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Vor 100 Jahren geschah das Unfassbare

Hindenburg ernennt Hitler zum Reichskanzler

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg den damaligen NSDAP-„Führer“ Adolf Hitler zum deutschen Reichskanzler – eine Entscheidung mit Vorgeschichte und weitreichenden Folgen.

Das Foto zeigt Adolf Hitler als neuen Reichskanzler am 30. Januar 1933 nach der ersten Sitzung des Reichkabinetts in der Reichskanzlei in Berlin. (© Bundesarchiv)

die große Koalition zerbrach

Als Adolf Hitler im Januar 1933 zum Reichskanzler der Weimarer Republik ernannt wurde, hatte die junge Republik schon eine fast vierjährige Krisenphase in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft hinter sich. Ein maßgeblicher Motor eben dieser Phase war die Weltwirtschaftskrise von 1929. Vor allem die rasant ansteigende Arbeitslosigkeit war eine Herausforderung für demokratische Systeme weltweit. Die Krise destabilisierte auch die Weimarer Republik, die bereits zuvor von hohen Reparationsverpflichtungen des Versailler Vertrags und einem fehlendem Rückhalt in weiten Teilen der Gesellschaft belastet war.

Der Beginn: Die Regierungen regierten begannen, ohne parlamentarische Mehrheit zu regieren

1930 Interner Link:zerbrach die Große Koalition aus SPD, Deutscher Demokratischer Partei (DDP), Bayerischer Volkspartei (BVP), Deutscher Volkspartei (DVP) und Deutscher Zentrumspartei (Zentrum) am Streit über die Frage, ob die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung erhöht oder die Leistungen im Falle der Arbeitslosigkeit gekürzt werden sollten.

Instabile Kabinette und Notverordnungen

Nach dem Rücktritt der Regierung ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg nur wenige Tage später den Zentrumspolitiker Heinrich Brüning zum Reichskanzler und beauftragte ihn mit der Bildung eines neuen Kabinetts. Brünings Regierung, die ohne Verhandlungen der Parteien gebildet wurde, war die erste der sogenannten fünf Präsidialkabinette der Weimarer Republik. Damit wurden die Regierungen zwischen 1930 und 1933 bezeichnet, die mit Rückhalt des Reichspräsidenten, aber ohne und teils auch gegen die parlamentarische Mehrheit mittels Notverordnungen regierten. Das machte die Präsidialkabinette instabil – die Zeit bis 1933 war daher von einem Hin und Her zwischen Notverordnungen, deren Aufhebung durch das Parlament, mehrfachen Auflösungen des Reichstags und anschließenden Neuwahlen geprägt.

Die NSDAP erhielt immer mehr Simmen

Die NSDAP errang bei diesen Reichstagswahlen immer mehr Wählerstimmen. Die Reichstagswahl am 14. September 1930 brachte der NSDAP große Gewinne ein: Nach gerade einmal 2,6 Prozent der Wählerstimmen im Jahr 1928 kam sie nun auf 18,3 Prozent der Stimmen und stellte mit 107 Abgeordneten die zweitstärkste Fraktion nach der SPD im Reichstag.

Bei der Wahl am 31. Juli 1932 stimmten 37,4 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die NSDAP. Im neuen Reichstag war sie damit stärkste Kraft. Doch Hindenburg ernannte Hitler, NSDAP-Parteichef und Fraktionsführer, nicht zum Kanzler. Auf der Grundlage des Notverordnungsrechts blieb vorerst Reichskanzler Franz von Papen (Zentrumspartei) im Amt. Nach einem Misstrauensvotum des Parlaments gegen von Papen folgte am 6. November 1932 eine erneute Reichstagswahl.

Autoritärer Machterhalt

Die Nationalsozialisten verloren rund zwei Millionen Stimmen, stellten aber – bei gesunkener Wahlbeteiligung – mit 33,1 Prozent der Wählerstimmen erneut die stärkste Fraktion im Parlament. Nach der Wahl bot Hindenburg Hitler die Bildung einer parlamentarischen Mehrheitsregierung an. Der NSDAP-Vorsitzende forderte jedoch die Führung eines Präsidialkabinetts – Hindenburg verweigerte dies und ernannte daraufhin den parteilosen Kurt von Schleicher zum Reichskanzler. Doch auch diese Kanzlerschaft war nur von kurzer Dauer: Am 28. Januar 1933 trat von Schleicher zurück, er hatte den Rückhalt des Reichspräsidenten Hindenburgs verloren; seine Pläne für einen autoritären Machterhalt und zur Spaltung der NDSAP waren nicht aufgegangen.

Hindenburg ernannte Hitler zum Reichskanzler

Am 30. Januar 1933 war Hitler am Ziel: Hindenburg ernannte ihn zum Reichskanzler und löste den Reichstag erneut auf.

Hitlers Kalkül, bei den darauffolgenden Wahlen am 5. März die absolute Mehrheit zu erlangen, ging zwar nicht auf, die Zugewinne für die NSDAP aber waren enorm: 43,9 Prozent der abgegebenen Stimmen entfielen auf die NSDAP. Diese war zwar zunächst auf eine Koalition mit der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) angewiesen, auf ihrem Weg zur endgültigen Aushöhlung der Weimarer Demokratie aber nicht mehr aufzuhalten. Gewaltenteilung, Rechtsstaat und parlamentarische Demokratie wurden nach und nach abgeschafft.

Im August 1934 ließ sich Hitler als „Führer“ bestätigen

Nur eineinhalb Jahre später haben unter anderem Parteienverbote, die Auflösung der Länderparlamente, die Zerschlagung der Gewerkschaften, Gleichschaltung der Verbände und die Aushebelung von Grundrechten die NS-Diktatur zementiert. Im August 1934 ließ sich Hitler offiziell als „Führer und Reichskanzler“ bestätigen, der fortan die Ämter des Staatsoberhaupts, Regierungschefs, Oberbefehlshabers und Obersten Gerichtsherrs diktatorisch in sich vereint.




Verteidigungsminister Pistorius warnt vor Krieg in Europa

Selten war ein führender Politiker so deutlich wie Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius vor zwei Tagen in der ZDF-Sendung: „Berlin direkt“. Er warnte vor einem möglichen Krieg in Europa und forderte, die Bundeswehr massiv zu stärken.

Es kann zu einem Krieg kommen

Angesichts der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten müssten wir „uns an den Gedanken gewöhnen, dass ein Krieg in Europa drohen“ könne.

