ich bin vielleicht zu wenig konservativ. Dabei bin ich urkonservativ, aber eben in dem Sinne, wie ich es für richtig erachte.

Kein Anhänger der Werteunion, also des konservativen Flügels der CDU

GSCHWÄTZ: Wurde Ihnen das gesagt, dass Sie zu wenig konservativ sind?

von Eyb: Es gibt hier eine gewisse Strömung, die es auch innerhalb der CDU gibt, diese so genannte Werte-Union [Anm. d. Red.: konservative Bewegung in der CDU]. Das wurde mir auch ganz offen gesagt, dass ich zu merkelfreundlich sei. Und das ist auch nicht richtig. Aber ich bin ein liberaler Mensch und ich glaube, dass die Politik in Deutschland relativ gut läuft. Das sagen ja auch die Umfragen, und mit der Werte-Union kann ich persönlich nicht sehr viel anfangen. Das habe ich gesagt. Ich habe auch gesagt, dass ich mit der AfD nicht wahnsinnig viel anfangen kann und der eine oder andere sagt dann, dann ist er mir einfach zu liberal, ich möchte jemand, der vielleicht etwas konservativer ist, in einer ganz bestimmten Richtung, das verstehe ich nicht unter Konservatismus.

GSCHWÄTZ: Könnte das auch der Grund sein, dass Sie vielleicht von manchen als zu liberal empfunden werden, dass die AfD hier so ungemein punkten konnte vor fünf Jahren?  Anton Baron hat ja über 17 Prozent bei den letzten Landtagswahlen erzielt.

AfD konnte im Hohenlohekreis bei den letzten Landtagswahlen wegen der Flüchtlingskrise so viel punkten, vermutet Arnulf von Eyb

von Eyb: Ja gut, damals war das sicherlich dem Umstand geschuldet, dass die Flüchtlingskrise noch nicht verarbeitet war, dass sehr viele da eine Bedrohung gesehen haben und vor allen Dingen auch manche Wähler, die dann möglicherweise aus einer ganz bestimmten Ecke zu uns gekommen sind. Also ganz offen ausgesprochen, die dann vielleicht auch die Sorge gehabt haben, dass ihnen etwas weggenommen wird. Jetzt sind sie mühsam hier angekommen und haben vielleicht die Sorge, dass sie zu kurz kommen oder ähnliches. Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht genau sagen.

„Manche Bürger, die möglicherweise aus einer ganz bestimmten Ecke zu uns bekommen sind und dann vielleicht Sorge haben, dass ihnen etwas weggenommen wird“, wählen die AfD

GSCHWÄTZ: Wie schätzen Sie denn heute, also 2021, die Stimmung im Land ein? Für die CDU? Für die AfD? Was denken Sie, wieviel  Prozent wird es geben im März?

von Eyb: Also ich kann ja nur das sagen, was die Demoskopen so uns erzählen oder sagen oder berichten. Und mal sind die Grünen vorne, mal sind wir vorne, dann ist es Gleichstand. Aber ich glaube auf jeden Fall, die AfD wird nicht mehr so stark sein in Hohenlohe wie vor einigen Jahren. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass die Menschen merken, dass da eigentlich nichts Positives gearbeitet wird. Da wird sehr viele Schlagwörter rausgehauen und da werden alle möglichen Positionen eingenommen, die in meinen Augen einfach nicht tragbar sind. Und ich glaube, die werden ein paar Prozent weniger haben. Und ich hoffe natürlich, dass ein Teil der Wähler, die damals vor Enttäuschung zur AfD gegangen sind, dass die vielleicht auch zur CDU zurückkehren, wenn sie überhaupt bei uns gewesen sind. Also die Demoskopen sagen uns, es wird nicht so sein, dass wir alle diejenigen, die nicht mehr AfD wählen, dass wir die bekommen, die gehen vielleicht auch zu anderen Parteien oder sie gehen vielleicht gar nicht mehr wählen.

GSCHWÄTZ: Die AfD kritisiert ja den Kurs der Kanzlerin bezüglich den ganzen Corona-Maßnahmen. Sie haben gerade gesagt, manche schätzen sie als Merkel-Anhänger ein. Dabei sind sie das eigentlich gar nicht. Wie sehen Sie denn diese ganze Corona-Politik?

„52-jährige Chefin schwer an Corona erkrankt“

von Eyb: Ich habe gerade eben mit einem Oberarzt gesprochen von einer Klinik außerhalb des hohen Hohenlohekreises, der mir erzählt hat, dass seine 52-jährige Chefin, eine eigentlich gesunde Frau, schwer an Corona erkrankt ist und er behandelt gerade ein 15-jähriges Mädchen. Also ich glaube, Corona ist eine große Gefahr und ich glaube, weil es eine große Gefahr ist, müssen wir uns alle danach richten, dass wir so wenig Potenziale schaffen, um andere Menschen in Gefahr zu bringen und diese Politik trage ich im Wesentlichen mit. Es gibt immer Details, wo man irgendetwas anders sehen könnte, aber im Wesentlichen glaube ich, dass es richtig ist, den Versuch zu unternehmen, dass möglichst wenig Menschen die Chance haben, andere anzustecken. Und das ist halt nur mit Beschränkungen möglich. Anders ist es nicht denkbar.

„Coronapolitik trage ich im Wesentlichen mit“

GSCHWÄTZ: Warum hat man nicht einfach im Frühjahr 2020, wir machen einen kompletten Shutdown. Gleich am Anfang haben ja viele auch gesagt, das Land komplett herunterfahren, 2 Wochen, 3 Wochen, 4 Wochen. Dann wäre vielleicht vieles schon schneller überstanden gewesen, womit wir jetzt immer noch zu kämpfen haben.

Kompletter Shutdown gleich am Anfang der Pandemie wäre vielleicht eine gute Option gewesen, aber „man ist nach einer gewissen Entwicklung immer schlauer als vorher“

von Eyb: Ja, da stimme ich zu. Aber das Problem ist halt, dass man nach einer gewissen Entwicklung immer schlauer ist wie vorher. Ich bin überzeugt, wenn man gesehen hätte, dass man mit vier Wochen oder sechs Wochen radikal runterfahren das Problem in den Griff kriegt…aber jeder Ministerpräsident hat natürlich auch irgendwie die Befürchtung gehabt, dass sein Land vielleicht besonders schlecht wegkommt. Der Einzelhandel stöhnt, die Gastronomie stöhnt. Alles verständlich. Und dass man da vielleicht gehofft hat, mit weniger harten Maßnahmen doch zum Ziel zu kommen, ist in meinen Augen verständlich.

„Es gibt kein „Staatslehrbuch dafür“

GSCHWÄTZ: Und zum anderen mussten Politiker wie auch Wissenschaftler erst einmal selbst überprüfen, was ist das überhaupt, was da auf uns zukommt. Da steht man ja am Anfang auch als Kommunalpolitiker wahrscheinlich erst einmal da und muss sich erst mal einlesen, 0der?

