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Hunderte Blitze erhellten gestern die Hohenloher Nacht

Mehrere rotierende Gewitterzellen mit hunderten von Blitzen erhellten die Nacht von Dienstag auf Mittwoch im Hohenlohekreis.

Auf die Hitze folgt der Knall: Heftige Unwetter zogen in der Nacht auf Mittwoch über Deutschland. Vielerorts werden Keller und Straßen überflutet – auch Baden-Württemberg war betroffen. Eine Altstadt stand gänzlich unter Wasser.

Heftige Unwetter mit Starkregen haben Einsatzkräften in verschiedenen Teilen Deutschlands am Abend und in der Nacht viel abverlangt. Besonders betroffen waren Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern – und Baden-Württemberg, wo in Bruchsal ein Fluss über die Ufer trat und die Altstadt des Stadtteils Heidelsheim überflutet wurde. Zwischenzeitlich habe das Wasser bis zu 1,50 Meter hoch gestanden, teilte die örtliche Feuerwehr mit. Nach Angaben der Hochwasserzentrale erreichte der Fluss Saalbach am Pegel Bruchsal gegen 2.30 Uhr mit gut 2,13 Metern den höchsten Stand und übertraf knapp die Marke für ein sogenanntes 100-jährliches Hochwasser von 2,10 Metern.

Bruchsal, besonders der Ortsteil Heidelsheim, war besonders betroffen.

Auch in anderen Bundesländern meldeten die Einsatzkräfte vollgelaufene Keller und überflutete Straßen. Von Schwerverletzten oder gar Toten war zunächst nichts bekannt. Den Unwettern vorausgegangen war eine Hitzewelle, die mit bis zu 36,5 Grad am Dienstag im rheinland-pfälzischen Bad Neuenahr-Ahrweiler ihren Höhepunkt erreichte – nach vorläufigen Daten des Deutschen Wetterdienstes war es der bisher heißeste Tag des Jahres.

In Baden-Württemberg war vor allem der Landkreis Karlsruhe von heftigen Unwettern betroffen. Die Hochwasserzentrale des Landes warnte am Dienstagabend, wegen lokal teils extrem heftigen Starkregens seien nicht nur in der Nacht, sondern auch im Verlauf des Mittwochs starke Anstiege der Wasserpegel an manchen Bächen und kleinen Flüssen möglich.

Im Hohenlohekreis gab es ein besonderes Himmels-Spektakel zu beobachten: extrem viele aufeinanderfolgende Blitze, die den Himmel über einen längeren Zeitraum immer wieder erleuchtete.




Nach der Flut – Lage bleibt angespannt

Der Sonntag, 02. Juni, ist der erste Tag, an dem der Wettergott für fast acht Stunden Erbarmen hat. Nach wochenlangem Stark- und Dauerregen und schwallartigen Gewittern gibt es nun eine kurze Verschnaufpause, wenn nicht so gar eine Ende der Regenzeit. Einen derart lang anhaltenden Dauerregen haben viele Hohenloher tatsächlich noch nie erlebt. Unwetter Warnstufe vier. Meteorologen sprechen von einem Jahrhunderthochwasser. Mehrere Landkreise in Baden-Württemberg haben den Katastrophenfall ausgerufen. 

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Beim so genannten Jahrhunderthochwssser 2016, bei dem Künzelsaus Innenstadt unter Wasser stand und Braunsbach im wahrsten Sinne abgesoffen ist, konnten auch die Felder, Äcker und die Zuflüsse die gewaltigen Wasserlasten nicht tragen, so dass der Künsbach das Städtle flutete und Kocher und Jagst ebenfalls über die Ufer treten. Seitdem hat sich viel getan. Niedernhall hat daraufhin einen Hochwasserschutz am Kocher gebaut. Künzelsau hat ebenfalls Vorkehrungen getroffen, um eine Wiederholung der Bilder von 2016 zu vermeiden. Der Unterschied zu 2016 ist jedoch: Vor acht jahren hat es sintflutartig geregnet, aber nicht über einen so langen Zeitraum wie dieses Jahr.

Irgendwann war im wahrsten Sinne an diesem Wochenende allerorten das Maß voll, Äcker quollen über, Wiesen konnten das Wasser nicht mehr fassen, das Grundwasser stieg und stieg, bis es teilweise Keller von Wohnhäusern flutete. Die Feuerwehren waren im Dauereinsatz: In Amrichshausen, Berndshausen, Ingelfingen, Langenburg, Gerabronn und Ohrenbach waren mehrere Häuser betroffen und hatten mit Wassermassen in ihren Kellern zu kämpfen. Mit Pumpen, Sandsäcken und Wasserschläuchen versuchten die Feuerwehrler, die Schäden so gering wie möglich zu halten.

