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„Es gibt für jede Frau immer Hoffnung“

Jessica Anderson ist Sozialarbeiterin und Soziale Arbeit und Theologie im interkulturellen Kontext studiert. Seit drei Jahren ist sie bei der Mitternachtsmission in Heilbronn tätig. In der Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel hilft sie besonders von Zwangsprostitution betroffenen Frauen. Mit GSCHWÄTZ-Reporterin Priscilla Dekorsi hat sie erzählt, woher sie die Kraft für ihre anstrengende Arbeit nimmt, welche Schwierigkeiten die Frauen bewältigen müssen, wenn sie sich aus ihrer Zwangslage befreien wollen und welche Auswirkungen die Corona-Pandemie hat.

GSCHWÄTZ: Sie haben ja einen unglaublich interessanten Beruf. Was macht ihn besonders spannend?

Anderson: Sehr vieles macht diesen Job besonders spannend: die Begegnung mit ganz unterschiedlichen Menschen, die Thematik, mit der man konfrontiert ist, die Kooperation mit verschiedenen Stellen, wie Behörden und Polizei. Es ist eine Arbeit, bei der man im Voraus nicht weiß, was den Tag über auf einen zukommt. Man plant natürlich schon, aber jeder Tag kann sich auch noch einmal komplett verändern, wenn beispielsweise ein Notfall reinkommt oder eine Betroffene akut Schutz oder Hilfe braucht.

„Zu wissen, dass das möglich ist, gibt Kraft und stärkt“

GSCHWÄTZ: Das ist sicher oft auch sehr fordernd. Welche Werte und Gedanken geben Ihnen Kraft?

Anderson: Kraft gibt mir ganz persönlich mein Glaube, der auch hier bei uns in der Arbeit eine besondere Stellung hat, das heißt, ich teile ihn auch mit meinen Kolleginnen, wodurch wir uns auch gegenseitig noch einmal ein großer Halt sein können. Ganz viel Kraft gibt auch zu wissen, dass man an einem wichtigen Auftrag arbeitet: Die Unterstützung von Menschen, die am Rande stehen. Ein Stück weit das Arbeiten gegen die Ungerechtigkeit, die passiert. Zu sehen, dass Frauen wirklich Unterstützung bekommen können – dass sie eine neue Perspektive entwickeln und neue Kraft bekommen. Zu wissen, dass das möglich ist, gibt Kraft und stärkt.

GSCHWÄTZ: Sie sind sicher oft mit tragischen Schicksalen konfrontiert. Schaffen Sie es immer, da emotionale Distanz zu wahren oder nehmen Sie die Schicksale der Frauen auch manchmal mit nach Hause?

Anderson: Es ist ganz unterschiedlich. Man bereitet sich natürlich innerlich auf die Gespräche vor. Wenn man in ein Gespräch geht, weiß man auch, dass etwas Schwieriges auf einen zukommen könnte, auch etwas sehr Leidvolles, das die Frauen oft erlebt haben. Manchmal gelingt es relativ gut, zu sagen: „Okay, das war jetzt das Gespräch. Ich mache mir meine Notizen und dann kann ich das auch wieder ein Stück weit abgeben.“ Aber natürlich gibt es auch Schicksale, die einen besonders treffen. Oftmals, wenn dann sozusagen noch „on top“ Sachen dazukommen oder eine Frau beispielsweise das gleiche Alter hat. Irgendetwas, an dem man merkt: „Okay, das könnte jetzt eigentlich auch meine Freundin oder Nachbarin gewesen sein.“ Manchmal kann man auch gar nicht sagen, warum einen ein Schicksal besonders trifft. Dann nehme ich es schon auch mal mit nach Hause. Aber ich glaube, ich habe über die drei Jahre hinweg auch schon gute Mechanismen entwickelt, wie ich die Sachen verarbeiten und auch wieder loslassen kann.

„Dann konnten wir dasitzen und zusammen ein Lied singen“

GSCHWÄTZ: Verstehe. Wenn Sie an ein besonders berührendes Ereignis während Ihrer Arbeit denken. Was kommt Ihnen da spontan in den Sinn?

Anderson: Spontan denke ich an ein Gespräch, das ich erst vor Kurzem hatte, wo ich mit einer Betroffenen von Menschenhandel zusammensaß, die jetzt gerade im Asylverfahren steht und gerade sehr hoffnungslos und perspektivlos ist. Sie war sehr jung, als sie Menschenhandel erlebt hat. Dadurch ist sie psychisch auch sehr mitgenommen. Ich habe mit ihr sehr viel darüber gesprochen, was sie denn zur Stabilisierung machen kann, was ihre Stärken sind, welche Dinge ihr guttun. Sie hat dann erzählt hat, dass sie sehr gerne singt und wir saßen da und ich habe sie gefragt, was ihr Lieblingslied ist. Sie hat gesagt, sie hat sich schon ganz lange nicht mehr getraut, zu singen, weil sie sich zu schuldig fühlt, um so etwas Schönes ausdrücken zu können. Dann konnten wir dasitzen und zusammen wieder anfangen ein Lied zu singen. Das war ein unglaublich berührender Moment.

„Wie eine Zukunft sich einfach weiterentwickeln kann“

GSCHWÄTZ: Gibt es noch andere Schicksale, die Sie gerne mit uns teilen möchten?

Anderson: Ich würde euch gerne von einer Frau erzählen, die ein Stück weit auch zeigt, was möglich ist. Auch für Betroffene von Menschenhandel. Wie eine Zukunft sich einfach weiterentwickeln kann. Diese Frau kommt aus Westafrika. Sie hat schon ganz viel Schlimmes erlebt: eine Krebserkrankung der Mutter, die dann gestorben ist, eine Vergewaltigung, dann gab es politische Unruhen, bei denen ihr Vater letztlich ins Gefängnis kam. Dann war sie komplett auf sich allein gestellt. Ihr Vater hatte schon versucht – weil sie auch eine sehr gute Schulbildung hatte – ihr zu ermöglichen, nach Europa zu kommen, um dort zu studieren. Das war ihr großes Ziel. Doch damit, dass ihr Vater ins Gefängnis kam, war eigentlich ihre ganze Hoffnung dahin. Letztlich hat sie in dieser Hoffnungslosigkeit einen Mann getroffen, der gesagt hat, er könne ihr helfen. Er könne organisieren, dass sie in Deutschland – damals war noch die Rede von Europa, denn sie wusste nicht genau, wo – studieren kann. Das hat dann auch geklappt. Sie saß dann im Flieger und kam nach Deutschland – sie wusste nicht, dass es Deutschland sein würde.

„Alle ihre Träume waren zerbrochen“

Anderson: Statt in ein Studentenwohnheim kam sie dann in ein Bordell und wurde dort über einen längeren Zeitraum ausgebeutet. Sie hat kein Wort verstanden, wusste nicht, wo sie ist, in welcher Stadt sie ist, konnte nicht raus gehen. Sie war einfach sehr hoffnungslos und perspektivlos. Sie beschreibt es selbst so, dass alle ihre Träume zerbrochen waren. Letztlich konnte sie mit der Hilfe eines Freiers, dem sie sich anvertraut hatte, fliehen. Sie kam zur Polizei und die Polizei hat dann Kontakt mit uns, mit unserer Fachberatungsstelle, aufgenommen. Wir konnten sie dann in einer unserer anonymen und dezentralen Schutzunterkünfte unterbringen. Die sind bei uns in ganz Baden-Württemberg verteilt, sodass wir gucken können: „Wo ist eine Person wirklich sicher?“ Das heißt, den Aufenthaltsort kennen dann auch nur wir Mitarbeiterinnen. Da konnten wir sie dann unterbringen, sie unterstützen. Das ging dann von neuer Erstbekleidung – sie kam mit nicht wirklich etwas an – bis hin zur Unterstützung beim Strafverfahren und Kontaktaufnahme mit Ärzten und Therapeuten – was sie eben gebraucht hat, in ihrer Situation. Sie konnte über diese Zeit, in der sie dort war, ganz viel Stabilisierung erleben, konnte vieles aufarbeiten. Sie sagt selbst, dass sie in dieser Zeit auch viel Heilung erlebt hat. Unter anderem ist bei ihr der Glaube auch eine sehr große Ressource, die sie neu gestärkt und motiviert hat. Letztlich konnte sie auch eine Ausbildung mit Sprachkurs anfangen und den jetzt auch schon erfolgreich abschließen. Sie konnte jetzt eine aufbauende Ausbildung neu beginnen und ist einfach dabei, sich eine Perspektive aufzubauen und neue Hoffnung zu finden und das ist einfach ganz arg schön, so etwas miterleben zu dürfen und zu sehen, dass eine Frau eine neue Perspektive und neue Hoffnung nach all den Schlimmen erfahren kann.

„Es ist natürlich auch ein harter Weg“

GSCHWÄTZ: Das ist ein sehr schönes, ein positives, Beispiel dafür, wie Sie als Fachberatungsstelle wirken und was Sie den Frauen mitgeben können. Haben Sie auch ein Beispiel, das weniger schön ausgegangen ist? Oder anders gefragt, gibt es auch Gegenbeispiele?

Anderson: Die gibt es natürlich auf jeden Fall. Leider. Es gibt immer wieder Frauen, die sich entweder dafür entscheiden, zurückzugehen oder diesen Weg einfach nicht schaffen. Ich meine, es ist natürlich auch ein harter Weg sich aus dem vielleicht jahrelang Bekannten – zwar sehr, sehr schweren, aber trotzdem Bekannten – herauszukämpfen und sich eine komplett neue Perspektive aufzubauen – auch in einem Land, in dem man sich nicht auskennt, dessen Sprache man nicht spricht. Das ist ein sehr harter und oftmals auch sehr langer Weg. Mir fällt da eben auch eine Frau ein, die sich mehrere Male an uns gewandt hat, die über Jahre hinweg in der Zwangsprostitution war, da sehr stark ausgebeutet wurde und dort viel körperliche und seelische Gewalt erlebt hat. Oft erleben die Frauen beides. Diese Frau war dann auch, unter anderem, in einer unserer Unterkünfte geschützt untergebracht, hat sich dann aber dazu entschieden wieder zu gehen – zu Verwandten, zu Freunden… Wir wussten letztlich auch, dass sie wieder in den Netzen dieses Täters, dieses Ausbeuters, drin gewesen ist. Sie hat mehrmals versucht auszusteigen, aber hat es bis dahin noch nicht geschafft. Wir wissen: Es gibt für jede Frau immer Hoffnung. Oftmals braucht es auch vielleicht zwei oder drei oder vielleicht auch vier Anläufe. Von daher ist es natürlich auch sehr, sehr traurig oder sehr schade, zu sehen, dass jemand zurück geht oder vielleicht auch versucht, irgendwo anders unterzukommen, wo diese Person dann doch wieder in irgendwelchen Ausbeutungsnetzwerken hängen bleibt. Die gibt es leider auch, diese Beispiele.

„Jede Frau könnte Betroffene von Menschenhandel werden“

GSCHWÄTZ: Wer wird Opfer von Zwangsprostitution? Gibt es Schnittstellen?

Anderson: Man kann nicht sagen, es sei eine bestimmte Personengruppe. Wenn man über Zwangsprostitution oder Menschenhandel nachdenkt, hat man da vielleicht Stereotype von der klassischen Frau, die Betroffene von Menschenhandel wird, im Kopf. Was wir in unserer Fachberatungsstelle erleben, ist, dass praktisch jede Frau Betroffene von Menschenhandel werden könnte. Auch was die Nationalitäten betrifft, kommen ganz gemischte Personengruppen bei uns an. Durch das, dass auch viele von Menschenhandel betroffene Frauen im Asylverfahren zu uns nach Deutschland kommen, sind es viele Frauen aus Westafrika. Wir haben aber auch Betroffene aus Osteuropa, Deutschland, Asien oder Lateinamerika. Natürlich ist ein Merkmal, dass oft Notsituationen ausgenutzt werden. Der Wunsch, der Familie zu helfen, sich selbst finanziell zu helfen, oder aus einer schwierigen Notsituation herauszukommen mit dem Versprechen, in Deutschland eine bessere Arbeit zu finden, oder der Möglichkeit, hier eine Schulbildung zu bekommen. Aber es gibt auch die sogenannten „Loverboys“, wo das Ganze aus einer Beziehung heraus entsteht, in der der Mann die Frau dann sehr stark von sich abhängig macht und dann mit Vorsätzen kommt wie: Er habe so viele Schulden und sie könne ihm doch helfen, die Schulden abzuarbeiten. Oder: Sie könne das für ihre Zukunft machen, dass sie sich gemeinsam eine bessere Zukunft aufbauen könnten. In dem Bereich gibt es auch viele deutsche Betroffene, die dadurch in eine Abhängigkeit geraten.

„Die Frauen leben in großer Angst vor den Tätern“

GSCHWÄTZ: Die wenigsten Fälle von Zwangsprostitution werden zur Anzeige gebracht. Warum ist das so?

Anderson: Ich glaube, dazu muss man ein Stück weit auch verstehen, dass die Frauen, die das erlebt haben, in einer großen Angst um sich und ihre Herkunftsfamilien, im Besonderen um ihre Kinder, vor den Tätern leben, weil es sich auch immer wieder um Täternetzwerke handelt. Das heißt, sie wissen, es steckt vielleicht nicht nur ein Einzeltäter, sondern organisierte Kriminalität dahinter. Oft ist auch nicht bekannt ist, wohin dieses Netzwerk insgesamt reicht. Da leben die Frauen einfach in einer großen Angst davor, was ihnen oder ihren Familien passieren könnte, wenn sie zur Polizei gehen oder eine Aussage treffen. Gerade bei den Betroffenen aus Afrika, besonders aus Westafrika, hängt ganz oft, ein sogenannter Schwur mit dabei, den sie dort ablegen – das heißt, da spielt noch eine geistliche Dimension mit rein. Wo sie, bevor sie nach Europa kommen, schwören, dass sie nicht zur Polizei gehen werden, dass sie das Geld zurückzahlen werden und solche Sachen. Das heißt, die Frauen haben auch aus dieser geistlichen Komponente heraus noch einmal große Angst, weil sie auch erlebt haben, dass Leute, wenn sie den Schwur brechen, dann wirklich verrückt werden, oder dass Familienmitglieder bedroht werden und so weiter.

„Oftmals fehlen auch Beweise“

Anderson: Dann ist natürlich ein weiterer Punkt, dass oftmals auch die Beweise fehlen. Dass die Frauen nicht so viel Wissen haben, dass es ausreichen würde oder dass sie denken, dass es nicht ausreicht. Das sind sehr große Punkte. Natürlich ist so ein Verfahren auch sehr, sehr anstrengend und sehr kräftezehrend. Gerade wenn man auf dem Weg ist, sich eine neue Zukunft aufzubauen, würde es für viele zu viel Kraft kosten, sich noch einmal mit alldem zu beschäftigen. So sagen viele, dass sie diesen Weg, der sich oft über mehrere Monate, manchmal ein Jahr hinzieht, einfach nicht schaffen. Was noch dazukommt: Den Frauen wird oftmals auch ein falsches Bild von Polizei und Behörden eingetrichtert. Oft kommen die Betroffenen auch aus Ländern, in denen die Polizei einfach korrupt ist. Zusätzlich wird ihnen gesagt: „Ihr bekommt Probleme, wenn ihr zur Polizei geht. Dann kommt ihr ins Gefängnis“ oder „Ihr müsst dann eine Strafe bezahlen.“ Das sind die Gründe, die Frauen davon abhalten, Anzeige zu erstatten.

„Mit dem Schwur fühlen sich die Frauen sehr stark gebunden“

GSCHWÄTZ: Könnten Sie das mit dem Schwur noch einmal genauer erklären? Ist das so eine Art Voodoo-Zauber?

Anderson: Genau. Das nennt sich Juju-Schwur und kommt vor allem im nigerianischen Menschenhandel vor, der eben in Westafrika im Moment sehr stark vertreten ist. Das heißt, die Frauen werden dort, oftmals auf ganz unterschiedliche Art und Weise, sozusagen angeworben. Das kann auf der Straße oder beim Friseur passieren. Oder, dass die Frauen irgendwo arbeiten und jemand sagt: „Oh, du machst Deine Arbeit ja so toll. Du könntest doch in Europa auch viel Geld verdienen.“ Dann lassen sie sich darauf ein und ihnen wird gesagt, dass sie davor noch diesen Juju-Schwur machen müssen. Dann ist man da in so einem Juju-Schrein mit einem Juju-Priester und dann wird dort ein Schwur geleistet. Es gibt verschiedene Sachen, die die Frauen von sich abgeben müssen und Sachen, die sie sagen müssen. Dort hören die Frauen meistens das erste Mal von den Schulden. Oft können sie mit der Bezeichnung Euro, oder eben auch mit der Summe, die sich dahinter verbirgt, nichts anfangen. Die Frauen müssen dann schwören, dass sie das Geld, das anscheinend für die Reise ausgegeben wird, zurückzahlen. Das ist oft ein Betrag zwischen 20 000 und 35 000 Euro, also wirklich sehr groß. Außerdem schwören sie, dass sie nicht zur Polizei gehen werden, dass sie sich an alle Regeln, die ihnen vorgegeben werden, halten werden und dass sie nichts über die Schleuser sagen werden. Dadurch fühlen sich die Frauen sehr stark gebunden, weil sie diese Schwüre als sehr starke Realität erleben.