„Im internationalen Vergleich steht Deutschland gut da“

von Eyb: Ja, es ist wie mit der Flüchtlingskrise Es gibt kein Staatslehrbuch, wo man auf die Seite 943 geht und bis 1350 liest, wie man eine Pandemie bewältigt. Das hat es auch bei der Flüchtlingskrise nicht gegeben. Dann heißt das, die Politik muss versuchen, mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, das Beste draus zu machen. Und ich glaube, wenn wir in den internationalen Vergleich schauen, dass es Deutschland so schlecht gar nicht gemacht hat,

„Eltern kommen auf mich zu, die fordern, dass die Schulen wieder aufgemacht werden sollen, dass man sie entlastet von der Situation zu Hause, der sie nicht mehr gewachsen sind“

GSCHWÄTZ: Kommen denn Bürger aus dem Hohenlohekreis  gezielt auf sie zu, die nun durch die Coronaßnahmen allmählich am Limit fahren?

von Eyb: Ja, das kriege ich mit. Und zwar nicht täglich, sondern quasi stündlich. Mich rufen Eltern an, die zum Beispiel fordern, dass die Schule wieder aufgemacht wird. Die fordern, dass man sie endlich auch entlastet von der Situation zu Hause, der sie nicht mehr gewachsen sind. Es rufen mich immer auch Eltern an, die sagen, sie haben Angst um Opa und Oma, sie haben Angst, dass irgendetwas passiert. Sie wollen, dass die Schule überhaupt nur noch digital geführt wird. Also das Meinungsspektrum, das ist so irrsinnig weit, dass ich kürzlich in einem Interview gesagt habe: Ich möchte jetzt alles sein, nur nicht die Verantwortung für das Kultusministerium zu haben. Und wir sehen es hier an der armen Frau Dr. Eisenmann, in welchem Spannungsverhältnis sie jeden Tag kommt. Es gibt radikale Forderungen in die eine Richtung. Es gibt radikale Forderungen in die andere Richtung und irgendwie muss man Ausgleich finden. Und ich finde, das macht sie prima.

GSCHWÄTZ: Sie ist auch mittlerweile ein bisschen auf Distanz zu dem Kurs von unserem Ministerpräsidenten gegangen, was  die Schulen betrifft. Da hat sie ja ganz klar darauf, dass man alles dafür tun müsse, die Schulen so früh wie möglich wieder zu öffnen. Da kam der Herr Kretschmann ein bisschen hinterher gehängt.

„Eltern sehen, wie sie selber überfordert sind“

von Eyb: Also wenn ich die Stimmungslage, die mir bekannt ist, bewerte und ich kann nur bewerten das, was ich hier höre, dann wünscht sich der größte Teil der Eltern  eine vernünftige Beschulung. Sie sehen  vielleicht gewisse Schwierigkeiten im Nahverkehr. Das mag sein. Oder in der Schülerbeförderung, sag ich mal so, aber sie wollen auf jeden Fall, dass die Schulen wieder aufgemacht werden. Sie sehen zum einen das Argument, Schüler stecken sich nicht so leicht an. Und wenn man es ordentlich macht, dann ist ja auch in der Vergangenheit aus diesem Bereich relativ wenig passiert. Und sie sehen einfach, wie sie selber überfordert sind. Also wenn eine Mutter, auch wenn sie noch so gebildet ist und noch so viele technische Möglichkeiten hat, wenn die zwei Kinder hat und nebenher noch Home Büro machen soll, wie soll sie das bewältigen? Das bewältigt sie kaum und irgendwann ist man dann so genervt, dass man zum Hörer greift oder mich anruft. Oder. Oder eine SMS schreibt. Oder WhatsApp-Nachrichten. Also meine Nummer ist ja vielen Menschen bekannt und ich werde bestürmt mit entsprechenden E-Mails. Und ich antworte jedem so gut es geht. Und in den Gesprächen kommt dann eben manchmal doch heraus, dass sie nicht alles so verstanden haben, weil die Erläuterungen, die jeden Tag notwendig sind, sind ja auch schwierig. Man kann den Einzelnen ja nicht immer im Detail berichten, was da im Hintergrund an Überlegungen angestellt werden, um die Pandemie im Griff zu kriegen. Aber wenn man mit den Menschen sich unterhält das Gespräch endet fast immer relativ freundschaftlich. Aber ich rede natürlich auch mit älteren Menschen und die sagen mir manchmal also lieber einmal ehrlich. Es ist sicherlich schwierig für unsere Enkel oder Urenkel. Aber wir haben ganz andere Sachen ertragen müssen über eine viel längere Zeit. Wir hatten kein Skype, wir hatten kein Radio, wir hatten kein Telefon. Wir hatten keine Geräte, die man ein iPhone nennt oder wo man mit Freunden immerhin noch in Kontakt treten kann. Das hatten wir alles nicht. Und die glauben nicht, dass die Kinder einen so bleibenden Schaden davontragen, dass wir nachher alle in psychologische Beratung schicken müssen. Also so schlimm wird es hoffentlich nicht kommen.

„In den Gesprächen kommt dann eben manchmal doch heraus, dass sie nicht alles so verstanden haben, weil die Erläuterungen, die jeden Tag notwendig sind, sind ja auch schwierig“

GSCHWÄTZ: Also ist das Jammern auf hohem Niveau?

von Eyb: Ja, also zuweilen denkt man, es ist vielleicht auch mal ganz gut, wenn man den ein oder anderen erlebt. Es kann nicht immer schneller, höher, weiter gehen, dass man auch mal merkt, es gibt Restriktionen, da muss man sich eine Zeitlang zusammenreissen. Und sehr, sehr viele Eltern erzählen mir auch, dass ihre Kinder völlig neue Fähigkeiten entwickeln, dass sie zum Beispiel wieder miteinander spielen, dass sie sich auch wieder für das Buch interessieren. Oder ich bin Präsident des Bundes der Deutschen Musiker, Landesverband Baden-Württemberg. Was da alles läuft mit Fernschulunterricht. Also es ist nicht alles ganz mies, was damit zusammenhängt. Natürlich wünscht sich keiner, dass es länger geht, wie auch nur eine Stunde länger als unbedingt notwendig.

GSCHWÄTZ: Was denken Sie denn, wie lange der Lockdown noch geht?

von Eyb: Ich bin zwar ein sehr optimistischer Mensch, aber ich möchte den Menschen auch nichts versprechen, was ich dann in irgendeiner Form für selber nicht glaubhafter erachte. Ich glaube, das erste halbe Jahr des Jahres 2021 werden wir uns noch relativ zurücknehmen müssen und ab der zweiten Hälfte ist hoffentlich auch genügend Impfstoff da. Dann können wir die Menschen impfen und dann wird sich das alles entspannen. Davon bin ich ziemlich überzeugt.

„Das erste halbe Jahr des Jahres 2021 werden wir uns noch relativ zurücknehmen müssen“

GSCHWÄTZ: Sie sind 65, nächsten Monat werden Sie 66. Haben Sie selber schon Corona gehabt oder jemand aus Ihrem näheren Umfeld?

von Eyb: Ja, also ich selber zum Glück nicht. Ich schon mehrmals getestet worden, weil ich jedes Mal, wenn ich in den Landtag komme, die Möglichkeit habe, dann lasse ich mich testen. Es war bisher immer negativ. Das ist so schön. Und ich habe allerdings auch Bekannte, die an Corona erkrankt waren. Ich habe auch einen jungen Mann, der erkrankt ist und der mich dann eben auch angegeben hat beim Gesundheitsamt als K1-Person. Mit dem habe ich vor wenigen Tagen gesprochen. Der schmeckt noch nichts und riecht noch nichts. Also ein 20-jähriger junger Mann, pumperlgsund, wie man so schön sagt. Aber er sagt: Nehmen Sie das bitte nicht auf die leichte Schulter.

GSCHWÄTZ: Haben Sie persönlich Angst vor Erkranken?