Der Neckar, der Kocher und die Jagst traten wieder über die Ufer. Am Sonntag soll es noch vereinzelte Gewitter geben, ebenfalls am Montag. Dann soll sich endlich wieder die Sonne über mehrere Stunden zeigen.

 




Alle Jahre wieder…

…kommt das Hochwasser mittlerweile in das Kocher- und Jagsttal hernieder. Auch in diesem Jahr ist es wieder soweit. Diverse Straßen, Wiesen und Felder stehen nach tagelangem Dauerregen wieder unter Wasser. Seit der Never-forget-Überflutung von 2016 scheinen sich derartige Wetterextreme zu häufen.

Lediglich die Auswirkungen sind nicht dieselben, da einige Städte und Gemeinden seitdem mittlerweile diverse Vorkehrungen getroffen haben, wie etwa die Stadt Niedernhall mit einem Hochwasserwall, der an der Hauptstraße entlang des Kochers errichtet wurde, so dass diese nicht mehr überschwemmt werden kann, sollte der Kocher an diesen Stellen wieder über die Ufer treten.

Indes steigen die Pegelstände von Kocher und Jagst aufgrund des anhaltenden Regens weiter an.

Auch wenn das Hochwasser eher mild ausfällt, könnten Jagst und Kocher laut der Hochwasserversorgungszentrale stellenweise auch in diesen Tagen wieder über die Ufer treten – das warnte die HVZ bereits am Freitagvormittag. Vereinzelt könnten auch land- und forstwirtschaftliche Flächen überflutet werden.

Video: GSCHWÄTZ/DauerregenKocher/200/Archiv




„Das wird ein Gefrickel werden“

Die Gemeinderatssitzung in der Stadthalle in Ingelfingen am Dienstag, den 25. Januar 2021, war lang. Es reihten sich viele wichtige Themen für die Einwohner:innen denn auch wie Perlen an einer Schnur aneinander. Einer der Tagesordnungspunkte war der Hochwasserschutz für Diebach. Hierfür soll der Bach verbreitert werden. Die Firma Winkler aus Stuttgart stellte die Pläne vor. Die Umsetzung soll noch in diesem Jahr erfolgen. „Dann sind wir als einzige Gemeinde im Hohenlohekreis mit dem Hochwasserschutz durch“, so Bürgermeister Michael Bauer.

Bach soll verbreitert werden

Herr Mahlsen von der Firma Winkler erklärte dem Gemeinderat in seiner Sitzung anhand von diversen Folien mit Fotos von Diebach, wie Diebach künftig vor Hochwasser geschützt werden soll.

So soll auf der rechten Seite vom Diebach das Ufer erhöht werden. Eine Winkelstützmauer und eine Blocksteinmauer sollen gebaut werden, die Brücke in Diebach soll neu gebaut werden, das Bachbett soll mehr Platz bekommen und auf das Doppelte aufgeweitet werden, um, so Herr Mahlsen, „mehr Platz für das Gewässer zu schaffen“. Durch die unterschiedlichen Häuser, die am Diebach stehen und die Höhensprünge werde es ein „Gefrickel“ werden, bedeutet auf hochdeutsch: „viel Handarbeit“.

Es kann zu Grundwasserabsenkungen und Setzungsgefährdungen für die Häuser drumherum kommen

300.000 Euro netto hat die Firma Winkler für die Baukosten angesetzt sowie 40 Prozent Baunebenkosten. Während der Baumaßnahmen müsse man den Bach absperren und das Wasser „aussenrum pumpen“. Diese Maßnahme könne zu „Grundwasserabsenkungen“ führen, was wiederum zu einer „Setzungsgefährdung“ führen könne laut dem geotechnischen Gutachten, aber hier handele es sich lediglich um 1cm.

Es gibt für den Hochwasserschutz keine Förderung vom Land, da der Kosten-Nutzen-Faktor kleiner als 1 ist und damit nicht wirtschaftlich.

Der Gemeinderat stimmte dem Antrag dennoch zu. Im Mai/Juni 2022 soll die öffentliche Ausschreibung erfolgen, bis Ende 2022 soll der Hochwasserschutz fertig sein. Der einzige Wehrmutstropfen: Das Löschwasser kann die Feuerwehr dann künftig nicht mehr aus dem Bach entnehmen, da die Löschwasserentnahmestelle nach den Umbaumaßnahmen nicht mehr erreicht werden kann. Das müsse künftig übers Trinkwasser genommen werden. Nichtsdestotrotz: „Das ist eine wichtige Maßnahme für die Diebächer“, schließt Bürgermeister Michael Bauer.

Text: Dr. Sandra Hartmann

 




Hohenlohekreis unterstützt Hochwassergebiet

Der Hochwasserzug aus dem Bevölkerungsschutz des Hohenlohekreises ist am Samstag, 24. Juli 2021, zu einem Einsatz in den Landkreis Ahrweiler gestartet. Bis Dienstag, 27. Juli 2021, helfen 26 Feuerwehrkameraden unter der Leitung von Kreisbrandmeister Torsten Rönisch im Katastrophengebiet.