Deutschland müsse wehrhaft sein, das gelte sowohl für die Bundeswehr als auch für die Gesamtgesellschaft, mahnte Pistorius weiter. „Wir müssen kriegstüchtig werden.“

Zugleich betonte er, dass man alles dafür tun werde, um eine weitere Eskalation im Nahen Osten zu verhindern.

100 Milliarden Euro für die Bundeswehr

Die Bundesregierung hat derweil ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr aufgelegt.

Rund 1.000 Bundeswehrsoldaten halten sich für einen möglichen Einsatz im Nahen Osten auf der Insel Zypern bereit.

Auch im Ukraine-Krieg mischt die Bundesregierung aktiv mit: Deutschland unterstützt die Ukraine mit Ausrüstungs- und Waffenlieferungen 

Inflation weiter auf Höhenflug: Droht eine Hyperinflation?

Derweil spürt die Bürger:innen Europa die Milliardenkriegsaufwendungen deutlich in Form einer Entwertung des europäischen Geldes, der so genannten Inflation mit teilweise über 10 Prozent Geldentwertung.

Sollte Europa und auch Deutschland weiter von den Kriegen betroffen sein, wird der Euro vermutlich anhand der weiter steigenden Kriegsausgaben weiter an Wert verlieren. Experten glauben derzeit aber nicht, dass es zu einer Hyperinflation – ähnlich der Situation in den 1920er Jahren zwischen den beiden Weltkriegen – kommt. Bei einer Hyperinflation lägen die Teuerungsrate bei mindestens 50 Prozent.

Hyperinflation nur bei korrupten Regierungen und einer schlechten Geldpolitik

„Hyperinflation ist ein seltenes Ereignis und hat in der Vergangenheit nur dann stattgefunden, wenn mehrere Faktoren zusammen kamen wie eine schlechte Geldpolitik, korrupte Regierungen und instabile Volkswirtschaften“, sagt Daniel Milan, geschäftsführender Gesellschafter bei Cornerstone Financial Services auf www.forbes.de.

„Eine Hyperinflation tritt häufig in Kriegszeiten auf, die zu wirtschaftlichen Turbulenzen führen, wenn die Zentralbank eines Landes übermäßig viel Geld druckt“, erklärt Milan weiter. „Das führt zu einer Entkopplung von Angebot und Nachfrage in der Wirtschaft.“

Die Länder haben verschiedene Methoden zur Bekämpfung der Hyperinflation ausprobiert. Die gängigste Methode sei die drastische Reduzierung der Staatsausgaben.




Adolf Würth GmbH & Co. KG zahlt rund 8 Millionen Euro an Mitarbeitende im Rahmen der Inflationsausgleichsprämie

Künzelsau. Um die Mitarbeitenden in den stark gestiegenen Energie- und Lebenshaltungskosten zu unterstützen, erhalten alle Mitarbeitenden der Adolf Würth GmbH & Co. KG deutschlandweit im Rahmen der Inflationsausgleichsprämie eine Netto-Sonderzahlung in Höhe von 1.000 Euro.

Prof. Dr. h. c. mult. Reinhold Würth, Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe, hatte auf der Jubilarfeier der Adolf Würth GmbH & Co. KG am vergangenen Samstag bereits angekündigt, dass das Unternehmen seine Mitarbeitenden in diesen herausfordernden Zeiten nicht im Stich lässt.

Die Ausschüttung erfolgt mit dem Novembergehalt. In Summe stellt das Unternehmen für die über 7.500 Mitarbeitenden rund 8 Millionen Euro bereit. Auszubildende erhalten die vollen 1.000 Euro, Teilzeitkräfte bekommen die Sonderzahlung anteilig – jedoch mindestens 250 Euro.

„Wir alle spüren, dass die Inflation und die damit gestiegenen Energie- und Lebenshaltungskosten nicht mehr so einfach zu kompensieren sind und für die Menschen zu einer großen Ungewissheit und Belastung werden. Deswegen ist es uns ein großes Anliegen, ist es unsere Verpflichtung, unsere Mitarbeitenden hier zu unterstützen“, erklärt Norbert Heckmann, Sprecher der Geschäftsleitung der Adolf Würth GmbH & Co. KG. „Gleichzeitig ist es ein großes Dankeschön an unsere Mitarbeitenden für ein erfolgreiches Geschäftsjahr in einem Umfeld zahlreicher Krisenherde.“

Die Inflationsausgleichsprämie ist seitens der Bundesregierung eine Möglichkeit für Unternehmen auf freiwilliger Basis an die Mitarbeitenden Sonderzahlungen zu leisten, die steuer- und sozialabgabefrei sind.

Pressemitteilung Würth

Der SWR hat bereits am 14. November 2022 gemeldet, dass auch die BERNER Group eine Inflationsausgleichsprämie in Höhe von 600 Euro pro Mitarbeiter zahlen wird. Red.



IG Metall Schwäbisch Hall warnt vor „Verarmungslawine“

„Gegen mauernde Arbeitgeber“: IG Metall Schwäbisch Hall startet gewaltige Ansprache-Offensive. 36.000 Gespräche vom 17.10. bis 18.11.22.

„So etwas gab es noch nie“, freut sich der erste Bevollmächtigte der IG Metall Schwäbisch Hall Uwe Bauer, „Wir wollen allen Beschäftigten der IG Metall Branchen in der Region ein Angebot zum gemeinsamen Handeln machen.“

„Beschäftigte enorm unter Druck“

Inflation und Mondpreise für Energie und Lebensmittel setzen viele Beschäftigte enorm unter Druck. Die Nachrichten sind geprägt von Unsicherheiten. In den laufenden Tarifverhandlungen der Metall- und Elektroindustrie zeigen die Arbeitgeber keine Regung, diese Not verstanden zu haben. Die Gewerkschaft fordert hingegen acht Prozent dauerhafte Entgelterhöhung sowie weitere Entlastungsmaßnahmen durch die Politik.

„Egal ob kleine KFZ-Betriebe oder großes Industrieunternehmen – wir sprechen alle Beschäftigen aktiv an“

„Gewerkschaft ist die Antwort gegen die Verarmungslawine, die gerade auf die Gesellschaft zurollt. Wir organisieren uns für gerechte Bezahlung und weitere Entlastungsmaßnahmen. Deswegen wurde im Ortsvorstand beschlossen: Wir gehen jetzt maximal in die Breite und sprechen alle Beschäftigten in unseren Branchen aktiv an. Egal, ob kleine KFZ Bude oder großer Industriebetrieb. Egal ob Leiharbeiter oder Führungskraft“, erklärt Uwe Bauer die Idee hinter der wochenlangen Aktion.