Arnulf von Eyb hat keine Angst, an Corona zu erkranken

von Eyb: Nein, aus irgendwelchen Gründen hab ich das nicht. Zum einen bin ich vorsichtig und ich glaube auch, dass das die beste Methode ist. Aber wenn ich erkranken würde, dann hoffe ich natürlich, dass ich nicht so schwer erkranken würde, dass ich an irgendeine Maschine angeschlossen werden muss. Weil das ist ja die Krux. Wir wissen, derjenige, der an die Maschine angeschlossen wird, der hat eine relativ große Wahrscheinlichkeit, dass er das nicht überlebt.

„Weil das ist ja die Krux. Wir wissen, derjenige, der an die Maschine angeschlossen wird, der hat eine relativ große Wahrscheinlichkeit, dass er das nicht überlebt.“

GSCHWÄTZ: Sie haben vorhin gesagt, dass wenn Sie gewählt werden, wird das Ihre letzte Amtsperiode sein. Wenn Sie jetzt zurückblicken auf Ihre Jahre als Landtagsabgeordneter, was waren denn Ihre Höhepunkte?

von Eyb: Es gab zwei Höhepunkte, die aber ja sicherlich mit einem negativen Vorzeichen versehen waren. Das war einmal das Jagstunglück, und das waren die Wassermassen, die über Braunsbach hereingefallen sind und auch Schäden, die wir in Künzelsau hatten, hier unmittelbar neben ihrem Büro, Sie wissen es ja, da war ein Loch, vor der CDU-Geschäftsstell e [Anm. d. Red.: am oberen Bach, neben der Redaktion GSCHWÄTZ], da hätte ein Auto verschwinden können. Und als ich dann nach Braunsbach gefahren bin, zwei Stunden später, bin ich schon mal gar nicht reingekommen. Ich musste einen Riesenumweg fahren.  Und als ich das gesehen habe, habe ich den Bürgermeister Harsch gebeten – übrigens ein ganz toller Typ. Typ ist der falsche Ausdruck, Eine tolle Persönlichkeit, wollte ich sagen. Herr Harsch, tun Sie mir einen Gefallen und lassen Sie fünfmal hintereinander abzählen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein solches Unglück in Braunsbach nicht zu einem Todesfall geführt hat. Er hat fünfmal abzählen lassen. Es ist keiner unter den Massen verschwunden. Aber die damit zusammenhängenden Herausforderungen an das Land und an die Abgeordneten, die waren enorm. Und mittlerweile: Das Land hat es gut gemanagt. Braunsbach hat es gut gemacht. Tolle Bevölkerung. Viele Menschen haben geholfen und das waren die beiden ganz großen Herausforderungen.

Jagstunglück und Hochwasser in bleibender Erinnerung

Und das Jagstunglück. Wenn man selber Angler ist, eine Zeitlang war ich Präsident des Landesfischereiberbandes, wenn man da sieht, wie die Menschen darum kämpfen, möglichst viele Fische herauszunehmen, um sie irgendwo zwischenzulagern, und diese Anstrengungen, dieses ehrenamtliche Engagement, das Helfen, da jeder hat irgendwie eine Idee. Der eine kennt den, der andere kennt den und der dritte kennt dann jemand, der einen Bagger hat, damit man irgendwo einen Jagstarm abschottet, damit die Fische, die da drin sind, entsprechend überleben. Das war schon ein tolles Erlebnis, aber natürlich: Die Ausgangslage war kritisch, ausgesprochen kritisch.

Ansonsten leben wir doch in einem wunderbaren Land hier in Hohenlohe.

Das Interview führte GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann

Arnulf von Eyb im Gespräch mit GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann. Foto: GSCHWÄTZ

Arnulf von Eyb stand GSCHWÄTZ Rede und Antwort. Foto: GSCHWÄTZ

 

 




„Corona ist für mich ein Konstrukt, bestimmte Dinge durchsetzen zu können“

Die Querdenken-Initiative stand in den vergangenen Monaten immer stärker in der medialen Kritik. Im Gespräch mit Priscilla Dekorsi beziehen Sonja Erdmann und ihre Tochter Chiara von Querdenken-794 – die Initiatorinnen der sonntäglichen Kundgebungen auf dem Öhringer Marktplatz – Stellung zum Vorwurf des Rechtsextremismus und erklären, woran sie glauben und was für sie Widerstand bedeutet. Sonja Erdmann hat Psychologie studiert, ist Yoga- und Familientherapeutin, Schamanin und Coach. Bis vor einigen Monaten hat die 47-jährige Öhringerin Workshops zur Sucht- und Gewaltprävention an Schulen geleitet. Ihre 22-jährige Tochter Chiara ist Ingenieurin. Wir geben hier das Gespräch leicht gekürzt mit redaktionellen Anmerkungen wieder.

Wir möchten darauf hinweisen, dass wir die Rede nahezu ungekürzt wiedergeben, damit sich jeder ein ungefiltertes Bild von den Querderdenkerdemos und Demonstranten auch und vor allem in Öhringen machen und seine eigene Meinung bilden kann. Wir möchten aber die Äusserung von Sonja Erdmann: „Corona ein Konstrukt, bestimmte Dinge durchsetzen zu können“ nicht unkommentiert stehen lassen. Corona ist eine Krankheit. An Covid-19 sind in Deutschland bislang 38.987 Menschen gestorben (Stand: 08. Januar 2020). Wir befinden uns in einer Pandemie. Über die Maßnahmen, die ergriffen werden, um die Pandemie einzudämmen, darf aber gerne diskutiert werden.

„Ich bin nicht im Widerstand“

Sonja Erdmann: Ich bin nicht im Widerstand. Widerstand bedeutet, man ist im Kampf, man ist im Krieg. Und das ist auch der Hintergrund, warum so viele Widerständler so erschöpft sind und dass es denen so schlecht geht und die einfach energielos sind. Das macht dieses Kämpfen. Ich habe gestern erst wieder gelesen, die Schweden wollen gegen den Strom schwimmen, das ist sehr anstrengend, merkt man sofort. Also, ich stehe im Strom des Lebens, ich gehe mit diesem Strom des Lebens, da kriege ich Energie davon. Und so kommt es, dass das was wir hier machen, eine andere Energie hat, so erkläre ich mir das. Ich möchte gern, dass wir hier Energie gewinnen, dass es uns jedesmal noch viel besser geht, jeden Sonntag, dass es uns von mal zu mal noch viel besser geht und dass wir voller Vertrauen nach vorn gehen in diese neue Welt.

„Politik hat mich nie interessiert“

Dekorsi: Für welche gesellschaftlichen Werte und für welche politischen Ziele steht Ihr mit Eurer Energie, mit Euren sonntäglichen Versammlungen ein und wie wollt Ihr diese Ziele erreichen?

Sonja Erdmann: Ich sehe mich gar nicht politisch. Ich war auch noch nie politisch. Tatsächlich hat es für mich nie eine Rolle gespielt. Politik hat mich nie interessiert. Genau das war wirklich ein absolutes Aufwachen in dieser Hinsicht. Ich bin eben auch ein totaler Naturmensch und liebe es, mit Tieren zusammen zu sein, in der Natur zu sein. Ich bin gerne sportlich unterwegs, mache meine Meditation, mache Yoga. Ich führe ansonsten ein recht zurückgezogenes Leben, fast schon könnte man sagen, eremitisch, und bin ganz glücklich, so für mich zu sein. Ich war bis vor einiger Zeit in den Schulen unterwegs, habe Gesundheitsförderung gemacht, Sucht- und Gewaltprävention und diese Arbeit mit den Kindern in den Schulen, das war für mich sehr sehr erfüllend. Da bin ich wirklich rausgekommen aus meinem Schneckenhaus und das habe ich als Dienst angenommen, als Dienst angesehen, als Dienst für unsere Zukunft, für unsere Kinder, das fehlt mir auch wirklich sehr.