Vom Landrat verabschiedet

Landrat Dr. Matthias Neth kam am Samstagmorgen an die Feuerwache Öhringen, um sich bei den Beteiligten zu verabschieden. „Ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Kraft, um die herausfordernden Situationen während der Einsatzzeit gemeinsam zu meistern. Passen Sie gut auf sich auf – das Wichtigste ist, dass Sie alle wieder gesund zurückkommen“, so Neth. „Mein herzlicher Dank geht an alle Helferinnen und Helfer, die unermüdlich und unglaublich engagiert an der Bewältigung der Hochwasserlage und deren Folgen arbeiten. Damit meine ich insbesondere auch unsere Einsatzkräfte von THW und DRK, die ebenfalls in den vergangenen Tagen vor Ort waren.“

Beteiligt sind die Feuerwehren Bretzfeld, Ingelfingen, Krautheim, Künzelsau und Öhringen mit sechs Einsatzfahrzeugen. Zuerst ging es nach Bruchsal, um dann gemeinsam mit dem Hochwasserzug des Regierungspräsidiums Karlsruhe das Einsatzzentrum am Nürburgring anzufahren.

Auch das örtliche THW ist im Einsatz

Soweit die Pressemitteilung des  Hohenlohekreises.
Die Feuerwehr Künzelsau ist mit ihrem Gerätewagen Transport mit 3 Feuerwehrleuten sowie einem Führungsassistenten beteiligt.

Bereits unmittelbar nach dem Hochwasserereignis entsandte auch das THW aus Künzelsau einen Verpflegungstrupp aus der Fachgruppe Logistik mit 9 Personen ins Katastrophengebiet, der vor Ort die Rettungskräfte verköstigt. Der Einsatz dieses Trupps ist seit dem Wochenende beendet, weitere Einheiten des THW aus dem Hohenlohekreis sind weiterhin vor Ort tätig.

 




Wie hoch ist mein Pegel?

Über die Qualität der Katastrophenwarnungen in Deutschland wird intensiv diskutiert. Die Apps NINA und KATWARN sind seit einigen Jahren bekannt, diese Apps werden zentral mit Daten versorgt und zeigen zuverlässig die Warnungen, die von den Behörden in die Apps eingepflegt werden, an.

Nachteile der Katastrophen-Warn-Apps

In den Überschwemmungsgebieten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen scheint das nicht funktioniert zu haben – oder aber die Bürger haben, wie es der NRW-Innenminister Reul unterstellt, den Warnungen nicht geglaubt. Auf jeden Fall haben diese Apps zwei Nachteile:
Die Meldungen umfassen üblicherweise ein großes Gebiet. Wenn es in Künzelsau einen Starkregen gibt, merkt man in Öhringen möglicherweise davon gar nichts.
Außerdem ist die Warnschwelle sehr hoch, eben auf Katastrophenniveau. Es sind aber auch kleinere Ereignisse, die für manche Menschen schon bedrohlich werden können.

Das LUBW empfiehlt eine Hochwasser-Warn-App

 

Meine Pegel -App: Übersicht der Pegelstände in Baden-Württemberg

Eine kleine Abhilfe kann die App „Meine Pegel“ schaffen: Diese App wird von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) automatisch und nicht nur im Katastrophenfall mit den Pegelständen der baden-württembergischen Pegel gefüllt. Der große Vorteil ist, dass man die Warnungen der App auf bestimmte Pegel einschränken und den Warnwasserstand für die gewünschten Pegel konfigurieren kann und nicht auf eine Katastrophenwarnung der Behörden angewiesen ist. Bei Erreichen des konfigurierten Pegelstandes sendet die App eine Nachricht.

Auch „Mein Pegel“ ist nicht optimal

Meine Pgel-App: Detailübersicht inklusive Vorhersage für den Pegel Kocherstetten

Der Nachteil dieser App ist, dass das Pegelnetz des LUBW an Kocher, Jagst, Kupfer und Ohrn sehr dünn ist: Kocherstetten, Dörzbach, Forchtenberg und Ohrnberg sind die einzigen Pegel in der Umgebung. Man muss also wissen, was die Pegelstände an diesen Orten für den eigenen Wohnort bedeuten: Steigt beispielsweise der Pegel Kocherstetten auf 230cm, sind die ersten Kleingärten am Sportplatz Nagelsberg bald nicht mehr trockenen Fußes erreichbar, die Brücke  zum Scheurachshof wird schon früher unpassierbar.
Und natürlich teilt die App die Nachteile der Apps NINA und KATWARN: Man benötigt ein funktionierendes Mobilfunknetz sowie ein Smartphone.