„Enormer Aufwand“

Dafür wird ein enormer Aufwand betrieben. Zusammen mit dem Gemeinsamen Erschließungsprojekt (GEP) und anderen Teilen der Bezirksleitung, sogar bis hin zur Vorstandsverwaltung des Bundes – alle packen mit an. Bis zu 35 zusätzliche Angestellte der IG Metall helfen jede Woche mit, das Unmögliche zu schaffen: 36.000 Gespräche in einem Monat, Besuche in bis zu 220 Betrieben! Das Ziel: Die Geschäftsstelle mit einer Vielzahl neuer Kontakte, Themen, Aktiver und Mitglieder nachhaltig auf eine neue Stufe der regionalen Verankerung zu heben. Das Monats-Motto ist zugleich der Anspruch der Gewerkschaft: „Wir.Sind.Hier.“

Hinter der innovativen Idee steht vor allem auch Andreas Flach, Projektleiter des GEP: „Alle Beschäftigten erhalten die Chance ihren persönlichen Weg gemeinsam und selbstbewusst in der IG Metall zu gehen. Wir sind eine Mitmach-Gewerkschaft mit starker Basisverankerung. Raus aus den Besprechungszimmern, direkt an die Arbeitsplätze der Beschäftigten. Vor ein paar Jahren hätten wir uns diese Mega-Koordination noch nicht zugetraut. Aber die IG Metall hat sich konsequent mit Beteiligungsmethoden beschäftigt und professionalisiert. Jetzt können wir unsere Arbeit entsprechend umstellen.“

 




Inflation wird zum sozialen Sprengstoff

Im Monat September 2022 lag die Inflationsrate bei 10 Prozent, das hat das Statistische Bundesamt destatis am gestrigen Donnerstag, 13. Oktober 2022, veröffentlicht. Das bedeutet, dass die Preise gegenüber dem Monat September 2021 um 10 Prozent angezogen haben. An eine derart hohe Preissteigerung kann sich kaum noch jemand erinnern, in der Geschichte der Bundesrepublik ist das einmalig.

GSCHWÄTZ hat schon in früheren Beiträgen darauf hingewiesen, dass die Inflationsrate allein keine Aussage darüber ist, wie sehr die Menschen von den Preissteigerungen beeinträchtigt werden. Wer wenig Geld hat und dieses Geld nahezu ausschließlich für elementare Güter wie Nahrungsmittel und Kleidung ausgeben kann, für den sind die Preissteigerungen anderer Waren wenig interessant.

Tweet Marcel Fratzscher.

Der Ökonom Marcel Fratzscher, Professor für Makroökonomie und Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), meldet sich üblicherweise im Wirtschaftsteil der großen Tages- und Wochenzeitungen zu Wort, ist auch oft in spätabendlichen Talkrunden zu sehen. Dass er sich jetzt mit eindringlichen Worten bei twitter äußert, ist ungewöhnlich:

Sozialer Sprengstoff

Er nennt die Preissteigerungen einiger unverzichtbarer Güter wie Energie und Grundnahrungsmittel – und siehe da: Die Preissteigerung gegenüber dem Vorjahr liegen bei diesen Produkten weit über der durchschnittlichen Inflationsrate von 10 Prozent und er nennt das einen „sozialen Sprengstoff“.

In der Tat sind bereits Menschen auf der Strasse, die gegen die Inflation demonstrieren – dass sie dies mit russischen Fahnen tun, ist wohl eine deutsche Besonderheit. Noch reden auf diesen Demonstrationen dieselben Redner, die schon gegen die Corona-Maßnahmen angeredet haben, auch unter den Demonstrierenden erkennt man Anti-Corona-Massnahmen-Aktivisten wieder.

Spaltung: bitterarm – halbwegs vermögend

Wenn aber Menschen in wahre Existenznot geraten, dann ist mit größeren Teilnehmerzahlen und mit ganz neuen sozialen Strukturen zu rechnen. Eine weitere Spaltung der Gesellschaft, diesmal zwischen bitterarm und noch halbwegs vermögend, wird dann stattfinden. Denn die Interessen dieser Gruppen stehen sich dann entgegen. Das ist zu befürchten, wenn nicht umgehend Massnahmen direkt gegen die Inflation oder zur Unterstützung der Bevölkerung ergriffen werden.

Der Markt ist nicht rational

„Das regelt der Markt“ ist eine oft gebrauchte Floskel, die vor allem von neoliberalen Ökonomen und Politikern genannt wird. „Der Markt“, das sind aber Menschen, die an Schaltstationen Entscheidungen treffen und die – das zeigen verhaltensökonomische Forschungen – in der Regel sehr eigennützig handeln, weder unbedingt im Sinne Ihres Unternehmens und schon gar nicht immer zum Wohle der Gesamtgesellschaft. So wird der leitende Manager eines Energiekonzerns, dessen Incentive umsatzbezogen ist, höhere Preise gerne sehen, weil er seine Prämie damit leichter erreichen kann.

„Der Markt“, das sind aber auf der anderen Seite auch Menschen, die gar nicht mehr in der Lage sind, Auswahlentscheidungen darüber zu treffen, was sie konsumieren. Sie sind gar nicht in der Lage, unter verschiedenen hochwertigen Schuhen auszuwählen: Sie sind gezwungen, sich aus den Angeboten der Discounter zu bedienen. Auch wenn ein hochwertiger Schuh möglicherweise ökonomischer wäre, haben sie das Geld nicht, eine solche ökonomische Entscheidung zu treffen.

Mit Neoliberalen Methoden kommt man nicht weit

Die wichtigste Grundannahme des neoliberalen Wirtschaftsmodells, die Rationalität aller Marktteilnehmer, ist damit nicht erfüllt, man kann also sagen: Mit neoliberaler Wirtschaftspolitik kommt man in der heutigen Situation nicht mehr weit.

