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Künzelsauer Krankenhaus – ausgetauschte Schlösser, Kündigungen und ein Penis, der keiner war

Interne Querelen sorgten im Hohenloher Klinikalltag für Unruhe.

Was ist nicht alles gesprochen und diskutiert worden, warum der Krankenhausstandort in Künzelsau schließen muss. Hans-Wilhelm Köhler, Allgemeinarzt mit einer Praxis im Ärztehaus direkt neben dem Krankenhaus Künzelsau (HK), schildert nun seine Sicht der Dinge. Und es zeigt sich: Hinter den Kulissen des Klinikalltags gab es ganz schön viel Knatsch.

Der dreifache Familienvater ist seit 1980 in Künzelsau als Arzt tätig. Was er nicht verstehen kann: Warum Dr. Andreas Eckle ein „menschenverachtendes Verhalten“ seitens der lokalen Tagespresse vorgeworfen wurde [Hintergrund: Der ehemalige ärztliche Direktor des HK, Eckle, gab dem ehemaligen HK-Geschäftsführer Dr. Andor Toth eine (Teil-)Schuld für den Niedergang des Künzelsauer Krankenhausstandortes. Wir berichteten.] Köhler stärkt nun Eckle den Rücken: „Herr Toth hat auch menschenverachtend agiert. Da hätten Toth und der Landrat zurücktreten müssen.“

„Dem standen die Tränen in den Augen“

Köhler verweist auf den Umgang mit Dr. Kramer, den man Ende 2014 auf „unrühmliche Weise“ entlassen habe. Dr. Kramer war zum damaligen Zeitpunkt Chefarzt der Inneren des Krankenhauses. „Dr. Kramer wurde zum Geschäftsführer, Dr. Toth, zitiert. Ihm wurde von heute auf morgen gekündigt. Sie haben ab sofort Hausverbot, wurde ihm gesagt. Und: ,Packen Sie Ihre Sachen und verlassen Sie das Gebäude.‘ “ Der Hausmeister habe die Schlösser sofort austauschen müssen. Kramer sei völlig überrumpelt gewesen. ,Dem standen die Tränen in den Augen‘ “, habe Köhler von einem Augenzeugen erfahren. 2015 gab es ein Gerichtsverfahren, Kramer gegen die HK. Man einigte sich. Am Ende verlies Kramer das Krankenhaus und erhielt zum Abschied laut internen Quellen 350.000 Euro. Kurz darauf verließ Bürgermeister Stefan Neumann den Aufsichtsrat: „Ich sehe mich nicht mehr in der Lage, meiner Aufsichtspflicht im Rahmen des mir erteilten Mandates gerecht zu werden“, erklärte Stefan Neumann sein Ausscheiden (Fränkische Nachrichten, 02. Oktober 2015).

Was ist geschehen, dass sich das HK nach nur sechs Jahren wieder einen neuen Chefarzt suchen musste? Auch Kramers Vorgänger, Dr. Wolfram Weinrebe, war nur ein Jahr im Amt, bevor er sich in die freie Wirtschaft verabschiedete (Heilbronner Stimme, 12. September 2009). Mit Kramer, der bis dato unter Weinrebe im HK gearbeitet hatte, sollte nun ein wenig länger Kontinuität einkehren, so der damalige Geschäftsführer Dieter Bopp. Kramer sei ein guter Arzt gewesen und ein Verlust für das Krankenhaus, sagt der Allgemeinmediziner Köhler heute rückblickend.

Doch dann dieses fulminante Aus mit einem Gerichtsverfahren, das vermutlich beide Parteien, Kramer und die HK, gerne vermieden hätten. Wie konnte es soweit kommen?

„Schwerste Dauerschäden nach Operationen“ – Gegenseitige Vorwürfe, Kündigungen und ein Penis, der keiner war

Dr. Kramer sei ein „guter Geriater“ (Altersmedizin) gewesen, sagen Mitarbeiter, spricht man sie heute auf Dr. Kramer an. Andreas Eckle, damals ärztlicher Direktor des HK, empfand dies nicht so.  „Aber es war eine Stilfrage, wie man mit ihm umgegangen ist“, sagt er mit Blick auf die Art, wie Kramer von heute auf morgen aus dem Haus geflogen ist.