Dekorsi: Warum bist Du nicht mehr an den Schulen?

Sonja Erdmann: Ich bin da praktisch rausgeflogen durch meine Aktivitäten auf den Querdenken-Demos, weil ich da eben geredet habe.

Dekorsi: Du hast dich nur auf den Kundgebungen als Privatperson geäußert, nicht in der Schule?

„Mich haben in dem Moment die Kinder interessiert“

Sonja Erdmann: In der Schule, das war ja so, da kam relativ flott der Lockdown, da war ich dann gar nicht mehr in den Schulen. Und nach dem Lockdown hatten die Schulen denn ja auch andere Prioritäten, da bin ich gar nicht mehr rangekommen. Ich war zum Schluss noch in einer vierten Klasse und konnte mit den Kindern ihren Abschluss machen, ihre Abschlusseinheit. Das war aber nur an einer einzigen Schule, alle anderen Schulen haben gesagt, sie möchten das nicht, fremde Personen in der Schule drin haben, jemand externes. Nur eine Schule hat sich dazu bereit erklärt. Danach habe ich mich natürlich schon, was die Sache an sich anbelangt, total zurückgenommen. Mich haben da in dem Moment die Kinder interessiert, wie geht es den Kindern und habe mir natürlich schon bewusst überlegt, wie gestalte ich diese Abschlusseinheit, sodass die Kinder was mitnehmen davon. Ich habe mir überlegt, wir gucken uns an, was hat denn Corona Gutes gebracht? Es war die erste Frage von mir und die Kinder sind so schlau, das sind sie immer und das habe ich da auch wieder festgestellt: Also zum Beispiel ein Mädchen hat dann gesagt, sie hat gemerkt, wie schön das ist, draußen spielen zu können im Garten. Das war vorher halt einfach normal und dann durfte sie ganz lange Zeit gar nicht raus in den Garten und auf einmal war das halt was ganz Besonderes. Oder wie viel wert es ihr ist, sich mit ihren Freundinnen treffen zu können. Da habe ich mir gesagt, das ist echt, was die Kinder sehen, dass sogar dieses Wertvolle, was vorher ganz normal war, absolut menschlich ist und was wir brauchen. Dieses Glück empfinden zu können, über so etwas Kleines, rausgehen zu können in die Natur, über Menschen sehen zu können, die man ganz lang nicht mehr gesehen hat. Und das nächste, was mich interessiert hat, war halt dann Glück, weil das Thema Glück war auch ein Thema. Was macht uns glücklich, wie können wir uns selber glücklich machen, wenn ganz viel Äußeres halt nicht möglich ist, mit ganz einfachen Sachen, da haben wir nachgeforscht. Das war mir einfach wichtig, bei den Kindern den Fokus auf das Gute zu richten. Was können wir trotz allem, was da im Außen passiert, was ist Gutes da im Leben, wie können wir uns das selber schenke?

Dekorsi: Ist das auch Dein Fokus bei Deinem Engagement auf den Kundgebungen?

„Mich verbindet ganz viel mit Querdenken“

Sonja Erdmann: Ja klar, es ist wichtig, dass wir diesen Fokus auf das Gute halten. Wo unsere Aufmerksamkeit hingeht, da fließt unsere Lebensenergie hin. Das verstärken wir und ich erlebe das oft auf den Demos, dass der Fokus auf dem Negativen ist. Wir füttern mit diesem Fokus, mit diesen ganzen Reden, mit diesem ganzen Denken, mit diesen ganzen Worten und mit den Gefühlen die ganze Zeit die Dunkelheit. Die Demonstranten selber, die eigentlich für was Gutes auf die Straße gehen, die füttern genau das Gegenteil. Ich fühle mich mit Querdenken verbunden, einfach weil ich von Anfang an auf den Querdenken-Demos war, auf den Querdenken-Demos gesprochen habe und da so viele Kontakte geknüpft habe. Ich habe so viele Menschen persönlich gekannt, wusste, dass es was von Grund auf Gutes ist, was dahinter steckt, auch diese Gesinnung von Michael Ballweg, der auch  so sehr angegriffen wird, so durch den Dreck gezogen wird, ja das ist einfach übel, was da gespielt wird, das ist auch nicht die Wahrheit und das ist das übliche Spiel im Moment.

Dekorsi: Die Medien, die zeichnen das Bild von Querdenkern als rechtsextrem. Was ist Deine Einschätzung dazu und wie fühlst du dich bei solchen Unterstellungen?

„Wir sind eigentlich die ganzen Jahre total veräppelt worden“

Sonja Erdmann: Ich fühle mich da sehr befremdlich, wenn ich sowas gesagt bekomme, weil wie gesagt: Ich bin von Anfang an dabei, ich habe auf so vielen Demos gesprochen, ich kenne so viele Leute, ich kenne das Publikum und ich weiß ganz genau: Da ist überhaupt nichts dran. Das ist so eine unglaubliche Diffamierung, die da passiert, und was was mich so berührt, ist eigentlich, dass die Leute das glauben. Dass so viele Menschen einfach glauben. Und es ist auch so, dass wohl einfach die Maske fällt gerade, was machen die Medien. Wir brauchen doch nicht zu denken, dass das jetzt was Neues ist, was hier gerade passiert. Das ist schon die ganze Zeit so, dass uns Sachen erzählt werden, die nicht stimmen. Und wir denken, wir sind informiert, wenn wir bestimmte Medien konsumieren, was in den Nachrichten kommt, was in den Zeitschriften steht, was in der Zeitung zu lesen ist. Und jetzt merken, wir sind eigentlich die ganzen Jahre total veräppelt worden. Das Gute daran ist, dass wir’s jetzt richtig merken, dass es uns wie Schuppen von den Augen fällt, dass wir’s endlich blicken. Ja, das war höchste Eisenbahn, das war total nötig, das war Corona sei Dank.

[Anmerkung der GSCHWÄTZ-Redaktion: Der baden-württembergische Verfassungsschutz beobachtet die Querdenker seit dem 09. Dezember 2020, es lägen „gewichtige Anhaltspunkte für eine extremistische Bestrebung vor“. GSCHWÄTZ berichtete darüber unter https://www.gschwaetz.de/2020/12/09/verfassungsschutz-baden-wuerttemberg-beobachtet-querdenken-0711/.]

„Dieses Ding ist keine Krankheit im Sinne von `Menschen werden krank´“

Sonja Erdmann: Man kann sagen, in ganz vielerlei Hinsicht ist Corona so ein Segen und zwar Corona nicht als irgendeine Krankheit, da können wir uns wirklich total davon verabschieden: Dieses Ding ist keine Krankheit im Sinne von `Menschen werden krank´. Krank ist es natürlich schon, das Ganze, ohne Zweifel. Corona ist für mich ein Konstrukt, bestimmte Dinge durchsetzen zu können, von der Regierung her. Und Menschen werden manipuliert. Manche haben es halt geschnallt und ganz viele halt nicht. Ja, viele haben’s geschnallt, Viele haben es auch geschnallt, die nicht auf die Demos kommen, das muss man sich einfach auch immer wieder klar machen. Viele blicken das total, aber die kriegen den Arsch nicht hoch, das muss man so deutlich sagen, die sitzen lieber zuhause rum, frustriert, ganz oft, ganz viele. Ich kenne auch ganz viele davon, die blicken’s, wissen genau, wie der Hase rennt und sind so frustriert und in ihrer eigenen Wut hocken die dann zuhause herum und denken, das wird irgendwie besser davon und füttern die ganze Zeit die Dunkelheit.