Preistreiberei im Spiel

Das Beispiel des Energie-Managers ist nicht zufällig gewählt, denn gerade bei Energiekonzernen zeigt sich, dass sie Gewinner der Inflation sind: Sie schreiben derzeit besonders hohe Gewinne. Gewinn ist das, was nach Abzug aller inflationsbedingt gestiegenen Kosten übrig bleibt. Wenn also trotz gestiegener Einstandspreise die Gewinne der Energie- und Rohstoffproduzenten auf Rekordniveau sind, dann ist dieser Rekordgewinn ein Inflationstreiber. Energie ist ein Kostenfaktor in der Kalkulation bei jedem Unternehmer, der ein Produkt oder eine Dienstleistung herstellt und auf dem Markt anbietet.

Staatlicher Eingriff in den Markt

Aber dieser Inflationstreiber ist sehr wohl steuerbar. Wenn die Unternehmen dies nicht selber tun, wenn das der Markt eben nicht regelt -, dann können die Regierungen diese außergewöhnlichen Gewinne besteuern, die sogenannte Übergewinnsteuer. Nachdem deutsche Politiker eine Übergewinnsteuer lange Zeit als Ding der Unmöglichkeit erklärt haben, auch noch als sie in Spanien bereits eingeführt war, sind sie inzwischen davon begeistert: „Wir werden sie in Deutschland schnell umsetzen“, sagt Wirtschaftsminister Habeck inzwischen.

Nicht die ultima ratio

Das ändert aber nichts daran, dass die Energie weiterhin zum hohen Preis an die Industrie und die Bürger:innen verkauft wird, das Geld also erst einmal fließt und die Industrie weiterhin mit hohen Energiepreisen kalkulieren und ihre Produkte zu einem hohen Preis verkaufen müssen. Erst im Anschluß können die Mittel, die durch die Übergewinnsteuer an den Staat gehen, über Unterstützungsprogramme an Bürger und Produzenten weitergegeben werden – ein bürokratischer Aufwand, der noch gar nicht abzusehen ist. Außerdem dürfte doch das ein oder andere  Unternehmen insolvent sein, bis die Programme bei ihm ankommen.

Privatisierung von Grundversorgung war vielleicht doch nicht die richtige Lösung

Eine wichtige Voraussetzung, die eine solche Situation erst entstehen lassen konnte, waren die Privatisierungswellen von Unternehmen der bis dahin größtenteils staatlichen oder staatlich gesteuerten Grundversorgung. Strom, Gas, Telekommunikation – alles wurde vom Staat gegen eine Einmalzahlung, die längst verpufft ist, an Privatunternehmen verkauft: aus einem staatlich kontrollierten Monopol mit all seinen Schwächen wurden privat organisierte Oligopole mit ganz neuen Schwächen, die einen Scheinwettbewerb führen, im Endeffekt aber für gute Renditen der Kapitaleigner sorgen.

Direkte Preisregelung durch den Staat

Insofern wäre eine direkte Preiskontrolle des Staates für Elementargüter, was von vielen als „der Weg in den Kommunismus“ bezeichnet wird, wahrscheinlich der bessere Weg, die Inflation einzudämmen: Damit wäre der komplette Markt mit Energie und anderen Elementargütern zu überlebensfähigen Preisen versorgt, die Preise wären nicht so stark energiebelastet und könnten deutlich stabiler sein als sie es heute sind. Hätte der Staat noch Eigentum an derartigen Unternehmen, wäre das recht einfach umsetzbar: Diese Unternehmen könnten zum gewollten Preis anbieten – den Rest „regelt der Markt“. Diese Einflußmöglichkeit hat sich der Staat genommen – im Tausch gegen eine einmalige Zahlung, die sofort in den Haushalt eingeflossen und schon lange ausgegeben ist.

Text: Matthias Lauterer

 

 

 

 

 




Hohe Inflationsrate „ist auch für viele Berater neu“

„Wir haben eine Inflationsrate, wie wir sie seit vielen Jahren nicht erlebt haben. Das ist für viele Kunden und auch für viele Berater neu.“ Das sagt Andreas Siebert, Vorstand der Raiffeisenbank Hohenloher Land eG. Aus diesem Grund haben Matthias Lauterer und Markus Neugebauer über Sieberts ganz eigene Sicht als Bankier auf inflationsbedingte Veränderungen auf das Bankgeschäft und das Kundenverhalten gesprochen.

Inflation trifft alle – aber einkommensschwache Menschen besonders stark

Wenn Siebert sagt „Ich merke, dass sich viele überlegen, ob sie eine Ausgabe tätigen. Die Liquidität wird für die Menschen stets im Mittelpunkt stehen“, wird ein erster Inflationseffekt deutlich: Die Nachfrage nach gewissen Produkten, insbesondere im hochpreisigen Bereich wird nachlassen, weil die Menschen zuallererst ihre Grundbedürfnisse befriedigen. Und die Grundbedürfnisse, Lebensmittel und Energie sind von besonders hohen Preissteigerungen betroffen. Die Inflationsrate für Energie und Lebensmittel liegt deutlich über der „offiziellen“ Inflationsrate des DESTATIS, die sich aus 645 Produkten zusammensetzt. DESTATIS meldet um 7,5 Prozent, Lebensmittel sind dagegen um rund 15 Prozent teurer geworden, Energie noch viel mehr. „Es trifft Menschen, die bisher schon sparen mussten, deutlich stärker“, stellt daher auch Siebert fest.

Es trifft auch die Unternehmen

Im Unternehmensgeschäft sieht Siebert: „Es trifft fast jeden. Unternehmenskunden mit hohen Energiekosten triffts deutlich härter“, aber alle Unternehmen hätten mit höheren Energie- und Rohstoffkosten zu kämpfen. Noch seien, insbesondere im Handwerk, die Auftragsbücher voll, weiß er. Die Unternehmen reagieren damit, dass sie versuchen, Lagerbestände aufzubauen: „Es besteht eine gewisse Angst, dass Produkte nicht mehr erhältlich sind. Die Unternehmen sind interessiert, dass die Produktionsmittel vorhanden sind.“ Diese Strategie beeinflußt natürlich ebenfalls die Liquidität. Noch bestünden in vielen Fällen laufende Kontrakte, kann Siebert berichten. Die Auswirkungen der Inflation zeigen sich für diese Unternehmen erst richtig, wenn die Kontrakte auslaufen und die Preise neu verhandelt werden müssen.

Wie reagieren die Privatkunden

Ihm seien Fälle bekannt, in denen Menschen Sparverträge bereits aussetzen. Bei Sparverträgen sei es kein Problem, wenn die monatlichen Zahlungen nicht geleistet würden. „Die Frage ist, ob das sinnvoll ist, wenn man sich eine Altersvorsorge aufbauen will.“ Andererseits ist ihm auch klar: „Aber manche können gar nicht anders.“ In diesen Fällen stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit nicht.