Einig sind sich diverse Mitarbeiter und Eckle darüber, dass Kramer, der zuvor Oberarzt im HK war, mit seiner Chefarzt-Position überfordert gewesen sei. Auch im Gerichtsverfahren war sein Verhalten als Chefarzt Gegenstand der Verhandlungen. Unter anderem soll er ein ungebührliches Verhalten gegenüber einer Patientin an den Tag gelegt haben, deren Röntgenbild einen vermeintlichen Penis zeigte.

Kramer soll daraufhin eine Mitarbeiterin gebeten haben, bei der Patientin nachzusehen, ob sie tatsächlich einen Penis habe. Rechtsanwalt J. Schultze-Mellting vom Marburger Bund vertrat Kramer damals und argumentierte gegenüber dem Arbeitsgericht Heilbronn: „Den Kläger traf geradezu die Pflicht, nicht nur eine denkbare Intersexualität, sondern auch eine denkbare Verwechslung von Röntgenbildern oder einen technischen Defekt der Anlage aufzuklären.“ Er plädierte dafür, die diesbezüglich ausgesprochene Abmahnung gegen Kramer wieder aus seiner Akte zu entfernen. Kramer wechselte 2015 als Chefarzt der geriatrischen Abteilung nach Gernsbach (Mediclin, 12. Oktober 2015).

Das Personalkarussel des Krankenhauses drehte sich immer schneller

Aber Kramer ist nicht der einzige in einem Personalkarussell, das sich die vergangenen Jahre immer schneller gedreht  zu haben schien. 2011, also vier Jahre zuvor, hat sich Eckle, damals 63, nach 25 Jahren im HK in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet, weil er nach eigenen Aussagen mit dem damaligen Geschäftsführer

Dieter Bopp nicht zurechtkam. Dr. Bernhard-Eduard Wittner, Chefarzt der Unfallchirurgie, hat das HK in demselben Jahr verlassen (Bopp wiederum übte ebenfalls nur zwei Jahre sein Amt aus, bevor er 2013 in den Ruhestand ging). Noch heute kreiden manche Kreisräte und Ärzte Eckle an, dass Wittner gegangen ist. Eckle aber betont auf GSCHWÄTZ-Nachfrage: „Das hat mit mir nichts zu tun.“

GSCHWÄTZ liegt eine E-Mail von Dr. Wittner vor, in welcher Dr. Wittner die Beweggründe für seine Kündigung im April 2011 darlegt. Die E-Mail ging an HK-Betriebsleiter Helmut Munz und diverse andere Personen. Darin wird vor allem Munz stark kritisiert. Unter anderem heißt es: „Würden Sie Ihre umfassende Zugangsberechtigung zu Leistungsdaten des Hauses nicht nur dazu nutzen, nach Daten zu suchen, die geeignet erscheinen, die Leistungsfähigkeit meiner Abteilung zu diskreditieren […], wäre Ihnen sicher aufgefallen, dass die Leistungszahlen relativ konstant sind […].“

Wittner übte in seiner E-Mail massive Kritik an den hygienischen Zuständen bei Operationen im HK: „Nachdem ich über Monate die ungenügenden qualitativen Voraussetzungen organisatorischer und vor allem hygienischer Art für Operationen von Endprothesen bemängelte, hatten Sie versucht, mich durch Denunziation beim Gesundheitsamt einzuschüchtern. […] Es hatte sich dann aber im März der von Ihnen zu vertretenden und in unwahrer Weise mehrfach negierten Mängel leider realisiert: Innerhalb einer Woche trugen fünf Patienten schwerste […] Dauerschäden nach Operationen davon – was der Anlass zu meiner Kündigung im April diesen Jahres zum vertraglich frühestens Termin, dem 31.12.2011, war.“