„Es gibt eine sehr hohe Dunkelziffer“

GSCHWÄTZ: Dementsprechend ist die Dunkelziffer der von Zwangsprostitution betroffenen Frauen auch extrem hoch.

Anderson: Genau. Es ist sowieso ein Bereich, in dem eine sehr große Dunkelziffer besteht, weil sich nicht jede Frau an Hilfsangebote wendet und darüber spricht. Die ganz große Schwierigkeit dabei, Zahlen oder Statistiken zu erstellen, ist darin begründet, dass die bekannten Zahlen im Bundeslagebild des Bundeskriminalamtes nur die Zahlen von abgeschlossenen Ermittlungsverfahren aufzeigen. Das heißt, dass viele Frauen, die zu uns in die Beratung kommen, die keine Anzeige erstatten, oder bei denen es nicht zum abgeschlossenen Ermittlungsverfahren kommt, nicht darin aufgeführt werden. Von daher unterscheiden sich die Zahlen, die wir jetzt beispielsweise in unserem Jahresbericht haben, oder in dem unseres gemeinsamen Arbeitskreises mit den beiden anderen Fachberatungsstellen in Baden-Württemberg, vom Bundeslagebild dahingehend, dass wir die Frauen, die wir beraten mit in die Statistik aufnehmen und im Bundeslagebild nur die von abgeschlossenen Ermittlungsverfahren geführt werden. Aber natürlich gibt es darüber hinaus noch viel, viel mehr Frauen, die sich nicht an eine Beratungsstelle wenden und nicht zur Polizei gehen, wo dann letztlich kein Straf- oder Ermittlungsverfahren läuft. Wir haben dieses Jahr ca. 110 Frauen begleitet. Im Bundeslagebild sind es meistens aufs Jahr und ganz Deutschland gesehen, nicht so viele Fälle.

„Wir wünschen uns eine jährliche gute Grundfinanzierung der Beratungsstelle“

GSCHWÄTZ: Nach Schätzungen der EU-Kommission werden jährlich 120 000 Frauen und Mädchen aus der ganzen Welt nach Westeuropa verschleppt. Nach Schätzungen der internationalen Arbeitsgemeinschaft, Menschenhandel und Zwangsprostitution betreffend, werden mit Zwangsprostitution weltweit jährlich 28 Milliarden US-Dollar generiert. Was tun die Behörden, um diese vulnerable Gruppe von Menschen zu schützen? Wo wünschen Sie sich in Ihrer Arbeit noch mehr behördliche Unterstützung?

Anderson: Einmal ist natürlich auch da wieder zu sagen: Die Zahlen sind einfach ganz arg schwer zu belegen oder zu schätzen und zu beurteilen, was da wirklich stimmt. Es werden immer wieder so Schätzungen gemacht, um da einfach die Dimensionen aufzuzeigen. Wir erleben in vielen Bereichen eine sehr gute Zusammenarbeit mit Behörden. Gerade auch mit Ermittlungsbehörden haben wir sehr gute Kooperationen, wo einfach im Fall einer Betroffenen auch sehr schnell gehandelt werden kann. Da sind wir dankbar für das, was da auch auf sehr vielen Ebenen schon läuft. Gleichzeitig wünschen wir uns, dass das Thema Menschenhandel, was die Politik, aber auch die Arbeit unterschiedlicher Behörden, angeht, mehr fokussiert wird. Dass es wirklich eine flächendeckende Beratungslandschaft in ganz Deutschland für Betroffene gibt. Bei uns in Baden-Württemberg gibt es drei Fachberatungsstellen, die alle landesweit zuständig sind, was wiederum für ein ganzes Bundesland, so groß wie Baden-Württemberg, auch nicht zu viel ist. Das heißt, wir sind auch sehr viel in Erstaufnahmeeinrichtungen unterwegs, fahren die Frauen auch wirklich aufsuchend an. Auch wenn sich eine Frau von weiter weg bei uns meldet, wird sie trotz allem beraten und unterstützt. Was wir uns daher sehr wünschen würden, wäre auch eine jährliche gute Grundfinanzierung der Beratungsstelle. Das heißt, dass die Grundarbeit, das was es an Mitarbeit und Personalstellen braucht, einfach grundlegend finanziert ist. Das wäre einer unserer großen Wünsche, weil dadurch den Betroffenen auch mit guter Unterstützung begegnet werden kann und auch noch einmal mehr Aufklärungsarbeit möglich ist.

„Gerade in der Lockdown-Situation war da das Thema Einsamkeit“

GSCHWÄTZ: Was an Ihrer Arbeit hat sich in den letzten drei Jahren verändert? Sie sind seit drei Jahren bei der Mitternachtsmission, arbeiten auch in der Fachberatungsstelle für Prostituierte. Was hat sich seit der Corona-Situation verändert und wie erleben Sie Ihren Alltag jetzt? Wie haben Sie ihn im Lockdown erlebt?

Anderson: Es hat sich natürlich auch für uns sehr vieles durch die Corona-Situation verändert. Wir sind systemrelevant und dadurch konnten wir auch weiterhin präsent arbeiten und, wo nötig, unsere Klientinnen auch persönlich empfangen. Gerade in der Lockdown-Situation war da das Thema Einsamkeit. Wenn man keine Möglichkeit mehr hat, draußen zu sein oder sich mit anderen zu treffen, ist das für Personen, die Traumatisierungen erlebt haben, eine noch größere Herausforderung, wenn dann die Unterstützungsmöglichkeiten wegfallen oder nur noch telefonisch sind. Von daher haben wir da sehr viel Dankbarkeit auch von Seiten der Frauen erlebt. Wir hatten zu Beginn die Arbeit im Team in zwei Schichten, das heißt, ein Teil war zwei Wochen im Homeoffice und ein Teil war zwei Wochen vor Ort. Das hat die Arbeit vor Ort natürlich sehr intensiviert und natürlich im Homeoffice auch verändert, wenn da vieles per Telefon oder Zoom-Konferenz laufen musste. Gerade auch, da wir sehr eng im Team zusammenarbeiten, war das, glaube ich, für uns alle eine große Herausforderung.

„Die aufsuchende Arbeit ist weggefallen“

Anderson: Gleichzeitig sind wir einfach dankbar, dass wir weiterhin vor Ort arbeiten konnten. Gerade in der Fachberatungsstelle für Prostituierte haben wir sehr intensiv erlebt, dass wir nicht mehr aufsuchend unterwegs sein konnten, was einfach einen großen Teil unserer Arbeit ausmacht. Das ist sehr viel Beziehungsarbeit. Die meisten Erstkontakte entstehen durch die aufsuchende Arbeit. Die ist weggefallen und dadurch war es auch sehr viel schwieriger, die Frauen zu erreichen, weil sich sehr vieles auch ins Private verlagert hat. Da war es für uns einfach eine Herausforderung, den Kontakt zu den Frauen aufzunehmen. Gleichzeitig haben wir auch erlebt, dass sich sehr viele Frauen, die wir kannten, an uns gewandt haben, um zu gucken: „Wie können wir jetzt unsere Existenz sichern? Welche Anträge können gestellt werden? Wo kann Unterstützung passieren oder wie kann man vielleicht auch einen anderen Job suchen?“ Das war dann eben die andere Seite, wo wir erlebt haben, dass sehr viel Beratung in Anspruch genommen wurde, wo wir sehr dankbar sind, aber auch einfach in beiden Bereichen merken, dass eine weitere Auswirkung ist, dass die Verlagerung ins Private bestehen geblieben ist. Dass die Frauen schwerer zu erreichen sind und es natürlich auch den Druck auf die Frauen erhöht und sie dadurch vulnerabler werden, dass sie jetzt nicht mehr unter einer regelmäßigen Kontrolle stehen oder auch durch Betreiber,andere Mitarbeiter oder auch andere in der Prostitution arbeitende Personen in offiziellen Bordellen Unterstützung bekommen oder unter diesen Regeln arbeiten.

„Zwangsprostitution ist auch in Deutschland ein großes Thema“

GSCHWÄTZ: Was kann man tun, um Zwangsprostitution wirksam vorzubeugen?

Anderson: Aufklärung ist da ein ganz wichtiges Thema. Ich glaube sehr vielen Menschen in unserer Gesellschaft ist es einfach nicht so bewusst, dass es auch bei uns in Deutschland ein großes Thema ist. Dass Deutschland nicht nur Zielland ist, dass nicht nur Betroffene aus anderen Ländern sozusagen in Deutschland arbeiten, sondern, dass wirklich auch Betroffene aus Deutschland kommen. Deswegen ist es ganz arg wichtig, dass auch schon in den Schulen angefangen wird, das Thema zu thematisieren – gerade auch, was die Loverboy-Methode und solche Dinge angeht. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Und Freier sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein. Was man noch tun kann, ist, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und die Augen nicht vor dem Thema zu verschließen. Dadurch kann schon sehr viel vorgebeugt werden, dass Betroffene nicht  da rein kommen. Natürlich auch, Menschen in Notsituationen zu unterstützen, dass sie nicht versucht sind, sich auf solche Dinge einzulassen, sondern, dass sie auch andere Dinge sehen und Unterstützung erhalten.

Interview: Priscilla Dekorsi




Jeans made in Germany: das Geheimnis ihres Erfolges

Sina Trinkwalder war Unternehmensberaterin, bevor sie um 2010 eine Textilmanufaktur in Augsburg aufbaute. Bekannt wurde sie durch Ihren Ansatz, dort Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance mehr gesehen haben, zu beschäftigen. Im ersten Teil eines GSHWÄTZ-Interviews spricht sie über ihr soziales Engagement und darüber, wie es möglich ist, heutzutage in Deutschland noch Bekleidung zu produzieren, unter anderem ihre Jeansmarke Augschburgdenim, die sie in ihrer Firma manomama produziert.

GSCHWÄTZ: Via Zoom ist mir Sina Trinkwalder zugeschaltet. Beim „Vorbildpreis 2016“ in Bayreuth hast du dein Publikum ein wenig schockiert. Kannst du die Situation mal kurz kurz erläutern?

„Ich bin dann präsent, wenn es notwendig ist“

Sina Trinkwalder: In Bayreuth war es folgendermaßen … und nicht nur in Bayreuth. Ich mache das öfters, um Menschen einfach wirklich am Körper spürbar zu vermitteln, was falsch bei uns in der Wirtschaft läuft. Oft dann, wenn ich beispielsweise unterwegs bin, auf Lesungen und Vorträgen, und ich habe eine große Bühne und stehe da drei, vier Meter über dem Publikum. Dann lasse ich sie aufstehen und sich wieder setzen und die meisten fragen sich, warum sie das jetzt machen sollten. Dann kann man wunderbar erklären, dass Menschen einfach das tun, was jemand, der über ihnen steht, einfach befiehlt, ohne selber darüber nachzudenken, ob es überhaupt Sinn ergibt. Das ist die Erklärung dafür.

Menschen tun das, was jemand, der über ihnen steht, einfach befiehlt

GSCHWÄTZ: Mich hat das unheimlich erinnert an den Film Männer von Doris Dörrie, wo auch ein Manager-Test vorkommt. Wo der Herr Ochsenknecht einen Papierhut falten, den dann aufsetzen und auf den Stuhl steigen muss und hinterher heißt es, ja, ein Manager setzt sich keinen Papierhut auf und stellt sich auf einen Stuhl, wenn man es ihm sagt. Haben die Leute nichts gelernt seit der Zeit? Der Film war doch sehr berühmt damals.

Sina Trinkwalder: Da muss ich jetzt sagen, ich kenne ihn auch nicht, den Film (lacht). Insofern finde ich, die Argumentation „Haben die Leute nichts gelernt?“ würde ja nur ab einem gewissen Alter, in einem gewissen Alter greifen. Es gibt jeden Tag neue Menschen auf dieser Welt und jeden Tag gibt es neue Standpunkte, neue Sichtweisen. Insofern glaube ich auch, „hat man nichts gelernt“ ist nicht unbedingt der richtige Ausdruck, sondern wir lernen jeden Tag aufs Neue. Das dürfen wir fragen, ob wir nicht bereit sind, jeden Tag aufs Neue lernen. Da würde ich unterschreiben. Nein, es gibt Leute, die sich dann ganz felsenfest auf den Standpunkt setzen „das haben wir immer schon so gemacht“, es wird anders gemacht und Ende. Und das ist auch momentan ein bisschen unser Dilemma.

Würth verleiht Preis an Trinkhauser: „Unternehmerisches Herz“

GSCHWÄTZ: Ah ja, da nimmst Du was vorweg. Das ist nämlich einer der zwei Sätze, die meiner Meinung nach die deutsche Bekleidungsindustrie in den Ruin getrieben haben. Der eine ist „das haben wir noch nie so gemacht“ und der andere ist, „das haben wir schon immer so gemacht“. Aber das ein kleiner Vorgriff.

Du hast 2017 einen Preis bekommen mit einer Beziehung zu Künzelsau, nämlich den Preis Unternehmerisches Herz, der unter anderem von der WÜRTH-Gruppe verliehen wird, von der Wirtschaftswoche unter anderem  und der WÜRTH-Gruppe. Wiie fühlt man sich da, wenn man als relativ kleiner Unternehmer einen Preis bekommt von einer Zeitung und einem Unternehmen, das doch weltweit agiert und eigentlich Großindustrie ist?

Sina Trinkwalder: Wie fühlt man sich da? Ich habe ja, wenn du geguckt hast, sehr sehr sehr, sehr viele Preise bekommen und ich fühle mich danach auch nicht anders als die anderen, sondern „weitermachen“. Das ist mir eigentlich reichlich egal, wie groß oder klein jemand ist. Wenn jemand Notiz von der Arbeit nimmt, die wir in Augsburg machen, dann ist es doch wunderbar und dann begrüße ich das auch.

GSCHWÄTZ: Kannst Du vielleicht ganz kurz darauf eingehen, was du genau in Augsburg machst?

Sina Trinkwalder: Was ich in Augsburg mache? Seit vielen, vielen Jahren, seit nunmehr fast 12 Jahren produzieren wir in Augsburg wieder Bekleidung. Wir wertschöpfen Textilien dort, wo sie vor vielen vielen Jahrzehnten auch gewertschöpft wurden. In einer Zeit bevor man eben bevor man eben im Zuge der Globalisierung woanders hingegangen ist.

GSCHWÄTZ: In der Laudatio zu dem Preis von Würth steht das sehr genau drin: „Sie produziert in ihrer teuren Heimat, verwendet Stoffe aus Deutschland und gibt Langzeitarbeitslosen einen Job in einer Welt mit immer mehr Menschen und begrenzten Ressourcen. Müssen wir anders denken, um nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen? Und Trinkwalder zeigt, wie es gehen kann.“

Corona: „Ich musste niemand meiner Kolleg:innen nach Hause schicken“

Sina Trinkwalder: Ja, vielleicht. Was ganz spannend ist, auch in der Zeit der Krise, der Coronakrise, wo ja die ganzen globalen Ketten implodieren. Wir kamen die letzten eineinhalb Jahre komplett ohne Kurzarbeit aus, ich musste niemand meiner Kolleginnen und Kollegen nach Hause schicken. Wir machen weiter wie bisher. Und ja, es zeigt vielleicht auch, dass es nicht unbedingt die falscheste Entscheidung war, wieder in einer regionalen, beständigen Wertschöpfungskette zu produzieren. Vor allen Dingen ist es die ökologischste.

GSCHWÄTZ: Wie schaffst du das, Jeans auf den Markt zu bringen – Ich habe jetzt zum Beispiel gerade eine an, man sieht es aber nicht – die zum einen in einer sehr guten Qualität sind und zum anderen vom Preisniveau ungefähr auf dem Niveau liegen, wie es die großen Ketten auch anbieten, die dann die Jeans aber für 10 Euro aus Asien importieren.

So rechnet sich die Herstellung einer Jeans

Sina Trinkwalder: Na ja, das Geheimnis ist ganz einfach Du hast es schon gesagt: In einer sehr guten Qualität. Wir würden gar nicht überleben, wenn wir nicht sehr gute Qualität produzierten. Naja, und das zweite ist, dass wir völlig anders kalkulieren. Wenn man sieht, wie heute eine Jeans kalkuliert ist, übrigens jedes textile Produkt … Vor ungefähr fünf bis sieben Jahren war es noch so, dass man sagte der Herstellungspreis mal 3 plus Mehrwertsteuer. Also wenn wir 10 Euro Herstellungspreis oder Fabrikabgabepreis haben, dann wärst du da bei 30, 35 Euro plus Mehrwertsteuer bis bei 45 Euro, salopp gesagt. Die hat aber damals schon 100 Euro gekostet. Mittlerweile sind die Kalkulationen auf das sieben- bis achtfache. Also die Jeans ist nicht teurer geworden bzw. nur minimal teurer geworden. Aber mittlerweile zahlst du 120 bis 150 Euro für dieselbe Geschichte.

Augschburgdenim-Jeans im manomama-Webshop.