„Wir sind da auch in einer Verpflichtung“

Anders liegt der Fall, wenn ein laufender Kreditvertrag, etwa für ein Auto oder ein Haus, nicht mehr bedient werden kann. „Das wurde noch nicht stark angesprochen“, berichtet Siebert, verspricht aber möglicherweise betroffenen Kreditnehmern: „Wenn es Sorgen gibt, werden wir kulant sein. Wir sind da auch in einer Verpflichtung“.  Bei Neukrediten sei die Ablehnungsquote bereits gestiegen. Insbesondere bei Immobilienkrediten werden die laufenden Kosten analysiert: „Wir rechnen inzwischen deutlich höhere Lebenshaltungskosten ein. Auch die Kosten fürs Auto setzen wir deutlich höher an.“ Und so würden die Berater auch vom ein oder anderen Wohnprojekt derzeit abraten, das vor einiger Zeit möglicherweise noch finanzierbar gewesen wäre.

Besondere Probleme beim Wohnungsbau

Der Wohnungsbau habe derzeit mit vielen Problemen zu kämpfen: Der Zinsanstieg, die Kapazität der Baufirmen, Lieferengpässe und höhere Preise für Baustoffe. „Das führt dazu, dass das Thema Bauen schwieriger geworden ist.“ Siebert kann ein Lied davon singen, denn die Raiffeisenbank Hohenloher Land ist selbst Bauherr: „Da müssen Sie manchmal froh sein, wenn sie bei einer Ausschreibung überhaupt Angebote kriegen“, hat er seine Erfahrungen gemacht.

Im Moment würden manche Bauwillige ihre Vorhaben zurückstellen, selbst Bauplätze seien schon zurückgegeben worden [in manchen Gemeinden ist die Vergabe von Bauplätzen daran gebunden, dass der Bau innerhalb einer bestimmten Frist begonnen wird, Red.]. Auch Baufirmen haben bereits Angebote gemacht, unterschriebene Verträge mit fixem Preis abzulösen, weil sie diese Verträge nur mit Verlust bearbeiten könnten. Siebert ist überzeugt, dass es im Hohenlohischen nicht zu „Übertreibungen beim Preis“ gekommen sei. Und er sagt auch: „Der Bedarf ist da. Wohnbaubedarf ist immer.“ Was er allerdings sieht: „Bei Bürogebäuden ist der Bedarf geringer geworden“.

Siebert sieht Veränderungen auf den Markt zukommen: „Die Bauherren werden vorsichtig, können die Situation nicht einschätzen. Die Stimmung bei den Investoren ist momentan schlechter als bei den Mietern. Da ist außergewöhnlich“, findet er.

Lohn-Preis-Spirale

Für die nächsten Monate rechnet Siebert mit einer anhaltend hohen Inflationsrate. Längerfristig geht er von einer Preis-Lohn-Spirale aus. Gerade für Gewerbebetriebe wird das ein großes Thema werden, rechnet er.

Kein pauschaler Pessimismus

Siebert wäre kein Bank-Ökonom, wäre er in dieser Situation ausschließlich pessimistisch. Für einen Beispielkunden, der in Zeiten steigender Preise regelmäßig Geld für einen Horizont von sechs bis acht Jahren anlegen will, rät er allerdings eher zu Sachwerten oder zumindest zu Fonds, die durch Sachwerte gedeckt sind. Allerdings, so sein Rat, sollte man nicht alles auf eine Karte setzen, sondern sich breiter aufstellen, diversifizieren. Als Genossenschaftler wirbt er selbstverständlich dafür, zuerst einmal Genossenschaftsanteile der Raiffeisenbank zu erwerben oder eine bestehende Einlage zu erhöhen – nachdem die RB Hohenloher Land seit einigen Jahren die Maximaleinlage gedeckelt hatte, hat sie nun ein Aktionsprogramm zur Erhöhung des Genossenschaftskapitals aufgelegt.
Zur Risikostreuung empfiehlt Siebert, regelmäßig in 2 oder drei unterschiedlich engagierte Fonds zu investieren. „Das wichtige: Bei fallenden Kursen sollte man nicht gleich aussteigen, sondern das niedrige Niveau nutzen“. Bei der Frage nach Edelmetallen antwortet er ein wenig reserviert: „Fünf oder zehn Prozent Edelmetall als Diversifikation, das kann man machen“.

Text: Matthias Lauterer

 

 

 

 

 

 




Das liegt hauptsächlich daran, das ich in sehr ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen bin“

Die Inflation treibt derzeit die Einkäufe in den Supermärkten nach oben. Die Deutsche Markenbutter, früher einmal 39 Cent günstig, kostet mittlerweile mancherorts mehr als eine Biobutter im Hofladen. An den Tankstellen sieht es nicht besser aus. Früher forderten die Grünen, den Sprit für 3 Euro pro Liter zu verkaufen. Heute scheint dies tatsächlich kurz vor der Realität zu stehen. Eine durch Corona ausgelöste Wirtschaftskrise, Klimawandel mit schlechten Ernten und ein parallel dazu tobender Krieg mitten in Europa kommt nun bei den Bürger:innen direkt im Alltag an. Der Herbst und der Winter rücken näher und mit ihnen die nächste Heizperiode mit Gas- und Ölpreisen, die nicht nur manchen im Geldbeutel wehtun, sondern der breiten Masse.

Markus Neugebauer hat sich für GSCHWÄTZ umgehört, wie die Menschen im Hohenlohekreis mit diesen Veränderungen umgehen und hat unter anderem mit Ergotherapeutin Patricia S. aus Unterheimbach gesprochen.

Die 41 – jährige Ergotherapeutin Patricia S. aus Unterheimbach sieht der Inflation relativ entspannt entgegen.

“Das liegt hauptsächlich daran, das ich in sehr ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen bin und damit in gewisser Weise schon damit konfrontiert wurde.

„Bei einer sich zuspitzenden Lage würde ich mir zu helfen wissen“, lächelt Sie mich selbstbewusst an. Sie hebt hervor, dass sie kein „Konsummensch“ sie…Sie kauft nur das, was unbedingt notwendig ist.

Auf die Frage, wo Sie selbst eine Preissteigerung gemerkt hat, kommt wie aus der Pistole geschossen: „bei meinem Metzger“. Die 41-Jährige schätzt, dass sie nun zirka 30 Prozent mehr bezahle, als noch vor einem Jahr.