Die E-Mail wurde am 19. Dezember 2011 von Wittner an Munz gesendet. Wittners letzter Satz: „Ihre Angriffe unter die Gürtellinie machen es mir zwar nicht leicht, mich zu motivieren. Aber ich werde mich auch die letzten Tage für die Abteilung und das Haus engagieren, trotz Ihrer Schmähungen und Verleumdungen. Sicher nicht, um mich Ihnen anzubiedern, sondern weil ich der Überzeugung bin, dass ich dies den Mitarbeitern schuldig bin, die mir in den letzten zehn Jahren trotz Ihrer Misswirtschaft und der vielen Steine, die Sie uns in den Weg geworfen haben, ein gutes und ich glaube, auch nicht so erfolgloses Arbeiten ermöglichten, wie Sie es gerne immer darstellen wollen.“

Und immer wieder die gleichen Lieder

Helmut Munz, der in der E-Mail hart angegangen wird, möchte auf GSCHWÄTZ-Nachfrage darauf nicht direkt antworten und verweist auf Ute Emig-Lange, Pressesprecherin der Gesundheitsholding Tauberfranken/ BBT-Gruppe, zu welcher das HK nun gehört), die für Munz antwortet: „Allgemein  lässt sich sagen: Die Umstände für den Wechsel eines Chefarztes sind meist vielfältig und lassen sich nicht einem einzigen Punkt zuordnen – vor allem nicht nach einer Zeit von mehreren Jahren. Im Nachhinein gibt es dazu sicher subjektive Wahrnehmungen der beteiligten Personen. Herr Munz war zum damaligen Zeitpunkt nicht in der Verantwortung als Geschäftsführer tätig. Herr Munz kann sich daher nicht als Verantwortlicher in der Sache äußern. (…) Mehr können wir dazu nicht sagen, da keine Fakten sondern nur Behauptungen einzelner Personen im Raum stehen, die wir nicht überprüfen können.“

Bezüglich des Themas Hygiene in Krankenhäusern betonte Emig-Lange:

„Bei dem sensiblen Thema Hygiene im Krankenhaus arbeiten grundsätzlich viele Beteiligte zusammen: Ärzte, Pflegende, der ärztliche Direktor als hygieneverantwortlicher Arzt, Hygienefachkräfte, Reinigungskräfte, dazu kommen bauliche und technische Voraussetzungen. In diesem komplexen Zusammenspiel tragen alle ihren Teil dazu bei, damit die Hygienevorschriften eingehalten werden.“

Für Emig-Lange und die BBT-Gruppe sei nun „bei den aktuellen Herausforderungen“ ein „Blick nach vorne zielführend und hier sind wir dabei – gemeinsam mit vielen Partnern – die Weichen zu stellen für die künftige gute medizinische und pflegerische Versorgung der Menschen im Hohenlohekreis.“

Der Blick nach vorne ist wichtig. Aber eine Aufarbeitung der Geschehnisse ebenso, steht noch immer eine zentrale Frage im Raum: Wie konnte es soweit kommen, dass Künzelsaus Krankenhaus geschlossen werden muss? Hierfür gibt es diverse Gründe. Über viele haben wir schon berichtet. Aber auch das sich in den vergangenen Jahren immer schneller drehende Personalkarussell begünstigte die Situation nicht.

Andor Toth. Auch ein Name, bei dem sich die Geister scheiden. Dr. Andor Toth übernahm im Januar 2013  von Bopp die Stelle als Geschäftsführer. Bopp ging in den Ruhestand. Mitarbeiter und ehemalige Mitarbeiter berichten, dass Toth anfangs einen sehr guten Job gemacht habe. Unter seiner Leitung gelang eine Einigung im Tarifstreit, so eine Pressemitteilung des Marburger Bundes vom 18. November 2015. man einigte sich auf 2,2 und weitere 1,9 Prozent „lineare Gehaltssteigerung“, heißt es in der Pressemitteilung. Die Mitarbeiter wurden damit weiterhin (seit 2009) im Haustarif beschäftigt.

