1

AfD Hohenlohe begrüßt das Scheitern der Impfpflicht

Die gesetzliche Impfpflicht für alle Deutschen ab 60 Jahren wurde am Donnerstag im Bundestag mehrheitlich abgelehnt. Mit insgesamt 296 Ja-Stimmen und 378 Nein-Stimmen erhielten die Impfpflicht-Befürworter eine erstaunlich klare Abfuhr. Der AfD-Kreisvorstand begrüßt, dass die AfD-Bundestagsfraktion geschlossen gegen das Vorhaben gestimmt hat, weil es von reiner Willkür geprägt ist. Eine Corona-Impfung schützt weder zuverlässig vor einer Infektion, noch vor einer Weiterverbreitung des Coronavirus an andere Menschen, weshalb ein staatlich verordneter Eingriff in die körperliche Unversehrheit nicht gerechtfertigt sei.

Der Erfolg ist auch den hunderttausenden von Menschen zu verdanken, die deutschlandweit seit Monaten ihre Grundrechte wahrgenommen haben und trotz Verbotsversuchen und medialer Anfeindung friedlich auf die Straße gehen.

Sprecher Udo Stein gratuliert insbesondere auch den „Spaziergängern“, die in Crailsheim, Schwäbisch Hall und Hohenlohe und zahlreichen Kommunen seit Monaten für ihr berechtigtes Anliegen Gesicht zeigen.

Stein, der selbst bei mehreren Spaziergängen dabei war, mahnt zur weiteren Wachsamkeit.

Pressemitteilung AfD Hohenlohe




Abstimmungen zur Impfpflicht bringen nur ein Ergebnis: Kein Ergebnis

Keine Sternstunde der parlamentarischen Demokratie waren die Abstimmungen zur Impfpflicht, die die Tagesordnung der Bundestagssitzung vom 07. April 2022 dominierten.

Gleich viermal wurde abgestimmt, vier sich stark unterscheidende Anträge lagen auf dem Tisch. Eine Mehrheit konnte bei keiner der Abstimmungen erzielt werden. Es wurde als sowohl die „Impffplicht ab 60“ verworfen wie auch die Abschaffung der Impfpflicht, die die AfD forderte. Das Parlament ging also auseinander, ohne auch nur ansatzweise einen Schritt nach vorn gemacht zu haben.

Parteipolitisches Gerangel

Bezeichnend, dass es nicht möglich war, sich vorab über eine Reihenfolge der Abstimmungen zu einigen und es -wie schon kürzlich- wiederum zu einer Geschäftsordnungsdebatte kam, die teils mit Argumenten geführt wurde, die dem Bundestag eigentlich nicht würdig sein dürften. Genauso bezeichnend, dass man sich mit knapper Mehrheit dafür entschied, die Abstimmungsreihenfolge so zu gestalten, dass – wie es in jedem Ortsgemeinderat Pflicht ist – der weitestreichende Antrag zuerst abgestimmt wird.

Endlich mal kein Fraktionszwang – oder doch?

Ursprünglich war den Abgeordneten freigestellt, wie sie abstimmen und welchen der Anträge sie unterstützen, der Fraktionszwang – den es eigentlich laut Grundgesetz gar nicht gibt – wurde abgeschafft. So verkündeten es jedenfalls im Vorfeld die Fraktionsführer und so kam es zu fraktionsübergreifenden Gruppenanträgen. Am Tag vor der Abstimmung kam dann ein Schreiben des CDU-Fraktionsgeschäftsführers Torsten Frei ans Licht: Frei forderte die Fraktionsmitglieder, alle Anträge außer dem Unionsantrag abzulehnen. Dass der Sitzungstag damit aus rein parteipolitischen Überlegungen heraus keine Sternstunde werden konnte, stand damit bereits fest.

Vier Anträge zur Auswahl

Abgestimmt wurde über die folgenden Anträge:

Impfpflicht ab 60

Dieser Antrag, gestellt von einer großen Gruppe Abgeordneter aus mehreren Fraktionen, forderte eine Impfpflicht für alle Bürger:innen ab 60 Jahre – als der Gruppe, die bisher und immer noch am stärksten unter Corona leidet. Begleitet werden soll diese Impfpflicht von einem Impfregister, Aufklärung und einer verpflichtenden Impfberatung.

Antrag CDU

Von einem Impfmechanismus anstelle einer Impfpflicht spricht der Antrag der CDU/CSU. Dem Mechanismus vorgeschaltet sein soll ein Impfregister, eine Impfkampagne sowie ein Beschluß des Bundestages über die Initialisierung des Mechanismus.

Antrag „Kubicki“

Eine Gruppe von Abgeordneten, die sich um den Bundestagsvizepräsidenten Kubicki (FDP) scharten, wollte von einer Impfpflicht absehen, dafür aber Maßnahmen ohne einen Grundrechtseingriff intensivieren, um Menschen zur Impfung zu bewegen.

Antrag AfD

Die AfD forderte, keine Impfpflicht einzuführen und die bereit geltende einrichtungsbezogene Impfpflicht wieder rückgängig zu machen.

Alle Anträge abgelehnt

In keiner der vier Abstimmungen konnte eine Mehrheit der abgegebenen Stimmen erzielt werden. Wie sich die Abgeordneten aus dem Wahlkreis Schwäbisch Hall-Hohenlohe entschieden haben, zeigt die folgende Tabelle:

 Kevin Leiser   (SPD) Harald Ebner (GRÜNE) Valentin Abel (FDP) Christian von Stetten (CDU)
Impfpflicht ab 60

Ja

— *) Nein Nein
Antrag CDU/CSU

Nein

Nein Ja
Antrag Kubicki Nein Nein Nein
Antrag AfD Nein Nein Nein

*) Harald Ebner war erkrankt und konnte daher an den Abstimmungen nicht teilnehmen.