Den Grund für die Preissteigerungen sieht sie in der Coronapandemie: „Die Energiepreise waren schon vor dem Ukraine-Krieg stetig am steigen.“

Auch vertritt sie die Meinung, das viele Unternehmen nicht nur die erhöhten Einkaufspreise an Ihre Kunden weitergeben, sondern die Inflation auch nutzen, um höhere Gewinne zu erwirtschaften.

 

 




„Wir nehmen teilweise wahr, dass Kundinnen und Kunden aktuell stärker zu Eigenmarken greifen.“

Lebensmittel Preisentwicklung. Quelle: ZDF wiso

Wenn im Euro-Shop alles plötzlich 1,10 Euro kostet, dann wäre das vor zwei Jahren einfach nur ein lustiges Bild gewesen. Heute zeigt es den Ernst der Lage für viele Menschen auf. Eine Inflationsrate von momentan über 7 Prozent bedeutet nämlich, dass Menschen, die bereits vor dem rasanten Preisanstieg den Cent zweimal umgedreht haben, inzwischen nicht mehr wissen, wie sie sich ernähren sollen. Nicht nur die Armen sind von steigenden Preisen für Lebensmittel im Lebensmittelbereich betroffen. Auch scheinbar wohlhabende Menschen, die Kredite aufgenommen haben und wenig sonstige Sparquote haben, müssen für das tägliche Leben immer mehr Geld aufwenden und geraten in finanzielle Gefahr.

Es gibt nicht die „eine“ Inflation, Inflation ist individuell

Der Warenkorb, den DESTATIS für die Berechnung der Inflationsrate zugrundelegt, umfaßt 645 Artikel. Nicht alle dieser Artikel sind für jeden relevant: Wer sich vegetarisch ernährt, den interessieren die Fleischpreise nicht, und wer kein Auto hat, der tankt auch keinen Diesel. Aber Lebensmittel braucht jeder: Die Preise für Lebensmittel sind innerhalb eines Jahres ungefähr doppelt so stark gestiegen wie die Inflationsrate, nämlich um 14,8 Prozent, so jedenfalls sagt es die Verbraucherzentrale. Und wer nach den Ausgaben für Wärme, Strom und Lebensmittel kein Geld mehr hat, für den ist die persönliche Inflationsrate deutlich höher als die amtlich ermittelte Rate.

Beispiele für die Teuerung bei Grundnahrungsmitteln

Butter beim Discounter kostete Anfang des Jahres  1,29 Euro – inzwischen muss man mit über 2 Euro für das halbe Pfund rechnen. Und die Milch, deren niedriger Preis von um 0,75 Euro vor wenigen Monaten noch Bauernproteste hervorrief, kostet jetzt beim Discounter 1,39 Euro.

Verschleierungstaktik der Hersteller

Von Butter auf Margarine umzusteigen, lohnt sich nicht, denn manche Lebensmittelhersteller trauen sich schon gar nicht mehr, die Preissteigerungen offen zu kommunizieren und greifen zu billigen Tricks: Aufgeflogen ist kürzlich Upfield, Hersteller unter anderem der Margarinemarke RAMA, der zum gleichen Preis nur noch 400g statt wie bisher 500g Margarine in einen Becher packt – und das in der bisher bekannten Bechergröße. Eine Preissteigerung von 25 Prozent auf einen Schlag. „Shrinkflation“ heißt das neue Wort für dieses Anbieterverhalten.

Bei den preiswertesten Kaffeesorten stieg der Preis um mehr als 20% und auch die einfache 500g-Packung Spaghetti der Discountermarke, die vorher um die  65ct kostete, ist jetzt nicht mehr unter 79ct zu bekommen. Nudelspezialitäten kosten bei der Eigenmarke 1,19 Euro, die italienischen Markenprodukte stehen bei 1,99 Euro. Für 1kg Reis zahlte man Anfang des Jahres noch unter einem Euro, heute werden 1,39 Euro aufgerufen.

Selbst wer sich die Situation schöntrinken möchte, muss feststellen, dass der preiswerte Rotwein aus Frankreich nicht mehr 1,99 Euro kostet. Immerhin wurde der Preis gerade wieder herabgesetzt, 2,99 Euro war wohl zuviel des Guten für die Zielgruppe der preissensitiven Weinliebhaber.

Obst und Gemüse

Für Obst und Gemüse ist ebenfalls eine deutliche Preissteigerung bemerkbar. Da deutsche Ware derzeit Saison hat, ist die Preissteigerung dort noch nicht so stark bemerkbar. Im Winter, wenn wieder Äpfel aus Neuseeland und Orangen aus Israel im Angebot sind, werden die Preise allein wegen der deutlich gestiegenen Transportkosten anziehen. Auch Gewächshausware wird wegen der Energiepreise deutlich teurer werden.

Tipp: lokale Anbieter für frische Produkte

Bei den lokalen Anbietern, die ihre selbsterzeugten Produkte auf den lokalen Märkten oder im Hofladen anbieten, sind die Preise bisher weitgehend stabil.

Verarbeitete Nahrungsmittel

Eine Mitarbeiterin tauscht Preisschilder aus. Foto: twitter, @sternimommy

Richtig deutlich zeigt sich die Preissteigerung bei den verarbeiteten Nahrungsmitteln. Je mehr energieintensive Verarbeitungsschritte, desto stärker zeigen sich die Auswirkungen der Energiekosten. Ein drastisches Beispiel macht bei twitter die Runde, angeblich wurde das Foto von einer Verkäuferin aufgenommen, die gerade Preisschilder austauscht. Ein Preissprung von fast 90 Prozent ist darauf zu sehen:

Beim Metzger merkt Patricia die Inflation am meisten

Patricia, 41, aus Unterheimbach sieht der Inflation relativ entspannt entgegen: „Das liegt hauptsächlich daran, dass ich in sehr ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen bin und damit in gewisser Weise schon damit konfrontiert wurde. Bei einer sich zuspitzenden Lage würde ich mir zu helfen wissen“, lächelt sie selbstbewusst. Sie hebt hervor dass sie „kein Konsummensch“ sei. Sie kauft nur das, was unbedingt notwendig ist.

Auf die Frage, wo Sie selbst eine Preissteigerung gemerkt hat, kommt wie aus der Pistole geschossen „bei meinem Metzger“. Sie meint, dass sie jetzt ca. 30 Prozent mehr bezahlt als vor einem Jahr.