Nach der Einigung habe sich Toths Verhalten geändert, berichten Mitarbeiter und ehemalige Mitarbeiter. Eckle: „Ich war anfänglich begeistert von Dr. Toth. Aber dann hat er eine Kehrtwende gemacht.“ Man hatte den Eindruck, dass Toth damals einen Auftrag bekommen hatte, und zwar: das Krankenhaus „abzuwickeln“, ist Eckle nach wie vor überzeugt. Unter anderem sei wenig später die Zusammenarbeit mit der Belegarztpraxis Tischler/Mutschler/Zugelder nicht weiter forciert worden. Von Andor Toth  trennte dich das HK im Dezember 2016. Nun sollte Jürgen Schopf richten, was noch zu richten ging beim HK. Allerdings blieb auch dieses Intermezzo nicht von langer Dauer. Schopf verließ das Krankenhaus bereits ein knappes Jahr später wieder, da die BBT-Gruppe die Mehrheitsanteile des HK gekauft hatte und demensprechend auch die Geschäftsführung anders aufgestellt wurde (siehe Foto ganz unten).

Um das HK wieder in ruhigeres Fahrwasser zu steuern, sind Stabilität und Kontinuität wichtig – auch und vor allem im  personellen Bereich.




Hohenloher Krankenhaus // Vierstündiger Abstimmungsmarathon über Mehrheitsanteile

Nach vier Stunden Kreistagssitzung am 21. März 2018 in Pfedelbach ist es amtlich: Die BBT-Gruppe kauft die Mehrheitsanteile (51 Prozent) der Hohenlohe Krankenhaus gGmbH (HK). Alle Mitglieder des Kreistages haben dafür gestimmt. Vier Kreistagsmitglieder waren nicht anwesend (Christian von Stetten, Joachim Schaaf, Gudrun Struve, Professor Dr. Christoph A. Karle). Über 100 Bürger waren gekommen, um den Abstimmungsprozess zu verfolgen. Es gab zahlreiche Wortmeldungen, Fragen an die BBT-Gruppe seitens der Kreisräte, aber auch Lob an den Landrat für sein Vorgehen. Nach vier Stunden wurde zügig abgestimmt. Alle Hände gingen nach oben und gaben der BBT-Gruppe den Zuschlag.

Der Kaufpreis werde nicht verraten, so Landrat Dr. Matthias Neth auf GSCHWÄTZ-Nachfrage, auch die BBT-Gruppe wollte sich dazu nicht konkret äussern. Um die 800.000 Euro soll die Vorgängergesellschaft, die regionale Gesundheitsholdung Heilbronn-Franken (RGH) noch bekommen. Wieviel der Landkreis erh#lt, ist nicht bekannt. Allerdings betonte die BBT-Gruppe, dass dieses Geld nicht in den Landkreis allgemein fließe. Das Geld bleibe stattdessen im HK beziehungsweise in dem neuen Verbund, um dort, also in der Gesundheitsversorgung, auch direkt genutzt werden zu können.

// Rund die Häflte der Hohenloher geht in Krankenhäuser ausserhalb des Hohenlohekreises //

Die BBT-Gruppe präsentierte sich bei der Kreistagssitzung als neuer Partner, dem es wichtig sei, die lokale Gesundheitsversorgung vor Ort zu stärken. Mit einem qualitativ hochwertigen Angebot sollen wieder mehr Patienten in die HK gehen. Derzeit würden rund die Hälfte der Hohenloher in andere Krankenhäuser ausserhalb des Kreises gehen. Der Standort Öhringen soll ein solider Grund- und Basisversorger werden mit vier Schwerpunkten: Onkologie (Krebserkrankungen), Kardiologie (Herz-Kreislauf-Erkrankungen), Orthopädie und Altersmedizin.

Die Angleichung der Löhne und die Gehälter an den öffentlichen Dienst sei angestrebt, so die BBT-Gruppe. Eine Versicherung hierfür konnten die BBT-Vertreter hierfür allerdings nicht aussprechen. Betriebsbedingte Kündigungen gebe es bis 2021 nicht. Thomas Rudoph, Geschäftsführer von Oberender und Partner, die das Markterkundungsverfahren betreut haben, lobte das „maximal zielorientierte Arbeiten des Steuerungskreises“. Projektleiter Maximilian Mai betonte: „Jeder konnte seine Interessensbekundung abgeben.“ Der Lenkungsausschusses habe sich bewährt, stimmte auch Künzelsaus‘ Bürgermeister Stefan Neumann zu, der mit in dem Gremium saß, um in sieben Sitzungen über die Frage zu entscheiden, wer Mehrheitseigner der HK wird.