Text: Matthias Lauterer




Einrichtungsbezogene Impfpflicht in Kraft getreten

Ab Mittwoch, 16. März gilt für Beschäftigte in Einrichtungen des Gesundheits- und Pflegebereichs eine Impfpflicht gegen Covid-19. Um die Übermittlung der Nachweise über eine Impfung, die Genesung von einer Coronainfektion oder die Befreiung von der Impfpflicht aus medizinischen Gründen durch die Einrichtungen an die Gesundheitsämter so einfach wie möglich zu halten, wird das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration in Baden-Württemberg ein landeseinheitliches und datensicheres digitales Meldeportal freischalten.

Wenig Verwaltungsaufwand bei Nutzung des Meldeportals – zumindest beim Gesundheitsamt

Das Gesundheitsamt des Hohenlohekreises empfiehlt die Nutzung dieses Meldeportals, da die Meldungen dadurch effizient und mit einem geringeren Verwaltungsaufwand bearbeitet werden können. Auch für die Einrichtungen stellt dieser Weg die sicherste und einfachste Möglichkeit dar, ihrer gesetzlichen Benachrichtigungspflicht nachzukommen.

Die Authentifizierung beim Portal erfolgt mit dem ELSTER-Unternehmenskonto. Einrichtungen ohne Steuernummer können ein Zertifikat beantragen. Bei Verzögerungen in der Zusendung wird eine Übergangsfrist von 14 Tagen gewährt. Alle Fragen rund um die Einrichtung des ELSTER-Kontos und die Nutzung des Meldeportals beantwortet das Sozialministerium unter https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/gesundheit-pflege/gesundheitsschutz/infektionsschutz-hygiene/informationen-zu-coronavirus/einrichtungsbezogene-impfpflicht. Diese Informationen sind auch auf www.corona-im-hok.de unter Aktuelle Hinweise > Einrichtungsbezogene Impfpflicht hinterlegt.

Pressemitteilung Landratsamt Hohenlohe




Kretschmann: Möglicherweise ist auch bald der Einkauf im Einzelhandel für Ungeimpfte verboten

Ministerpräsident Winfried Kretschmann kündigt in einem Fernsehinterview des SWR von Dienstag, der 30. November 2021, verschärfte Coronamaßnahmen an, die am Mittwoch, den 01. Dezember 2021, besprochen, am Donnerstag beschlossen und am Freitag in Kraft gesetzt werden sollen. Die bisherigen Maßnahmen könnten noch nicht voll in den Zahlen sichtbar sein, meint Kretschmann – in  einigen Ländern sei eine Abflachung der Kurven sichtbar, aber für Baden-Württemberg könne er das noch nicht sehen.

„Das meiste, was am Donnerstag beschlossen wird, machen wir in Baden-Württemberg schon“

Die Gespräche der Ministerpräsidenten finden unter dem Eindruck hoher Inzidenzen, hoher Intensivbelastung und den Bildern von Patienten, die in Krankenhäuser in andere Bundesländer ausgeflogen werden, statt. „Das meiste, was am Donnerstag beschlossen wird, machen wir in Baden-Württemberg schon“, sagt Kretschmann und setzt „Was noch kommen könnte, ist die Frage ‚Kommt 2G auch im Einzelhandel?'“ fort. „Wir werden auch Großveranstaltungen einschränken, das ist ziemlich sicher“ – auf die konkrete Frage nach  geschlossenen Clubs, einem landesweiten Aus für Weihnachtsmärkte oder Geisterspiele im Fußball, bleibt Kretschmann überraschend unkonkret.

Kretschmann hält Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes für notwendig

„Der designierte Bundeskanzler hat ja zugesagt, dass das Infektionsschutzgesetz verschärft werden kann, wenn es notwendig ist. Wir erachten das für notwendig.“ Den Namen Olaf Scholz spricht er dabei nicht aus.

Impfpflicht zunächst in Krankenhäusern, Altenheimen und Pflegeheimen

Bezugnehmend auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 30. November 2021, ist Kretschmann zufrieden, dass  die Instrumente der Bundesnotbremse nicht gegen das Grundgesetz verstoßen haben: „Diesen Instrumentenhkasten brauchen wir Länder, damit wir adäquater reagieren können, je nach Lage der Dinge.“ Kontaktreduzierung sei weiterhin das wirksamnste MIttel der Corona-Bekämpfung.
An konkreten Punkten nennt er einzig:  „Eine Impfpflicht in Krankenhäusern, Altenheimen und Pflegeheimen wird kommen und eine allgemeine Impfpflicht wird vorbereitet werden“, berichtet er aus den Gesprächen, es sei bereits eine weitgehende Einigung unter den Ministerpräsidenten erzielt worden, „das muß dann nur umgesetzt werden.“

Text: Matthias Lauterer




Jeans made in Germany: das Geheimnis ihres Erfolges

Sina Trinkwalder war Unternehmensberaterin, bevor sie um 2010 eine Textilmanufaktur in Augsburg aufbaute. Bekannt wurde sie durch Ihren Ansatz, dort Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance mehr gesehen haben, zu beschäftigen. Im ersten Teil eines GSHWÄTZ-Interviews spricht sie über ihr soziales Engagement und darüber, wie es möglich ist, heutzutage in Deutschland noch Bekleidung zu produzieren, unter anderem ihre Jeansmarke Augschburgdenim, die sie in ihrer Firma manomama produziert.

GSCHWÄTZ: Via Zoom ist mir Sina Trinkwalder zugeschaltet. Beim „Vorbildpreis 2016“ in Bayreuth hast du dein Publikum ein wenig schockiert. Kannst du die Situation mal kurz kurz erläutern?