Neben den immensen Preissteigerungen bei Lebensmitteln, der auf den Ukraine-Krieg zurückzuführen ist, sieht sie die Corona – Pandemie als Zugpferd für steigende Preise in allen Bereichen, auch im Energiesektor: „Die Energiepreise waren schon vor dem Ukraine-Krieg stetig am Steigen, die Sanktionen und die Reduzierung der Gas – Lieferung durch Russland haben die Preise zum Explodieren gebracht und sind somit merklich spürbar für den Endverbraucher“. Auch vertritt sie die Meinung, dass viele Unternehmen nicht nur die erhöhten Einkaufspreise an Ihre Kunden weitergeben, sondern die Inflation auch nutzen, um höhere Gewinne zu erwirtschaften.

Patricia ist „kein Konsummensch“. Foto: privat

Einzelhändler und Discounter wollen nicht viel preisgeben

Die Einzelhändler und Discounter wollen für ein Gespräch über Auswirkungen der Inflation auf ihr Geschäft, beispielsweise ein verändertes Kundenverhalten oder das Thema „Shrinkflation“ nicht zur Verfügung stehen. Sehr wortkarg antwortet Lidl: Es ist unser Anspruch, unseren Kunden immer das beste Preis-Leistungs-Verhältnis zu bieten. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihnen keinen Interviewpartner zur Verfügung stellen.“

Ein wenig mehr sagt Kaufland, ebenfalls ein Unternehmen der Schwarz-Gruppe: Wir bieten unseren Kunden auch weiterhin eine große Auswahl an Lebensmitteln sowie alles für den täglichen Bedarf zu günstigen Preisen. Darunter unsere attraktiven Eigenmarken-Produkte sowie die anderer bekannter Marken. Wir stellen derzeit kein verändertes Einkaufsverhalten unserer Kunden fest. Es werden weiterhin Einkäufe quer durch das Sortiment und alle Warengruppen getätigt.“

Discounter könnten Probleme bekommen

Es ist klar, dass sich die Discounter hier nicht in die Karten schauen lassen wollen: Die Discountpreise sind nur solange möglich, wie die Markenhersteller, die ja auch die Discountprodukte herstellen, mit den Markenprodukten genug verdienen. Ist das nicht mehr der Fall, ist das Geschäftsmodell mit den preiswerten Discounter-Eigenmarken gefährdet.

Kaufland hat bereits ein ausgefeiltes Energiekonzept

Auf die Frage nach den eigenen Energiekosten, die ja letztlich auch an die Kunden weitergegeben werden, antwortet nur Kaufland, dafür aber recht ausführlich: „Um Energie zu sparen, heizt in vielen unserer Filialen der Kühlschrank mithilfe des Kälte-Klima-Verbunds. Kühltruhen und -schränke erzeugen mehr Wärme als Kälte. Diese Abwärme nutzen wir bei Kaufland für die Beheizung unserer Filialen, indem sie einer Industriefußbodenheizung zugeführt wird, die unter der gesamten Verkaufsfläche verlegt ist. Erdreich und Bodenplatten dienen als Speicher und können die niedrigen Vorlauftemperaturen von 38 bis 40 Grad Celsius optimal nutzen. Zusätzlich wird die gespeicherte Wärme für die Lüftungsanlage, die Türluftschleier bei den Eingängen und die Heizkörper in den Büro- und Sozialräumen genutzt. Hierdurch decken wir fast 4/5 des gesamten Wärmebedarfs einer Filiale ab. Zudem vermeiden wir Kälteverlust der Kühlmöbel, indem wir sie in vielen Filialen mit Türen oder Glasschiebedeckeln ausstatten.“

Edeka: „Wir nehmen teilweise wahr, dass Kundinnen und Kunden aktuell stärker zu Eigenmarken greifen.“

Einzig Edeka hat schon bemerkt, „dass Kundinnen und Kunden aktuell stärker zu Eigenmarken greifen.“ Details mag aber auch Edeka nicht nennen, nur soviel: „Wir legen höchsten Wert auf ein bestmögliches Preis-Leistungsverhältnis. Aufgrund der aktuellen Situation auf den Weltmärkten lassen sich steigende Verkaufspreise aber nicht immer vermeiden. Selbstverständlich geben wir, wann immer möglich, Einkaufsvorteile an unsere Kundinnen und Kunden weiter. In unseren Märkten können unsere Kundinnen und Kunden aus einem breiten Sortiment an bekannten Marken, beliebten Edeka-Eigenmarken und Artikeln auf Discountpreisniveau wählen. Damit sprechen wir jede Kundin und jeden Kunden an.“ 

Text: Markus Neugebauer und Matthias Lauterer




Wegen Inflation: Haushalte im Hohenlohekreis verlieren 52 Millionen Euro

Inflation frisst Einkommen auf: Wegen rasant steigender Preise gehen den Haushalten im Hohenlohekreis in diesem Jahr rund 51,6 Millionen Euro an Kaufkraft verloren – vorausgesetzt, die bisherige Teuerungsrate zieht nicht noch weiter an. Allein bei Lebensmitteln müssen die Verbraucherinnen und Verbraucher mit Mehrausgaben von 23,6 Millionen Euro rechnen. Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten mit. Die NGG beruft sich hierbei auf eine regionale Kaufkraftanalyse des Pestel-Instituts (Hannover). Danach sind Menschen mit schmalem Portemonnaie besonders betroffen: In den 17.200 Haushalten, in denen im Hohenlohekreis Alleinerziehende und Singles mit einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 2.000 Euro leben, belaufen sich die hochgerechneten Kaufkraftverluste – vom
Heizen bis zum Einkauf im Supermarkt – bis Jahresende auf 11,1 Millionen Euro.

Alarmierende Zahlen 

NGG-Regionalgeschäftsführer Burkhard Siebert spricht von „alarmierenden Zahlen“. Durch die Preissteigerungen drohten soziale Verwerfungen, wenn die Politik nicht durch weitere, gezielte Entlastungen gegensteuere. „Vom Kellner bis zur Bäckereifachverkäuferin – Beschäftigte, die keine Spitzenverdiener sind, müssen derzeit jeden Cent zweimal umdrehen. Wer ohnehin schauen muss, wie er bis zum Monatsende durchkommt, bei dem schlagen die aktuellen Mehrausgaben enorm zu Buche“, so Siebert. Laut Pestel-Institut sind die gestiegenen Lebensmittelpreise ein besonderer Inflationstreiber: Der durchschnittliche Haushalt im Hohenlohekreis hat in der ersten Jahreshälfte allein bei Nahrungsmitteln eine Zusatzbelastung von 38 Euro im Monat zu tragen. Die Mehrausgaben für Energie belaufen sich auf monatlich
35 Euro, Mobilität verteuerte sich um zehn Euro.