Warum? Weil natürlich zum einen die Unternehmen das wirklich brauchen, weil sie sich im Internet um die Reichweite schlagen und einen Haufen in Werbung stecken. Die haben überhaupt gar keine Kohle für Werbung. Und zum Zweiten ist es so, dass sie auch den Verwaltungs- und auch den ökologischen Apparat bedienen müssen. Also so eine Logistik-Geschichte, die kostet ja richtig Geld. Mittlerweile sind wir bei 20.000 Dollar für einen Container. Das wird alles teurer. Das ist bei uns hier nicht teurer geworden. Und das einzige, was teuer ist, aber „teuer“ empfinde ich als völlig falschen Ausdruck, ist Arbeitskraft. Ich setze oder ich richte meine Unternehmen alle volkswirtschaftlich aus. Und volkswirtschaftlich gesehen ist es genau das einzig Richtige zu sagen, dass wir jedem Menschen auch wieder ermöglichen, seinen Erwerb zu erwirtschaften.  Egal wie jung oder alt er ist, wie groß, wie klein, wie dick, wie dünn, wie  gehandicapped oder wie nicht gehandicapped. Das ist die Aufgabe für mich als Unternehmer. Und dass es teurer in der Herstellung ist, ist natürlich klar, auch weil wir ausschließlich ökologische Materialien und regional verarbeiten. Aber im Endeffekt langfristig gesehen, vom Blick unserer Enkel und Enkelskinder gesehen oder Enkelsenkel gesehen, ist es eine richtig günstige Hose.

Marketingkosten über 50 Prozent

GSCHWÄTZ: Meine nächste Frage ja schon teilweise angesprochen. Eigentlich steckt ja in den „Industrietextilien“ teils 50 Prozent Marketingkosten drin.

Sina Trinkwalder: Das wird wahrscheinlich nicht mal mehr reichen. Ja, das Marketing bei manomama bin ich [lacht]. Mehr ist nicht drin.

GSCHWÄTZ: Nunja, das ist ja auch ein Gesicht und eine Person, die bekannt ist. Da braucht man dann keine Fußballspieler mehr?

„Wenn Leute sagen, das geht nicht, dann ist es deren Begrenzung.“

Sina Trinkwalder: Ja, manchmal wäre mir es ganz recht, wenn es anders wäre. Aber es ist völlig in Ordnung. Ich habe mich wie gesagt vor 12 Jahren für das soziale Projekt entschieden. Heute ist wirklich ein stabiler Mittelständler daraus geworden und wir sind alle stolz. Wir haben ja jetzt auch gerade die Diskussion mit Mindestlohn 12 Euro. Klappt das oder klappt es nicht? Das ist für uns beispielsweise überhaupt gar keine Diskussion. Wir sind gestartet, als es gar keinen Mindestlohn gab. Und auch jetzt, wir haben vor eineinhalb Jahren schon gesagt, wir müssen uns so aufstellen und so umstrukturieren und wir müssen so Produkte produzieren, dass wir auch die Löhne erwirtschaften, dass die Menschen davon leben können.

Kann „überhaupt nicht verstehen, dass wir hier in Deutschland um Mindestlöhne diskutieren.“

Und wenn Leute sagen, das geht nicht, dann ist es deren Begrenzung. Ja, es geht schon, wenn man will. Dazu braucht es auch wirklich tolle Partner. Wir produzieren ja beispielsweise auch viele Einkaufstaschen für die Edeka, Tegut, DM und auch die gehen den Weg, weil auch dort wissen die Einkäufer, alles wird teurer. Niemand kann erwarten, dass immer alles gleich bleibt. Aber wenn alles teurer wird, müssen auch die Löhne steigen. Insofern kann ich die Diskussion überhaupt nicht verstehen, dass wir hier in Deutschland um Mindestlöhne diskutieren.

GSCHWÄTZ: Du hast eben gesagt, Deine soziale Firma. Wie äußert sich das ursprünglich? Wenn ich das recht in Erinnerung habe, waren ja diese Taschen im Prinzip der Einstieg, durch den du den Leuten bekannt geworden bist.

„Du kannst das und komm, wir gehen gemeinsam den Weg“

Sina Trinkwalder: Es ist. Wir machen bis heute zum großen Teil ungefähr 60 bis 65 prozent Einkaufstaschen aus Bio-Baumwolle. Einkaufstaschen für die großen Kooperationspartner, weil das auch der Qualifikations- Einstieg für meine Menschen ist. Für jemand, der noch nie an der Nähmaschine gesessen ist, ist das ein überschaubares Projekt. Das sind Handgriffe, die man erlernen kann. Und über diese Handgriffe hinweg, finden sie wieder Selbstvertrauen und  Selbstwertgefühl, dass sie was drauf haben.
Wenn man bedenkt … Du musst dir vorstellen, wenn dir 500 mal jemand erzählt, du bist zu blöd für irgendwas, du kannst gar nix, ich will dich nicht einstellen, dann glaubt man das irgendwann und dann ist das Selbstwertgefühl komplett weg, das Selbstvertrauen nicht mehr da. Und das müssen wir erst mal wieder aufbauen und sagen „Doch, da gibt’s was und du kannst das und komm, wir gehen gemeinsam den Weg“. Und so fing das Ganze eben an..

GSCHWÄTZ: Es waren also Mitarbeiter, die zu dem Zeitpunkt in irgendeiner Weise krank waren, vielleicht auch psychisch Probleme hatten, die du da ursprünglich eingestellt hast?

„Und bis heute stellen wir Menschen ein, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht einfach haben.“

Sina Trinkwalder: Und bis heute stellen wir Menschen ein, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht einfach haben, wir haben sehr viele Menschen, die einen Migrationshintergrund haben, also Barrieren in der Sprache oder im Lesen beispielsweise. Wir haben Menschen, die vermeintlich zu alt sind, zu wenig leistungsfähig in den Augen der Human-Resources-Abteilungen. Wir haben körperlich gehandicapte. Psychisch gehandicapte haben wir weniger, weil wir ja keine Therapie-Einrichtung sind, den Schuh ziehen wir uns auch nicht an. Psychisch gehandicapte Menschen oder psychisch beeinträchtigte Menschen, die brauchen professionelle Hilfe. Das sind wir der falsche Ansprechpartner. Das darf man eben nicht verwechseln. Weil am Ende des Tages sind wir auch eine Unternehmung, die die schauen muss, dass sie schwarze Zahlen schreibt. Das machen wir seit Jahren. Wir haben keine Bankkredite, keine Fördermittel, nichts. Und das wollen wir auch weiterhin so behalten. Aber wir sind eben keine therapeutische Einrichtung.

GSCHWÄTZ: Bekleidungsnäherinnen zu finden dürfte im Moment schwierig sein, weil es den Beruf in der Ausbildung praktisch nicht mehr gibt in Deutschland?

„Wir haben wieder angefangen, auszubilden“

Sina Trinkwalder: Ja, das war von Anbeginn schwierig, es gibt sie nicht mehr, wie du richtig gesagt hast, aber wir haben wieder angefangen, auszubilden. Und wir selbst bilden in Augsburg Bekleidungsfertiger aus,  Modeschneider, Modenäher und schaffen uns selbst unsere Manufaktur Kolleginnen.

GSCHWÄTZ: Wie viele Mitarbeiter hast du im Moment im Produktionsbereich?

Sina Trinkwalder: Es gibt keinen anderen Bereich bei uns. Wir haben keinen großartigen Verwaltungsbereich. Wir haben da zwei Halbtagskräfte und das ist natürlich … momentan sind wir zirka 130 Leute.

GSCHWÄTZ: Das ist ja keine ganz kleine Firma mehr.

Sina Trinkwalder: Nee, so klein ist sie nicht, sie war schon auf 150. Wir haben aber dann auch jetzt die letzten zwei Jahre im Zuge der Pandemie mit Abständen und Tralala und weiß der Geier was alles zum Einen und zum Zweiten auch aufgrund der Tatsache, dass wir bereits viele Ladies und Gentlemen mit in die Rente begleiten durften, gesagt, wir machen jetzt erst mal halblang, um wirklich zu gucken, dass wir alle gesund durch diese Krise kommen.

GSCHWÄTZ: Wenn man jetzt sich die Lage der Bekleidungsindustrie in Deutschland generell vorstellt: Wir haben keine ausgebildeten Mitarbeiter mehr, die Maschinenindustrie ist im Prinzip abgewandert, bei der Deutschland absolut führend war, weil es einfach keine Partnerfirmen mehr gegeben hat. Siehst du irgendeinen Weg, diese Industrie zum Teil wieder zurückzuholen nach Deutschland?

Bekleidungsindustrie in Deutschland: „Ich glaube, zurückkommen wird keiner mehr.“

Sina Trinkwalder: Nein, ich glaube, zurückkommen wird keiner mehr, zumindest nicht unter den Voraussetzungen, wie wir es bei manomama machen. Monomama, der Name kommt von Manu, die Hand, und Mama, die Mutter. Aus den Händen der Mütter. Bei uns steht auch der Manufaktur-Gedanke sehr groß im Vordergrund. Manufaktur deshalb, weil du dir vorstellen musst, wenn du etwas mit den Händen erarbeitest, dann gibt es auch eine intrinsische Motivation. Diese viel besagte intrinsische Motivation, die Selbstwertgefühl vermittelt und die einfach ein gutes Gefühl gibt, dass du etwas drauf hast, dass du etwas kannst.
Was mit Sicherheit wieder zurückkommt –  was wir bei Adidas schon gesehen hatten, wobei die schon wieder weg sind – ist vollautomatisierte Schuhproduktion, vollautomatisierte T-Shirt-Produktion. Da brauchst du dann nicht 10 Menschen, um beispielsweise einen Hoodie zu produzieren, sondern einen halben, der parallel fünf Maschinen bedient und fünf Mal aufs Knöpfchen drückt. Das ist in meinen Augen nicht menschenfreundlich, weil niemand Bock hat, den ganzen Tag nur aufs Knöpfchen zu drücken. Ja, das ist auch nicht zielführend für die Motivation, sondern das ist einfach ein Handlanger der Automatisierung. Das, glaube ich, kann wieder nach Deutschland kommen, gerade im Hinblick auf implodierte Lieferketten, dass man versucht, so viel wie möglich zu automatisieren.
Aber das ist genau den Weg, den wir nicht gehen, sondern wir wollen, dass der Mensch im Hintergrund steht, dass eine menschliche, kreative Schaffenskraft im Vordergrund steht, dass wir nach wie vor auf der Wurzel sind, wie ich manomama auch gegründet habe: Wirtschaft FÜR  Menschen und nicht durch Menschen. Wir sind eine 130-Leute-Manufaktur und es bleiben wir auch immer.

GSCHWÄTZ: Ist das Manufakturwesen möglicherweise für Deutschland eine Zukunft in verschiedensten Industriebereichen?

Die Renaissance des echten Handwerks

Sina Trinkwalder: Bin ich ganz, ganz sicher, dass dem so ist und wir sind auch mittendrin in einer Renaissance, in einer beginnenden. Wenn man sieht, junge Menschen bekennen sich wieder zum Bäckerhandwerk, zum Fleischerhandwerk, zu ganz archaisch bodenständigen Handwerksgebilden. Ich glaube, dass wir auch in großen Teilen diesen Zenit an Industrialisierung echt überschritten haben. Es wurde alles standardisiert, es wurde alles ge-DIN-Normt. Der Mensch hat keinen Bock mehr auf standardisierte Scheiße. So wird Konsum auch nicht mehr funktionieren. Dass wir Konsum brauchen, da brauchen wir nicht drum herumreden und dass wir ihn auch ein bisschen wollen, ist ja auch in Ordnung. Die Frage ist, wie gestalten wir ihn so, dass wir nicht Raubbau an Mensch, Tier, Umwelt treiben. Und ich glaube, wenn wir wieder viele Kleine nach vorne bringen, durchaus auch mit den Regularien von großen Industrien, wenn es um Lebensmittelsicherheit geht, um Arbeitsschutz geht und und und, dann kann das eine ganz wunderbare, vielfältige Geschichte werden. Wir brauchen auch Vielfalt in der Wirtschaft. Ja, ich finde Einfalt oder Monopolismus und Monopolstellungen finde ich ganz, ganz ganz gefährlich.

Im zweiten Teil des Interviews spricht sie über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Verwerfungen in der Bundesrepublik und die Chancen, die sich daraus auch ergeben können.

Die Fragen stellte Matthias Lauterer

 




„Du könntest jetzt irgendwo im Süden Europas gemütlich in irgendeinem schönen Beach Club sitzen“

Die Professorin Anna-Maria Schärer (50) aus Weißbach und der an Multiples Sklerose erkrankte Markus Neugebauer aus Morsbach haben sich in diesem Jahr auf eine besondere Reise begeben. Sie sind unabhängig voneinander auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela gewandert. Schaerer sechs Wochen lang und Neugebauer, der an Multipler Sklerose leidet, ein paar Tage. Mit GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann sprachen sie über ihre Erlebnisse, Begegnungen, Tränen zwischendurch und warum sie sich vorstellen können, so eine Tour nochmal zu machen.

Karte vom Jakobsweg in Nordspanien. Anna-Maria Schärer ist fast den ganzen Jaokobsweg gelaufen. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Ich möchte heute mit euch über eure Erfahrungen sprechen und was euch überhaupt auf den Weg gebracht hat. Anna-Maria, ich habe dir die schwierige Aufgabe gestellt, aus den vielen tausenden Fotos deiner Reise ein Bild auszuwählen, was dich besonders berührt oder geprägt hat.

Anna-Maria Schärer: Ich habe tatsächlich etwas gefunden. Das ist das Foto, das ich gleich am Anfang gemacht habe. Und das, denke ich, hat mich die ganze Reise über begleitet.

„Ich wusste nicht, wohin das führt“

GSCHWÄTZ: Das Foto zeigt einen Weg, rechts und links davon Wiese. Man sieht gar nicht, wohin der Weg führt, weil es so neblig ist.

Schärer: Genau richtig. Das beschreibt eigentlich so auch tatsächlich die Reise. Also ich wusste nicht, wohin das führt sowohl emotional als auch geografisch als auch sonst in keiner Weise. Also es war so unbekannt. Es gab immer einen Weg, aber man wusste nicht, wohin er führt.

Startpunkt: Hier beginnt der Jakobsweg. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Du warst sechs Wochen unterwegs und bist fast den gesamten Jakosbweg gelaufen. Bis auf eine verletzungsbedingte Unterbrechung. Was hast du für Erwartungen an diesen Weggehabt?

Keine Erwarten gehabt

Schärer: Ich hatte tatsächlich keine. Das ist auch generell etwas, so gehe ich auch viele Sachen an, vor allem Unbekanntes. Da ist die Enttäuschung einfach auch kleiner, geringer beziehungsweise man vermeidet sie weitgehend, weil man eben nichts weiß. Ich wollte es wirklich einfach erleben. Ich hatte kein bestimmtes Ziel, also ein geografisches ja, aber kein persönliches Ziel. Es gab auch nichts Dramatisches, was ich verarbeiten musste. Ich wollte das einfach tun.

Pilgerausrüstung: Wanderstiefel und Rucksack. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Das heißt, eines Tages bist du aufgewacht und hast gesagt, noch in diesem Jahr mache ich mal diesen Weg.

Schärer: Also, das war vor zirka 15, 16 Jahren. Da habe ich mir überlegt, wie dieser Jakobsweg wohl  ist. Und gedacht, das können wir ja auch mal machen. Da haben alle gelacht, weil ich tatsächlich auch dafür bekannt bin, dass ich auch so faul bin, dass sie so automatisiert Aktivitäten grundsätzlich ablehnen. Also Reisen im Rucksack und überhaupt in Frage stellen. Das ist gar nicht meins. Und deswegen war es eben so verwunderlich. Ich habe mich auch ein bisschen über mich gewundert. Woher kommt das? Wieso muss ich das jetzt tun? Aber ich hatte wirklich einfach das Gefühl, ich muss das tun. Ich habe viele Jahre später dann, als ich mich mehr damit beschäftigt habe, immer mal wieder einen Satz gelesen, in dem drinstand, dass der Jakobsweg angerufen hat, so komisch das auch klingt. Aber so habe ich es tatsächlich erlebt. Ich habe irgendwie in mir gespürt, ich muss das tun, ich muss den gehen und ich muss ihn wirklich vom Anfang, also vom Anfang des Camino Parsec, bis zum Ende gehen.

„Ich dachte, ich habe mich grandios vorbereitet“

GSCHWÄTZ: Hattest du eine spezielle Vorbereitung?