Kostenlos

Die App ist unter dem Namen „Meine Pegel“ in den App-Stores für ANDROID, iOS und WINDOWS10 kostenlos erhältlich.

Text: Matthias Lauterer




„Anwohner und Geschäftsleute bekommen schon gar keine Versicherung mehr, die Hochwasserereignisse abdeckt“

Fünf Jahre nach der Sturzflut am 29. Mai 2016 stellte Sabrina Theel von der beauftragten Firma BIT Ingenieure in der Gemeinderatssitzung vom Dienstag, 13. Juli 2021, die aktuell geplanten Hochwasser- und Starkregen-Schutzmaßnahmen vor.

Im ersten Schritt Massnahmen für Amrichshausen und die Innenstadt

Geplant sind im ersten Schritt ein Hochwasserrückhaltebecken in Amrichshausen sowie fünf Massnahmen an Künsbach und Kemmeter Bach.

Geplante Hochwasserschutzmassnahmen in Künzelsau. Foto: Sitzungsunterlagen Gemeinderat

Für Amrichshausen ist oberhalb des Dorfes ein rund 5000 m³ fassendes Rückhaltebecken mit einem rund 3,4m hohen Damm geplant, der Deubach soll einen neuen Verlauf bekommen, um ihn zu verlangsamen. Der Ablauf aus dem Becken wird nicht gesteuert sein, die Durchflussmenge ist durch die Größe des Rohrs begrenzt. Das sei, so Theel, eine äußerst preisgünstige Maßnahme. Dieses Bauwerk soll in der Lage sein, die Überschwemmung der Gemeinde Amrichshausen bei einem 100-jährigen Hochwasser (HW100) sogar unter Berücksichtigung eines Klimaerwärmungszuschlags von 15 Prozent, zu vermeiden.

„Letzte Woche wären wir beinahe wieder abgesoffen“

Gerhard Rudolph ist froh, dass endlich Maßnahmen getroffen werden: „Es hat sich bei den letzten Starkregen gezeigt, dass es 5 vor 12 ist“. Herbert Schneider stimmt zu: „Letzte Woche wären wir beinahe wieder abgesoffen“, 15 bis 20 Zentimeter hätten nur gefehlt. Dennoch hat er Bedenken wegen der Größe des Bauwerks, eine Vertiefung des Geländes wäre weniger Aufwand, meint er. Dem widerspricht Theel: Da das Grundwasser bereits knapp unter der Oberfläche steht, kann eine Vertiefung nicht durchgeführt werden.

Belsenberg weiter ungeschützt

Die in Belsenberg wohnenden Gemeinderäte fordern weitere Maßnahmen zum Schutz ihres Dorfes: Sabine Janny weist darauf hin, dass unterhalb des geplanten Beckens in Amrichshausen bereits weitere Bodenversiegelungen geplant sind, durch die bei Starkregen Wasser sehr schnell nach Belsenberg fließt. Wolfgang Kubat ergänzt, dass sich der Deubach inzwischen selber stark begradigt hat, „mindestens 5 Gumpen sind verschwunden“, und das Wasser daher sehr schnell nach Belsenberg schießt. Er fordert zwischen Amrichshausen und Belsenberg weitere Maßnahmen – in Belsenberg selber sei aufgrund des Artenschutzes an Maßnahmen kaum zu denken.

Sie müssen sich aber auf die Haushaltsplanungen für das Jahr 2022 vertrösten lassen, wo die neuen Projekte definiert werden. „Mit den Maßnahmen, die wir heute vorstellen, ist  es nicht getan“, versichert Bürgermeister Stefan Neumann, „im nächsten Jahr gehts weiter“.

Schutz für die Innenstadt

Zweiter Schwerpunkt ist der Künsbach, der 2016 die gesamte Innenstadt verwüstete. Hier sind gleich fünf Massnahmen geplant. Da im Bachlauf von Künsbach und Kemmeter Bach kaum Platz für ein Rückhaltebecken ist, schlägt Theel hier Massnahmen vor, die den Bachlauf sauber von Geröll und Holz halten sollen, um den Abfluß zu gewährleisten.

Mit einem Raumrechen am Kemmeter Bach, einem Geröllfang am Künsbach, einem Palisadenrechen hinter dem Zusammenfluss von Künsbach und Kemmeter Bach sowie Kaskaden in Höhe des oberen Marktes in Künzelsau will Theel einen Abfluß des Wassers gewährleisten. Ein Einlaufbauwerk auf Höhe des Baumarktes Maas soll zurückgestellt werden und erst zusammen mit einer geplanten Baumassnahme des Eigentümers verwirklicht werden.