„Ich bin dann präsent, wenn es notwendig ist“

Sina Trinkwalder: In Bayreuth war es folgendermaßen … und nicht nur in Bayreuth. Ich mache das öfters, um Menschen einfach wirklich am Körper spürbar zu vermitteln, was falsch bei uns in der Wirtschaft läuft. Oft dann, wenn ich beispielsweise unterwegs bin, auf Lesungen und Vorträgen, und ich habe eine große Bühne und stehe da drei, vier Meter über dem Publikum. Dann lasse ich sie aufstehen und sich wieder setzen und die meisten fragen sich, warum sie das jetzt machen sollten. Dann kann man wunderbar erklären, dass Menschen einfach das tun, was jemand, der über ihnen steht, einfach befiehlt, ohne selber darüber nachzudenken, ob es überhaupt Sinn ergibt. Das ist die Erklärung dafür.

Menschen tun das, was jemand, der über ihnen steht, einfach befiehlt

GSCHWÄTZ: Mich hat das unheimlich erinnert an den Film Männer von Doris Dörrie, wo auch ein Manager-Test vorkommt. Wo der Herr Ochsenknecht einen Papierhut falten, den dann aufsetzen und auf den Stuhl steigen muss und hinterher heißt es, ja, ein Manager setzt sich keinen Papierhut auf und stellt sich auf einen Stuhl, wenn man es ihm sagt. Haben die Leute nichts gelernt seit der Zeit? Der Film war doch sehr berühmt damals.

Sina Trinkwalder: Da muss ich jetzt sagen, ich kenne ihn auch nicht, den Film (lacht). Insofern finde ich, die Argumentation „Haben die Leute nichts gelernt?“ würde ja nur ab einem gewissen Alter, in einem gewissen Alter greifen. Es gibt jeden Tag neue Menschen auf dieser Welt und jeden Tag gibt es neue Standpunkte, neue Sichtweisen. Insofern glaube ich auch, „hat man nichts gelernt“ ist nicht unbedingt der richtige Ausdruck, sondern wir lernen jeden Tag aufs Neue. Das dürfen wir fragen, ob wir nicht bereit sind, jeden Tag aufs Neue lernen. Da würde ich unterschreiben. Nein, es gibt Leute, die sich dann ganz felsenfest auf den Standpunkt setzen „das haben wir immer schon so gemacht“, es wird anders gemacht und Ende. Und das ist auch momentan ein bisschen unser Dilemma.

Würth verleiht Preis an Trinkhauser: „Unternehmerisches Herz“

GSCHWÄTZ: Ah ja, da nimmst Du was vorweg. Das ist nämlich einer der zwei Sätze, die meiner Meinung nach die deutsche Bekleidungsindustrie in den Ruin getrieben haben. Der eine ist „das haben wir noch nie so gemacht“ und der andere ist, „das haben wir schon immer so gemacht“. Aber das ein kleiner Vorgriff.

Du hast 2017 einen Preis bekommen mit einer Beziehung zu Künzelsau, nämlich den Preis Unternehmerisches Herz, der unter anderem von der WÜRTH-Gruppe verliehen wird, von der Wirtschaftswoche unter anderem  und der WÜRTH-Gruppe. Wiie fühlt man sich da, wenn man als relativ kleiner Unternehmer einen Preis bekommt von einer Zeitung und einem Unternehmen, das doch weltweit agiert und eigentlich Großindustrie ist?

Sina Trinkwalder: Wie fühlt man sich da? Ich habe ja, wenn du geguckt hast, sehr sehr sehr, sehr viele Preise bekommen und ich fühle mich danach auch nicht anders als die anderen, sondern „weitermachen“. Das ist mir eigentlich reichlich egal, wie groß oder klein jemand ist. Wenn jemand Notiz von der Arbeit nimmt, die wir in Augsburg machen, dann ist es doch wunderbar und dann begrüße ich das auch.

GSCHWÄTZ: Kannst Du vielleicht ganz kurz darauf eingehen, was du genau in Augsburg machst?

Sina Trinkwalder: Was ich in Augsburg mache? Seit vielen, vielen Jahren, seit nunmehr fast 12 Jahren produzieren wir in Augsburg wieder Bekleidung. Wir wertschöpfen Textilien dort, wo sie vor vielen vielen Jahrzehnten auch gewertschöpft wurden. In einer Zeit bevor man eben bevor man eben im Zuge der Globalisierung woanders hingegangen ist.

GSCHWÄTZ: In der Laudatio zu dem Preis von Würth steht das sehr genau drin: „Sie produziert in ihrer teuren Heimat, verwendet Stoffe aus Deutschland und gibt Langzeitarbeitslosen einen Job in einer Welt mit immer mehr Menschen und begrenzten Ressourcen. Müssen wir anders denken, um nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen? Und Trinkwalder zeigt, wie es gehen kann.“

Corona: „Ich musste niemand meiner Kolleg:innen nach Hause schicken“

Sina Trinkwalder: Ja, vielleicht. Was ganz spannend ist, auch in der Zeit der Krise, der Coronakrise, wo ja die ganzen globalen Ketten implodieren. Wir kamen die letzten eineinhalb Jahre komplett ohne Kurzarbeit aus, ich musste niemand meiner Kolleginnen und Kollegen nach Hause schicken. Wir machen weiter wie bisher. Und ja, es zeigt vielleicht auch, dass es nicht unbedingt die falscheste Entscheidung war, wieder in einer regionalen, beständigen Wertschöpfungskette zu produzieren. Vor allen Dingen ist es die ökologischste.

GSCHWÄTZ: Wie schaffst du das, Jeans auf den Markt zu bringen – Ich habe jetzt zum Beispiel gerade eine an, man sieht es aber nicht – die zum einen in einer sehr guten Qualität sind und zum anderen vom Preisniveau ungefähr auf dem Niveau liegen, wie es die großen Ketten auch anbieten, die dann die Jeans aber für 10 Euro aus Asien importieren.