// Ingelfingens Bürgermeister: „kein gutes Angebot“ //

Für den Standort Künzelsau gibt es bislang keine konkreten Pläne. Kreistagsmitglied Michael Bauer (CDU) weiß, dass „wir in dieser Verhandlungsposition keine Forderungen stellen können.“ Aber nach Beschäftigung mit dem 500-Seiten-Vertrag komme er zum dem Schluss: „Es ist kein gutes Angebot. Schulnote: ausreichend.“ Weiter führte er aus: „Die einzige Alternative wäre gewesen, es allein zu versuchen, aber dazu hätte es Mut bedarft. Ich persönlich hätte mir diesen Mut gewünscht, denn das finanzielle Risiko tragen nun wir.“

Er bedauerte, dass es für den Standort Künzelsau nur „vage Absichtsvermutungen“ gebe. Landrat Dr. Matthias Neth betonte indes, wie auch diverse andere Kreistagmitglieder, dass es die richtige Entscheidung gewesen sei, diesen Krankenhausstandort zu schließen und im Gegenzug die knapp 50 Millionen Fördermittel für den Neubau zu bekommen. Denn: Von anfangs 25 Interessenten sei letzten Endes nur einer übriggeblieben, der ein Angebot für die HK abgegeben habe. Alle Interessenten, einschließlich der BBT-Gruppe hätten betont, dass für sie der Standort Künzelsau nicht interessant gewesen sei. Es gab jedoch auch Interessenten, die abgesprungen sind, weil sie „die Zukunftsaussichten des Standortes Öhringen als negativ bewertet“ haben, so heißt es in einer Pressemitteilung des Landratsamtes hierzu.

// Die Zukunft der Gesundheitsversorgung im Hohenlohekreis //

Matthias Warmuth, Geschäftsführer der BBT-Gruppe betonte, dass die Medizin in Zukunft ambulanter werde. Die Einführung der Fallpauschalen von der Bundespolitik machen es kleineren Krankenhäusern schwerer, zu überleben. Daher sei ein solcher Verbund, wie nun zwischen der HK und BBT geschlossen werden, sinnvoll. Und „die, die übrigbleiben nach dieser Marktbereinigung müssen sich in der ländlichen Gesundheitsversorgung stärker engagieren, in Zusammenarbeit mit den Ärzten vor Ort.“ Auch für die (zukünftigen) Mitarbeiter sei ein solcher Verbund attraktiver, da sie etwa die Möglichkeit hätten, sich hausintern weiterzubilden. Warmuth betonte zudem die Gemeinnützigkeit ihrer BBT-Gruppe. Will heißen: „Wir haben keine Gewinnabführungsabsichten.“ Allerdings betonte er auch, dass jedes Haus für sich schwarze Zahlen schreiben müsse.

Eine schlanke Personalstruktur, kurze Entscheidungswege und eine starke Gesellschafterversammlung, die auch aus Kreistagsmitgliedern bestehe, soll es laut Thomas Weber, kaufmännischer Direktor der BBt-Gruppe, geben. Und: Entscheidungen auf Gesellschafterversammlungen müssen einstimmig getroffen werden, so stehe es im über 500 Seiten starken Vertragswerk. Eine Trennungsklausel (was geschieht im Falle einer Trennung?) gebe es hingegen nicht. Geschäftsführer Warmuth betonte jedoch, dass die BBT-Gruppe „kein Geld mitnehmen werde“, falls es soweit kommen sollte.

Landrat Dr. Matthias Neth betonte, dass es neben dem Krankenhaus nun noch zahlreiche andere Baustellen gebe, die es gelte, anzugehen, unter anderem den Pflegenotstand, die Weiterentwicklung des Rettungsdienstes, den Kampf gegen den Ärztemangel sowie die Aufrechterhaltung der Notfallversorgung, denn auch in diesem Bereich solle laut politischen Vorgaben gespart werden. Er sehe mittlerweile auch diverse Themenfelder, „wo die kommunale Ebene immer mehr unter Druck kommt“.