Am oberen Markt sind Kaskaden zur Geröllrückhaltung geplant.
Foto: Sitzungsunterlagen Gemeinderat

Ein Gutachten steht noch aus

Das Ergebnis einer „Geschiebepotentialanalyse“, also einer Berechnung, wieviel Material die Bäche bei Hochwasser mitführen und wieviel davon durch die Maßnahmen gefiltert werden, steht noch aus. Erst mit diesen Daten kann die Bauplanung finalisiert und können Zuschüsse angefordert werden.

Nicht ohne Kritik

Boris d’Angelo ist überzeugt, dass diese Maßnahmen bei einem weiteren Starkregenereignis die Stadt nicht schützen können. Er ist der Meinung, dass die Verdolung, für die er das Wort „Baupfusch“ in den Mund nimmt, solche Wassermassen schlichtweg nicht bewältigen kann. Er wirft der Verwaltung vor: „Keiner will diesen Mangel, der damals gebaut wurde, wieder auf den Tisch legen“. Die Verdolung, so erklärt Theel, soll einem HW100 standhalten, beim Starkregen 2016 sei deutlich mehr Wasser angefallen. Für d’Angelo ist das ein Grund mehr, Massnahmen zu fordern, die das Wasser zurückhalten, zum Beispiel spricht er von einer „Staumauer“ im Bereich Gaisbach/Haag. Robert Volpp ist da bei ihm: auch er sieht die Notwendigkeit eines Rückhaltebeckens im Bereich des Künsbachs.

„Anwohner und Geschäftsleute bekommen schon gar keine Versicherung mehr“

Weiterhin fordert d’Angelo die Überprüfung der wahren Kapazität der Hauptstrassenverdolung. Als Bürgermeister Neumann den Sinn dieser Massnahme mit „welche Antwort haben wir dann?“ hinterfragt, beendet d’Angelo die Diskussion mit den Worten „Also gut, ich ziehe meinen Vorschlag zurück, kostet nur Geld“. Johannes Rückgauer fordert ebenfalls dringend Massnahmen zur Wassermengenreduzierung, denn „Anwohner und Geschäftsleute bekommen schon gar keine Versicherung mehr, die Hochwasserereignisse abdeckt“.

Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen

Inzwischen wirft die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ein neues Licht auf die Problematik der Kapazität der Verdolung und die Schutzmaßnahmen für die Innenstadt. Man muss sich überlegen, ob das „HW100“ als Maßzahl noch sinnvoll ist, wenn die Frequenz der Starkregenereignisse zunimmt – und genau damit rechnen ja die Meteorologen.

Im nächsten Jahr weitere Schutzmassnahmen

Auch Neumann weist nochmals darauf hin, dass weitere Massnahmen folgen müssen und verweist auf die Haushaltsberatungen für das nächste Jahr. Ein Ausgleich zwischen Kernstadt und Außenbereichen soll dabei das Ziel sein. Trotz aller Maßnahmen warnt er vor der Unberechenbarkeit des Wassers: „Wir dürfen nicht kommunizieren, dass jetzt alles sicher ist“, sagt er. „Wir werden aber besser und besser.“

Text: Matthias Lauterer




„Wer jetzt durch die Stadt läuft, kann nicht mehr erahnen, wie stark Künzelsau betroffen war“

Das Unwetter am 29. Mai 2016 hat in Künzelsau und der Umgebung große Schäden angerichtet. Die Künzelsauer Innenstadt, aber auch Stadtteile auf der Höhe wurden von Wassermassen des Starkregens überflutet. Fünf Jahre später sind die meisten Schäden behoben und Maßnahmen, die vor solchen Wetterereignissen schützen, bereits umgesetzt und noch geplant.

Künzelsau war schwer getroffen

Die Feuerwache und das Alte Rathaus standen, wie viele andere private und städtische Gebäude in der Innenstadt, unter Wasser. Im Dezember 2019 konnte das generalsanierte Alte Rathaus eingeweiht werden. Im Wahrzeichen der Stadt ist eine moderne Stadtbücherei mit Bürgerräumen entstanden. Die Kosten von rund 1,3 Millionen Euro wurden gefördert mit einer großzügigen Spende der Albert Berner-Stiftung (100.000 Euro) und öffentlichen Mitteln aus dem „Städtebauförderungsprogramm Investitionspaket Soziale Integration im Quartier, SIW“ (410.000 Euro).

Fast fertig renoviertes Ganerben-Gymnasium stark betroffen

Im Ganerben-Gymnasium waren die Sanierungsarbeiten kurz vor dem Abschluss, als in der Unwetternacht viele der Räume überflutet wurden. Die naheliegende Katzenklinge konnte das Regenwasser nicht mehr fassen. „Wir haben mit der Sanierung fast wieder von vorne begonnen“, blickt Bürgermeister Stefan Neumann zurück.