So rechnet sich die Herstellung einer Jeans

Sina Trinkwalder: Na ja, das Geheimnis ist ganz einfach Du hast es schon gesagt: In einer sehr guten Qualität. Wir würden gar nicht überleben, wenn wir nicht sehr gute Qualität produzierten. Naja, und das zweite ist, dass wir völlig anders kalkulieren. Wenn man sieht, wie heute eine Jeans kalkuliert ist, übrigens jedes textile Produkt … Vor ungefähr fünf bis sieben Jahren war es noch so, dass man sagte der Herstellungspreis mal 3 plus Mehrwertsteuer. Also wenn wir 10 Euro Herstellungspreis oder Fabrikabgabepreis haben, dann wärst du da bei 30, 35 Euro plus Mehrwertsteuer bis bei 45 Euro, salopp gesagt. Die hat aber damals schon 100 Euro gekostet. Mittlerweile sind die Kalkulationen auf das sieben- bis achtfache. Also die Jeans ist nicht teurer geworden bzw. nur minimal teurer geworden. Aber mittlerweile zahlst du 120 bis 150 Euro für dieselbe Geschichte.

Augschburgdenim-Jeans im manomama-Webshop.

Warum? Weil natürlich zum einen die Unternehmen das wirklich brauchen, weil sie sich im Internet um die Reichweite schlagen und einen Haufen in Werbung stecken. Die haben überhaupt gar keine Kohle für Werbung. Und zum Zweiten ist es so, dass sie auch den Verwaltungs- und auch den ökologischen Apparat bedienen müssen. Also so eine Logistik-Geschichte, die kostet ja richtig Geld. Mittlerweile sind wir bei 20.000 Dollar für einen Container. Das wird alles teurer. Das ist bei uns hier nicht teurer geworden. Und das einzige, was teuer ist, aber „teuer“ empfinde ich als völlig falschen Ausdruck, ist Arbeitskraft. Ich setze oder ich richte meine Unternehmen alle volkswirtschaftlich aus. Und volkswirtschaftlich gesehen ist es genau das einzig Richtige zu sagen, dass wir jedem Menschen auch wieder ermöglichen, seinen Erwerb zu erwirtschaften.  Egal wie jung oder alt er ist, wie groß, wie klein, wie dick, wie dünn, wie  gehandicapped oder wie nicht gehandicapped. Das ist die Aufgabe für mich als Unternehmer. Und dass es teurer in der Herstellung ist, ist natürlich klar, auch weil wir ausschließlich ökologische Materialien und regional verarbeiten. Aber im Endeffekt langfristig gesehen, vom Blick unserer Enkel und Enkelskinder gesehen oder Enkelsenkel gesehen, ist es eine richtig günstige Hose.

Marketingkosten über 50 Prozent

GSCHWÄTZ: Meine nächste Frage ja schon teilweise angesprochen. Eigentlich steckt ja in den „Industrietextilien“ teils 50 Prozent Marketingkosten drin.

Sina Trinkwalder: Das wird wahrscheinlich nicht mal mehr reichen. Ja, das Marketing bei manomama bin ich [lacht]. Mehr ist nicht drin.

GSCHWÄTZ: Nunja, das ist ja auch ein Gesicht und eine Person, die bekannt ist. Da braucht man dann keine Fußballspieler mehr?

„Wenn Leute sagen, das geht nicht, dann ist es deren Begrenzung.“

Sina Trinkwalder: Ja, manchmal wäre mir es ganz recht, wenn es anders wäre. Aber es ist völlig in Ordnung. Ich habe mich wie gesagt vor 12 Jahren für das soziale Projekt entschieden. Heute ist wirklich ein stabiler Mittelständler daraus geworden und wir sind alle stolz. Wir haben ja jetzt auch gerade die Diskussion mit Mindestlohn 12 Euro. Klappt das oder klappt es nicht? Das ist für uns beispielsweise überhaupt gar keine Diskussion. Wir sind gestartet, als es gar keinen Mindestlohn gab. Und auch jetzt, wir haben vor eineinhalb Jahren schon gesagt, wir müssen uns so aufstellen und so umstrukturieren und wir müssen so Produkte produzieren, dass wir auch die Löhne erwirtschaften, dass die Menschen davon leben können.

Kann „überhaupt nicht verstehen, dass wir hier in Deutschland um Mindestlöhne diskutieren.“

Und wenn Leute sagen, das geht nicht, dann ist es deren Begrenzung. Ja, es geht schon, wenn man will. Dazu braucht es auch wirklich tolle Partner. Wir produzieren ja beispielsweise auch viele Einkaufstaschen für die Edeka, Tegut, DM und auch die gehen den Weg, weil auch dort wissen die Einkäufer, alles wird teurer. Niemand kann erwarten, dass immer alles gleich bleibt. Aber wenn alles teurer wird, müssen auch die Löhne steigen. Insofern kann ich die Diskussion überhaupt nicht verstehen, dass wir hier in Deutschland um Mindestlöhne diskutieren.

GSCHWÄTZ: Du hast eben gesagt, Deine soziale Firma. Wie äußert sich das ursprünglich? Wenn ich das recht in Erinnerung habe, waren ja diese Taschen im Prinzip der Einstieg, durch den du den Leuten bekannt geworden bist.

„Du kannst das und komm, wir gehen gemeinsam den Weg“

Sina Trinkwalder: Es ist. Wir machen bis heute zum großen Teil ungefähr 60 bis 65 prozent Einkaufstaschen aus Bio-Baumwolle. Einkaufstaschen für die großen Kooperationspartner, weil das auch der Qualifikations- Einstieg für meine Menschen ist. Für jemand, der noch nie an der Nähmaschine gesessen ist, ist das ein überschaubares Projekt. Das sind Handgriffe, die man erlernen kann. Und über diese Handgriffe hinweg, finden sie wieder Selbstvertrauen und  Selbstwertgefühl, dass sie was drauf haben.
Wenn man bedenkt … Du musst dir vorstellen, wenn dir 500 mal jemand erzählt, du bist zu blöd für irgendwas, du kannst gar nix, ich will dich nicht einstellen, dann glaubt man das irgendwann und dann ist das Selbstwertgefühl komplett weg, das Selbstvertrauen nicht mehr da. Und das müssen wir erst mal wieder aufbauen und sagen „Doch, da gibt’s was und du kannst das und komm, wir gehen gemeinsam den Weg“. Und so fing das Ganze eben an..

