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„Meinem Chef ist es völlig wurscht, ob ich eine homeschooling-Schule betreibe“ – Fünf Mamis berichten über ihren Arbeits- und Lernalltag zu Hause

Tanja ist Sozialarbeiterin, doch derzeit kommt sie sich manchmal vor, wie wenn sie selbst soziale Betreuung bräuchte. Die zweifache Mutter betreut nun schon seit über einem Monat ihre beiden Kinder zu Hause und versucht nebenher von zu Hause aus, so gut es geht, ihre Arbeit zu machen. Während sie mit dem Jugendamt von zu Hause aus Telefonate über soziale Härtefälle führt, arbeitet sie auch selbst am Limit: „“Home office mit Kindern ist wie Zähne putzen mit Nutella“, resümiert sie.

Beschäftigungstherapie für Mamis

Julia ist zwar nicht berufstätig, aber die gelernte Buchhalterin und Mutter von drei Kindern ist ebenfalls am Ende ihrer Kräfte. Vor kurzem hat sie ihrem Mann nachts um 01.30 Uhr eine Sprachnachricht über WhatsApp hinterlassen. Ein Satz daraus lautete: „Ich bin durch. Jetzt bist du dran.“ Zuvor saß die gelernte Buchhalterin über fünf Stunden am Korrigieren der Arbeitsblätter ihrer Kinder. „Ich will es halt gut und ordentlich machen, damit meine Kinder jetzt den Anschluss nicht verpassen.“ Was die 39-Jährige nicht versteht: Warum konzentriert man sich nicht auf das Wesentliche beim homeschooling? Mathe, Deutsch, Englisch. Stattdessen erhalten ihre Grundschulkinder Aufgaben in Kunst, Musik und Religion. Unter anderem haben sie zu Hause nun Blumen in Kunst gebastelt und in youtube Videos über Moses angeschaut. Das Problem: Eigentlich ist ihr Familientablet zeitbeschränkt, so dass die Kinder nur maximal eine halbe Stunde pro Tag damit spielen und im Internet surfen dürfen. Auch bei youtube können sie eigentlich nur youtube-kids-Videos wegen der Kindersicherung anschauen. Die vorgegebenen Videos von der Schule werden aber dadurch oft gar nicht abgespielt. Auch die Zeit, um die Aufgaben zu bewältigen, schaffen die Kinder nicht in 30 Minuten. Daher wurde das Tablett nun komplett entsperrt und alle Zugänge offen gelegt – genau das Gegenteil, was jahrelang von Bildungsministerien gepredigt wurde. „Eigentlich sitzt das Kind jetzt mehr vor dem Tablet als jemals zuvor“, sagt  Julia. Und wäre froh, wenn sie noch irgendwann am Tag Zeit finden würde, um mit ihren Kindern draussen zu spielen.

Musik: Wieviel Schläge hat nochmal eine Viertelnote?

Stattdessen sitzt sie mit ihrem Ältesten vor einem Bild eines Pharaos, das er hat malen müssen, um darunter mit Backpapier den Namen ihres Junged in Hieroglyphen durchzupausen – eine schulische Aufgabenstellung, die mehr zur Beschäftigungstherapie für die Mütter neigt als zu allem anderen, wie sie es selbst formuliert. Oder sie muss ihrem Sonn in Musik erklären, wieviel Schläge eine Viertelnote hat. Dazu kommen Sachkunde- und Buchpräsentationen, die vorbereitet werden sollen.

„Eigentlich sitzt das Kind jetzt mehr vor dem Tablet als jemals zuvor“

Jasmin, 36, arbeitet eigentlich Vollzeit. Das tut sie immernoch – nur von zu Hause, während sie ihre zehnjährige Tochter bei den Aufgaben der fünften Klasse in einem Gymnasium betreut. „Meinem Chef ist es völlig wurscht, ob ich nebenbei eine homeschooling-Schule betreibe, solange ich meinen 40-Stunden-Job erledige.“ Auch sie findet: „Können wir uns nicht einfach auf die Kernfächer konzentrieren?“ Stattdessen gelte es beispielsweise, das Alte und Neue Testament zu memorieren. Ihr Kind habe derzeit rund zehn Fächer abzuarbeiten, dazu gibt es jeweils eine digitale Gruppe. „Wenn man sein Handy anmacht, erwarten einen manchmal über 100 Nachrichten.“ Kürzlich habe sie die erste Videokonferenz verpasst, weil diese in irgendeinem der unzähligen Chatverläufe angekündigt gewesen sei.