Anmerkung der GSCHWÄTZ-Redaktion: Laut Definition ist Covid-19 eine meldepflichtige Infektionskrankheit, zu der es durch eine Infektion mit dem Virus Sars-Cov2 kommen kann. Dieses wird primär über die Atemwege übertragen und kann dort auch nachgewiesen werden. In einer Studie aus den USA wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass Corona gefährlicher als die saisonale Grippe ist. Die Ergebnisse der Studie wurden Ende 2020 im Fachmagazin The BMJ veröffentlicht und sind unter https://www.bmj.com/content/371/bmj.m4677 einsehbar.

Dekorsi: Wie steht die Querdenken-Initiative zur Corona-Politik, haben die eine klare Linie oder ist das eher individuell?

Sonja Erdmann: Dazu ist das jetzt eigentlich ganz günstig, sich mal das Manifest anzukucken, also es gibt dazu eine ganz klare Äußerung.[Anmerkung der GSCHWÄTZ-Redaktion: In ihrem Manifest betonten die Querdenker ihre Überparteilichkeit und dass sie keine Meinung ausschließen würden. Sie berufen sich auf die ersten 20 Artikel der deutschen Verfassung und fordern die Aufhebung der Einschränkungen durch die Corona-Verordnungen.

„Das ist eine Forderung von Querdenken, dass diese Einschränkung der Grundrechte wieder aufgehoben wird“

Chiara Erdmann: Das Manifest besteht nicht nur aus diesen Forderungen, aber eigentlich geht es hauptsächlich jetzt in der Frage eher um die Forderungen und die erste Forderung ist die sofortige Aufhebung der Einschränkungen der Grundrechte durch die Corona-Verordnung, weil man einfach die Grundrechte durch diese Verordnung eingeschänkt hat, zum Beispiel Unverletzlichkeit der Wohnung oder Versammlungsfreiheit, die ist am Anfang total eingeschränkt gewesen, dann hat sie Michael Ballweg im Frühjahr ja erstritten. Dann haben wir die Teilnehmerbegrenzung irgendwann auch noch vor Gericht dann noch aufheben können. Aber jetzt kommt sie ja wieder. Da gibt es einfach viele Grundrechte, die eingeschränkt werden und das ist einfach ganz klar eine Forderung von Querdenken, dass diese Einschränkung der Grundrechte wieder aufgehoben wird.

Anmerkung der GSCHWÄTZ-Redaktion: Mit den Corona-Maßnahmen greift der Staat massiv in die Grundrechte ein. Doch nicht jeder dieser Eingriffe ist schon verfassungswidrig. Sie müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllen: Einem legitimen Zweck dienen und geeignet sein, diesen überhaupt zu erreichen. In Zeiten von Corona ist dies der Schutz der Gesundheit der Bürger. Dazu verpflichtet das Grundgesetz den Staat, der erhebliche Gesundheitsrisiken eindämmen muss. Die Eingriffe müssen das mildeste Mittel und verhältnismäßig sein. Betroffene Bürger können auch in Zeiten von Corona vor Gericht überprüfen lassen, ob diese Kriterien eingehalten werden. Die Stadt Stuttgart hatte im Frühjahr 2020 ursprünglich eine Querdenken-Demo auf dem Wasen verboten. Nachdem der Veranstalter dagegen geklagt hatte, wurde ihm vom Bundesverfassungsgericht Recht gegeben. Die Stadt nahm das Verbot zurück und gestattete die Demo unter Einhaltung der Abstandsregeln. Die Karlsruher Richter betonten im vergangenen Jahr in mehreren Gerichtsbeschlüssen den hohen Stellenwert der Versammlungsfreiheit. Versammlungen dürften nicht pauschal verboten werden. Immer müsse geprüft werden, ob sie nicht doch – etwa unter Auflagen – stattfinden könnten. Maskenpflicht, Abstandsgebot und Teilnehmerbeschränkungen dürften aber durchaus vorausgesetzt werden, wenn man die Teilnehmer nur so vor gravierenden Gesundheitsgefahren schützen könne.

„Darum geht es im Moment – nicht allein dazustehen“

Sonja Erdmann: Da ist mir noch was eingefallen zu der Frage, warum wir uns Querdenken angeschlossen haben. Uns war es ja sehr bewusst, weil gerade Querdenken richtig, richtig heftig so schlecht dargestellt wird, ob das jetzt eine gute Idee ist oder nicht. Wir haben Mitte Oktober angefangen, hier Demos zu veranstalten. Das habe ich beschlossen, einfach weil ich mir hier zuhause vor Ort etwas gewünscht habe und weil ich nicht mehr so viel in der Gegend rumfahren wollte auf die anderen Demos. Ich hab dann gedacht, hier zuhause in Öhringen, das wäre doch toll, wir hätten hier auch was. Einfach weil ich weiß, dass viele auch nicht aus Öhringen rausgehen, nicht so gerne irgendwo hinfahren möchten. Ich denke, ganz wichtig im Moment ist, und wo ich auch ganz genau wusste, da ist nichts dran, was da Querdenken vorgeworfen wird: Verbindung haben, Vernetzung haben miteinander. Darum geht es im Moment ganz stark, das ist ein ganz, ganz wichtiges Thema, nicht allein dazustehen, nicht allein vor sich hin zu wursteln sondern gemeinsam. Und ich weiß, dass es überall Leute gibt, die genau so drauf sind wie wir und denen das auch total gut gefällt. Und das hat mir auch so einen Antrieb gegeben. Das ist das Schöne, dass Michael Ballweg dieses vorgegeben hat. Da muss man einfach einverstanden sein, mit diesem Manifest. Es geht um die Grundrechte, es geht darum, dass es eine friedliche Bewegung ist und dazu konnte ich einfach von Grund auf ja sagen. Da kann ich total dahinter stehen. Ansonsten lässt er die einzelnen Städte, die einzelnen Gruppen frei agieren. Und da wusste ich, okay, ich darf hier frei machen, in meinem Sinn, der redet mir nicht rein. Wundervoll. Und ich bin vernetzt, wir haben einfach Anwälte an der Hand, wenn mal irgendwas wäre, wenn man irgendwelche rechtlichen Fragen zu klären hat oder so. Man bekommt ganz schnell Unterstützung.

„Unser privates Umfeld ist zum Teil nicht begeistert“

Dekorsi: Habt Ihr die Anwälte schon einmal gebraucht?

Sonja Erdmann: Nein. Andere schon, zum Beispiel da, wo der Vico herkommt. Ich kenne mich da gar nicht so gut aus und sich einfach mal kurz einen Anwalt zu nehmen, das ist auch schwierig in den Zeiten – einen Anwalt zu finden, der sich dann auch engagiert. Es gibt einfach gute Leute, die da im Backup sind, die da engagiert sind, die ich auch zum Teil gut kenne und ich bin vernetzt mit anderen Rednern, Versammlungsleitern, man kann sich mal kurzschließen.

Dekorsi: Wie hat denn Euer privates Umfeld auf euer Engagement reagiert?

Sonja Erdmann: Unser privates Umfeld ist zum Teil nicht begeistert. Zum Teil nicht begeistert, zum Teil kommt gar kein Kommentar dazu. Zum Beispiel gibt es Familienmitglieder, die haben überhaupt gar keine Angst, gehören vom Alter her auch schon zur Risikogruppe, haben aber überhaupt gar keine Angst vor irgendwelchen Krankheiten und spielen aber trotzdem mit, mit Maske und allem drum und dran. Ja, und damit unterstützt man ja trotzdem das System weiterhin, dass einfach diese Lüge aufrechterhalten bleibt, mit der Maske, dass sie irgendwelche Krankheiten verhüten oder sonst irgendwas, was einfach Blödsinn  ist.