GSCHWÄTZ: Es waren also Mitarbeiter, die zu dem Zeitpunkt in irgendeiner Weise krank waren, vielleicht auch psychisch Probleme hatten, die du da ursprünglich eingestellt hast?

„Und bis heute stellen wir Menschen ein, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht einfach haben.“

Sina Trinkwalder: Und bis heute stellen wir Menschen ein, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht einfach haben, wir haben sehr viele Menschen, die einen Migrationshintergrund haben, also Barrieren in der Sprache oder im Lesen beispielsweise. Wir haben Menschen, die vermeintlich zu alt sind, zu wenig leistungsfähig in den Augen der Human-Resources-Abteilungen. Wir haben körperlich gehandicapte. Psychisch gehandicapte haben wir weniger, weil wir ja keine Therapie-Einrichtung sind, den Schuh ziehen wir uns auch nicht an. Psychisch gehandicapte Menschen oder psychisch beeinträchtigte Menschen, die brauchen professionelle Hilfe. Das sind wir der falsche Ansprechpartner. Das darf man eben nicht verwechseln. Weil am Ende des Tages sind wir auch eine Unternehmung, die die schauen muss, dass sie schwarze Zahlen schreibt. Das machen wir seit Jahren. Wir haben keine Bankkredite, keine Fördermittel, nichts. Und das wollen wir auch weiterhin so behalten. Aber wir sind eben keine therapeutische Einrichtung.

GSCHWÄTZ: Bekleidungsnäherinnen zu finden dürfte im Moment schwierig sein, weil es den Beruf in der Ausbildung praktisch nicht mehr gibt in Deutschland?

„Wir haben wieder angefangen, auszubilden“

Sina Trinkwalder: Ja, das war von Anbeginn schwierig, es gibt sie nicht mehr, wie du richtig gesagt hast, aber wir haben wieder angefangen, auszubilden. Und wir selbst bilden in Augsburg Bekleidungsfertiger aus,  Modeschneider, Modenäher und schaffen uns selbst unsere Manufaktur Kolleginnen.

GSCHWÄTZ: Wie viele Mitarbeiter hast du im Moment im Produktionsbereich?

Sina Trinkwalder: Es gibt keinen anderen Bereich bei uns. Wir haben keinen großartigen Verwaltungsbereich. Wir haben da zwei Halbtagskräfte und das ist natürlich … momentan sind wir zirka 130 Leute.

GSCHWÄTZ: Das ist ja keine ganz kleine Firma mehr.

Sina Trinkwalder: Nee, so klein ist sie nicht, sie war schon auf 150. Wir haben aber dann auch jetzt die letzten zwei Jahre im Zuge der Pandemie mit Abständen und Tralala und weiß der Geier was alles zum Einen und zum Zweiten auch aufgrund der Tatsache, dass wir bereits viele Ladies und Gentlemen mit in die Rente begleiten durften, gesagt, wir machen jetzt erst mal halblang, um wirklich zu gucken, dass wir alle gesund durch diese Krise kommen.

GSCHWÄTZ: Wenn man jetzt sich die Lage der Bekleidungsindustrie in Deutschland generell vorstellt: Wir haben keine ausgebildeten Mitarbeiter mehr, die Maschinenindustrie ist im Prinzip abgewandert, bei der Deutschland absolut führend war, weil es einfach keine Partnerfirmen mehr gegeben hat. Siehst du irgendeinen Weg, diese Industrie zum Teil wieder zurückzuholen nach Deutschland?

Bekleidungsindustrie in Deutschland: „Ich glaube, zurückkommen wird keiner mehr.“

Sina Trinkwalder: Nein, ich glaube, zurückkommen wird keiner mehr, zumindest nicht unter den Voraussetzungen, wie wir es bei manomama machen. Monomama, der Name kommt von Manu, die Hand, und Mama, die Mutter. Aus den Händen der Mütter. Bei uns steht auch der Manufaktur-Gedanke sehr groß im Vordergrund. Manufaktur deshalb, weil du dir vorstellen musst, wenn du etwas mit den Händen erarbeitest, dann gibt es auch eine intrinsische Motivation. Diese viel besagte intrinsische Motivation, die Selbstwertgefühl vermittelt und die einfach ein gutes Gefühl gibt, dass du etwas drauf hast, dass du etwas kannst.
Was mit Sicherheit wieder zurückkommt –  was wir bei Adidas schon gesehen hatten, wobei die schon wieder weg sind – ist vollautomatisierte Schuhproduktion, vollautomatisierte T-Shirt-Produktion. Da brauchst du dann nicht 10 Menschen, um beispielsweise einen Hoodie zu produzieren, sondern einen halben, der parallel fünf Maschinen bedient und fünf Mal aufs Knöpfchen drückt. Das ist in meinen Augen nicht menschenfreundlich, weil niemand Bock hat, den ganzen Tag nur aufs Knöpfchen zu drücken. Ja, das ist auch nicht zielführend für die Motivation, sondern das ist einfach ein Handlanger der Automatisierung. Das, glaube ich, kann wieder nach Deutschland kommen, gerade im Hinblick auf implodierte Lieferketten, dass man versucht, so viel wie möglich zu automatisieren.
Aber das ist genau den Weg, den wir nicht gehen, sondern wir wollen, dass der Mensch im Hintergrund steht, dass eine menschliche, kreative Schaffenskraft im Vordergrund steht, dass wir nach wie vor auf der Wurzel sind, wie ich manomama auch gegründet habe: Wirtschaft FÜR  Menschen und nicht durch Menschen. Wir sind eine 130-Leute-Manufaktur und es bleiben wir auch immer.