Schärer: Ich habe früher sehr viel Sport gemacht, so dachte ich, das ist überhaupt kein Problem. Dann habe ich überhaupt keinen Sport gemacht. Dann kamen auch diverse Erkrankungen dazu, die mich wirklich sehr, sehr faul gemacht haben. Ich spiele sehr viel Golf und dachte mir, da laufe ich ja noch viel, das wird schon gehen. Ich habe ein bisschen Respekt vor den Pyrenäen und habe dann diesen Sommer und den Lockdown genutzt und habe mich, wie ich dachte, grandios vorbereitet. Das sollte sich dann allerdings als falsch rausstellen. Ich habe meinen Hund geschnappt, bin einfach los. Ich habe angefangen so mit zehn Kilometer, 15 oder 20 Kilometer am Tag. Und das war der Knackpunkt, weil es ging nämlich super. Ich dachte eher, das Problem wird die Wiederholung sein, also das jeden Tag zu machen. Dann habe ich irgendwann gedacht, jetzt mit Rucksack. Ich habe diesen Rucksack beladen mit einem Gewicht, von dem ich dachte, dass es gut wäre für die Reise, das dabeizuhaben. Wie gesagt, ich habe gedacht, das Rätsel wird eben sein, das täglich zu machen. Das kann ich ja nicht üben. Also ich kann ja jetzt hier nicht jeden Tag 20, 25, 30 km laufen. Weder habe ich Zeit und Muße noch irgendwas. Ich kann mich eh nicht vorbereiten, also muss ich jetzt gar nichts mehr machen. Ich bin ganz entspannt im Sommer in den Urlaub gefahren. Und da stand ich dann irgendwann am 16. August am Fuße der Pyrenäen und nach circa anderthalb Stunden dachte ich, das wars. Ich komme gar nicht mehr zurück. Also ich werde hier wahrscheinlich sterben auf dieser Erde. Nach drei Stunden habe ich dann ein Zwischenziel erreicht. Da habe ich dann gehört, dass man das so im Durchschnitt nach circa anderthalb Stunden erreicht. Aber ich brauchte tatsächlich drei Stunden dazu. Und dann hat man mir gesagt, ab jetzt wird es vielleicht leichter. Diese erste Etappe ist der schlimmste Teil der Strecke bei den Pyrenäen. Und jetzt wird es leichter. Und darauf wartete ich dann irgendwie, dass es jetzt leichter wird. Aber war wirklich furchtbar. Deswegen auch dieses Bild. Es war anders.

Waldweg zwischen Finisterre und Muxia. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Markus Neugebauer ist auch hier bei uns. Seid ihr gemeinsam aufgebrochen oder bist du auch alleine los? Markus, du hast MS, also Multiple Sklerose, und hast gesagt, du machst es und du schaffst das auch.

Markus Neugebauer: Es war im Vorhinein schon klar, dass ich das nicht ganz schaffe aufgrund der Krankheit. Wir haben es reduziert auf fünf Tage. Also fünf Tage auf 15 Kilometern. Wir haben sozusagen aus dem Jakobsweg eine Route gemacht. Ich habe aber wirklich auch Menschen mit Rollstuhl gesehen. Ich habe Menschen gesehen mit nur einem Bein, die mich völlig fasziniert haben und die auch eine wahnsinnige Motivation für mich waren.

Man lernt sofort andere Menschen kenn

GSCHWÄTZ: Wie war das, dich selbst zu motivieren oder mit anderen ins Gespräch zu kommen?

Neugebauer: Also man lernt, wenn man es selbst nicht gerade völlig ablehnt, sofort andere Menschen kennen, mit denen man dann auch teilweise läuft. Wobei dieses teilweise laufen für mich jetzt so war, dass ich ungern mit jemandem tatsächlich zusammen gelaufen bin, sondern eher so morgens zusammen gestartet und dann abends oder nachmittags irgendwo angekommen bon. Jeder hat ein eigenes Laufziel. Und da wollte ich mich nicht unter Druck setzen. Jetzt mal ganz salopp ausgedrückt, das nervet alle Beteiligten. Also wenn einer schneller oder mal langsamer läuft oder ein Jahr Pause machen kann. Das bringt einen völlig aus dem Konzept. Etwas so einfaches Mitlaufen.

Hier geht’s lang: Wegweiser auf dem Jakobsweg. Foto: privat

Schärer: Ich habe sehr, sehr schnell, am dritten Tag zwei Damen aus Amerika kennengelernt, mit denen ich unheimlich viel gelaufen bin. Also gelaufen, wie ich es gerade beschrieben habe, aber tatsächlich wirklich aktiv gelaufen bin ich die meiste Zeit alleine. Und über was denkt man denn da so drüber nach? Ist wirklich so eine Reise zu dir selber. Lernt man sich da selber besser kennen? Oder ist es eigentlich eher so ein bisschen Idealisierung dargestellt, wenn man sowas abgeklärt? Ich denke ja. Also das ist jetzt natürlich eine wirklich völlig subjektive Wahrnehmung von mir. Ich persönlich habe es so empfunden. Ich hatte ja keine dramatischen, eigentlich überhaupt keine Erwartungen. Ich wollte das einfach machen. Ich wollte diese Erfahrung machen. Hat das was mit mir gemacht? Meine persönliche Meinung ist, dass sich das Leben nicht ändert auf dem Jakobsweg. Also da passiert was, aber keine Erleuchtung. Ich glaube, dass Leute, die so losgehen, vielleicht auch ein bisschen enttäuscht sind. Mit jedem Tag wird es immer irgendwie emotional, ohne dass ich es jetzt genau in Worte fassen kann, was da passiert. Also es passiert tatsächlich etwas mit einem. Aber ich kann nicht wirklich beschreiben was.

„Ich habe festgestellt, ich denke gar nicht mehr“

Neugebauer: Für mich war das so am Anfang: Ich bin losgelaufen und dann kamen die Gedanken wie, habe ich das jetzt beim Steuerberater abgegeben? Also salopp, habe ich dieses Formular abgegeben? Oder so Alltagsgeschichten wie ist die Waschmaschine ausgeschaltet? Und auf einmal habe ich dann festgestellt, ich denke gar nichts mehr. Der Kopf ist wirklich frei. Meditatives Gehen. Ja, es ist wirklich so. Aber es ist kein bewusster Prozess, sondern man läuft einfach und stellt es fest. Und ja, es bringt einen absolut runter, weil es sehr, sehr reduziert ist. Alles auf den Jakobsweg reduziert im Sinne von schlafen gehen, essen, laufen. Das sind die drei Probleme. Ich habe nicht in den Herbergen übernachtet. Also, dass diese Gemeinschaftsräume mit an die 20, 30 Menschen voll sind. Die letzte ist eine kleine Herberge, aber ansonsten sind auch gerne 50 oder 80 Leute da. Das war für mich die Horrorvorstellung schlechthin.

Schärer: Ich habe es schon nicht mit Jugendherbergen in meiner Jugend gehabt und jetzt schon gar nicht mehr. Also kein wirkliches No-go. Ich habe es tatsächlich mal probiert, wollte das mal erleben und habe dann sofort festgestellt: ganz schön, aber nein. Ich habe immer so übernachtet, dass ich immer ein Einzelzimmer hatte und ein eigenes Bad. Das habe ich vorher gebucht. Nicht weit im Voraus, teilweise wirklich an dem Tag, an dem ich gelaufen bin. Es gibt zahllose Apps, die sehr, sehr komfortabel sind und wo man einfach nur guckt: Wo laufe ich heute los? Wo will ich hinlaufen? Und da sieht man in der App, was ist. Welche Orte gibt es zwischendrin? Wie weit sind die entfernt voneinander? Man weiß zu jedem Zeitpunkt wo man ist. Wie weit habe ich jetzt bis zum nächsten Café? In diesem Ort gibt es dann auch noch eine Herberge, Pension, Gaststätte, Hotel. Muss ich Angst haben, dass ich auf der Wiese schlafen muss? Also das hatte ich wirklich nie.

„Das Pilger-Menü reduziert sich auf Hühnchen mit Pommes“

GSCHWÄTZ: Wie war das mit den Kosten? Wie viel habt ihr ausgegeben?

Schärer: Ich glaube, das günstigste, was ich beobachtet habe, war für 20 Euro. Aber es gibt eigentlich kein Limit. Die meisten kosten 30 Euro. Aber man kann das schon berechnen. Also ich bin bestimmt nicht repräsentativ, weil ich ganz anders gelaufen bin als viele andere, die in den dortigen Herbergen schlafen für im Schnitt zehn oder 15 Euro die Nacht. Ich würde sagen, im Schnitt habe ich bestimmt 40 Euro bezahlt. Das heißt also, da bin ich schon um ein Vielfaches höher und dann noch das Essen dazu.

Neugebauer: Ja, also dieses Pilger-Menü, das es überall gibt, das ist eher schlecht für jemanden, der nicht fragen kann. Das heißt Pirmin Menü und natürlich ist es nicht immer das gleiche, aber letztendlich ist es dann reduziert auf Hühnchen mit Pommes.

Pilgerpause in einer Pilgerunterkunft in Donativo zwischen Finisterre und Muxia. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Hast du nach Alternativen gesucht?

Schärer: Nein, es ist, wie Markus gesagt hat, das Menü. Das wird eigentlich überall angeboten. Meistens sind diese Gaststätte ja in wirklich kleinen Dörfern. Das ist sehr kostengünstig. Das sind irgendwie so elf oder zwölf Euro für drei Gänge mit einer Flasche Wein und Wasser natürlich. Für diesen Preis kann man nichts qualitativ Hochwertiges erwarten und so war es dann eben auch. Es ging wirklich mehr oder weniger um satt werden, also einfach um Kalorien und Energie. Es gab unterschiedliche Dinge, meistens drei oder vier Sachen sogar zur Auswahl. Aber so ziemlich alles war immer mit Pommes. Man braucht auch unterschiedlich viel Energie pro Tag. Denn das ist auch sehr sehr unterschiedlich, das liegt am Tempo. Ich wurde sehr langsam müde, auch weil ich mich dann zwischendurch verletzt habe und einfach nicht schneller gehen konnte. Das heißt also, ich bin im Schnitt zwischen 25 und 30 Kilometer am Tag und sehr, sehr langsam gelaufen zu den sehr heißen Zeiten. Also so 38 Grad war es dann tatsächlich morgens schon. Jedenfalls bin ich dann also auch noch im Dunklen losgelaufen, um dann eben nicht sehr lange Zeit diese Hitze zu haben. Und ich bin dann immer so gelaufen, dass ich am späten Nachmittag schon wieder angekommen bin. Ich bin aber wirklich ausgesprochen langsam gelaufen und ich habe viele Pausen gemacht.

„Auch im Nirgendwo stehen Getränkeautomaten“

GSCHWÄTZ: Bei 38 Grad überlege ich mir grad schon, wie deine Liste aussehen müsste für diesen Rucksack, den man dann da mitnimmt?

Schärer: Also dieser Rucksack war ja gar nicht meiner. Insofern hatte ich wirklich null Erfahrung. Ich wusste aber, da muss ich erst mal beim Rucksack anfangen muss, also ganz bei den Basics. Da muss ich auch tatsächlich verraten, dass ich keine Ahnung habe, worauf man achten muss. Also einfach ein Rucksack. Dann war es so, dass ich im Bekanntenkreis tatsächlich jemanden habe, der sich damit wahnsinnig gut auskennt und der mich sehr, sehr gut beraten hat. Und ich habe dann einen wirklich für mich passenden Rucksack gekauft. Durch zahlreiche YouTube-Videos habe ich auch gesehen, dass er leicht sein muss. Er sollte so circa nicht mehr als zehn Prozent des Körpergewichts sein. Bei Frauen sagt man ja so so ungefähr fünf Kilo plus, weil dann ja auch noch die Getränke dazukommen. Sprich da sind ja erst mal die fünf Kilo nicht gerechnet, sondern da kommen noch Kleidung, Badeanzüge und so weiter dazu. Und dann muss man ja immer noch was zu trinken mitnehmen und das sind halt gerne je nach Strecke ein bis zwei Liter hoch oder runter. Oder man muss ständig was kaufen. Es gibt überall Bars und Cafés, Restaurants, Supermärkte, kleine Läden. Auch im Nirgendwo stehen Getränkeautomaten und man kann sich das dann alles ziehen. Rein theoretisch könnte man auch loslaufen morgens ohne was zu trinken, weil nach drei Kilometern spätestens kommt ja schon wieder was.

Gästebuch eines Donativos. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Nimmt man dann auch einen kleinen Verbandskasten mit oder so, falls man verletzt wird? Oder kriegt man das auch überall?

Schaerer: Ich hatte nichts dabei. Bei der Verletzung wusste man zuerst nicht, was es ist. Aber es war dann tatsächlich eine Überreizung der Achillessehne. Dabei hilft auch kein Pflaster. Es waren unheimlich viele Amerikaner auf dem Weg, die haben mich so belächelt. Die hatten Riesen-Rucksäcke dabei, alles mögliche. Und da hab ich auch gedacht, Leute, ihr seid in Europa. Wir sind nicht in der Wüste. Es gibt überall Geschäfte. Aber es gibt tatsächlich Streckenabschnitte, die sogenannte BPK, da kommt dann wirklich lange Kilometer nichts. Ich glaube, auf der längsten Strecke, wo von einem Ort bis zum nächsten tatsächlich gar nichts kommt, das sind knapp 17 Kilometer. Da gibt’s eben keine Apotheke, kein Supermarkt, kein irgendwas. Da bin ich dann auf Hilfe von anderen angewiesen. Also genau das muss man wissen. Aber auf der anderen Seite, was soll ich denn mitnehmen? Also so für alle möglichen Eventualitäten, die vielleicht eventuell auftreten könnten. Und dann sind da na noch 40 Grad da und dann ein Rucksack mit 40 Kilo. Eine Zahnbürste und noch was zum Waschen und etwas Kleidung, das hatte ich noch so dabei. Wobei, auch das habe ich letztendlich nicht gebraucht, weil überall sind diese Waschmaschinen. Da gibt es auch Waschmittel. Ein paar Sachen, die ich am Anfang dabei hatte, habe ich dann auch verschenkt. Oder liegen lassen in der Herberge. Das kann dann sonst jemand mitnehmen. Weil ich dann gemerkt habe, ich brauche es nicht.

GSCHWÄTZ: Wie war das bei dir, Markus?

Neugebauer: Ich habe noch Medikamente zum Beispiel mitnehmen müssen. Es sind relativ viele Medikamente und die Packliste war relativ lang. Man muss auf das Notwendigste reduzieren. Den Rucksack muss man immer mal wieder wiegen. Am Anfang war es noch deutlich zu viel.

„Mir hat es unheimlich gefallen“

GSCHWÄTZ: Ihr habt mit Sicherheit auch einige interessante Persönlichkeiten auf dem Weg getroffen oder Menschen, die euch so ein bisschen was erzählt haben. Oder sind da alle schon so geschlossen und für sich?

Schärer: Ich habe wirklich viele Menschen kennengelernt, dadurch, dass ich am Anfang des Camino losgelaufen bin, bin ich ja sehr lange mit den Menschen gelaufen und habe die interessanterweise auch immer wieder mal getroffen. Obwohl man eigentlich sagen müsste, dass es so viele ohne Handy oder irgendwas gibt, dass man sich jetzt auf einmal wiedersieht. Gefühlt gab es unheimlich viele Amerikaner. Für mich war das die größte Gruppe neben den Spaniern. Und das ist etwas sehr Interessantes. Da sind ja total viele Leute unterwegs und ich habe nie irgendwie Deutsche getroffen. Ein paar Briten, aber ansonsten wirklich alles Amerikaner. Andere haben es ganz anders erlebt. Die waren nur von Deutschen umgeben. Aber letztendlich habe ich drei oder vier Leute getroffen. Dann sitzt man abends mal mit anderen zusammen und redet über den Weg oder was einen hierher gebracht hat. Also ich war in diesen sechs Wochen nur ein einziges Mal alleine. Man ist immer umringt von Menschen. Doch mir hat es ganz gut gefallen. Es bilden sich dann auch Grüppchen mit Leuten, die man drei, vier Mal auf dem Jakobsweg getroffen hat. Also mir hat es unheimlich gefallen. Es gab Gruppen, die haben jeden Tag Lagerfeuer gemacht und mit Gitarre gesungen. Das ist jetzt nicht so meins. Ich bin mehr oder weniger klassisch mit drei, vier Leuten am Tisch gesessen und habe mit denen zusammen Abend gegessen. Über Gott und die Welt uns unterhalten. Wir hatten einfach eine gute Zeit. Abends gegen zehn war es dann auch meistens schon wieder vorbei, weil der nächste Tag beginnt ja schon wieder morgens um sechs oder halb sechs.

Impressionen einer Reise: Sonnenuntergang in Muxia. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Und redet man auch darüber, warum man diesen Weg macht oder sind es eher die persönlichen Geschichten?

Schaerer: Das ist unterschiedlich. Also man fragt hier und da, warum sie damit angefangen haben und alle sagen sehr Unterschiedliches. Aber ich habe gemerkt, auf dem Jakobsweg wird das selten in Frage gestellt werden. Man erzählt, was man erzählen möchte. Aber keiner sagt: Wer bist du, wo kommst du her, was machst du beruflich? Wie viel Kinder hast du? Haus, Hypothek, blablabla? Irgendwann ist mir das richtig aufgefallen, weil ich dann zum Beispiel jemand gefragt hatte. Nicht, weil ich gedacht habe, dass ich jetzt schon ein paar Tage mit XY zusammen gelaufen bin, dann sag ja, was macht die da, wo kommt die her? Es ist irrelevant, was sie beruflich macht. Es spielt keine Rolle. Und das ist etwas, was mir unheimlich gut gefallen hat auf dem Jakobsweg, dass man tatsächlich den Menschen kennengelernt hat, ohne diese ganzen Baco.