[Anmerkung der GSCHWÄTZ-Redaktion: Immer wieder haben Wissenschaftler betont, wie wichtig Masken sind, um eine weitere Verbreitung von Viren zu verhindern. An der New Mexico State University haben jetzt Forscher verschiedene Masken unter die Lupe genommen. Ihre Erkenntnis: Das Tragen von Masken und Abstandhalten bieten in den meisten Fällen einen guten Schutz vor einer Corona-Infektion, wenn jemand hustet oder niest. Die Studie wurde am 22. Dezember 2020 online im Fachmagazin Physics of Fluids veröffentlicht und ist unter https://aip.scitation.org/doi/10.1063/5.0035072 einsehbar].

Dekorsi: Gab es auch schon Anfeindungen?

Sonja Erdmann: In der Familie?

Dekorsi: Muss nicht in der Familie sein.

Sonja Erdmann: Ja, ja, schon, nicht freundlich gesinnt.

Dekorsi: Wie geht Ihr damit um? Wie steckt man das weg?

Sonja Erdmann: Wie gehen wir damit um? Ich würde sagen, sehr gelassen, sehr liebevoll, wohlmeinend. Ja, verständnisvoll.

„Es geht um diesen wirklich achtsamen, liebevollen Umgang mit diesen Mitgeschöpfen“

Dekorsi: Die Veranstaltung heute steht unter dem Motto „Wir lassen unser Licht erstrahlen in der Dunkelheit“. Was bedeutet diese Metapher ganz konkret? Für den Alltag, für die Versammlung hier auf dem Platz?

Sonja Erdmann: Das ist wieder dieses Bewusstsein, dass wir Licht sind, dass wir reines Bewusstsein sind, dass wir Licht sind, dass wir Liebe sind, dass wir Frieden sind, ganz natürlich. Und es geht uns darum, dass wir uns daran erinnern.

Dekorsi: Wie träumt Ihr Euch die Welt von morgen?

Sonja Erdmann: Das habe ich vorhin zum Teil schon gesagt. Es geht um Großmutter Erde, unseren Heimatplaneten in diesem Leben, dass wir unsere Natur achten und ehren. Wir leben davon, das ist unser Lebensraum, die Pflanzen, die Tiere, sogar das, was viele denken, was unbelebte Natur wäre, die Steine, das sind Wesenheiten, das zu achten, das zu ehren und gut damit umzugehen. Zu diesem Traum gehört, dass die Gewässer rein sind und sauber, dass Lebewesen drin leben können und zwar gut leben können. Fruchtbare Böden, dass da Früchte und Getreide wachsen kann, was wirklich wahr ist für uns, was uns wirklich ernähren kann. Saubere reine Luft, dass das innere Feuer, dieses Lebensfeuer brennt in uns. Das hat was mit Lebensenergie zu tun, dass wir leben können, dass wir Lebensenergie zur Verfügung haben. Dass wir in Verbindung leben mit allem, was uns umgibt. Es gibt diesen Spruch, das ist irgendwo aus dem Asiatischen, dass wir nicht irgendjemand anderem was antun können, ohne uns selber zu verletzen. Ich hatte vorhin ein interessantes Gespräch. Auf unserem Spaziergang hat mir eine Frau erzählt, dass sie, wenn sie wütend ist, richtig Schmerzen bekommt in der Leber. Es ist diese Wut, diese wütenden Gedanken, dieses Gefühl im Körper. Wir denken, wir treffen andere damit. Wir schaden uns selber, wenn wir wüst umgehen mit anderen Lebewesen: Das trifft uns alle selber. Wie die Selbstvernichtung. Wenn wir so umgehen mit dieser Massentierhaltung, mit diesen Tiertransporten, mit diesen ganz grausligen Schlachtungen, Tötungen von Tieren und das passiert weltweit. Wie können wir denken, dass wir in Frieden und gesund leben können, das ist einfach unmöglich, das wird nicht passieren. Es geht um diesen wirklich achtsamen, liebevollen Umgang mit diesen Mitgeschöpfen, das ist mein Traum. Was ist Dein Traum?

„Wenn wir bewusst konsumieren, dann verändern wir damit die Welt“

Chiara Erdmann: Was mir einfach wichtig ist, also das mit Tieren, mit dem Umgang mit den Tieren. Ich finde es einfach ein guter Spiegel: Jetzt haben alle Angst vor diesen Massenimpfungen und wir machen das mit den Tieren schon seit Ewigkeiten so. Was mir auch wichtig ist, ist ein bewusster Konsum. Also das ist so eine Konsumgesellschaft und ständig muss es etwas Neues geben. Jedes Jahr kommt ein neues Handy raus und jedes Jahr kommt ein neues Notebook raus und sonstige Sachen und ständig muss man dann irgendwas konsumieren. Man muss auch nicht ständig neue Klamotten kaufen, die dann irgendwelche Näherinnnen in Indien unter prekärsten Bedingungen nähen müssen und die Flüsse da verunreinigt werden. Dass man einfach kuckt, was macht man mit seinem eigenen Konsum. Das ist eigentlich auch dieser Schlüssel, wo ich einfach große Macht in der Bevölkerung sehe: Wenn wir bewusst konsumieren, dann verändern wir damit die Welt. Und das ist eigentlich schon der Schritt, den jeder machen kann: Dass man kuckt, was braucht man wirklich und ob man jetzt irgendetwas Neues anschaffen muss oder ob man das vielleicht auch von irgendjemand anderem gebraucht bekommt. Und das finde ich einfach das Wichtigste, was man auch jetzt schon ändern kann.

„Was jetzt gerade passiert, wird eine Änderung bringen“

Sonja Erdmann: Was jetzt gerade passiert, wird eine Änderung bringen. Wenn jetzt die Wirtschaft zusammenbricht, wenn das Finanzsystem kollabiert, das wird helfen. Einfach helfen für diesen Wandel. Dass wenn es dann einfach nicht mehr dieses Zeug zu kaufen gibt, dieses Unnötige, das wir sowieso nicht brauchen. Das wird so eine Umbesinnung bewirken. Deswegen ist Corona super. Das hat’s wirklich gebraucht, so richtig mal, dass es scheppert. Anders hat’s nicht funktioniert. Alles was passiert, hat einen Sinn und es geht nur darum, wie gehen wir damit um.

 

 




„Es gibt eine Überbetonung von Minderheiten, die zu Wort kommt und die Mehrheit dadurch gar nicht mehr gehört wird“

Der Dekan der evangelischen Kirche in Künzelsau, Dr. Friedemann Richert, hat ein Buch geschrieben, das nun veröffentlicht wurde. Der etwas sperrige Titel: „Das lateinische Gesicht Europas. Gedanken zur Seele eines Kontinents.“ Und auch wenn es zunächst nicht danach klingt, greift Richert in seinem Buch viele aktuelle Themen auf. GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann hat mit ihm über die Kultur und Werte des Westens gesprochen, über Zuwanderung und eine falsch verstandene Toleranz.

GSCHWÄTZ: Worum geht es in Ihrem Buch?

Richert: Hintergrund ist die Zuwanderungsthematik und gleichzeitig auch zum einen die politische Gegenwart und zum anderen die Tradition unseres Herkommens. Es geht um unsere Wurzeln.

