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„Dafür muss man studiert haben“

Wenn die dritte Coronawelle nicht doch noch dazwischengrätscht, dann wird der Traum vieler Eltern ab Montag, den 22. Februar 2021, wahr: Der Unterricht in den Klassenzimmern startet wieder. Aber so einfach ist das nicht. Und vor allem nicht flächendeckend. Wer, wann, wie in die Schule kommt, das studieren derzeit Erziehungsberechtigte zu Hause, wenn die neuen Unterrichtsdokumente ins Haus flattern. Diese Dokumente sind oft gar nicht so einfach zu entschlüsseln, hochkomplex („dafür muss man studiert haben“) und wirft die Frage auf: Wie sollen Erziehungsberechtigte unter diesen Bedingungen wieder vernünftig arbeiten gehen können?

Wie sollen Erziehungsberechtigte unter diesen Bedingungen wieder vernünftig arbeiten gehen können?

Wechselmodel heißt dabei das Zauberwort der baden-württembergischen Landesregierung, das bei diversen Lehrern und Eltern jedoch nicht so dollen Anklang findet. Wechselmodell bedeutet, dass es die nächsten Wochen eine Mischform zwischen Präsenzunterricht in der Schule und homeschooling geben soll. Wie das konkret umgesetzt wird, das entscheiden die einzelnen Schulen für sich. Das Problem: Jede Schule macht es ein bisschen anders. Wenn Eltern Kinder auf mehrere Schulen verteilt haben, wird es zudem nicht leichter, sich die unterschiedlichen Präsenzzeiten, wann die Kinder in die Schule gehen, zu merken. Im ersten Lockdown haben diverse Schulen noch wöchentlich zwischen Präsenzunterricht und homeschooling gewechselt. Nun wechseln die Schüler nicht nur wöchentlich, sondern teilweise täglich beziehungsweise stündlich.

Wer geht wann in die Schule? Erziehungsberechtigte verlieren leicht den Überblick

Das heißt, an manchen Schulen haben die Schüler nur zwei oder drei Stunden täglich Unterricht, an anderen Schulen haben die Kinder drei Tage wöchentlich vier Stunden Unterricht. Es sollten pi mal Daumen zehn Stunden in den Klassenzimmern im Durchschnitt angeboten werden, das ist die Vorgabe des Kultusministeriums. Wie sich diese aber verteilen, kann sehr unterschiedlich ausschauen an den Schulen und dementsprechend auch für Familien.

Nehmen wir einmal exemplarisch Familie Müller

Nehmen wir einmal exemplarisch Familie Müller. Familie Müller hat zwei Kinder, Paul geht in die dritte und Lena in die vierte Klasse. Für Paul startet der Unterricht in seinem Klassenzimmer wieder ab Montag, den 22. Februar 2020, denn in dieser Woche dürfen die Erstklässler und die Zweitklässler wieder ran. Lena hat diese Woche weiterhin homeschooling, da die Zweit- und Viertklässler erst eine Woche später wieder in der Schule Unterricht haben. Die Klassen von Paul und Lena wurden zudem geteilt, damit Lehrer anstatt zum Beispiel 26 Kinder nur jeweils 13 Kinder in dem Klassenzimmer zur selben Zeit versammelt haben. Paul ist in Gruppe 1, Lena in Gruppe 2 von ihrer jeweiligen Klasse eingeteilt. Pauls Gruppe 1 hat Montags, Dienstags und Freitags Schule, Lenas Gruppe Mittwochs, Donnerstags und Freitags. Manchmal haben sie drei Stunden Unterricht, dann müssen sie mit dem Auto gefahren werden, da kein Bus fährt, manchmal haben sie vier Stunden am Stück Unterricht. In seltenen Fällen auch zwei Stunden. Dann ist ein Kind zu Hause, während ein Erziehungsberechtigter – meistens die Mutter – das Kind zwischen Schule und Zuhause hin- und herfährt. Denn die ohnehin schon mangelhaften Schulbusverbindungen werden durch stundenweisen Unterricht nicht besser. Nach Pauls Woche in der Schule darf seine Schwester Lena in die Schule und Paul ist wieder eine Woche im homeschooling und immer so weiter im Wechsel. Das heißt: Es ist immer ein Kind abwechselnd im Homeschooling. Und auch wenn das eine Kind, zum Beispiel Paul in der Schule ist, hat er keinen normalen Unterricht, sondern ist in dieser Woche lediglich für rund 10 Stunden in der Schule. Das heißt, er hat stundenweise oder tageweise Schule, der Rest findet auch wieder im Homeschooling unter Anleitung des Erziehungsberechtigten statt.