GSCHWÄTZ: Aber interessiert es eigentlich auch, warum dieser Mensch diesen Weg macht?

Schaerer: Nein, weil ich war so mit mir beschäftigt meistens. Man ist die meiste Zeit mit Überleben beschäftigt. Da ist es ja wichtig, warum jemand anders läuft und was man laufend besser machen kann. Also, Hauptsache ich komme an. Am Anfang ist es nicht leicht bei uns, zu erzählen, dass ich am Anfang gerne alternativ dazu gedacht habe. Ich dache, ja, es ist vorbei. Ich werde hier sterben.

„Ich dachte, es ist vorbei“

GSCHWÄTZ: Wie kam es denn dazu, dass es dann doch sechs Wochen wurden? Was hat dich angetrieben, weiterzumachen?

Schaerer: Wie gesagt, ich habe mich grandios vorbereitet mit Youtube-Videos, Büchern und sonstiger Lektüre. Ich habe dort auch etwas mal gelesen oder gehört. Und zwar, dass jeder Pilger mindestens einmal auf dem Jakobsweg weint. Und ich sagte so im Vorfeld, bitte lass das noch nicht am ersten Tag sein. Danach ist schon okay. Und bei mir war es dann tatsächlich so, dass ich am ersten Tag drei Mal geweint habe. Ich war da auf den Pyrenäen, da war ich wirklich auf der Spitze. Da dachte ich, jetzt ist es einfach vorbei. Da hab ich mich auf einen Stein gesetzt und sozusagen Frieden mit mir geschlossen. Ich konnte nicht mehr. Es ging nicht mehr. Ich habe immer im Hinterkopf gehabt, wenn du nicht mehr kannst, dann dann rufst du ein Taxi oder irgendwas. Aber ich war ja in den Pyrenäen. Streckenweise war er ja der Weg tatsächlich auf der Straße. Bloß da, wo ich dann saß, da war schon stundenlang keine Straße mehr. Dann hab ich irgendwann auf mein Handy geguckt und irgendwann war die Batterie leer. Also ich konnte niemanden anrufen und ich hatte keine Ahnung, wo ich bin. Also hier GPS. Und da dachte ich, so jetzt bleib ich auch hier. Und dann gibt es diese Selbstgespräche. Du kannst niemanden rufen und hast bestimmt seit Stunden niemanden gesehen. Normalerweise sind Horden von Pilger unterwegs, da war aber niemand mehr. Logisch, weil ich so langsam gelaufen bin und alle schon längst vorbeigezogen sind. Und dann ist es so, dass man sich dann aufmacht und sagt: Ja, ich muss, ich muss. Also dann noch mal! Nein, ich habe ein ungutes Gefühl, weil ich gerade mitten im Wald bin. Und ich wollte wirklich ankommen, bevor es dunkel wird. Also das war dann der Zeitpunkt, wo ich auf diesem Stein saß und dachte, dann hast du jetzt auch eine Option, jetzt stirbst du, Kleines. Und dann bin ich halt irgendwie weiter gelaufen. Es sind ja auch überall Wegweiser, die anzeigen, wie weit es bis zum nächsten Ort ist. Und das waren dann noch so sechs Kilometer und ich dachte, das schaffe ich doch. Man läuft einfach weiter, es gibt keine Alternative.

Statue von Ernest Hemingway in seiner Lieblingsbar in Pamplona. Foto: privat

In den Kuhmist gefallen: „Das war einfach furchtbar“

Schaerer: Ich bin dann irgendwann über die Wiesen, also einfach den ausgewiesenen Weg gelaufen. Es hatte auch geregnet und das war einfach furchtbar. Auf jeden Fall bin ich ausgerutscht und in Kuhmist gefallen. Dann wieder ausgerutscht und zurückgeschlittert. Das war das zweite Mal, dass ich geweint habe. Und ich dachte mir, was ist mit dir los? Was stimmt mit dir nicht? Du könntest jetzt irgendwo im Süden Europas schön gemütlich in irgendeinem schönen Beach Club sitzen. Dann bin ich erst mal weiter gelaufen und irgendwann habe ich festgestellt, dass ich mich umziehen muss. Aber da gibt’s ja keine Umkleidekabinen und kein Versteck. Das heißt, man zieht sich einfach mitten auf dem Weg um. Und jetzt muss ich mich umziehen und mich auch waschen. Deswegen war ich übrigens sehr froh, dass ich Getränke dabei hatte. Die habe ich dann nicht zum Trinken genutzt, sondern um mich zu waschen. Na also, Schuhe raus, Socken raus, Hose runter – gewaschen und mit dem Handtuch abtrocknen. Natürlich so mit meinem Rucksack und so. Damit ich im Sauberen sitze. Habe das alles gemacht und war da gerade wieder am Anziehen. Aber es war halt wirklich so, dass ich damit in Unterwäsche und T-Shirt dasaß. Und dann kamen aus dem Nichts Pilger. Alle standen da, grinsten mich an. Da war eine Frau dabei. Die war so ganz begeistert, mich wiederzusehen. Und ich dachte so Mensch, siehst du denn nicht, dass diese Situation völlig irre ist? Lauf einfach weiter. Das Ganze war mir peinlich, weil sie hatte zwei junge Männer dabei. Die haben wiederum sehr gut kapiert, was gerade Sache ist. Und irgendwann sind wir dann auch weitergezogen. Ich bin dann weiter gelaufen und hab die ganze Zeit überlegt, was haben die sich jetzt wohl gedacht, was ich da mache? Diese Geschichte begleitete mich eine Zeitlang (lacht).

„Es war überraschend gut“

GSCHWÄTZ: Aber nach den sechs Wochen ist man dann nicht unheimlich stolz, oder?

Schaerer: Es war dann hinterher schon auch so, dass man gesagt hat, super gemacht. Es gibt ja überall am Weg Zeichen, wo angezeigt wird, wie weit es noch ist bis Santiago. Man fängt an in Santiago mit 790 Kilometern. Wobei ab Rosses, das ist die erste Station in Spanien, da sind es 790 Kilometer und insgesamt sind es über 800. Wenn wenn man dann noch über die Pyrenäen gelaufen ist, dann sind es 300, 200, 150. Und als ich dann wirklich einige hundert Kilometer hatte, da dachte ich: Das ist unglaublich. Also bis jetzt über 600 Kilometer. Das ist unglaublich. Es war eigentlich auch schon überraschend gut, dass ich wirklich immer und immer weiter gelaufen bin, obwohl das gar nicht meine Art zu reisen ist. Ich war so froh, dass ich diese Entscheidung getroffen habe. Ich habe wirklich das aller Allerwichtigste dabei gehabt. Ebenso wenig braucht man dann zum Leben. Ich sagte, ich habe drei Wochen und drei Wochen, sechs Wochen in drei T-Shirts und zwei unterteilt. Ich hatte eine Wanderhose, die man umbauen kann zu Shorts. Ich hatte noch eine Jacke dabei und Socken. Und alle T-Shirts passten genau dazu. Aber es war völlig egal und das fehlte mir auch nicht. Als wir dann in Santiago angekommen sind und andere Menschen gesehen haben, also nicht Pilger, da dachte ich: Oh, die tragen richtige Kleidung. Die haben richtige Schuhe und da war ich schon so sehr neidisch und wollte auch gerne mal irgendwas tragen, was jetzt nicht nach Rei in der Tube riecht. Ich konnte es irgendwann auch nicht mehr sehen und nicht mehr riechen. Aber wirklich gefehlt hat es mir überhaupt nicht. Es war wichtig, dass wir das gemacht haben, nicht Markus, die zwei Tage auch frei gelaufen. Wer hätte gedacht, dass wir das so hinbekommen?

Pilgerbar in Finisterre. Foto: privat

Neugebauer: Die zwei Tage waren schon ein Ding. Natürlich haben wir uns Zeit genommen. So einen kleinen Einblick zu bekommen genügt, um den Jakobsweg etwas zu erfahren. Das heißt, es könnte auch sein, dass wir noch mal diesen Jakobsweg laufen, vielleicht ein anderes Stück. Das heißt, es bleibt nicht bei diesem einem Mal.

GSCHWÄTZ: Und ich glaube, er ist für alle eine Bereicherung, die euch auf diesem Weg begleiten dürfen oder die euch dort treffen, weil ihr so tolle Persönlichkeiten seid. Und ich möchte nochmal ganz herzlich danken.

Straßenschild kurz vor Muxia. Foto: privat

Skulptur der alljährlichen Stierläufe in Pamplona. Foto: privat

 

Ab und zu hat es auch geregnet. Foto: privat

 

Sonnenuntergang am Cap Finisterre. Foto: privat

Am Ziel: die Kathedrale von Santiago de Compostela. Foto: privat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




„Das Leben ist kein langer, ruhiger Fluss“

Am 27. Oktober 2021 hatte Künzelsau prominenten Besuch. Michael Reh, der in den Vereinigten Staaten erfolgreich als Modefotograf arbeitet, stellte im Rahmen einer Lesung sein Buch Katharsis in der gut besuchten Stadthalle vor. Darin verarbeitet er den sexuellen Missbrauch, den er in sehr jungen Jahren durch seine Tante erfahren hat. GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann hat er anschließend in einem Interview im Hotel Anne-Sophie in Künzelsau von den Auswirkungen, die dieser Missbrauch auf ihn hatte, erzählt. Im ersten Teil ging es um seine Kindheit und wie er seine Erlebnisse verarbeitet hat. Im zweiten Teil erzählt er von seiner letzten Begegnung mit seiner Tante, den Gesprächsversuchen mit seinem Vater und wie es für ihn heute ist, eine Beziehung zu führen.

Gil Ofarim ist ein guter Freund von Michael Reh. Foto: privat

Auf einem Apfelbauernhof, 10 Kilometer vom nächsten Edeka entfernt

Michael Reh: Diese Lesung ist seit einem Jahr geplant oder sollte letztes Jahr auch schon stattfinden. Da saß ich dann da im Corona-Lockdown in Deutschland mit einer kleinen Reisetasche und konnte auch nicht weg. Ich hätte nach Amerika zurückgehen können. Da wäre ich aber dann vom Regen in die Traufe gekommen, Miami war ja Hochburg von Covid. Also bin ich zu einem Freund auf einen Apfelbauernhof gefahren, wo der nächste Edeka zehn Kilometer entfernt war. Dann habe ich ein neues Buch geschrieben, anstatt auf eine Lesereise zu gehen. Ein Nord-Krimi namens Asta, der aber auch durchaus nach Süddeutschland passt. Es ist aber nicht nur ein Krimi, in dem ein Serienkiller sein Unwesen treibt, sondern da geht es auch wieder um familiäre Strukturen und wie sie sich verändern. Da müssen sich auch die fiktiven Charaktere Dingen stellen, die müssen sich auch entscheiden, wie sie weitergehen, indem sie mit diesen Morden konfrontiert werden. Sie müssen sich hinterfragen: Was habe ich damit zu tun? Wie reagiere ich darauf? Ändere ich mich? Katharsis und Asta haben durchaus was gemeinsam. Es geht immer um Selbstfindung. Meine Figuren müssen sich in irgendeiner Form finden.

Auch Pamela Anderson hatte Michael Reh schon vor seiner Linse. Foto: privat

„Du kannst noch so weit gehen, es bleibt in dir drin“

GSCHWÄTZ: War das auch eine Art Selbstfindung, als du beschlossen hast, in die Vereinigten Staaten auszuwandern?

Michael Reh: Das war unbewusst. Es ist ja schon lange her. Aber vielleicht habe ich Distanz gesucht.

GSCHWÄTZ: Vielleicht auch eine andere Kultur, eine vermeintlich leichtere?

Michael Reh: Das ist keine leichtere, bloß eine andere. Leichter ist die nicht, die kommt nur leichter rüber, weil die Amerikaner kommunikativer im ersten Miteinander sind. Auch wenn die Deutschen immer sagen, die Amis sind oberflächlich – was sie auch sind –  aber es macht ein erstes Miteinander einfacher. Ich bin nach Amerika gegangen, bestimmt unbewusst, unbewusst, um weit weg zu gehen. Um diese Sache vielleicht zu verarbeiten. Aber du kannst noch so weit weggehen – bis ans Ende der Welt. Es bleibt in dir drin. Das heißt, die Verarbeitung muss irgendwann stattfinden, aber vielleicht war die Distanz erstmal hilfreich. Amerika war bestimmt oder ist immer noch extrem wichtig.

Beim Power-Yoga findet Michael Reh Ruhe, aus der er Kraft schöpft. Foto: privat

„Ich kann aus dieser Ruhe eine gewisse Kraft schöpfen“

GSCHWÄTZ: Ich habe gelesen, dass Du Yoga machst, um zu entspannen.

Michael Reh: Ja, ich mache sowieso sehr viel Sport, immer schon, mein ganzes Leben lang. Ich konzentriere mich dann in dem Moment, ähnlich wie beim Schreiben, ganz auf ein Thema, was gut für mich ist, und ich kann da aus dieser Ruhe und aus dieser Konstellation eine gewisse Kraft schöpfen, um wieder an die Themen des realen Lebens heranzugehen. Ich mache sehr viel Power-Yoga mit schnellen Abläufen, das ist schon ein richtiger Sport. Nach 90 Minuten kannst du dich auch da in die Ecke stellen, weil es so anstrengend ist. Aber das ist genau richtig für mich. Für meine Seele und für meinen Körper.

 

„Da habe ich sehr viel Zeit mit mir verbracht“

GSCHWÄTZ: Dir schreiben ja auch viele Überlebende. Schaffst du das, all die Zuschriften zu beantworten?

Michael Reh: In der Pandemie ja, da hatte ich die Zeit und habe fast alle beantwortet. Aber das war schon auch ein emotionaler Kraftakt. In dieser Zeit war ich ja sieben Monate auf dem Apfelbauernhof mit einem Hund und zwei Freunden in Deutschland. Da habe ich auch nicht viele Leute gesehen und hatte wirklich viel, viel Zeit, was ich ganz gut fand, dass ich viel Zeit hatte und Ruhe. Dann bin ich nach Miami zurück im September 2020 und dann war ich noch mal neun Monate durch Corona sehr by myself. Ich habe ein schönes Haus in Miami Beach mit einer Dachterrasse, das Meer ist nur drei Straßen entfernt. Man konnte auch sehr viel Fahrrad fahren. Aber trotzdem war da die Pandemie, es war Lockdown, da habe ich sehr viel Zeit mit mit mir verbracht und hab jeden Tag sechs Stunden geschrieben.

„Das hat mich kaputtgemacht“

GSCHWÄTZ: Welche Emotionen hast du denn all die Jahre mit dir herumgetragen? Wut, Verzweiflung, Hilflosigkeit? Vielleicht auch das Wort verzeihen, das im Raum steht?

Michael Reh: Das ist eine ganz wichtige Frage und eine gute Frage. Du musst bedenken, dass all diese Emotionen in den vergangenen 30 Jahren da waren, nur immer unterschiedlich ausgeprägt. Über allem liegt erst mal, wenn Menschen wütend sind. Also da ist die Wut und die ist wichtig, dass man erst mal wütend wird und sagt: Da ist mir was passiert, das war ungerecht, das war übergreifend, das hat mich kaputt gemacht. Man muss erst mal wütend sein, um aus dieser Wut Energie zu schöpfen. Dann muss man schauen: Was liegt unter der Wut? Da liegt dann oft die Trauer darüber, was mit einem passiert ist. Und die Trauer beinhaltet Mitgefühl, auch für sich selbst empfinden. Mitleid ist kein gutes Wort, Mitgefühl ist ein besseres Wort. Wir müssen auch darauf achten, was für eine Sprache wir benutzen, wenn wir an diese Themen herangehen. Überlebender. Mitgefühl. Nicht Mitleid. Nicht Opfer. Es ist ein langsamer Prozess. Es geht nicht von heute auf morgen. Man braucht Zeit. Aber da wir in einer Zeit leben, in der sich das Thema ein bisschen öffnet für die Öffentlichkeit, weil man mehr Literatur hat. Man kann sich im Internet schlau machen. Es gibt Menschen wie mich, die öffentlich darüber reden. Ich hoffe – es ist wirklich mein tiefstes Anliegen – dass ich irgendjemandem helfen kann durch das, was ich mache und das, was ich erzähle. All das hätte mir damals extrem geholfen, hätte ich da irgendwie so jemand gehabt, der gesagt hat: Mir ist das auch passiert. Ich bin nicht alleine auf dieser Welt. Das ist so extrem wichtig, weil man in Scham, Schande in die Isolation getrieben wird.

Michael Reh arbeitet in New York als Fotograf. Foto: privat

 

„Natürlich ist das schmerzhaft“

GSCHWÄTZ: Du hattest auch innerhalb deiner Familie einen schweren Stand damit. Da gibt es bestimmt auch den ein oder anderen Gedanken, dass man seinen Eltern vielleicht auch Vorwürfe macht diesbezüglich, dass sie da nichts gemerkt haben oder die Augen verschlossen hatten. Dein Vater hat eine ganz spezielle Rolle dabei eingenommen. Ist das immernoch sehr schmerzhaft für dich?