// Wer zahlt was?//

Der Hohenlohekreis zahlt den geplanten Neubau in Öhringen, der bis 2022 stehen soll. Zudem trägt der Kreis die bislang aufgehäuften „Altlasten“ in Form der Verluste der vergangenen Jahre. Auch die Umsetzung und Finanzierung eines neuen Gesundheitskonzepts für Künzelsau liegt in kommunaler Hand. Allerdings will die BBT-Gruppe innerhalb der nächsten fünf Monate dem Kreistag vier oder fünf mögliche Konzepte hierzu vorstellen. Künzelsaus‘ Bürgermeister Stefan Neumann betonte, dass die Umsetzung dieses Zukunftskonzeptes nicht alleine die Stadt Künzelsau tragen könne, sondern hier angewiesen sei auf Unterstützung des Landkreises.

// Die Bürgerinitiative nimmt Stellung: „Hoch spezalisiertes Krankenhaus vernichtet“ //

„Die Bürgerinitiative wird die weiteren Schritte sehr genau verfolgen und entsprechend agieren“, heißt es in einer Stellungnahme von Seiten der Bürgerinitiative (BI). Problematisch sehen sie, dass „die Kosten aus der bisherigen Aufstellung des Hohenloher Krankenhaueses zu 100 Prozent beim Kreis“ bleiben. „Dazu gehören Belastungen aus den Vorjahren, Kosten für den Weiterbetrieb in Künzelsau, Kosten für die Schließung des Standortes Künzelsau und Kosten für die Nachnutzung des Standortes Künzelsau.“ Fast schon „kreativ scheint das Voranpreschen von [Künzelsaus‘; Anmerkung der Redaktion) Bürgermeister Neumann. Man muss den Bürgern einfach Begriffe um die Ohren werfen, die sich gut anhören, aber nicht weiter ausgeführt werden – so wie die neueste Erfindung von Hr. Neumann – ein Gesundheitscampus.“ Seit Monaten verspreche Landrat Dr. Matthias Neth, konkrete Konzept für den Standort Künzelsau vorzulegen. Bislang sei jedoch nichts dahingehend geschehen, kritisiert die BI. So kommt die Initiative zu dem Schluss:

„Eines hat Landrat Dr. Neth aber ganz sicher geschafft – das Mittelzentrum Künzelsau weiter zu schwächen und ein kleines aber hoch spezialisiertes Krankenhaus mit Intensivstation, Dialyseanbindung, Kardio MRT, lokaler Schlaganfalleinheit und Fachabteilungen wie Allgemein- und Unfallchirurgie mit stationärer Schmerztherapie durch die Anästhesie, Innerer Medizin, Geriatrie und nicht zuletzt die Belegabteilungen HNO, Gynäkologie und Urologie zu vernichten.“

// Zitate //

Landrat Dr. Matthias Neth: „Der Kreistag ist seinen Aufgaben mustergültig nachgekommen, auch wenn der Druck für manche unerträglich geworden ist.“

Thomas Föhl, Kreistagsmitglied und Fraktionsvorsitzender der FWV: „Ein Landrat kann nichts dafür, dass sich das Gesundheitssystem so verändert hat.“

Thomas Dubowy, Arzt aus Krautheim (FWV): „Ich möchte auch der Bevölkerung gegenüber ehrlich sein. Bezüglich der Notfallversorgung herrschen viele Ängste. Natürlich wünscht sich jeder eine solche Versorgung vor Ort. Aber ich sage Ihnen: Das brauchen sie gar nicht. Das brauchen sie in einer Nähe von 20 Kilometern. Das ist absolut ausreichend.“

Matthias Warmuth, Geschäftsfüher der BBT-Gruppe: „Wir streben eine langfristige Partnerschaft an.“

Thomas Weber, kaufmännischer Direktor der BBT-Gruppe: „Die Aufrechterhaltung der 24-Stunden-Notfallversorgung kann man lösen, aber sie wird Geld kosten.“

Karlheinz Börkel, Kreistagsmitglied und Bürgermeister von Schöntal a.D. (CDU): „Wir haben nun einen besseren Partner gefunden.“

Ute Oettinger-Griese, Kreistagsmitglied und Unternehmerin (FDP): „Wir haben sehr schlechte Erfahrungen mit unserem alten Partner gemacht und werden daher sehr genau darauf achten, dass das funktioniert.“

Martin Tuffentsammer, Kreistagsmitglied und Bürgermeister von Forchtenberg a.D. (CDU): „Wenn der Landrat nicht so gekämpft hätte, hätten wir diesen Zuschuss nicht bekommen.“ Er könne sich für Künzelsau beispielsweise ein medizinisches Versorgungszentrum wie in Forchtenberg vorstellen.