„Wir haben gar keinen Internetanschluss“

„Wir haben gar keinen Internetanschluss“, berichtet Simone. Es gäbe zwar Internet, nur eben nicht für alle. Sie teile sich daher den Anschluss mit den Nachbarn. So reiche der Zugang genau zu Simones Schreibtisch. Der älteste Sohn könne dann arbeiten, die anderen aber hätten das Nachsehen. schließlich könne man nicht für jedes Kind einen separaten digitalen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen – geschweige denn, dass die Internetleitung ohnehin sehr schwach sei. Um von der Schule vorgegebene Youtube-Videos anzuschauen, gehe sie mit ihrer Tochter vor die Haustüre, weil da die Videos besser liefen. Manche Eltern setzten sich für Videokonferenzen an ihrer Schule ein, aber der schulleiter habe abgelehnt und auf die Bildungsgerechtigkeit hingewiesen. Sprich: Solange nicht jeder gleichermaßen digital versorgt sei, wären Videokonferenzen und dergleichen schlicht ungerecht denjenigen gegenüber, die das Angebot nicht nutzen könnten. Wie gut die Aufgaben zu Hause erledigt werden, sei bei ihnen zu Hause stark altersabhängig, berichtet die dreifache Mutter. Während der älteste Sohn mit seinen 15 Jahren durch Videokonferenzen sehr gut und selbstständig alles erledige, müsse sie bei dem mittleren (12) alles nochmal kontrollieren, „sonst wird die Hälfte vergessen“. Sonja arbeitet Teilzeit in einem Büro. „Wenn ich arbeite, mich ich nacharbeiten, wenn ich nach Hause komme.“ Das heißt: Sie prüft alles nach und kontrolliert, was und wie die Kinder die Aufgaben bewältigt haben -auch wenn ihr Mann zu Hause ist. Denn die Männer fänden sich oft noch schlechter im homeschooling-Dschungel zurecht, weil auch bei den normalen Hausaufgaben vor Corona oft die Mamis die Ansprechpartner und Begleiter gewesen seien.

„Mama, wie soll ich das schaffen?“

Zu Beginn der Homeschooling-Zeit habe der Mathelehrer ihres Sohnes gesagt, dass es nach den Osterferien nahtlos mit dem Unterricht weitergehen werde, als er den Aufgabenstapel verteilt habe. Daraufhin habe ihr Junge geweint und gefragt: „Mama, wie soll ichd das schaffen?“

Teilweise fünf Tage, bis Lehrer antworten

Die ungenügende Technik ist ein weiteres Problem. Während Sonja nicht immer auf den Schulserver zugreifen kann, weil er manchmal wegen Überlastung streikt, bekam Corinna bis vor kurzem noch von den einzelnen Gymnasiallehrern ihres Sohnes separate E-Mails für jedes Fach ihres Sohnes, mittlerweile wurde ein Online-Portal eingerichtet. In der Grundschule muss die berufstätige Mutter die Aufgabenblätter wiederum direkt in der Schule abholen – für ihr mittleres Kind. Einmal wöchentlich haben die Mamis am Gymnasium die Gelegenheit, mit den Lehrern zu chatten, also zu schreiben, Videokonferenzen gäbe es nicht, berichtet sie. An der Grundschule sei ihnen gesagt worden, sie können sich jederzeit bei Fragen melden, aber Corinna wartet, wenn sie mal eine Frage habe, teilweise fünf Tage, bis eine Antwort komme. Zum Teil bekomme sie nur einen Link als Antwort nach dem Motto: „Hier, könnt ihr nachlesen.“

Symbolfoto homeschooling meets home office. Quelle: adobe stock