Die weiterführenden Schulen hoffen hier auf eine schrittweise Öffnung ab dem 08. März 2021

Wenn dann ein Kind zu Hause war und das andere in der Schule Unterricht hatte, hat das Homeschooling-Kind in der Regel den Nachmittag frei, während das Präsenzunterricht-Kind nach Hause kommt und nachmittags in der Regel noch Hausaufgaben zu machen hat. Damit bleibt kaum mehr Spielraum für etwaige Schichtarbeit, falls der Erziehungsberechtigte noch neben des Homeschoolings weiterhin seiner eigentlichen Arbeit nachgehen möchte. Wenn Familie Müller nun noch ein weiteres Kind in der weiterführenden Schule hätte, dann würde dieses Kind erst einmal weiter komplett im Homeschooling sein (wie lange ist auch hier offen, die weiterführenden Schulen hoffen hier auf eine schrittweise Öffnung ab dem 08. März 2021). Das bedeutet, für den Erziehungsberechtigten zu Hause, dass morgens immer zwei Kinder per Homeschooling zu unterrichten wären und nachmittags ein Kind bei den Hausaufgaben betreut werden müsste, somit bleibt weder vormittags noch nachmittags Zeit für ein mögliches Homeoffice oder für eine Arbeit außerhalb der vier häuslichen Wände. Man kann dann entweder eine Umschulung zum Nachtwächter machen. Dann könnte man nachts arbeiten, während die Kinder schlafen oder man arbeitet im nächtlichen Homeoffice oder man erklärt seinem Arbeitgeber nach einem Lockdown-Jahr, dass man die nächsten vier Wochen (solange sind die Pläne nicht selten im Voraus ausgestaltet), eigentlich gar nicht mehr arbeiten kann, weder wochen-, noch tage-, noch stunden-, noch schichtweise, weil das Wechselmodell nun die kompletten Tage ausfüllt, wenn man mehrere Kinder in ungünstigen Konstellationen hat. Ach so, am Wochenende wäre noch ein Zeitfenster. Das könnte man dann vielleicht…

Entweder ganz oder gar nicht

Daher liebes Kultusministerium, auch hier zählt wie beim Striptease: entweder ganz oder gar nicht. Lieber noch zwei weitere Wochen komplett im homeschooling, dafür aber dann direkt danach vollständig in den Präsenzunterricht.

Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann




Wenn Frauen streiken

Ein witziges zweiminütiges Video geistert derzeit durch die WhatsApp-Gruppen. Der Urheber ist das Satireformat browser ballett.

Es zeigt verzweifelte Männer mit schreienden Babys in ihren Armen, die um Hilfe rufen: „Helfen Sie meinem Baby. Was hat es denn? Bauchweh? Hunger? Es macht so komische Geräusche.“ Frauen verweigern in dem Videoclip ihre Hilfe, andere Frauen gehen auf die Straße mit Plakaten, auf denen unter anderem steht: „Heute nimmst du die Kinder.“ Eine Stimme aus dem Off sagt: „Alle Frauen weltweit sind heute in den Streik getreten. Sie fordern Gleichberechtigung. Der Kampf der Geschlechter geht in die letzte Runde.“ Ein Endzeitszenario wird ausgerufen, es zeigt leere Büros und den fallenden Dax. „Dr größte Börsencrash der Geschichte“, kommentiert die Stimme aus dem Off.Männer in Meetings werden gezeigt, einer sagt: „Normalerweise würde ich jetzt die Ideen meiner Assistentin vorschlagen, aber die streikt jetzt auch.“

Hintergrund ist vermutlich die im Zuge der Coronapandemie seit rund einem Jahr andaueren andauernenden massiven Doppelbelastung von Frauen, die den Spagat zwischen homeoffice / Arbeit und homeschooling neben dem Haushalt stemmen müssen.