Mitarbeiterin des Krankenhauses Künzelsau, die anonym bleiben möchte: „Wie soll das funktionieren, wenn Künzelsau geschlossen wird? Wir haben derzeit wieder so viele Patienten. Wo sollen die künftig alle hingehen?“

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Wer sind die barmherzigen Brüder und mehr Informationen lesen Sie in diesem Artikel:

 

Text: Dr. Sandra Hartmann; Fotos: Nadja Fischer




Die barmherzigen Brüder wollen das Hohenlohe Krankenhaus übernehmen // Neumann: „Rettungsdienst muss ausgebaut werden“

Die barmherzigen Brüder, kurz BBT-Gruppe genannt, übernehmen aller Voraussicht nach die Mehrheitsanteile an der Hohenlohe Krankenhaus gGmbH (HK). Der Kreistag des Hohenlohekreises entscheidet in seiner nächsten Sitzung am kommenden Mittwoch, den 21. März 2018, um 14.30 Uhr in Pfedelbach, ob er dem Angebot zustimmt. Bis zum Schluss des Bieterverfahrens gab es noch einen zweiten Mitbewerber, der sein Angebot jedoch zurückgezogen hat. Der Name des Mitbewerbers ist bislang nicht bekannt. Das geht aus einer aktuellen Sitzungsvorlage zum nächsten Kreistag hervor.

 

// Gesundheitscampus soll kommen //

 

Künzelsaus‘ Bürgermeister Stefan Neumann äusserte sich nur wenige Stunden nach Veröffentlichung der Sitzungsvorlage zu dem voraussichtlich neuen Mehrheitseigner in einer schriftlichen Stellungnahme: „Falls sich der Kreistag für das Angebot der BBT-Gruppe entscheidet, gewinnt unser Kreis einen starken strategischen Partner in der Gesundheitsversorgung, welcher von Anbeginn mit in die Verantwortung geht. Für Künzelsau sehe ich bei einer Entscheidung für diesen Partner eine große Chance, den Standort als Gesundheitscampus in eine gute Zukunft zu überführen. Gleichzeitig bleiben die Forderungen der Stadt Künzelsau bestehen, dass begleitend zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung in Künzelsau unter anderem auch der Rettungsdienst weiter ausgebaut werden muss.“

Wie genau das Krankenhausgebäude in Künzelsau nach der geplanten Schließung im Jahr 2022 genutzt werden soll, ist noch nicht bekannt. In der Sitzungsvorlage zur kommenden Kreistagssitzung heißt es: „Die BBT-Gruppe hat für den Standort Öhringen ein medizinisches Konzept erstellt, ebenso ein medizinisches Konzept für den Standort Künzelsau. Dieses Nachnutzungskonzept der BBT-Gruppe für Künzelsau zeigt fünf verschiedene Modelle oder Varianten auf, die von BBT nach Übernahme der Geschäftsanteile an die HK innerhalb definierter Fristen noch weiter zu konkretisieren sind. Ein Nachnutzungskonzept für Künzelsau ist einzig kommunal zu finanzieren.Über ein entsprechendes Konzept muss der Kreistag im Laufe des Jahres 2018 entscheiden. Des Weiteren beinhaltet das Konzept der BBT-Gruppe ein Investitionskonzept zum Klinikneubau Öhringen sowie ein Zielkonzept für die im gesamten Hohenlohekreis vorhandenen Seniorenheime.“

 

// Landrat: „Sicherstellung einer hochwertigen Versorgung“ //

 