Michael Reh: Natürlich ist es das. Wir reden ja über mein Leben und nicht übers Wetter. Natürlich ist das schmerzhaft. Ich finde das ganz, ganz furchtbar. Das Thema des weggeschmissen Lebens, also, dass man nicht miteinander kommuniziert und deswegen kommuniziere ich ja auch, weil ich das nicht kenne und nicht gelernt habe früher. Und ich finde das so furchtbar. Mein Vater war ein traumatisiertes Kriegskind, ein Nazivater, missbraucht von einem Nachbarsjungen, missbraucht von einem Knecht. Und dann wird er auch noch von der gleichen Frau missbraucht wie ich. Und dann sagt er dir: Es ist es nicht passiert, du lügst. Was mein Vater Anfang der 90er Jahre gesagt hat, weil er es gar nicht aushalten konnte, der musste sich schützen davor und hat gesagt: Das gibt’s nicht. Der Junge ist schwer erziehbar. Und so weiter.

„Was glaubt ihr denn, was in der Pandemie los war?“

GSCHWÄTZ: Zweifelt man in einer solchen Situation nicht an seinem eigenen Verstand?

Michael Reh: Ich habe erst kurz nach seinem Tod erfahren, dass seine Schwägerin, meine Tante, die 18 Jahre älter war als er, ihn auch missbraucht hat. Nicht so wie mich. Nur kurz und ich glaube, es war auch nur ein- oder zweimal. Und dennoch, das hat damit nichts zu tun. Missbrauch bleibt Missbrauch. Also der Vater muss seinen Sohn opfern in dem Sinne, um seine Ruhe zu behalten. Es ist so ein schmerzhaftes Thema und es ist so, weil es eben die Familie betrifft, und der meiste Missbrauch findet innerhalb der Familie statt. Ganz ehrlich, was glaubt ihr denn, was in der Pandemie los war? Was wir noch gar nicht wissen. Die Weltgesundheitsorganisation geht von einer Million Überlebenden von sexuellem Missbrauch aus. Das wären heruntergebrochen zwei Kinder in jeder Schulklasse, die das erfahren.

„Man muss sich hinterfragen: Warum habe ich nicht zugehört?“

GSCHWÄTZ: Ich möchte gerne nochmal kurz auf deinen Vater zurückzukommen. Hast du dich jemals mit deinem Vater aussprechen können?

Michael Reh: Ich habe es versucht, ja. In den 1990ern das erste Mal. Da hat er gesagt: Das denkst du dir aus. 2004 ist er nicht gekommen. 2005 hatten wir eine Möglichkeit und haben uns getroffen, dann waren wir kurz in Kontakt. Dann ebbte das aber sehr schnell wieder ab, weil mein Vater auch merkte, dass ich natürlich auch eine Bedürftigkeit hatte nach einem Vater, obwohl ich ein erwachsener Mann war. Aber man bleibt ja Kind. Das konnte er nicht erfüllen. Und dann hat er mich besucht und das uferte dann so weit aus, dass ich wissen wollte, warum haben wir diesen Kontakt? Und er hat dann wieder angefangen und sagte: Du bist ein ungewolltes Kind deiner Mutter. Meine Mutter war bereits 15 Jahre tot. Also Eigenverantwortung übernehmen. Das ist ja auch schwierig. Und wenn jemand in der Familie einen Überlebenden hat, muss man sich hinterfragen: Was habe ich falsch gemacht? Warum habe ich nicht zugehört?

„Ich bin nicht mehr wütend“

Der erfolgreiche Modefotograf Michael Reh wurde als Kind jahrelang von seiner Tante missbraucht. Foto: GSCHWÄTZ

GSCHWÄTZ: Also er hat eigentlich versucht, durch psychische Abertung von seinen Problemen abzulenken?

Michael Reh: Einmal das und ich glaube, der konnte das alles überhaupt nicht aushalten. Das ist genau das gleiche, was meine Schwester jetzt macht. Ich habe eine Schwester, die ist ein Jahr älter, die macht das gleiche. Sie erträgt es nicht.

GSCHWÄTZ: Es ist bewundernswert, wieviel Verständnis du trotz allem noch für deinen Vater und deine Schwester hast.

Michael Reh: Das ist aber auch eine Geschichte, die sich entwickelt hat. Verstehen, Strukturen Prozesse erkennen. Warum handelt jemand, wieso handelt jemand so? Akzeptieren ist eine andere Sache. Bin ich wütend drüber? Nicht mehr. Ich weiß, ich kann was, warum soll ich wütend auf meinen Vater sein? Warum soll ich wütend auf meine Schwester sein? Es bringt ja nichts.

„Ich wusste, ich lass dich gehen“

Heute ist er nicht mehr wütend auf seinen Vater. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Du hast mit deiner Tante abgeschlossen, es gab kein Gerichtsverfahren.

Michael Reh: Nein, das war damals verjährt. Ich konnte nicht zivil- oder strafrechtlich gegen sie angehen. Deswegen habe ich das Familiengericht angerufen. Da war kein einfacher Weg. Ich  weiß nicht, ob es Karma gibt, aber ich glaube an Energien zwischen Menschen, dass wir alle energetisch sehr miteinander verbunden sind. Ich komme aus einem kleinen Ort im Ruhrpott und da habe ich sie 2009 oder 2010 nochmal gesehen, an ihrem Schlafzimmerfenster, in dem Raum, wo sie mich missbraucht hat. Sie saß da, ich wusste, sie war im Rollstuhl, sie war auch schon leicht dement. Irgendwie kreuzten sich unsere Blicke und keine Ahnung, ob sie mich erkannt hat oder nicht. Aber das war der Moment, wo ich dachte. Nein, ich wusste, ich fühlte, ich lass dich gehen, weil ich kann dich nicht in mir behalten, wenn ich dich in mir behalte, frisst mich das auf und es ist wie Krebs und das möchte ich nicht. Ich lass dich gehen. Sie ist sieben oder acht Jahre später gestorben. Ich habe in der Nacht, bevor sie starb, geträumt, sie stirbt. Ich bin dann auch ein halbes Jahr darauf in in meinen Heimatort gegangen und wollte in diese Wohnung, in dieses Haus. Ich wusste nicht wie, denn sie war tot und ich kannte die Erben nicht. Das hat aber funktioniert, weil ich die Erbin dann traf. Zufällig an dem Tag, an dem ich in dem Ort war, vor dem Haus. Ja, das war schon a very spooky Situation. Ich habe also das ganze Haus noch mal mit ihr sehen können, weil ich wissen wollte, ob meine Bilder stimmen. Und die stimmten alle hundertprozentig.

„Du gehst aus dir raus, weil du es nicht erträgst“

GSCHWÄTZ: War das nicht auch so ein bisschen eine Schreckensbefreiung, noch mal da hinzugehen?

Michael Reh: Das war eine Bestätigung. Ich wollte wissen, ob meine Bilder stimmen von der Wohnung, von dem Gefühl, was die Wohnung hatte, wo was stand. Oder auch mein Unterbewusstsein, ob das mir Streiche spielt, das hat es aber nicht. Ich bin ja ein sehr visueller Mensch, bin ja Fotograf geworden, und es war alles noch genau so. Da stand das Telefon an der gleichen Stelle, die Couch, das Kreuz an der Wand. Es prägt sich alles ein. Du gehst ja, wenn das passiert, aus deinem Körper raus und projizierst dich im Gegenstand oder ein Objekt. Du gehst aus dir raus, weil du es nicht erträgst. Und ich hatte mich in so eine Puppe oder in das Kreuz mit Jesus an der Wand projiziert. Das heißt, da passierte nichts mit mir, sondern ich war abgespalten. Vereisung, Abspaltung, auch ein ganz ein großes Thema bei Missbrauch.

„Das hat mich extrem beeinflusst“

GSCHWÄTZ: Inwieweit hat es dann deine Sexualität geprägt danach?

Michael Reh: Da antworte ich mit einer Gegenfrage. Was glaubst du, wie deine Sexualität sich geprägt hätte, wenn du mit fünf oder sechs Sexualität als kriminell übergreifend, als Vergewaltigung und Todesdrohung empfunden hättest?

GSCHWÄTZ: Da ist vermutlich schon die Einordnung schwer: Was ist normal? Und wie müsste es sein? Auch wenn die Liebe der Eltern fehlt, dann in eine Beziehung zu starten und prinzipiell alles neu zu lernen.

Michael Reh: Wenn man es überhaupt lernen kann? Es gibt ja Liebe und Sexualität und Beziehung und Freundschaft. Das sind ja alles sehr unterschiedliche Begriffe. Ich würde mal sagen, es hat mich so beeinflusst, dass es natürlich schwierig war, Vertrauen zu fassen. Sexualität hat für mich unendlich viel mit Vertrauen zu tun. Früher konnte mich keinervon hinten umarmen. Da bin ich schon ausgeflippt. Beeinflusst hat mich das natürlich extrem.

„Das Leben ist immer Bewegung, Veränderung“

GSCHWÄTZ: Konntest du dann oder kannst du Beziehungen langfristig führen?

Michael Reh: Kurzfristig geht schon mal super (lacht). Langfristig ja, das geht auch. Ich bin seit neun Jahren allein und denke mir, schauen wir mal, was noch kommt. Das Leben ist kein langer, ruhiger Fluss. Das Leben ist immer Bewegung, immer Veränderung und und das ist das, was mir jeden Tag Hoffnung gibt oder meinen Pragmatismus nährt. Jeder Tag und das meine ich wirklich ernst. Ich stehe morgens auf und denke mir aber: Treffe ich auf was, das mich heute berührt? Das ist eine ganz große Lebensquelle für mich. Da muss man nicht durch die Welt touren oder jeden Tag in einer anderen Stadt sein. Das ist eher stressig. Sondern was passiert heute? Wenn es nur ein ganz kleiner Moment ist. So kleine Momente, bei denen ich denke: Ah! Was gelernt, was gefühlt, was verändert.

GSCHWÄTZ: Michael, ich danke dir für deine Zeit, die du dir für uns genommen hast, für das Interview. Und wenn Sie, liebe Leser:innen und liebe Zuschauer:innen, noch mehr erfahren möchten über das Thema oder wenn Sie selbst Hilfe brauchen oder Fragen haben, dann gibt es in Künzelsau eine Beratungsstelle, die heißt Infokoop. Die befindet sich am oberen Bach in Künzelsau und da stehen die Mitarbeiter:innen Ihnen immer zur Verfügung. Trauen Sie sich, haben Sie Mut.

Bücher von Michael Reh

Michael Reh hat bislang zwei Bücher geschrieben. Das erste heißt Katharsis. Darin verarbeitet der Fotograf den sexuellen Missbrauch in Romanform. Das zweite Buch von ihm heißt Asta. Es ist ein Kriminalroman, der ebenfalls innerfamiliäre Beziehungsebenen beleuchtet.

 

Der zweite Roman von Michael Reh, Asta, ist ein Krimi.

Ganz entspannt: Autor und Fotograf Michael Reh im Dialog mit dem Publikum. Foto: GSCHWÄTZ

Gut besucht: Lesung von Michael Reh ind er Künzelsauer Stadthalle, Foto: GSCHWÄTZ




Es ist nie vorbei

Am 27. Oktober 2021 hatte Künzelsau prominenten Besuch. Michael Reh, der in den Vereinigten Staaten als erfolgreicher Modefotograf arbeitet, stellte im Rahmen einer Lesung sein Buch Katharsis in der gut besuchten Stadthalle vor. Darin verarbeitet er den sexuellen Missbrauch, den er in seiner Kindheit über Jahre durch seine Tante erfahren hat.

Ganz entspannt: Autor und Fotograf Michael Reh im Dialog. Foto: GSCHWÄTZ

 

 

GSCHWÄTZ: Michael, wie waren gestern die Reaktionen hier in Künzelsau auf dein Buch?

Arbeit als Aufklärer

Michael Reh: Es hat mir sehr gut gefallen. Es ist immer bei einer Lesung bei diesem Thema natürlich schwierig. Ich bin ein bisschen nervös, wenn es anfängt, weil ich ja nicht übers Wetter rede, aber das geht dann ganz schnell weg. Ich sage auch, es ist ein miteinander, ich rede ganz viel vorher, woher ich komme und was ich beabsichtige mit meiner Arbeit als Aufklärer.

„Ich frage nicht: Wer ist missbraucht worden?“

GSCHWÄTZ: Das heißt, es sind auch viele Menschen im Publikum, die selbst betroffen sind?

Michael Reh: in irgendeiner Form. Das habe ich auch vorher gefragt. Ich frage nicht: Wer ist missbraucht worden, weil es eine sehr persönliche Frage ist und viele Menschen das auch nicht öffentlich machen wollen. Aber es waren sehr viele Leute, die mit dem Thema arbeiten und Sozialarbeiter natürlich von Infokkoop in Künzelsau und vom Kinderdorf in Waldenburg.

8 Jahre Missbrauch

GSCHWÄTZ: Du wurdest ab deinem vierten Lebensjahr bis zum 12. Lebensjahr missbraucht. Das ist eine lange Zeit.

Michael Reh: Es hat immer wieder stattgefunden über die Jahre. Also nicht täglich natürlich. Aber jedes Mal, wenn ich in die Obhut meiner Tante gegeben wurde, was sehr oft passierte, dann wurde sie übergriffig und hat mich missbraucht mit allem, was dazugehört. Ich weiß nicht, inwiefern wir hier ganz offen reden können, aber vom Oralverkehr bis zur Interaktion als Mann hat alles stattgefunden. Die meisten Menschen können sich ja nicht vorstellen, wie eine Frau missbraucht. Wie das aussieht, sie hat ja keinen Penis und kann selbst nicht penetrieren. Aber da gibt es sehr viele andere Möglichkeiten, man kann mit Gegenständen penetrieren, Oralverkehr und so weiter. Das ist auch alles über die Jahre immer wieder vorgekommen.

„Wenn du darüber redest, bringe ich dich um“

GSCHWÄTZ: Du warst ja damals ein kleiner unschuldiger Junge, der vermutlich auch Vertrauen zu dieser Frau hatte. Wann kam der Punkt, als du überlegt oder gemerkt hast, dass das nicht normal ist, was da geschieht, dass möglicherweise Grenzen überschritten werden?

Michael Reh: Natürlich kannst du mit viereinhalb nicht erkennen oder benennen, was da gemacht wird. Du kannst es nur erfühlen, du weißt, dass das, was da gemacht wird gegen deinen Willen passiert, übergreifend ist, kriminell. Und wenn du dich dagegen wehrst, dann wird dir gesagt: Wenn du darüber redest, bringe ich dich um. So, das heißt, sofort wird der Deckel draufgehalten. Man kann sich nicht mitteilen. Man kann nicht sagen: Ich bin gerade sexuell missbraucht worden, weil du das noch nicht so in Worte fassen kannst als Kind. Du weißt nur, dass das, was passiert, vollkommen falsch ist, Angst auslöst.

„Ich hatte kein Vertrauen in meine Eltern“

Hast du trotzdem versucht, zumindest deinen Eltern zu vermitteln, dass du da nicht mehr hin willst?

Michael Reh: Bei mir ist es ja sehr lange her. Ende der 60er Jahre bis in die 70er Jahre hinein. Ich komme aus einem katholischen Elternhaus. Ich hatte kein Vertrauen in dem Sinne zu meinen Eltern. Das war ein sehr distanziertes Verhältnis. Kein emotionales Verhältnis also, wie man es von Familie kennt. Ich kenne das nicht. Familie, Liebe und Nähe, Vertrauen, Zuneigung. Ich finde es toll, wenn ich Eltern sehe, die mit den Kindern liebevoll umgehen. Das kenne ich nicht. Ich sehe das nur.

GSCHWÄTZ: Hast du aus diesem Grund auch keine Kinder? Aus Angst, etwa keine Liebe weitergeben zu können?

Michael Reh: Ja, ich glaube schon. Ich habe früher immer gedacht, denen gebe ich dann so viel Mist mit oder so viel unverarbeitete Geschichten. Heute denke ich, ich wäre ein guter Vater, heute bin ich jedoch 59. Aber ich arbeite ganz viel mit jungen Menschen zusammen, in meinem Job natürlich. Und da kann ich etwas weitergeben. Obwohl ich immer, wenn ich kleine Kinder sehe, denke, schade eigentlich. Also Eltern, Kinder, diese Liebe weiterzugeben, diese Liebe zu bekommen, ist natürlich Wahnsinn.

„Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Männer darüber sprechen“

GSCHWÄTZ: Aber dafür hast du jetzt auch irgendwo deine Rolle gefunden, indem du Missbrauchsopfern auf der ganzen Welt eine Stimme gibst und Mut machst, damit nach außen zu gehen.

Michael Reh: Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Männer über dieses Thema sprechen. Egal ob sie schwul sind oder hetero. Die Männer reden über das Thema nicht, weil sie entmannt wurden. Das passt in unsere Gesellschaft aber nicht rein. Du sagtest gerade Mut. Das wird auch so oft gesagt und dann denke ich Ja, Mut. Für mich ist das kein Mut in dem Sinne. Ich habe da auch nie drüber nachgedacht, sondern es ist eine Notwendigkeit. Ich muss das machen. Ich empfinde es als eine Aufgabe, das nach außen zu tragen und vielleicht anderen damit auch eine Stimme zu geben.