„Leben und leben lassen“

GSCHWÄTZ: Welche Wurzeln sind das?

Richert: Wir haben eine Grundform: Leben und leben lassen. Wir zeichnen uns durch ein plurales Europa aus, durch Vielfältigkeit mit einem christlichen Fundament. Das kommt von der Antike. Wir tauschen Argumente mit anderen aus in dem Verständnis, dass der andere auch recht haben kann.

Sehen Sie diese Werte nun in Gefahr?

Richert: Es findet derzeit eine Umdeutung grundlegender gesellschaftlicher Begriffe statt. Nehmen wir nur mal den Begriff Gerechtigkeit. Gerechtigkeit hat sich einst auf die Gemeinschaft, auf das Gemeinwohl bezogen. Durch die identitäre Denkentwicklung haben wir eine ,Identitätsgerechtigkeit‘ entwickelt. Das heißt: Jeder proklamiert für sich Gerechtigkeit gegenüber der Mehrheit. Das ist legitim. Aber wir haben dadurch derzeit eine Diskriminierung, zum Beispiel gegenüber alten weißen Männern.

„Diskriminierung betrifft auch die alten weißen Frauen“

GSCHWÄTZ: Aber diese so genannten ,alten weißen Männer‘ waren doch lange genug an der Macht. Was ist schlimm daran, dass andere jetzt an diesem Thron ruckeln?

Dekan: Diese Diskriminierung betrifft ja nicht nur die alten weißen Männer, sondern auch die alten weißen Frauen – wie Alice Schwarzer zum Beispiel.

GSCHWÄTZ: Inwiefern?

Richert: Es gibt eine Überbetonung von Minderheiten, die zu Wort kommen und die Mehrheit dadurch gar nicht mehr gehört wird. Deswegen haben die rechten Parteien so einen Zulauf und die Gesellschaft spaltet sich.

GSCHWÄTZ: Was macht denn Europa für Sie aus?

Richert: Warum wollen alle nach Europa? Wir haben kulturelle Errungenschaften wie Ziegel auf den Dächern. Das kam übrigens von den Mönchen, ebenso wie die Maultaschen und das Bier. Wir haben in Europa eine Bildungskultur, deren Ursprung in den Domschulen liegt. Diese haben Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen hervorgebracht. Die Universität ist ebenfalls eine Erfindung der lateinischen Kirche. Es gibt einen gemeinsamen Bildungshorizont in Europa und eine Vielfalt an geistigen Errungenschaften. Wir haben durch die Schule den Begriff der ,Person‘, der individuellen Persönlichkeit, eingeführt. Das spiegelt sich ja auch in Worten wider wie Personenkraftwagen oder Personenwaage.

„Die Zukunft ist positiv besetzt“

GSCHWÄTZ: Aber gibt es diesen Begriff nicht in allen Kulturen?

Richert: In der arabischen, afrikanischen, asiatischen und indischen Kultur gibt es das nicht, da die Gemeinschaft das zentrale ist und nicht die Person. Neben der Person gibt es in unserer Kultur einen anderen Zeitbegriff im Vergleich zu anderen Kulturen.

GSCHWÄTZ: Können Sie das näher ausführen?

Richert: Die Zukunft ist positiv besetzt. Getreu dem Motto: „So wie die Zukunft zu denken sein kann, ist die Gegenwart zu beurteilen.“ Das entspricht dem Futur 2: „Ich werde gewesen sein“. Dieses Denken an die Zukunft ist die Voraussetzung für die Forschung. In der arabischen Kultur ist der Blick immer nach hinten gerichtet, nicht nach vorne. Warum funktioniert denn Entwicklungshilfe nicht? Die Zukunft ist für diese Kulturen eine Nicht-Zeit.

„Bei zugewanderten Kulturen wird heutzutage immer noch sehr schnell das Messer gezückt“

GSCHWÄTZ: Sie haben zu Beginn unseres Gespräches von drei Punkten gesprochen. Zwei haben Sie genannt. Den Begriff der Person, die Zeit und was ist der dritte Punkt?

Richert: Das Recht. Das Recht ist in Europa durch die Kirche namhaft geworden, die Dreiteilung vor Gericht etwa, durch den Richter, den Staatsanwalt und den Verteidiger. Wir haben ein Rechtssystem, in welchem man Verträge einhalten muss. Die Vereinigten Staaten haben im Prinzip dieselbe Vertragskultur, nur dass sie eine andere Orientierung haben. Während es bei uns nicht nur darum geht, schnell Profit zu machen, sondern man auch einen guten Ruf haben möchte, etwa beim Thema Klimaschutz.

GSCHWÄTZ: Aber das war ja nicht immer so. Immerhin gab es auch christliche Kreuzzüge.

Richert: Am 07. August 1495 hat Kaiser Maximilian I. den Ewigen Landfrieden verkündet: Konflikte dürfen nicht mehr mit Waffen und Gewalt ausgetragen werden. Hier wurde der Grundstein für den Rechtsstaat gelegt. Bei zugewanderten Kulturen wird heutzutage immer noch sehr schnell das Messer gezückt, etwa bei den Arabern.

„Ich fürchte um unseren Landfrieden“

GSCHWÄTZ: Sie kommen jetzt auf die Migrationsdebatte zu sprechen?

Richert: Die derzeitige Entwicklung ist, dass linke und rechte Ränder erstarken und dass ein bestimmter Teil der Migranten eher zu Tätlichkeiten neigt. Ich fürchte um unseren Landfrieden. Der Polizei muss ich aber an dieser Stelle zubilligen, im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten zu agieren. Obwohl allein schon die mediale Berichterstattung sehr polizeikritisch ist.

GSCHWÄTZ: Was fordern Sie?

Richert: Wir sind für alle offen, aber sie müssen unsere Kultur achten und sich zu eigen machen und da gibt es auch keinen kulturellen Nachlass, zum Beispiel dahingehend, dass Gewaltanwendung gar nicht geht und dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Die orthodoxe Linie hinterfragt auch nicht, die sagen sich einfach: So ist es, zum Beispiel das Kopftuchgebot für Frauen.

„Politiker sollten die christliche Kultur wieder als eine Leitkultur einfordern“

GSCHWÄTZ: Aber letzten Endes kann doch jeder seinen Glauben leben, wie er möchte?

Richert: Das sehen zumindest wir so. Wir haben eine ,positive Religionsfreiheit‘. Das bedeutet: Ich kann meinen Glauben leben, ohne dass ich von jemandem daran gehindert werde.“ Aber bei der Kopftuchfrage im Unterricht triumphiert eine Minderheit über die Mehrheit und das erzeugt eine negative Stimmung in der Gesellschaft. Politiker sollten die christliche Kultur wieder als eine Leitkultur einfordern.

GSCHWÄTZ: Meinen Sie das auch im Hinblick auf die Flüchtlingsdebatte?

Richert: Migration spaltet die Gesellschaft dermaßen. Thomas von Aquin hat gesagt: ,Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Tyrannei. Aber Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist Willkür‘.

„Es gibt kein Recht darauf, nach Europa zu kommen“

GSCHWÄTZ: Was bedeutet das Zitat bezogen auf die Flüchtlingsdebatte?

Richert: Flüchtlinge haben etwa kein Recht darauf, in Europa an einen bestimmten Ort zu kommen und es gibt auch kein Recht darauf, nach Europa zu kommen. Wir riskieren hier unseren harmonischen Frieden.

GSCHWÄTZ: Warum?