GSCHWÄTZ: Ist das Manufakturwesen möglicherweise für Deutschland eine Zukunft in verschiedensten Industriebereichen?

Die Renaissance des echten Handwerks

Sina Trinkwalder: Bin ich ganz, ganz sicher, dass dem so ist und wir sind auch mittendrin in einer Renaissance, in einer beginnenden. Wenn man sieht, junge Menschen bekennen sich wieder zum Bäckerhandwerk, zum Fleischerhandwerk, zu ganz archaisch bodenständigen Handwerksgebilden. Ich glaube, dass wir auch in großen Teilen diesen Zenit an Industrialisierung echt überschritten haben. Es wurde alles standardisiert, es wurde alles ge-DIN-Normt. Der Mensch hat keinen Bock mehr auf standardisierte Scheiße. So wird Konsum auch nicht mehr funktionieren. Dass wir Konsum brauchen, da brauchen wir nicht drum herumreden und dass wir ihn auch ein bisschen wollen, ist ja auch in Ordnung. Die Frage ist, wie gestalten wir ihn so, dass wir nicht Raubbau an Mensch, Tier, Umwelt treiben. Und ich glaube, wenn wir wieder viele Kleine nach vorne bringen, durchaus auch mit den Regularien von großen Industrien, wenn es um Lebensmittelsicherheit geht, um Arbeitsschutz geht und und und, dann kann das eine ganz wunderbare, vielfältige Geschichte werden. Wir brauchen auch Vielfalt in der Wirtschaft. Ja, ich finde Einfalt oder Monopolismus und Monopolstellungen finde ich ganz, ganz ganz gefährlich.

Im zweiten Teil des Interviews spricht sie über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Verwerfungen in der Bundesrepublik und die Chancen, die sich daraus auch ergeben können.

Die Fragen stellte Matthias Lauterer

 




Wenn sich die Geschichte wiederholt

Vor rund 150 Jahren war Deutschland im Umbruch. Der „gewonnene“ Krieg von 1870/71 führte zur Gründung des Deutschen Reichs unter Kaiser Wilhelm I., des ersten Nationalstaats moderner Prägung auf deutschem Boden, der von Elsaß-Lothringen bis nach Ostpreußen reichte. Einerseits wurde dieser Staat von einem Kaiser von Gottes Gnaden regiert, der weiterhin von Fürsten gewählt wurde, andererseits hatte dieser Staat erstmals ein demokratisch gewähltes Parlament, dem die Verfassung wirkliche Gesetzgebungskompetenz zugestand. Der gewonnene Krieg und der neu gegründete Nationalstaat ohne Österreich führten zu einer Art nationalem Überschwang, zumindest in den oberen Gesellschaftsschichten.

Bevölkerung geschwächt durch 2 Pockenepidemien

Auf der anderen Seite stand eine Bevölkerung, die durch Krieg, Kriegsfolgen und zwei Pockenepidemien 1870 und 1873  dezimiert und geschwächt war. Gleichzeitig bildete sich eine Industriegesellschaft heraus, die in den Städten ein neuartiges Industrieproletariat und -prekariat hervorbrachte, das in engen und unhygienischen Lebensverhältnissen hauste und seinen Lebensunterhalt nur mühsam verdienen konnte. Zu Adel, traditioneller Oberschicht und Bürgertum gesellte sich eine vierte Gruppe: Die „Industriellen“.

Reformhäuser, Vegetarierbund und Naturheilkunde als gesellschaftliche Gegenbewegung zur Industrialisierung

In dieser gesellschaftlichen Situation begann der Aufstieg der sogenannten „Lebensreformbewegung“, einer Bewegung, die den Menschen aus der inzwischen stark entwickelten (groß)städtischen Industriegesellschaft wieder zu einem Leben nahe der Natur zurückführen wollte.
Heute sind noch Relikte dieser Bewegung sichtbar: Reformhäuser, Naturheilkunde und Alternativmedizin, FKK oder Reformpädagogik haben ihre Wurzeln in dieser Bewegung. Auch sogenannte „Licht-Luft-Bäder“ oder „Licht-Luft-Vereine“, die oft Gartenkolonien betrieben, sind vereinzelt noch zu finden. Selbst der „Deutsche Vegetarierbund“ oder ein „Internationaler Verein zur Bekämpfung der wissenschaftlichen Tierfolter“, entspringen gedanklich der Lebensreformbewegung. Diese Bewegung war in ihrem Kern eine Bewegung, die sich sozialen, politischen und ökonomischen Gegebenheiten der damaligen Zeit entgegenstellte. Eine Gegenbewegung zu wissenschaftlicher Rationalität, kapitalistischer Ökonomie und dem Überbau des Nationalstaats.
Und so dienten die Licht-Luft-Anlagen nebenbei auch als Orte der freien oppositionellen Konversation.

Verschiedene Strömungen ohne gemeinsame Führung

Schon anhand der Beispiele kann man sehen, dass es sich bei der Lebensreformbewegung nicht um eine homogene Gruppe von Menschen mit einem gemeinsamen Ziel handeln kann. So werden heute neben Verfechtern diverser, teils esoterischer, Naturheilverfahren auch religiöse Kleingruppen, völkische (nicht: nationale) Vereinigungen, Kleingärtnern bis hin zu Betreibern der kommunistischen Weltrevolution diverse Strömungen der Bewegung im weitesten Sinne zugerechnet – eine gemeinsame Führung der Bewegung gab es nie.

Pockenepidemien von 1870 und 1873

Die Pocken, damals Blattern genannt, waren noch in den 1870er Jahren eine der Geißeln der Menschheit. Während der beiden Epidemien von 1870 und 1873 sollen 180.000 Menschen verstorben sein – das neugegründete Deutsche Reich hatte 1871 rund 41 Millionen Einwohner. Kein Wunder, dass sich Menschen Gedanken machten, wie man dieser Seuche Herr werden könnte. Erste regelmäßige Pockenimpfungen sind im Würzburger Juliusspital bereits 1767 belegt. Und im Jahr 1807 erließ die Bairische (damals noch mit i) Regierung ein Pockenimpfungsgesetz.