In der Gaisbacher Straße und am Oberen Bach hat das Wasser große Löcher aus dem Straßenbelag gerissen und auch in den umliegenden Gebäuden immense Schäden verursacht. Die öffentlichen Flächen in diesem Bereich mussten komplett neu ausgebaut werden. Im September 2018 konnte die neue Innenstadtfläche mit hoher Aufenthaltsqualität eingeweiht werden. Die Kosten haben rund 470.000 Euro betragen.

Klingen, Bachläufe, Abwasserkanäle, Bachverdolungen, Wirtschaftswege und Gemeindeverbindungsstraßen wurden beschädigt und wiederhergestellt. So wurde beispielsweise im vergangenen Jahr (2020) eine Brücke, ein Straßendurchlass, vergrößert, um die Hochwassersituation in Ohrenbach zu entschärfen. Kosten rund 170.000 Euro.

Mehrere Millionen Euro Schaden allein für die Stadt

Der Schaden, den die Stadt insgesamt zu tragen hat, beläuft sich auf mehrere Millionen Euro. „An privaten Gebäuden und Grundstücken hat das Unwetter leider auch enorm großen Schaden angerichtet“, so Bürgermeister Stefan Neumann. „Es ist bewundernswert, wie seitdem gearbeitet wurde. Wer jetzt durch die Stadt läuft, kann nicht mehr erahnen, wie stark Künzelsau betroffen war. Danke an dieser Stelle für das Geleistete, an alle, die irgendwie ihren Teil dazu beigetragen haben. Das war eine gigantische Gemeinschaftsleistung.“

Vorbeugen – Schutz umsetzen

Da aufgrund des Klimawandels weitere Starkregenereignisse zu befürchten sind, hat die Stadtverwaltung das Ingenieurbüro BIT beauftragt, zu untersuchen, wo und wie Maßnahmen zum Schutz vor Starkregen und Flusshochwasser getroffen werden können. Im November 2019 hat der Gemeinderat dem so erarbeiteten Starkregenrisikomanagementkonzept zugestimmt. In dem daraus abgeleiteten Handlungskonzept sind über fünfzig Maßnahmen in Künzelsau und den Stadtteilen enthalten, die entsprechend verschiedener Prioritäten in den Jahren 2020/21 bis 2030 ausgeführt werden sollen. „Zwischen 21 und 32 Millionen Euro brutto müssen nach einer groben Kostenschätzung investiert werden, um Risikobereiche zu entschärfen“, erklärt Stadtbauamtsleiter Bernd Scheiderer.

Hochwasserschutz wird ausgebaut

Aktuell wird gerade entlang des Kochers in der Würzburger Straße in Künzelsau der Hochwasserschutz verbessert. Der Landesbetrieb Gewässer beim Regierungspräsidium führt die Arbeiten in Kooperation mit der Stadt Künzelsau aus. Sie stehen kurz vor dem Abschluss. Die Investitionskosten für diese Hochwasserschutzmaßnahme belaufen sich auf rund 1,050 Millionen Euro. Das Land trägt 70 Prozent, die Stadt Künzelsau 30 Prozent der Investitionskosten.

Regenrückhaltebecken in Planung

Ein Regenrückhaltebecken bei Amrichshausen ist mittlerweile in der Phase der Genehmigungsplanung. Die Kosten dafür werden in einer Höhe zwischen 300.000 und 400.000 Euro geschätzt. Parallel hierzu werden Maßnahmen am Kemmeter Bach und am Künsbach geplant. In den Jahren 2022 und 2023 sollen diese Projekte realisiert werden. Dafür werden Fördermittel beantragt.

„Bei Berndshausen bestehen drei Hochwasserrückhaltebecken, die 2022 fit für die Zukunft gemacht werden. Rund 100.000 Euro fallen voraussichtlich für die Sanierung an“, schätzt Bernd Scheiderer.

Quelle: Pressemitteilung der Stadt Künzelsau

 

Im Bereich Oberer Bach in der Künzelsauer Innenstadt wurden beim Unwetter Pflastersteine großflächig herausgerissen und durch die ganze Hauptstraße, bis hinunter zur Kocherbrücke gespült. Der gesamte Bereich wurde grundlegend saniert und 2018 mit einem kleinen Fest der Anwohner eingeweiht. Foto: Stadt Künzelsau

Die Hauptstraße in Künzelsau war beim Unwetter überflutet und wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Viele Gebäude, darunter auch das Alte Rathaus mussten saniert werden. Foto_ Stadt Künzelsau

Die Hauptstraße in Künzelsau war beim Unwetter überflutet und wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Viele Gebäude, darunter auch das Alte Rathaus mussten saniert werden. Foto: Stadt Künzelsau