Richert: Wenn die Flüchtlinge eine ähnliche Kultur hätten, wäre eine Integration leichter möglich. Wir können diesen Sozialstatus nicht halten, das ist nicht leistbar auf eine längere Zeit. Wir sind eine freie und offene Gesellschaft und jeder ist herzlich willkommen, der unsere Spielregeln spielt und sich zu eigen macht. Leben und leben lassen innerhalb der geltenden Gesetze muss das Ziel sein. Aber wichtig ist auch, dass wir unsere Wurzeln wieder achten, pflegen und einfordern.

 

 

 




„Die Freude hält sich in Grenzen“

„Die Freude hält sich in Grenzen“, sagt Konstantin Papadopoulos, der Betreiber des OXN in Künzelsau, über den zweiten Lockdown. Aber er hat GSCHWÄTZ-Videoreporter Dr. Felix Kribus auch verraten, dass er nicht mehr so erschrocken sei wie beim ersten Mal, auch wenn die Situation genauso schwierig ist. „Man kann es nicht ganz nachvollziehen, weil es ist ja schon erwiesen, dass es eigentlich weniger von der Gastronomie kommt“, kommentiert der Wirt die erneute Schließung. Aber die Entscheidung sei gefallen und nun müsse man damit leben. Auch er hat keine Lösung, wie man das hätte vermeiden können, denn die Gastronomen hätten schon alles gemacht: „Mehr können wir nicht machen als Gastronomen.“ Seine Mitarbeiter sind nun wieder in Kurzarbeit.

„Es könnte wieder passieren“

Konstantin Papadopoulos hofft, dass es nicht allzu lange dauert mit der Schließung. Aber momentan sei alles möglich und alles ein großes Fragezeichen. „Es könnte wieder passieren ab Januar, Februar“, glaubt er. „Vielleicht, dass im Dezember nochmal aufgemacht wird wegen des Weihnachtsgeschäftes, dass man halt ein bisschen was reinspielt. Und danach kommt wahrscheinlich wieder, denke ich mal, ein Lockdown.“ Zurzeit können die Gäste beim OXN Essen bestellen und dort abholen. Allerdings spielen diese Einnahmen eher eine untergeordnete Rolle, sagt der Wirt, weil dieses Angebot in Künzelsau sehr groß sei und die Leute eher daheim bleiben würden, als sich etwas abzuholen.

„Die haben nur den Kopf geschüttelt“

Die Reaktion seiner Gäste auf die Schließung war weniger verständnisvoll, hat der Wirt erfahren: „Die Gäste haben alle nur den Kopf geschüttelt nach der Entscheidung und die verstehen es selber auch nicht, weil sie ja wissen, dass die Maßnahmen hier alle getroffen sind. Sie wissen auch, wie es woanders ist – zum Beispiel Busse und Bahnen – dass die Ansteckungsgefahr da natürlich extremer ist.“ Dennoch fühlt er sich nicht benachteiligt, auch wenn beispielsweise Friseure weiterhin ihrer Arbeit nachgehen dürfen. Er sei froh über „jeden, der sein Geschäft machen kann“. Nun hofft er, dass „es irgendwann mal aufhört und ein Schlussstrich gezogen wird und man sagt, okay, wir müssen jetzt mit dem Virus weiterleben.“

 

Der OXN in Künzelsau hat wie alle anderen Gaststätten wegen Corona im November 2020 geschlossen. Foto: GSCHWÄTZ




„Wir sind seit März stillgelegt“

Marktbeschickerin Tanja Fankhauser aus Fichtenau hat auf dem Künzelsauer Simon-Judä-Markt Stoffmasken in allen möglichen Variationen angeboten. Eigentlich verkauft sie Wärmekissen aus eigener Produktion. „Ich hätte mir niemals denken lassen, dass ich sowas überhaupt produziere“, sagte sie im Gespräch mit GSCHWÄTZ-Videoreporter Dr. Felix Kribus. „Aber die Not hat uns erfinderisch gemacht.“ In Corona-Zeiten bräuchten die Menschen Masken und so sei man über Nacht in die Produktion eingestiegen.

„Dann sind Sie arbeitslos“

Doch nicht nur bei neuen Produkten, sondern auch auf die Existenzgrundlage der Marktbeschickerin und ihrer Kollegen hat die Pandemie großen Einfluss. „Wir sind seit März – eigentlich seit dem ersten Lockdown – stillgelegt und haben keine Einkünfte“, beklagte sie. „Wir leben für die Menschen, wir kommen und bringen Freude, bringen Waren, die bekommen Sie im normalen Handel nicht. Und wenn Ihnen von heute auf morgen die Arbeit genommen wird und Sie bekommen nur Verbote, dann sind Sie arbeitslos.“ Dennoch habe sie lediglich die erste Soforthilfe beantragt.

„Wir kämpfen dafür“

Zur angespannten wirtschaftlichen Situation kommen noch die psychischen und emotionalen Belastungen dazu. Sie sei für den Markthandel geboren und auch so aufgewachsen, wie auch ihre Eltern schon. Deshalb empfinde sie die Beschränkungen als „einen sehr großen Einschnitt in unsere Menschenwürde.“ Doch sie macht sich auch Mut: „Wir sind selbstständige Marktkaufleute und wir kämpfen dafür.“ Von der Politik fühlt sich Tanja Fankhauser nicht gerecht behandelt: „Die Gleichbehandlung ist nicht korrekt dargestellt in Bezug auf unsere Verkaufsstrategie, die wir eigentlich führen. In ein großes Kaufhaus dürfen 3.000 Menschen rein. Und hier – Sie sehen diese Situation – hier geht der eine oder andere über den Markt und es ist hier kein Gedränge. Es ist doch alles möglich.“ Dennoch möchte sie der Stadtverwaltung sowie der Marktleitung, Bürgermeister und Stadträte „ein großes Dankeschön“ aussprechen: „Im Moment liegt es in der Hand von diesen Menschen, ob wir kommen dürfen oder nicht. Das ist kommunal geregelt.“

„Das tut uns jetzt sehr gut“

Die Kunden würden sich freuen, dass die Markthändler kommen, hat Tanja Fankhauser erfahren. „Man kauft seine bestimmten Dinge auf dem Krämermarkt und das sind zuverlässige Kunden und die erwarten uns Händler dann“, sagte sie. „Das ist wichtig für uns und das tut uns jetzt im Moment auch für die Seele sehr gut, dass unsere Kundschaft hinter uns steht. Wir werden gebraucht.“ Außerdem sei so ein Markt wie ein „Kaufhaus unter freiem Himmel“ und im Verbund mit den Hygienekonzepten sei da die Corona-Gefahr eher gering.

„Da fällt einem ja nichts ab“

Marktbesucherin Sabine ist eigens für den Simon-Judä-Markt aus Neuenstein nach Künzelsau gekommen. „Da komme ich schon jahrelang her. Das ist irgendwie Pflicht“, sagte sie. Sie war auf der Suche nach neuen Masken, denn die „muss immer passend zum Outfit sein“. Sie rechne damit, dass die Menschen mit Corona werden leben müssen. Deshalb finde sie auch die Maskenpflicht gut: „Man soll sich selber schützen und die anderen auch. Da fällt einem ja nichts ab, wenn man das Ding aufsetzt. Ich finde es unverantwortlich, wenn es die Leute nicht machen.“

Video: Dr. Felix Kribus

Kundin Sabine findet, dass „einem nichts abfällt“, wenn man eine Maske trägt. Foto: GSCHWÄTZ

 

Masken in allen Variationen gab es an Tanja Fankhausers Stand auf dem Künzelsauer Simon-Judä-Markt. Foto: GSCHWÄTZ