Lebensversicherungen schlagen Alarm

Nach der zweiten Epidemie waren es ausgerechnet mehrere Lebensversicherungsanstalten, die eine Petition für eine Pockenimpfung einbrachten, aus rein wirtschaftlichen Gründen:

Nach der in dem Bremer Handelsblatte veröffentlichten Arbeit des inzwischen verstorbenen Finanzraths Hopf zu Gotha „Zustand und Fortschritte der Deutschen Lebens-Versicherungs-Anstalten im Jahre 1871″ feien von den bei 22 im Deutschen Reiche domizilirenden Gesellschaften Versicherten auno 1871 verstorben:
6,277 Personen, auf deren Todesfall 5,548,585 Thaler versichert gewesen, und von den 6,277 Verstorbenen seien allein an den Pocken 866 Personen — mit 501,158 Thlr. versichert — dem Tode erlegen. Mithin seien 13,80 Prozent der versichert wesenen Verstorbenen von den Pocken hingerafft.

Ein Nebensatz in der Petition zeigt, dass die Pocken auch ein soziales Gefälle aufzeigten:

Mithin habe die Pockenepidemie die mit kleinen Summen versicherten, weniger begüterten, Personen in weit stärkerem Grade heimgesucht, als die höher versicherten Reicheren.

In nochmals „weit stärkerem Grade“ dürften die Pocken allerdings die Menschen befallen haben, die sich keine Lebensversicherung leisten konnten.

Diskussion und Verabschiedung im Reichstag

Die „Königlich Preußische wissenschaftliche Deputation für das Medizinalwesen“ hatte bereits vorher aufgrund eigener Untersuchungen das folgende Gutachten veröffentlicht:

  1. Die Mortalität bei der Pockenkrankheit hat seit Einführung der Vaccination bedeutend abgenommen;
  2. Die Vaccination gewährt für eine gewisse Reihe von Jahren einen vollkommenen Schutz gegen die Pockenkrankheit;
  3. Die Revaccination tilgt die wiederkehrende Empfänglichkeit für die Pockenkranheit wiederum für längere Zeit und verschafft einen immer größeren Schutz;
  4. Es liegt keine verbürgte Thatsache vor, welche für einen nachtheiligen Einfluß der Vaccination auf die Gesundheit der Menschen spricht;
  5. Es ist hiernach im öffentlichen Interesse, die Vaccination und die Revaccination auf jede mögliche Weise zu befördern.

Natürlich gab es Gegner eines staatlichen Impfprogramms, die gegensätzliche Petitionen einreichten, etwa ein „Verein für Naturheilkunde“ aus Chemnitz. Der Verein argumentierte mit einem Eingriff in die gottgewollte Natur, dem trat der Abgeordnete Dr. Friedrich Wilhelm Loewe entgegen:

Meine Herren! [Frauen waren im Parlament nicht vertreten, Red.]
Wer darin einen Eingriff in die Natur steht, daß hier ein Leben erhalten, ja daß ganze Generationen erhalten werden, der begeht ein Attentat gegen den gesunden Menschenverstand und ein Attentat gegen diese Versammlung, der er zumuthet, das anzuhören, was der Herr Berichterstatter dieser Versammlung pflichtmäßig aus der Petition hat vortragen müssen, als er den Inhalt derselben hier mitgetheilt hat.

Bei der Diskussion im Reichstag wurde die Wirksamkeit der Vaccination und Revaccination kaum bezweifelt. Wichtigster Diskussionspunkt war ein ganz anderer, nämlich wie weit der Staat in die körperliche Unversehrtheit eingreifen dürfe.

Sowohl das Berufen auf den göttlichen Willen als auch der Verweis auf die körperliche Unversehrtheit half den Gegnern des Impfgesetzes nichts, der Reichstag entschied sich mit großer Mehrheit für den Gesetzentwurf und folgte damit der ökonomischen Argumentation der Lebensversicherungsunternehmen. Das Gesetz wurde am 11. April 1874 für das ganze Deutsche Reich verkündet, von „Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen etc.“ Es enthielt  im §1 eine Impfpflicht:

Der Impfung mit Schutzpocken soll unterzogen werden:

1) jedes Kind vor dem Ablaufe des auf sein Geburtsjahr folgenden Kalenderjahres, sofern es nicht nach ärztlichem Zeugniß (§. 10) die natürlichen Blattern überstanden hat;
2) jeder Zögling einer öffentlichen Lehranstalt oder einer Privatschule, mit Ausnahme der Sonntags- und Abendschulen, innerhalb des Jahres, in welchem der Zögling das zwölfte Lebensjahr zurücklegt, sofern er nicht nach ärztlichem Zeugniß in den letzten fünf Jahren die natürlichen Blattern überstanden hat oder mit Erfolg geimpft worden ist.