Nach Beobachtung der NGG treffen die Preissprünge im Supermarkt „ausgerechnet die Menschen besonders stark, die selbst mit Lebensmitteln arbeiten – ob im Restaurant, in der Brauerei oder in der Backwarenfabrik“. Zwar sei es der Gewerkschaft in diesem Jahr gelungen, durch Tarifabschlüsse etwa im Gastgewerbe kräftige Lohnerhöhungen zu erzielen. Die Inflation drohe jedoch, diese zunichte zu machen. „Was wir jetzt brauchen, sind spezielle Hilfen für Beschäftigte mit geringen Einkommen. Aber auch für Rentnerinnen und Rentner, Studierende und Arbeitsuchende. Die bisherigen Entlastungspakete der Bundesregierung reichen nicht aus.
Die Ampel muss nachlegen“, fordert Siebert. 

Reiche stärker an der Finanzierung der Krisenlasten zu beteiligen

Der Geschäftsführer der NGG-Region Heilbronn spricht sich für einen „Energiepreisdeckel“ aus, um Privathaushalte vor explodierenden Kosten für Gas und Strom zu schützen. Dabei müssten alle Entlastungen sozial ausgewogen sein. Siebert: „Starke Schultern können mehr tragen als schwache. Deshalb wäre es auch konsequent, Reiche stärker an der Finanzierung der Krisenlasten zu beteiligen – zum Beispiel durch eine einmalige Vermögensabgabe. 

Pressemitteilung NGG




Der längste Winter

Es ist der gefühlt längste Winter, den viele von uns je erlebt haben. Endlich hatte man Anfang des Jahres das Gefühl, dass das Coronavirus sich nach rund zwei Jahren langsam tot läuft und viele Restriktionen, wie in diversen Nachbarländern von Deutschland bereits geschehen, peux à peux fallen gelassen werden – zumindest bis der nächste Winter kommt. Aber gerade, als wir dachten, wir können vielleicht bald mal wieder frei atmen, kommt, scheinbar wie aus heiterem Himmel, nach rund 80 Jahren der nächste Bombenkrieg in Europa.

Ukraine hat rund 45 Millionen Einwohner

Nachdem wir erstmal in Schockstarre verfallen sind, das Virus dabei fast komplett aus den Hirnwindungen dabei geflogen ist, realisieren wir allmählich, dass die Bomben auf die ukrainischen Städte wohl doch nicht so ganz aus heiterem Himmel fallen, dass da eigentlich seit 2014 ein kleiner aufständischer Krieg von Menschen in der Ostukraine, so genannten Separatisten, herrscht, die gerne wieder mehr russisch als europäisch wären. Eigentlich will jeder Mensch nur Frieden, doch die Rolle rückwärts geht nur noch schwerlich, wenn schon etwas ins Rollen gekommen ist. Nun sucht gefühlt die ganze Welt der Minister und Aussenminister nach möglichst weichen Abbiegespuren, damit es nicht noch mehr Tote, Verletzte, Flüchtlinge gibt, damit der Krieg endlich endet. Aber eine schnelle Lösung scheint wohl eher nicht gefunden zu werden. Die Ukraine hat knapp 45 Millionen Einwohner, mehr als die Hälfte der Deutschen. Für viele von ihnen muss nun dringend kurz- oder vielleicht sogar langfristig Wohnraum geschaffen werden.  Nur im Vergleich: In Syrien tobt auch nach Jahren noch Krieg, viele Flüchtlinge machten sich damals auf den Weg nach Deutschland. 17,5 Millionen Einwohner hat Syrien, die UN hat über 5 Millionen Flüchtlinge bis heute registriert. 69 Prozent hat dabei die Türkei aufgenommen, gefolgt vom Libanon und Jordanien. Über 1,2 Millionen Flüchtlinge hat Deutschland in den Jahren 2015 und 2016 aufgenommen (auch von anderen Ländern ausser Syrien).

Die derzeitige Hilfsbereitschaft ist enorm. Die Angst vor einem Krieg für ganz Europa aber ebenso.

Das war damals ein Rekordanstieg im Vergleich zu den Vorjahren. Nun ist die Ukraine ein Teil Europas, liegt geostrategisch näher und hat fast dreimal so viele Einwohner. Es ist, wie diverse Nachrichtenmedien bereits postuliert haben, die größte Flüchtlingswelle seit dem zweiten Weltkrieg, wenn der Krieg nicht bald aufhört. Aber wann hören Kriege schon bald auf? Und das in einer Zeit, wo viele Menschen durch die Pandemie bereits gebeutelt sind, psychisch, physisch und finanziell. Die derzeitige Hilfsbereitschaft ist enorm. Die Angst vor einem Krieg für ganz Europa aber ebenso.

Bomben kennen keine Jahreszeiten

Im Hintergrund, fast geräuschlos, klettern die Energiepreise in schwindelerregende Höhen, aber hier ist das Ende der Fahnenstange wohl noch lange nicht erreicht. Die Baupreise waren zuvor schon lächerlich hoch, Immobilien sowieso. Die Inflation liegt mittlerweile bei über 5 Prozent, das Einkaufen wird teurer. Nur die Löhne kommen nicht hinterher mit dem Anstieg der Preise. Das Geld wird munter weiter gedruckt, zuletzt für 100 Milliarden für die Bundeswehr. Es wird auch die größte Inflation auf uns zukommen, die es seit Jahrzehnten gab. Was das bedeutet, wissen nur die wenigsten von uns. Die Hyperinflation 2023, zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, haben die meisten unter uns nicht erlebt. Eine Pandemie auch nicht, ein Bombenkrieg ebenso wenig. Wir haben alle nicht hier geschriehen, bei dem, was uns derzeit wiederfährt. Wichtig ist nur, dass wir zammenhalten, solidarisch sind, hilfsbereit, menschlich bleiben, vereint für den Frieden eintreten und gemeinsam durch den nächsten Winter gehen, auch wenn es Frühling wird. Bomben kennen keine Jahreszeiten.

Text: Dr. Sandra Hartmann