„Eltern sehen, wie sie selber überfordert sind“

Es wird das letzte Mal sein, dass er bei einer Landtagswahl kandidiert, verrät Arnulf von Eyb im GSCHWÄTZ-Interview. Nur 17 Stimmen Vorsprung hatte der 65-Jährige bekommen bei der CDU-Nominierungsveranstaltung im Hohenlohekreis. Im GSCHWÄTZ-Interview (Teil 1) sagt er uns, warum er mit der Werte-Union und der AfD nicht viel anfangen kann, Eltern überfordert sind mit der Homeschooling-Situation und die Hohenloher auf hohem Niveau jammern.
Am Sonntag, den 14. März 2021, sind Landtagswahlen in Baden-Württemberg. GSCHWÄTZ veröffentlicht ab sofort alle Informationen zu den Landtagswahlen – inklusive Kandidatenchecks mit Interviews mit Landtagskandidaten des Wahlkreises Hohenlohe (unter anderem der #SPD , den #Grünen , der #AFD und der #FDP ) sowie einem ausführlichen Wahlcheck. Also. SCHWÄTZ MER.

GSCHWÄTZ: Ich darf heute zum Wahlcheck für die Landtagswahlen in Baden-Württemberg am 14. März 2021 Arnulf von Eyb bei uns in der GSCHWÄTZ-Redaktion begrüßen. Er ist der CDU Landtagskandidat für den Hohenlohekreis und das wurde er mit einem hauchdünnen Ergebnis bei der Nominierung. Waren die 17 Stimmen Vorsprung zu ihrem Mitbewerber überraschend für Sie, dass es nur so hauchdünn war?

„Ich wusste natürlich, dass es Gegenstimmen gibt“

von Eyb: Also ich wusste natürlich, dass es Gegenstimmen gibt und ich wusste auch, dass es eine, ja, wie soll ich sagen, eine gewisse Stimmung gab, die mir kritisch gegenüberstand. Aber wie das bei Wahlen so ist, man weiß es nie im Vorfeld, und es hat auf jeden Fall gereicht. Und das ist für mich entscheidend. Ich bin ein liberaler Mensch und ich bin ein ruhiger und unaufgeregter Politiker, das werde ich auch bleiben. Ich haue keine Schlagworte raus, sondern ich mache meine Arbeit, so gut ich sie sie kann. Und der ein oder andere hätte vielleicht irgendwie etwas Kritisches in der einen oder anderen Richtung verlangt, aber ich habe es nicht getan. Ich weiß auch, warum ich das getan habe. Und ich glaube, die Arbeit eines Politikers bedeutet letztendlich, solide Arbeiten das ganze Jahr über und nicht in der Sekunde irgendeiner Stimmung nachgehen. Das mache ich nicht. Und das könnte auch der Grund sein, weshalb der eine oder andere sagt, ich bin vielleicht zu wenig konservativ. Dabei bin ich urkonservativ, aber eben in dem Sinne, wie ich es für richtig erachte.

Kein Anhänger der Werteunion, also des konservativen Flügels der CDU

GSCHWÄTZ: Wurde Ihnen das gesagt, dass Sie zu wenig konservativ sind?

von Eyb: Es gibt hier eine gewisse Strömung, die es auch innerhalb der CDU gibt, diese so genannte Werte-Union [Anm. d. Red.: konservative Bewegung in der CDU]. Das wurde mir auch ganz offen gesagt, dass ich zu merkelfreundlich sei. Und das ist auch nicht richtig. Aber ich bin ein liberaler Mensch und ich glaube, dass die Politik in Deutschland relativ gut läuft. Das sagen ja auch die Umfragen, und mit der Werte-Union kann ich persönlich nicht sehr viel anfangen. Das habe ich gesagt. Ich habe auch gesagt, dass ich mit der AfD nicht wahnsinnig viel anfangen kann und der eine oder andere sagt dann, dann ist er mir einfach zu liberal, ich möchte jemand, der vielleicht etwas konservativer ist, in einer ganz bestimmten Richtung, das verstehe ich nicht unter Konservatismus.

GSCHWÄTZ: Könnte das auch der Grund sein, dass Sie vielleicht von manchen als zu liberal empfunden werden, dass die AfD hier so ungemein punkten konnte vor fünf Jahren?  Anton Baron hat ja über 17 Prozent bei den letzten Landtagswahlen erzielt.

AfD konnte im Hohenlohekreis bei den letzten Landtagswahlen wegen der Flüchtlingskrise so viel punkten, vermutet Arnulf von Eyb

von Eyb: Ja gut, damals war das sicherlich dem Umstand geschuldet, dass die Flüchtlingskrise noch nicht verarbeitet war, dass sehr viele da eine Bedrohung gesehen haben und vor allen Dingen auch manche Wähler, die dann möglicherweise aus einer ganz bestimmten Ecke zu uns gekommen sind. Also ganz offen ausgesprochen, die dann vielleicht auch die Sorge gehabt haben, dass ihnen etwas weggenommen wird. Jetzt sind sie mühsam hier angekommen und haben vielleicht die Sorge, dass sie zu kurz kommen oder ähnliches. Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht genau sagen.