Gut vernetzte Impfgegnerszene

In den folgenden 30 Jahren entwickelt sich eine gut vernetzte – so würde man es heute ausdrücken – Impfgegnerszene, über die Thomas Meißner in der Ärztezeitung schreibt:

„Die Parallelen der damaligen Diskussionen zu heute sind frappierend: Damals wie heute stehen medizinisch nicht ausgebildete Menschen in der ersten Reihe der Impfgegner. Damals wie heute tauchen regelmäßig dieselben Namen publizistisch sehr aktiver Protagonisten auf, wohingegen die Reaktionen aus der Ärzteschaft eher verhalten ausfallen.“

Amtsarzt in Schwäbisch Hall sieht Pockenimpfung damals kritisch

Eugen Bilfinger, 1907. Foto: Wikimedia, Hofphotograph Heinemann, Eisenach

Ein typischer Vertreter der damaligen Impfgegner-Szene ist Eugen Bilfinger, seines Zeichens Sanitätsrat, der 1846 im schwäbischen Welzheim geboren wurde und eine Zeitlang auch in Schwäbisch-Hall als Amtsarzt wirkte: Er soll in Schwäbisch-Hall bereits in den 1870er Jahren einen Impfgegner-Verein gegründet haben und war 1908 Gründungsmitglied eines „Vereins impfgegnerischer Ärzte“. Von 1912 bis 1923 war er Chefarzt des Bilz-Sanatoriums in Radebeul (von Karl May und seinen Schnittstellen zur Lebensreformbewegung soll hier nicht weiter die Rede sein) – einer Naturklinik, die „auf die Selbstheilungskräfte des Menschen, unterstützt durch natürliche Mittel“ setzte. „So sollten Luftkuren, Massagen, Wasseranwendungen oder Bewegungstherapien helfen, unter anderem Krankheiten der Atem- und Verdauungsorgane, des Stoffwechsels und des Nervensystems sowie urologische, gynäkologische und dermatologische Krankheitsbilder zu behandeln.“ [wikipedia]. Bilfinger spricht von „grauenhaften Impfschädigungen“, die Meißner und andere Autoren allerdings aus heutiger Sicht hauptsächlich „der mangelhaften Impfhygiene“ zuschreiben. Dass es mit der Impfhygiene selbst 1930 noch nicht zum Besten stand, zeigt das Lübecker Impfunglück, das 77 Neugeborenen das Leben kostete.

Die  „Säftemasse eines gesunden Organismus“

Bilfinger sprach davon, dass mit der „Kuhpockenimpfung“ ein „tierisches Gift“ in „die Säftemasse eines gesunden Organismus eingebracht“ werde, was „eine gewisse Blutvergiftung“ hervorrufen würde.

Wohnhygiene statt Impfung

Bilfinger forderte andererseits eine bessere Wohnhygiene: luftigere Bauten, Reinlichkeit und Lüften als „allgemein gesundheitswirtschaftliche Maßregeln“ könnten Impfungen unnötig machen und könnten mit dem für Impfungen aufgewendeten Geld bezahlt werden. Diese Maßnahmen hätten sicherlich gegen einige damals verbreitete Krankheiten gewirkt – gegen die Pocken aber nicht. Ein weiteres Argument Bilfingers war: Ärzte hätten ja gar kein Interesse an gesunden Menschen, da sie  nur mit Kranken Geld verdienen könnten. Bilfingers Sprache war allerdings blumiger: Er verglich damals Ärzte mit Wirten, die ja auch keine „Mäßigkeitsapostel“ seien.

Völkisch-rassische Tendenzen bei Bilfinger

Aber Bilfinger spricht auch vom „Niedergang unseres deutschen Volkstums“, sieht den Ursprung der Pocken im unreinen Orient und will die Reinheit des Volkes durch geregelte Sexualität und sogar ein Eugenikprogramm erhalten – oder erst erreichen. Dieser Vorgriff auf die Rassenlehre der Nationalsozialisten läßt Bilfinger klar als Vorreiter deutsch-völkischen Gedankenguts zu Beginn des letzten Jahrhunderts erscheinen.

Die sozialen Medien der damaligen Zeit, Vereinsschriften und Magazine, verbreiteten diese Thesen im ganzen Land.

Argumente heutiger Impfgegner sind 150 Jahre alt

Wenn man die Zitate aus der damaligen Zeit liest, fühlt man sich sofort in die Neuzeit versetzt:

  • Das Gutachten der preußischen Deputation könnte fast vom RKI geschrieben sein.
  • Die Lebensversicherungsgesellschaften sind das Big Money, das heute angeblich hinter den Impfkampagnen steckt.
  • Big Pharma will natürlich auch nur Geld verdienen und unterdrückt andere, alternative Heilmethoden.
  • Und auch die heutigen Ärzte sind natürlich keine „Mäßigkeitsapostel“.
  • Bill Gates ist es, der seine Chips in die „Säftemasse eines gesunden Organismus“ spritzen läßt.
  • „Revaccinationen“ kann man mit „Boosterimpfung“ übersetzen.
  • Zur Reinerhaltung des Blutes, ein völkischer Gedanke, frieren inzwischen extreme Impfgegner Sperma von ungeimpften Männern ein.
  • Das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist auch heute Gegenstand der Debatte
  • Fundamentalistisch-religiöse Argumente sind zwar leiser als damals, aber immer noch auf Demonstrationen zu hören, vor allem im Südsachsen, Südthüringen und im südlichen Baden-Württemberg, den Hochburgen evangelikaler Gemeinden.

 

Damals wurde eine gesellschaftliche Diskussion geführt und beendet

Die gesellschaftliche Diskussion, die im ausgehenden 19. Jahrhundert in der Regel mit wohlgesetzten Worten in diversen Schriftenreihen der einzelnen Interessengruppen geführt wurde, wurde relativ schnell entschieden: Innerhalb weniger Jahre bildete sich ein breiter gesellschaftlicher Konsens pro Pockenimpfung heraus. Natürlich gab es auch weiterhin Gegner der Impfung, diese fanden aber später immer weniger Aufmerksamkeit – die Impfung war offenbar erfolgreich, die Nebenwirkungen sowohl persönlich und gesellschaftlich erträglich.
Heute findet die Diskussion größtenteils im Internet statt. Dort wird derart geschrien und gepöbelt, dass die wenigen Stimmen von Impfgegnern, die ihre Meinung mit nachvollziehbaren Argumenten vertreten, untergehen.

Text: Matthias Lauterer

Ein ganz aktueller Podcast zur Lebenreformbewegung: Die Lebensreformbewegung. Visionär oder völkisch? – Déjà-vu Geschichte Podcast