Der Landrat des Hohenlohekreises, Dr. Matthias Neth, hat sich in einer offiziellen Pressemitteilung zu der bevorstehenden Krankenhausentscheidung geäussert: „Ich freue mich, dass wir das Markterkundungsverfahren zu einem Ende bringen konnten und dem Kreistag nach breiter Markterkundung und intensiver Verhandlungen die bestmöglich erreichbare Partnerschaft vorschlagen können. Wir haben eine breite öffentliche Ansprache aller möglichen Interessenten und Investoren sichergestellt, für jeden stand das Verfahren offen. Mein Dank gilt an dieser Stelle den Mitgliedern des Lenkungsausschuss für ihren engagierten Einsatz im Rahmen der sieben Sitzungen und auch darüber hinaus.“

Neth ist „davon überzeugt, dass diese strategische Partnerschaft im Hohenlohekreis langfristig die Krankenhausversorgung sicherstellen wird und für den Hohenlohekreis große Chancen bietet. Gemeinsam in einem großen Verbund und durch eine strategische Zusammenarbeit mit allen Partnern der Region ist die Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen und modernen Versorgung in Medizin und Pflege unser Ziel. Jetzt liegt es am Kreistag, das Bieterangebot zu bewerten und über die Übertragung der Unternehmensanteile zu entscheiden.“

Die Bürgerinitiative, die für den Erhalt des Krankenhausstandortes Künzelsau gekämpft hat, wollte sich erst nach der Kreistagssitzung am kommenden Mittwoch, den 21. März 2018,  zu dem eventuell neuen Mehrheitseigner, den barmherzigen Brüdern, äussern.

 

 

// Kosten Künzelsau //

 

Künzelsau sei der größte Kostenträger innerhalb der HK für die Jahre bis zur Schließung. In der Sitzungsvorlage heißt es: „Die Hauptkosten sind hierbei vor allem der Weiterbetrieb des Standortes Künzelsau, der pro Jahr weiterhin zirka fünf Millionen Euro kosten wird. Ebenso sind Belastungen aus den Vorjahren, die Schließungskosten Künzelsau und die Kosten der Nachnutzung in Künzelsau in jedem Fall vom Hohenlohekreis zu erbringen. Für das Jahr 2018 bedeutet dies, dass zuzüglich zu den schon veranschlagten 5,373 Millionen Euro weitere 2,5 Millionen Euro bereitzustellen sind.“ Der geplante Neubau in Öhringen schlägt mit 100 Millionen zu Buche, so die derzeitigen Schätzungen – rund die Hälfte davon soll das Land Baden-Württemberg im Rahmen des Krankenhausstrukturfonds tragen.
Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann betonte in seiner Pressemitteilung: „Der Landkreis steht weiterhin in der Verantwortung für den Mittelbereich Künzelsau und ich sehe den Willen des Kreistages, des Landrates und der BBT-Gruppe hier ein gutes und nachhaltiges Ergebnis zu erzielen.“
// Bilanz des Hohenloher Krankenhauses //
Das HK hat bis zum Jahr 2011 schwarze Zahlen geschrieben. Die vergangenen Jahre hat sich das Defizit jedoch jährlich vergrößert. 2015 lag das Defizit bei 1,7 Millionen Euro, 2016 bei 2,1 Millionen Euro, 2017 bei 4,4 Millionen Euro. Das Krankenhaus weist in seinen Bilanzen allerdings auch erhebliche Rückstellungen auf. 2016 lagen diese Rückstellungen bei 7,4 Millionen Euro, allein 3,6 Millionen Euro für Risikovorsorge.

// Wer sind die barmherzigen Brüder? //

Hinter der BBT-Gruppe verbergen sich die barmherzigen Brüder Trier gGmbH mit Sitz in Koblenz. Die Gruppe hat laut der Sitzungsvorlage des Landratsamtes rund 80 Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens, unter anderem Krankenhäuser und Seniorenheime. In der Region ist die BBT-Gruppe unter anderem Mehrheitsgesellschafter des Caritas-Krankenhauses Bad Mergentheim, des Krankenhauses Tauberbischofsheim und der Sanitas Tauberfranken (Physiotherapiepraxis und Physiotherapieschule).
Fotos // GSCHWÄTZ/Archiv