„Ich bin weggelaufen“

GSCHWÄTZ: Warum hat der Missbrauch bei Dir dann mit 12 Jahren aufgehört?

Michael Reh: Ich war zu alt. Wahrscheinlich kam in die Pubertät und ich war an einem Punkt, an dem ich mich gewehrt habe. Ich bin weggelaufen, als sie weg war. Das war an Ostern 1974. Meine Eltern hatten mich dahingegeben, bevor sie nach Rom gefahren sind. Und ich wurde bei dieser Frau, meiner Tante Hanne, abgegeben und sie hat es wieder probiert, dann bin ich raus vor ein Auto gelaufen auf der Straße und dachte, wenn ich vor ein Auto laufe, komme ich ins Krankenhaus, dann kann sie nicht ran. Und dann hörte es auf. Dann hat sie wahrscheinlich auch irgendwie mitgekriegt:Okay, da läuft nichts mehr. Der Junge fängt an, in anderen Dimensionen zu denken und sich zu wehren.

„Ich habe das verdrängt wie viele andere“

GSCHWÄTZ: Dann kam die Pubertät.

Michael Reh: Ich war ein Spätzünder. Ich habe mich weiterhin zurückgezogen und dann hatte ich das ganz, ganz große Glück in der neunten Klasse sitzen zu bleiben, wegen Mathematik. Aber Mathe war nicht das eigentliche Problem. Ich musste aus dieser Klasse raus, in der ich gemobbt wurde. Ich musste aus dieser Situation raus, in der ich immer drin war und bekam eine ganz wunderbare Klasse und lernte wunderbare Mitschüler kennen, wurde Klassensprecher und hatte eine Clique und die haben mich getragen, mit denen bin ich teilweise heute noch befreundet. Und da merkte ich, wie ich allmählich aus dieser Vereisung und aus dieser Isolation rauskam. Das Trauma des Missbrauchs. Ich habe das verdrängt, wie viele Missbrauchte oder Überlebende von Missbrauch. Erst mit Mitte 20 kamen die Erinnerungen wirklich extrem zurück. Dann habe ich angefangen mit Therapie und Arbeit. Dann brach das Ganze ganz extrem Anfang der 90er auf, als meine Mutter starb, was mich sehr traumatisierte. Dann war alles wieder da.

„Eine Therapie ist extrem wichtig“

GSCHWÄTZ: Was rätst Du Missbrauchsopfern und Angehörigen?

Michael Reh: Eine Therapie ist extrem wichtig, das kann ich nur jedem empfehlen. Ich fand immer, in Deutschland ist manchmal Therapie ja noch so ein bisschen verpönt. Ich habe in New York eine Therapie gemacht und hatte eine wunderbare Therapeutin. Eva Welsh hieß sie. Sie hat mir sehr, sehr geholfen. Therapie ist eine Lebensschule. Sie hat mir Sachen erklärt oder mich auf Dinge hingewiesen, die ich selber nicht erkannte. Sie  hat immer gesagt: Das bist du und ich zeige dir dich selbst aus unterschiedlichen Perspektiven. Das heißt, du kannst deine Geschichte anders sehen und anders leben und fühlen. Sie hat mich sehr behutsam an diese Missbrauchserinnerungen, die ja extrem negativ und sehr stark waren, herangeführt.

„Ich schlafe total schlecht“

GSCHWÄTZ: Hattest Du Albträume davon?

Michael Reh: Ja, ich habe schon seit 30 Jahren nicht geschlafen. Ich schlafe total schlecht. Es hat sich jetzt verändert, seitdem ich das  Buch geschrieben habe, Katharsis, und meine Erinnerung in einer Romanform erzählt habe. Als ich das im Februar 2020 bei Bettina Böttinger im Kölner Treff vorgestellt und öffentlich gemacht habe, seitdem habe ich eine sehr große Veränderung erlebt in mir selbst und meine Albträume sind weniger geworden. Ich schlafe immer noch nicht so gut, aber es ist besser geworden. Der Missbrauch begleitet dich dein ganzes Leben. Ich lese diese Berichte in der Zeitung. Mann missbraucht Kind, es kommt eventuell zu einer Verhandlung. Man wird meistens auf Bewährung ausgesprochen, weil Missbrauch ein Vergehen und kein Verbrechen war – bis zum letzten Jahr in der deutschen Rechtsprechung. Man braucht Zeugen, es gibt eine Verjährungsfrist und so weiter und so fort. Aber anyway, wenn er dann trotzdem verurteilt wird, zahlt er meinetwegen noch ein bisschen Geld und Schluss. Das ist der große Unterschied und das wissen die meisten Leute nicht. Wie oft habe ich diesen Spruch gehört: Nun ist doch mal gut. Nein, es ist nie gut.

Mit 40 Jahren beruft Michael Reh ein Familiengericht ein

GSCHWÄTZ: Mit 40 Jahren hast du dein eigenes Familiengericht einberufen. Das war auch keine einfache Sache, weil du ziemlich isoliert dastandest. Dieses Glaubwürdigkeitsproblem  haben ja viele Überlebende [Michael Reh legt Wert darauf, dass man nicht von Opfer spricht, sondern von Überlebenden], die sich erst einmal rechtfertigen oder andere überzeigen müssen. Das ist ja auch ein Riesenproblem bei Missbrauchsopfern, dass sie erst einmal Angst haben, dass ihnen gar nicht geglaubt wird.

„Ich habe nicht mit dieser Frau geschlafen, sie hat mich vergewaltigt“

Michael Reh: Ich kann nur zustimmen zu allem, was du gesagt hast. Du bist schuld, du hast was falsch gemacht, du kommst an und störst die Ordnung. Es ist nicht die Frage im Falle eines Missbrauchs. Na ja, du hast mit dem Hintern gewackelt, oder? Die hatte dich nur am Hintern getätschelt oder so. Das Problem ist, dass ein Verbrechen stattfand – egal wie lange es zurückliegt. Und das hat etwas mit dir gemacht. Jemand hat etwas mit mir gemacht, ich nicht mit ihr. Ich habe nicht mit dieser Frau geschlafen, die hat mich vergewaltigt. Und deswegen sage ich: Nennt euch nicht Opfer, nennt euch Überlebende, sonst bleibst du in der Opferrolle auch innerlich, emotional.

 

Das war der 1. Teil des Videointerviews von GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann mit Michael Reh. Der zweite Teil, indem es unter anderem um das von Michael Reh einberufene Familiengericht und die Rolle seines Vaters geht, folgt in Kürze.

Bücher von Michael Reh

Michael Reh hat bislang zwei Bücher geschrieben. Das erste heißt Katharsis. Darin verarbeitet der Fotograf den sexuellen Missbrauch in Romanform. Das zweite Buch von ihm heißt Asta. Es ist ein Kriminalroman, der ebenfalls innerfamiliäre Beziehungsebenen beleuchtet.

Der zweite Roman von Michael Reh, Asta, ist ein Krimi.

 




„Der CDU wünsche ich eine Erholungsphase in der Opposition“

Am kommenden Sonntag, den 26. September 2021, wählen die Bürger:innen einen neuen Bundestag. Das hat die GSCHWÄTZ-Redaktion zum Anlass genommen und den Kandidaten der voraussichtlich fünf größten Parteien aus dem Wahlkreis Schwäbisch Hall-Hohenlohe fünf identische Fragen gestellt.

Hier sind die Antworten von Harald Ebner, dem Direktkandidaten der Grünen:

GSCHWÄTZ: Was war die schlechteste politische Entscheidung, die Sie in ihrem politischen Leben je getroffen haben?

Ebner: Ich kann mich an die schwerste Entscheidung gut erinnern. Das war die Koalitionsfrage in diesem Jahr in Baden-Württemberg. Wir haben es uns nicht leicht gemacht, aber am Ende zu einer guten und tragfähigen Lösung gefunden. Das ist das Wesen von Politik: Abwägen und am Ende die richtige Entscheidung treffen.

GSCHWÄTZ: Was macht Sie ganz persönlich glücklich?

Ebner: Meine Lieben um mich herum, unser vielfältiger Garten, in dem es summt und brummt und der uns mit gesundem Essen versorgt. In unserer reichhaltigen Kulturlandschaft mit ihren Tälern und wunderschönen Dörfern kann ich Kraft und neue Energie tanken.

GSCHWÄTZ: Was ist das Besondere am Wahlkreis Schwäbisch-Hall Hohenlohe? Gibt es etwas, was den Wahlkreis einzigartig macht?

Ebner: Unsere wunderschöne und fruchtbare Kultur- und Agrarlandschaft mit einer großen Artenvielfalt und einer starken, innovativen Landwirtschaft. Wir haben hier nicht nur eine einzigartige Biohofdichte und gewachsene regionale Erzeugerstrukturen, die es zu stärken und weiter auszubauen gilt. Unsere Region profitiert gleichzeitig von einer starken Wirtschaft mit vielen tollen Unternehmen, die als Weltmarktführer, z.B. im Maschinenbau, unseren Wohlstand und Arbeitsplätze sichern. Viele von ihnen haben sich bereits auf den Weg gemacht, klimaneutral zu werden. Das müssen wir jetzt auch politisch unterstützen, denn wenn wir es schaffen, Vorreiter auf den klimaneutralen Märkten der Zukunft zu werden, bietet das für uns alle gute Zukunftsperspektiven.

GSCHWÄTZ: Welcher Partei  – ausgenommen Ihrer eigenen Partei – würden Sie am Sonntag einen Erfolg wünschen?

Ebner: Alle wirklich demokratischen Parteien haben ihre Berechtigung. Was unserer Demokratie schadet, sind Hass, Hetze und Fakenews, wie sie in den letzten Jahren leider auch Einzug in den Deutschen Bundestag gehalten haben. Der CDU wünsche ich eine Erholungsphase in der Opposition.

GSCHWÄTZ: Gibt es EINE Sache, für die in diesem Wahlkampf nur Ihre Partei kämpft?

Ebner: Nur wir wollen die Klima- und Artenkrise gleichermaßen bekämpfen – sofort und sozial gerecht. Dazu brauchen wir wirksamen Klimaschutz und für geringere Einkommen einen fairen und sozialen Ausgleich. Und dazu brauchen wir eine echte Agrarwende und einen neuen Gesellschaftsvertrag zwischen unseren Landwirt*innen und Verbraucher*innen, damit naturverträgliches und tierwohlgerechtes Wirtschaften auch auskömmlich ist. Beides muss Hand in Hand gehen und wurde von der GroKo jahrelang verschleppt und blockiert. Auch beim Kohleausstieg zeigt sich: Nur mit Grün steigen wir deutlich früher aus – Union und SPD verharren im Weiter so.

Lebt in Kirchberg an der Jagst

Harald Ebner lebt mit seiner Partnerin in Kirchberg an der Jagst. Der Diplom-Agraringenieur hat vor seinem Bundestagsmandat als Landschaftsökologe in der staatlichen Naturschutzverwaltung des Landes Baden-Württemberg gearbeitet.




„Ein ausgiebiges Frühstück samt der Lektüre mehrerer Zeitungen macht mich glücklich“

Am kommenden Sonntag, den 26. September 2021, wählen die Bürger:innen einen neuen Bundestag. Das hat die GSCHWÄTZ-Redaktion zum Anlass genommen und den Kandidaten der voraussichtlich fünf größten Parteien aus dem Wahlkreis Schwäbisch Hall-Hohenlohe fünf identische Fragen gestellt.

Hier sind die Antworten von Kevin Leiser, dem Direktkandidaten der SPD:

GSCHWÄTZ: Was war die schlechteste politische Entscheidung, die Sie in ihrem politischen Leben je getroffen haben?

Leiser: Das ist eine spannende Frage. Die Antwort behalte ich jedoch für mich.

GSCHWÄTZ: Was macht Sie ganz persönlich glücklich?

Leiser: Mich macht zum Beispiel ein ausgiebiges Frühstück samt der Lektüre mehrerer Zeitungen glücklich.

GSCHWÄTZ: Was ist das Besondere am Wahlkreis Schwäbisch-Hall Hohenlohe? Gibt es etwas, was den Wahlkreis einzigartig macht?

Leiser: Andere machen Urlaub in Schwäbisch Hall – Hohenlohe. Wir leben hier in einer wunderbaren Landschaft mit ihren tief eingeschnittenen Flusstälern, ihren Städten, Dörfern und den Menschen. Die Dichte an Weltmarktführern ist Zeichen wirtschaftlicher Stärke. Die Infrastruktur ist gut, aber ausbaufähig. Diese wundervolle Region politisch vertreten zu dürfen, wäre mir eine große Ehre.

GSCHWÄTZ: Welcher Partei  – ausgenommen Ihrer eigenen Partei – würden Sie am Sonntag einen Erfolg wünschen?

Leiser: Die inhaltlichen Schnittmengen der SPD sind am größten mit den Grünen.

GSCHWÄTZ: Gibt es EINE Sache, für die in diesem Wahlkampf nur Ihre Partei kämpft?

Die SPD kämpft für eine Gesellschaft, die von Respekt und gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist. Zum Beispiel verdienen die Kassiererin an der Ladenkasse, der Busfahrer, die Reinigungskraft und die Erzieherin mehr Anerkennung, die sich auch in guten Einkommen und Arbeitsbedingungen ausdrückt.

Aktuell unterrichtet Kevin Leiser Mathe

Kevin Leiser ist aktuell Lehrer mit den Fächern Mathematik, Gemeinschaftskunde und Wirtschaft und unterrichtet am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Crailsheim.

 




„Die Hohenloher sind aufgeschlossen, kreativ, unvoreingenommen und wissbegierig“

Am kommenden Sonntag, den 26. September 2021, wählen die Bürger:innen einen neuen Bundestag. Das hat die GSCHWÄTZ-Redaktion zum Anlass genommen und den Kandidaten der voraussichtlich fünf größten Parteien aus dem Wahlkreis Schwäbisch Hall-Hohenlohe fünf identische Fragen gestellt. Hier sind die Antworten von Jens Moll, Direktkandidat der AfD. Der noch 37-Jährige ist seit 2014 kaufmännischer Leiter eines kleinen mittelständischen Betriebs. Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann studierte der Öhringer Wirtschaftswissenschaften an der Uni Hohenheim. Er ist Mitglied des Hohenloher Kreistags und des Öhringer Gemeinderats.

GSCHWÄTZ: Was war die schlechteste politische Entscheidung, die Sie in ihrem politischen Leben je getroffen haben?

Moll: Bis 2016 gewartet zu haben, um in die AfD einzutreten. Ich hatte ja schon 2014 erstmals und danach immer wieder mit dem Gedanken gespielt, dies zu tun, wollte aber erst abwarten, wie sich die Partei entwickelt. Hier wäre etwas mehr politischer Mut angebracht gewesen.

GSCHWÄTZ: Was macht Sie ganz persönlich glücklich?

Moll: Mit Menschen zusammen zu sein, die man liebt und schätzt und ihnen eine Freude zu machen. Ich denke, wenn man auf das Gesicht eines Menschen, den man liebt, ein Lächeln zaubern kann, ist das für einen selbst doch das größte Geschenk. Es sind doch oft die kleinen Dinge im Leben, die uns wirklich Glück stiften.

GSCHWÄTZ: Was ist das Besondere am Wahlkreis Schwäbisch-Hall Hohenlohe? Gibt es etwas, was den Wahlkreis einzigartig macht?

Moll: Seine Menschen. Sie sind aufgeschlossen, kreativ, unvoreingenommen und wissbegierig. Gerade im Wahlkampf durfte ich viele interessante Gespräche führen, die ich selbst nicht missen möchte.

GSCHWÄTZ: Welcher Partei – ausgenommen Ihrer eigenen Partei – würden Sie am Sonntag einen Erfolg wünschen?

Moll: Im Wahlkampf konnte ich feststellen, dass positionell große Schnittmengen zwischen uns, der CDU und FDP gegeben sind. Beide Parteien wären also potenzielle Koalitionspartner. Für die AfD. Aber mit uns will ja keiner. Ich würde mir daher wünschen, dass es CDU und FPD nach dem 26. September 2021 gelänge, eine bürgerliche Regierung zu bilden.

GSCHWÄTZ: Gibt es EINE Sache, für die in diesem Wahlkampf nur Ihre Partei kämpft?

Moll: Für die Abschaffung der CO2-Steuer und der EEG-Umlage setzt sich ausschließlich die AfD ein. Alle anderen Parteien nehmen eine weitere Belastung der Bürger billigend in Kauf.

 




„Wenn ich allesamt bekochen und bewirten kann, ist das Glück schon ziemlich perfekt“

Am kommenden Sonntag, den 26. September 2021, wählen die Bürger:innen einen neuen Bundestag. Das hat die GSCHWÄTZ-Redaktion zum Anlass genommen und den Kandidaten der voraussichtlich fünf größten Parteien aus dem Wahlkreis Schwäbisch Hall-Hohenlohe fünf identische Fragen gestellt. Hier sind die Antworten von Valentin Abel, Direktkandidat der FDP.