Lichter aus. Ein totaler Shutdown muss kommen

Und wieder war es nichts. Die Hoffnungen von vielen Eltern und Schüler, zurück in den normalen Schulalltag in die Schulen zu dürfen, zerplatzte am Donnerstag, den 28. Januar 2021, als der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann nicht zum ersten Mal alle zuvor gestreuten Hoffnungen auf baldige Schul- und Kitaöffnungen zu nichte machte. Angesichts der Mutationen des Coronavirus‘, die es nun in Baden-Württemberg gäbe, seien Lockerungen der Coronamaßnahmen derzeit nun überhaupt nicht mehr vorstellbar.

Überhaupt nicht mehr vorstellbar

Hierzu gab es vor allem in den sozialen Medien diverse hämische ironische Kommentare à la: ,Die Virusmutation sei ja nun ganz überraschend aufgetaucht.‘ In der Tat berichteten diverse Medien bereits im Dezember 2020 von der neuen Mutante in Baden-Württemberg. Also fragt man sich derweil schon, was diese Salamitaktik der Regierung soll, den Bürgern stets Hoffnung auf eine baldige Beendigung der Coronamaßnahmen zu geben, um dann den Traum in letzter Minute platzen zu lassen. Warum sagt man nicht gleich: Stellt euch auf drei Monate Lockdown ein? Damit wäre zumindest die Glaubwürdigkeit in die Politik nicht dermaßen am Wanken.

Auf und nieder, immer wieder

Knapp ein Jahr geht dieser Lockdown-Marathon schon. Auf und nieder, immer wieder. Ein baldiges Ende ist durch die Mutationen derweil erst einmal nicht in Sicht – und damit gehen auch erst einmal die Dauerdoppelbelastungen von vielen Familien weiter, die in einer coronaisolierten Welt leben, die gefühlt nur noch aus homeschooling, homeoffice und Kurzarbeit besteht.

Von Anfang ein knallharter Shutdown

Viele Freizeitaktivitäten sind gestrichen, diverse Läden zu, einige Firmen vor der Insolvenz. Selbst ein Friseurbesuch ist derzeit verboten. Die sozialen Kontakte sollen auf ein Minimum reduziert werden. Die große Frage: Wie lange hält das Volk das noch durch? Wäre es nicht sinnvoller gewesen, wenn man zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 sofort einen strikten Shutdown-Kurs gefahren hätte? Das habe ich jüngst Arnulf von Eyb, den CDU-Landtagsabgeordneten des Hohenlohekreises, im einem Video-Interview zur bevorstehenden Landtagswahl gefragt. Er sagte sinngemäß: Sicher, wenn man das alles immer vorher wüsste.

Stoppen wir das Virus. Jetzt

Damals war das Virus neu für Deutschland. Nun nicht mehr. Wir wissen inzwischen viel mehr, auch die Politiker. Nun haben wir eine zweite Chance. Eine Mutation, die weitaus schlimmer ist als die erste Variante, soll in Deutschland angekommen sein. Warum nicht jetzt die neuen Erkenntnisse nach einem Coronajahr nutzen und den totalen Shutdown verhängen? Einen Monat alles herunterfahren. Kein Unterricht mehr, kein arbeiten mehr. Die Doppel- und Dreifachbelastung hätte damit für viele zum ersten Mal seit langer Zeit ein Ende. Und auch die finanziellen Folgen eines knallharten Shutdownkurses wären angesichts der immensen Kosten, die der vorherrschende langwierige Dauerhalblockdown verursacht, vorzuziehen. Denn: Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Stoppen wir das Virus. Jetzt.

Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann