Hack oder Mett? Eine skurrile Debatte geht bei TikTok durch die Decke
Über eine Million Menschen sahen das TV-Duell zwischen AfD-Frontmann Björn Höcke und CDU-Politiker Mario Voigt. Das war für den übertragenden Sender Welt-TV ein neuer Quoten-Rekord. Im Vorhin gab es skeptische Stimmen, ob man mit einem solchen Format dem rhetorisch überlegenen Höcke nicht eine zu gute Plattform bietet.
Hartes Moderieren
Vorneweg sei gesagt: Die Moderatoren bemühten sich um ein hartes Moderieren und Argumentieren – insbesondere gegenüber Höcke. Ob das so gut ankam hinsichtlich der vermeintlichen Neutralität des journalistischen TV-Senders lässt sich schlecht nachprüfen, da die Kommentarfunktion unter den Youtube-Videos deaktiviert wurde. Aber Nachrichtenportale täten generell gut daran, völlig neutral aufzutreten und ihren Followern ein gewisses Vertrauen entgegenzubringen, dass diese Informationen, die beide Parteien liefern, sinnvoll verarbeiten, prüfen und bewerten, ohne bevormundet aufzutreten. Denn dadurch kommt der AfD automatisch eine Opferrolle zuteil. Auch im Nachklang hinterließen die Faktenchecks bei diversen anderen Nachrichtenportalen bezüglich der Aussagen der beiden Politiker indem TV-Talk ein gewisses „Geschmäckle“, denn oftmals wurden hauptsächlich die Antworten Höckes auf Herz und Nieren geprüft. Aus der Vergangenheit weiß man, dass Politiker auch anderer politischer Lager nicht immer absolut wahrheitsgetreue Formulierungen treffen. Wer eine faire politische Berichterstattung machen möchte, sollte daher auf Wertneutralität achten, ansonsten ist es ebenso Meinungsmache, Populismus, Lenkung der Menschen, schlichtweg antidemokratisch – also all jene Attribute, die auch oft genannt werden im Zusammenhang mit AfD-Politikern.
Kein Mensch möchte Krieg
Zweifellos war das TV-Duell für brillante Redner wie Höcke eine bestmögliche mediale Inszenierung. Wer das nicht möchte, sollte solche TV-Duelle entweder nicht veranstalten oder mit rhetorisch gleichwertigen Politikern. Die BSW-Vorsitzende Sahra Wagenknecht beispielsweise wäre eine der wenigen führenden Politiker:innen, die einem Björn Höcke oder einer Alice Weidel rhetorisch ohne Mühe Paroli bieten könnte. Voigt wirkte eher wie der Biedermeier vom Landratsamt. Ein Mann, der voll und ganz hinter dem Kurs der Ampelregierung gegenüber dem Ukraine-Krieg steht, den dortigen Krieg auch militärisch zu unterstützen, damit dieser nicht zu uns komme. Frieden mit Waffen quasi. Allein mit diesen Worten gehen viele Bürger:innen in Deutschland und dementsprechend in Thüringen nicht mehr mit. Kein Mensch möchte Krieg. Höcke weiß das und spricht das aus, was viele zu diesem Thema lieber hören möchten: „Dieser Krieg muss so schnell wie möglich beendet werden.“ Deutschland müsse als „Friedensmacht auftreten und zu Friedensgesprächen aufrufen.“
Gefährliche Rhetorik
Thema Migration: Die Moderatoren fragen nach schnell umsetzbaren Lösungen. „Illegale Migration ist ein Zustand, den kann man nicht weiter akzeptieren“, antwortet Voigt. Das heißt für ihn, „null Toleranz bei illegaler Migration“ durch harte Rückführungen und ein starker Schutz der Außengrenzen. „Derjenige, der sich an unserer Leitkultur orientiert, bleibt.“ Fast hat man dabei das Gefühl, er hätte die Partei gewechselt. Höcke hingegen verweist darauf, dass Gewaltkriminalität in Deutschland explodieren würden, Sozialsysteme stünden kur vor dem Kollaps. „Sie und Ihre Partei haben das Land mit Ihrer Migrationspolitik doch an den Rand des Kollapses geführt“, sagt an an Voigt gewandt. Eine deutliche Botschaft müsse an die Welt gesendet werden und zwar: „Das Weltsozialamt Deutschland ist geschlossen.“ Wenn man die Rhetorik Höckes betrachtet, fällt auf, dass er extrem mit großen Schlagworten arbeotet und sehr bildlich und damit eingängig für die Zuschauenden spricht. Voigt nennt dabei generell immer exaktere Zahlen bei diesen Themen. Er scheint besser vorbereitet. Doch was bleibt hängen bei den Zuschauenden? Wörter wie „Totalversagen“ (Höcke) brennen sich deutlich mehr ein, wie diverse „Zahlen, Daten, Fakten“ („jeder vierte Arzt kommt aus dem Ausland“, Voigt) – unabhängig davon, ob es tatsächlich ein „Totalversagen“ gibt (was man sowieso nicht nachweisen kann). „Sie sind Gift für das Land“, versucht Voigt zu kontern und bezeichnet dabei Höcke unter anderem als „Reichskanzler“. Durch persönliche Angriffe, das müsste man als führender Politiker eigentlich wissen, sinkt man selbst im Niveau.
Das große Thema Abschiebungen
Voigt versuchte ebenso zu punkten, als er Höcke unterbrach, als dieser von „Mett“ sprach, man aber „Gehacktes“ in Thüringen sage – eine etwas unglückliche Prioritätensetzung in einer politischen Debatte, zumal Höcke neben dem Begriff „Mett“ auch Gehacktes sagte, dies aber dann für alle Nicht-Thüringer mit „Mett“ übersetzte. Zumindest bei TikTok geht diese kleine Randdiskussion durch die Decke.
Den wohl stärksten Moment hatte Voigt, als er ausführte, „was christliche Menschen von Ihnen (Anm. d. Red.: Herr Höcke) unterscheidet: dass ich jeden Menschen wertschätze, weil ich ihn nicht auf ein einziges Merkmal reduziere. Das, was Sie wollen: die, die anders sind, wollen Sie raushaben.“ Höcke wiederum wollte kontern, wurde aber unterbrochen von dem Moderator, der von Höcke daraufhin eindringlich eine Stellungnahme zu einem Zitat über die SPD-Politikern Frau Özorushaben wollte, das Höcke vor sechs Jahren in seinem Buch getätigt hat („Sie habe in Deutschland nichts verloren, weil sie jenseits der deutschen Sprache keine spezifisch deutsche Kultur erkennen wolle“). Höcke wollte zu einer allgemeinen Stellungnahme zu der Re-Migrations-Debatte ansetzen. Das hätte viele Zuschauer sicher interessiert, das ständige Beharren auf die Stellungnahme zu diesem Zitat seitens des Moderators wirkte daher eher nervtötend. „Natürlich müssen wir auch Abschiebungen forcieren„, sagte Höcke schließlich zu der allgemeinen Re-Migrationsdebatte. Stellenweise hatte man als Zuschauer das Gefühl, dass Höcke gegen drei Menschen (zwei davon eigentlich Moderatoren) eine TV-Debatte führte.
An dieser TV-Debatte und den hohen Einschaltquoten zeigt sich einmal mehr, dass die Bürger:innen nach wie vor an Politik interessiert sind, dass Politiker ein gewisses Redetalent mitbringen, authentisch und nahbar wirken sollten, sprich, die Bürger:innen möchten das Gefühl haben, dass die Politiker:innen die Probleme des Volkes kennen. Als Voigt Höcke ins Wort fiel und auf Gehacktem herumritt, hätte einen als Zuschauer mehr interessiert, was Höcke ursprünglich zum Thema Lieferkettengesetz und welche Auswirkungen das auf Mittelständler und Verbraucher:innen hat, sagen wollte.
Fazit: Bei extrem eloquenten Personen wie dem AfD-Frontmann Björn Höcke müsste ein dementsprechend eloquenter Gegenüber stehen, wie etwa Sahra Wagenknecht. Das wäre sicher auch eine sehr interessante Begegnung.