„Demokratie lebt vom Mitmachen“

GSCHWÄTZ: Was war die schlechteste politische Entscheidung, die Sie in ihrem politischen Leben je getroffen haben?

Abel: Zu zögern. Ich war bereits jahrelang politisch interessiert – und auch festgelegt – bevor ich dann endlich Mitglied der FDP wurde. Und auch dann war ich zuerst lange passives Mitglied. Demokratie lebt aber vom Mitmachen und nicht nur vom Beitragszahlen. Politische Parteien kennen mannigfaltige Formen der Mitarbeit; ich empfehle allen Leserinnen und Lesern, gerne einmal bei verschiedenen Parteien vorbeizuschnuppern und sich nach den Möglichkeiten der Partizipation zu informieren.

„Immer wieder überrascht mich er Zusammenhalt, den ich hier allenthalben verspüre“

GSCHWÄTZ: Was macht Sie ganz persönlich glücklich?

Abel: Zeit mit meiner Verlobten und meiner Familie. Wenn es dann noch Wochenende ist und ich allesamt bekochen und bewirten kann, ist das Glück schon ziemlich perfekt.

GSCHWÄTZ: Was ist das Besondere am Wahlkreis Schwäbisch-Hall Hohenlohe? Gibt es etwas, was den Wahlkreis einzigartig macht?

Abel: Wenn es etwas gibt, was mich gerade ob der Größe des Wahlkreises immer wieder überrascht, dann ist es der Zusammenhalt, den ich hier allenthalben verspüre. Sind die Enden des Wahlkreises auch teilweise über 65 Kilometer voneinander entfernt, so habe ich immer das Gefühl, dass Haller und Hohenloher an einem Strang ziehen, wenn’s um die Sache geht. So muss es auch sein, wenn wir als ländlicher Raum eine Chance haben wollen.

„Europa braucht Verbündete“

GSCHWÄTZ: Welcher Partei – ausgenommen Ihrer eigenen Partei – würden Sie am Sonntag einen Erfolg wünschen?

Abel: Natürlich kämpfe ich für ein starkes FDP-Ergebnis am 26. September. Als überzeugter Europäer wünsche ich den Kolleginnen und Kollegen von Volt aber einen Achtungserfolg. Europa braucht Verbündete.

„Auf Deutschland kommen große Investitionen zu“

GSCHWÄTZ: Gibt es EINE Sache, für die in diesem Wahlkampf nur Ihre Partei kämpft?

Abel: Seriöse Haushaltspolitik. Auf Deutschland kommen große Investitionen zu: Digitalisierung, Klimaschutz, Infrastruktur. Nichtsdestotrotz gebietet der Respekt vor kommenden Generationen, dass jede Ausgabe einer strikten Prüfung unterzogen wird. Wenn wir unseren Kindern eine intakte Welt und solide Finanzen hinterlassen wollen, dürfen wir keine Wahlkampfgeschenke mit der Gießkanne verteilen, sondern müssen gezielt und nachhaltig investieren.

Hintergrund

Der 30-jährige Valentin Abel studierte Betriebswirtschaftslehre an der Uni Mannheim. Seit seinem Abschluss arbeitet er als kaufmännischer Angestellter in der Halbleiterindustrie. Seit 2017 ist der gebürtige Künzelsauer Landesvorsitzender der Jungen Liberalen in Baden-Württemberg. Privat reist Valentin Abel mit seiner Partnerin durch Europa und die ganze Welt, er kocht gerne und ist viel in der Natur unterwegs.




Grundloses Fehlen zog die strengsten Strafen nach sich

100 Jahre TSV Ingelfingen – ein Grund zum Feiern. Wir haben im Rahmen der Feierlichkeiten mit den Autorinnen der Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum gesprochen: Ulrike Zeller-Michel, Geraldine Blaschka und Judith Blaschka.

GSCHWÄTZ: Hallo zusammen, bitte stellen Sie sich und ihre Rolle im Verein kurz vor.

Ulrike Zeller-Michel: Ich heiße Ulrike Zeller-Michel, bin Pressewart im Verein. Seit fast 20 Jahren. Als Kind war ich auch schon in verschiedenen Gruppen im Verein.

„Ich bin ein Urgestein im Verein“

Geraldine Blaschka: Ich bin Geraldine Blaschka und mache seit rund drei Jahren die Abteilungsleitung vom Jazztanz im Verein. Außerdem habe ich noch zwei Gruppen, die ich schon trainiere, seit ich 15 bin. Angefangen habe ich selbst, als ich klein war.

Judith Blaschka: Im Mutterkindturnen! Geraldine ist meine Tochter. Ich bin Judith Blaschka. Auf gewisse Art und Weise bin ich ein Urgestein im Verein, aber ich hatte auch mal eine kleine Auszeit. Ich habe früher Jazztanz-Gruppen im Verein geleitet und bin die letzten Jahre im Orga-Team. Das heißt, ich bin dabei bei der Organisation und ab und zu mal bei der Moderation von Events.

„Wir haben auch viel dazu gelernt“

GSCHWÄTZ: 100 Jahre TSV Ingelfingen – Was bedeutet das für Sie?

J. Blaschka: Jede Menge Arbeit (lacht) und Verantwortung.

Zeller-Michel: Aber auch Spaß.

G. Blaschka: Immer wieder etwas Neues.

Zeller-Michel: Wir haben auch viel dazugelernt, glaube ich.

J. Blaschka: Und dass wir stolz darauf sein können, dass dieser Verein trotz vieler Hürden und Themen, die er bewältigen musste so gut und in dieser Größe überstanden hat.

Präsentation der Festschrift. Foto: GSCHWÄTZ

„Wir schwelgen gerne in Erinnerungen“

GSCHWÄTZ: Wie ist die Idee zu der Festschrift entstanden?

J.Blaschka: Wir hatten im September letzten Jahres eine Klausursitzung zum 100-jährigen Jubiläum und haben dort festgelegt, was wir tun wollen, welche Veranstaltungen es geben soll und haben dort auch definiert, dass es eine Festschrift geben soll. Wir hatten beim 75-jährigen Jubiläum auch schon eine und das fanden wir alle toll, weil wir selbst auch sehr gern darin blättern und in Erinnerungen schwelgen.

„Wir haben uns freiwillig gemeldet“

GSCHWÄTZ: Wussten Sie gleich, dass Sie das Verfassen der Festschrift in die Hand nehmen wollen?

J.Blaschka: Sagen wir es mal so: Wir haben uns freiwillig gemeldet (lacht).

Zeller-Michel: Ja, als Pressewart habe ich mir eigentlich schon gedacht, dass ich da in irgendeiner Weise mitwirken sollte und auch will.

 „Im Dezember haben wir richtig angefangen“

GSCHWÄTZ: Wie viel Arbeit war das? Wie lange haben Sie daran gesessen?

G.Blaschka: Im Dezember haben wir richtig angefangen.

J. Blaschka: Ja, da haben wir die Interviews geführt. Also zuerst einmal einen Plan gemacht und dank Sandra (Hartmann) auch Hinweise bekommen, worauf wir achten sollen.

Zeller-Michel: Sandra hat uns auch einige Ideen für Interviews und Porträts gegeben…

J. Blaschka: …und uns viel beigebracht, worauf wir achten sollen. Was wir uns auch gemerkt haben (lacht).

 „Das war echt cool“

GSCHWÄTZ: Nachdem Sie sich nun so intensiv mit dem TSV Ingelfingen beschäftigt haben. Was sind Ihre Highlights aus 100 Jahren Vereinsgeschichte?

Zeller-Michel: Sie beziehen da auch die Erstellung der Festschrift mit ein? Denn für mich waren es auf jeden Fall die beiden Interviews, die ich geführt habe. Es war noch einmal eine ganz andere Art, meine Interviewpartner kennenzulernen. Ich habe Frau Jakob und Herr Rohrbach interviewt. Frau Jakob war sehr lange Kassiererin im Verein und Herr Rohrbach ist Übungsleiter.

G. Blaschka: Ich fand die Steckbriefe über die Gruppen selbst super. Es war total interessant, da zu sehen, was die Gruppen eigentlich über sich selbst denken. Auch war ein Highlight für mich, als wir unsere Festschrift druckfertig hatten. Das war echt cool, das erste Mal zu sehen, wie sie dann aussehen wird.

„Es wurden Strafen angedroht“

J. Blaschka: Also meine Highlights waren auch die Interviews. Ich durfte den Bürgermeister im Ruhestand, unseren Vereinsvorsitzenden und Renée Weigel interviewen. Außerdem war es für mich ein Highlight, die Zusammenarbeit in unserem Organisationsteam, das ein bisschen größer war, zu erleben. Und dann war noch der Hammer, dass ich am Ende in unserem Archiv Schriftstücke von 1921 bis 1926 gefunden habe, wie man damals mit den Vereinsmitgliedern gesprochen hat und welch eindeutig klare Ansagen es damals gab (lacht). Es wurden Strafen angedroht, wenn man nicht zu Veranstaltungen erschien. Ich zitiere aus der Festschrift: „Die Mitglieder werden dringend ersucht an den angegebenen Abenden möglichst zahlreich zu erscheinen. Außerdem wird darauf aufmerksam gemacht, dass grundloses unentschuldigtes Fernbleiben laut Statuten die strengsten Strafen nach sich zieht.“ (alle drei lachen) Das wäre manchmal schon hilfreich bei Arbeitsdiensten, wenn man so sprechen würde.

Prost TSV! Die Erleichterung ist der Redaktion der Festschrift anzusehen: Ulrike Zeller-Michel, Geraldine und Judith Blaschka (v.l.). Foto: GSCHWÄTZ

„Die Gründung des Vereins hat für Überraschungen gesorgt“

GSCHWÄTZ: Was haben Sie Neues über den Verein und dessen Mitglieder erfahren, das sie überrascht hat?

G.Blaschka: Die Gründung des Vereins hat für Überraschungen gesorgt. Keiner wusste so recht, warum eigentlich 1921 das Gründungsjahr ist.

 „Es gab 1921 schon eine Gründung“

GSCHWÄTZ: Was hat dabei für Verwirrung gesorgt?

J. Blaschka: Wir waren deswegen so verwundert, weil wir zwar 1921 als Gründungsjahr haben, es aber 1920 schon einmal eine Gründung eines Fußballclubs gab. Ich habe dann gefragt: „Warum haben wir 1921 und nicht 1920 als Gründungsjahr?“ und dank unserem Vereinsvorsitzenden wurden wir in die Geschichte eingeführt.

„Der Spielbetrieb hat 1921 begonnen“

GSCHWÄTZ: Und wieso ist es jetzt 1921?

Zeller-Michel: Der Spielbetrieb hat erst 1921 begonnen und es lag kein Eintrag ins Vereinsregister vor. Abschließend weiß man nicht, ob es nun am Spielbetrieb oder am fehlenden Eintrag ins Vereinsregister lag.

GSCHWÄTZ: Also hat der TSV seine Wurzeln quasi in einem Fußballclub?

J.Blaschka: Das kann man so sagen.

„Mir wurde bewusst, wie viele Personen nicht mehr unter uns sind“

GSCHWÄTZ: Sind Sie bei Ihrer Recherche auch auf Informationen gestoßen, die Sie schockiert oder traurig gemacht haben?

J.Blaschka: Ich sag es mal so: In der „Neuzeit“, in der ich unterwegs war, wurde mir schmerzlich oft bewusst, wie viele Personen, die ich selbst kenne, den Verein begleitet haben und jetzt nicht mehr unter uns sind. Wenn es um die „frühen Jahre“ geht, war da die Erkenntnis, wie sehr damals schon ein Verein hat kämpfen müssen, um existieren zu können und einen Platz zu haben, an dem man trainieren kann. Schon damals waren das immer wiederkehrende Themen. Das waren schon damals Fragen, wie „Wo können wir Fußball spielen?“, weil Plätze beispielsweise dem Bahnbau zum Opfer gefallen sind. Das finde ich interessant aber auch bezeichnend dafür, wie ein Verein auch teilweise kämpfen muss.

„Es gab Phasen, wo es zäher gelaufen ist“

GSCHWÄTZ: Was war schwierig an der Umsetzung des Projektes? Gab es besondere Hürden?

Zeller-Michel: Corona hat es vielleicht ein bisschen schwieriger gemacht. Und wie überall gab es auch zwischenzeitlich mal Phasen, wo es ein bisschen zäher gelaufen ist.

J. Blaschka: Am Ende wussten wir drei aber ganz klar: Wenn der Druck kommt, dann läuft es (lacht).

„Irgendetwas Witziges gab es immer“

GSCHWÄTZ: Was hat Sie seit Dezember in Bezug auf das Projekt zum Lachen gebracht? Gab es irgendwelche Knallergeschichten?

J. Blaschka: Also gelacht haben wir sehr viel. Das haben wir auch in die Festschrift reingebracht. Das war, glaube ich, auch der einzige Sport den wir in der Zeit getrieben haben (lacht). Also Bauchmuskelkater hatten wir auf jeden Fall.

Zeller-Michel: Irgendetwas Witziges gab es immer.

J. Blaschka: Also vielleicht auch die Erkenntnisse, die man aus den Interviews und Porträts mitgebracht hat über die man sich dann ausgetauscht hat.

G. Blaschka: Lustig war auch, dass wir zehn Mal die Auflistung gemacht haben, welche Seite denn nun was beinhalten soll.

Zeller-Michel: Und dann war doch wieder alles anders (lacht).

J. Blaschka: Auf jeden Fall war es insgesamt sehr spaßig.

Von links: Ulrike Zeller, Geraldine Blaschka, Judith Blaschka. Foto: GSCHWÄTZ

 „Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die sich für den Verein einsetzen“

GSCHWÄTZ: Sehen Sie den TSV Ingelfingen, nachdem Sie sich intensiv mit der Vereinsgeschichte beschäftigt haben, nun mit anderen Augen?

J. Blaschka: Also vielleicht nicht unbedingt den TSV, aber ich schaue mir heute die Festschrift zum 75-Jährigen Jubiläum mit anderen Augen an, wissend, was alles dahinter steckt, so eine Festschrift zu erstellen. Ohne die Vorarbeit zur 75-Jahres-Festschrift wäre unsere auch gar nicht so möglich gewesen. Diese Recherche zu den frühen Vereinszeiten, die der Altbürgermeister Ehrmann mit dem Herrn Bauer geleistet hat, ist schon sagenhaft.

Zeller-Michel: Mir ist noch einmal bewusst geworden, wie wichtig es ist, dass es Menschen gibt, die sich für den Verein, über die ganzen 100 Jahre gesehen, einsetzen und wirklich viel Freizeit dafür opfern. Das kann nur so funktionieren. Viele sehen vielleicht gar nicht, wie viel Arbeit dahinter steckt, dass so ein Verein läuft. Viele Leute erwarten einfach, dass die Übungsstunden für ihr Geld stattfinden. Mir ist wirklich noch einmal bewusst geworden, was es überhaupt bedeutet, so einen Verein zu führen.

j. Blaschka: Am Ende sind es die Menschen. Wenn du keine Menschen hast, die Übungsleiter machen oder sich um all diese Abläufe kümmern, dann gibt es keinen Verein. Dann gibt es vielleicht ein Sportstudio, wo man hingeht und dafür teuer bezahlt, aber dann gibt es kein Vereinsleben.

„Halli-Galli-Fasching wird es nicht mehr geben“

GSCHWÄTZ: Angenommen, Sie könnten mit einer Zeitmaschine an einen Zeitpunkt in 100 Jahren Vereinsgeschichte reisen. Welcher wäre das?

J. Blaschka: Ich würde zurückkehren zu Pfingstfesten und Fasching. Aber richtig Fasching. Nicht nur Prunksitzungen, sondern Halli-Galli-Fasching. Ich weiß jedoch, das wird es nicht mehr geben… Also zumindest nicht den Halli-Galli-Fasching.

G. Blaschka: Ich auch. Also die früheren Prunksitzungen kenne ich ja nicht, aber die ersten, die ich miterlebt habe, waren eigentlich die besten.

Zeller-Michel: Was ich immer schön fand, waren tolle Aktionen mit dem Ausschuss und den Übungsleitern in den 2000-er Jahren. Kanufahren, Hochseilgarten, Fliegen, Bogenschießen,… Das waren immer schöne Veranstaltungen.

„Wir haben viel anzubieten“

GSCHWÄTZ: Was lieben Sie an Ihrem Verein?

J. Blaschka: Alles. Vor allem, dass er manchmal chaotisch ist, aber wenn es drauf ankommt, finden sich doch immer wieder die zusammen, die sich finden müssen, damit etwas auf die Beine gestellt wird.

G. Blaschka: Ich denke immer, das ist ein kleiner Verein, aber wir haben eigentlich schon viel anzubieten. Trotzdem ist es familiär. Jeder kennt jeden.

Zeller-Michel: Ich finde auch, dass wir ein breites Sportangebot haben.

J. Blaschka: Wir sind einfach gut (lacht). Das kann man zum Abschluss schreiben: Der TSV Ingelfingen ist gut.

 

Interview: Priscilla Dekorsi