„Manche Bürger, die möglicherweise aus einer ganz bestimmten Ecke zu uns bekommen sind und dann vielleicht Sorge haben, dass ihnen etwas weggenommen wird“, wählen die AfD

GSCHWÄTZ: Wie schätzen Sie denn heute, also 2021, die Stimmung im Land ein? Für die CDU? Für die AfD? Was denken Sie, wieviel  Prozent wird es geben im März?

von Eyb: Also ich kann ja nur das sagen, was die Demoskopen so uns erzählen oder sagen oder berichten. Und mal sind die Grünen vorne, mal sind wir vorne, dann ist es Gleichstand. Aber ich glaube auf jeden Fall, die AfD wird nicht mehr so stark sein in Hohenlohe wie vor einigen Jahren. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass die Menschen merken, dass da eigentlich nichts Positives gearbeitet wird. Da wird sehr viele Schlagwörter rausgehauen und da werden alle möglichen Positionen eingenommen, die in meinen Augen einfach nicht tragbar sind. Und ich glaube, die werden ein paar Prozent weniger haben. Und ich hoffe natürlich, dass ein Teil der Wähler, die damals vor Enttäuschung zur AfD gegangen sind, dass die vielleicht auch zur CDU zurückkehren, wenn sie überhaupt bei uns gewesen sind. Also die Demoskopen sagen uns, es wird nicht so sein, dass wir alle diejenigen, die nicht mehr AfD wählen, dass wir die bekommen, die gehen vielleicht auch zu anderen Parteien oder sie gehen vielleicht gar nicht mehr wählen.

GSCHWÄTZ: Die AfD kritisiert ja den Kurs der Kanzlerin bezüglich den ganzen Corona-Maßnahmen. Sie haben gerade gesagt, manche schätzen sie als Merkel-Anhänger ein. Dabei sind sie das eigentlich gar nicht. Wie sehen Sie denn diese ganze Corona-Politik?

„52-jährige Chefin schwer an Corona erkrankt“

von Eyb: Ich habe gerade eben mit einem Oberarzt gesprochen von einer Klinik außerhalb des hohen Hohenlohekreises, der mir erzählt hat, dass seine 52-jährige Chefin, eine eigentlich gesunde Frau, schwer an Corona erkrankt ist und er behandelt gerade ein 15-jähriges Mädchen. Also ich glaube, Corona ist eine große Gefahr und ich glaube, weil es eine große Gefahr ist, müssen wir uns alle danach richten, dass wir so wenig Potenziale schaffen, um andere Menschen in Gefahr zu bringen und diese Politik trage ich im Wesentlichen mit. Es gibt immer Details, wo man irgendetwas anders sehen könnte, aber im Wesentlichen glaube ich, dass es richtig ist, den Versuch zu unternehmen, dass möglichst wenig Menschen die Chance haben, andere anzustecken. Und das ist halt nur mit Beschränkungen möglich. Anders ist es nicht denkbar.

„Coronapolitik trage ich im Wesentlichen mit“

GSCHWÄTZ: Warum hat man nicht einfach im Frühjahr 2020, wir machen einen kompletten Shutdown. Gleich am Anfang haben ja viele auch gesagt, das Land komplett herunterfahren, 2 Wochen, 3 Wochen, 4 Wochen. Dann wäre vielleicht vieles schon schneller überstanden gewesen, womit wir jetzt immer noch zu kämpfen haben.

Kompletter Shutdown gleich am Anfang der Pandemie wäre vielleicht eine gute Option gewesen, aber „man ist nach einer gewissen Entwicklung immer schlauer als vorher“

von Eyb: Ja, da stimme ich zu. Aber das Problem ist halt, dass man nach einer gewissen Entwicklung immer schlauer ist wie vorher. Ich bin überzeugt, wenn man gesehen hätte, dass man mit vier Wochen oder sechs Wochen radikal runterfahren das Problem in den Griff kriegt…aber jeder Ministerpräsident hat natürlich auch irgendwie die Befürchtung gehabt, dass sein Land vielleicht besonders schlecht wegkommt. Der Einzelhandel stöhnt, die Gastronomie stöhnt. Alles verständlich. Und dass man da vielleicht gehofft hat, mit weniger harten Maßnahmen doch zum Ziel zu kommen, ist in meinen Augen verständlich.

„Es gibt kein „Staatslehrbuch dafür“

GSCHWÄTZ: Und zum anderen mussten Politiker wie auch Wissenschaftler erst einmal selbst überprüfen, was ist das überhaupt, was da auf uns zukommt. Da steht man ja am Anfang auch als Kommunalpolitiker wahrscheinlich erst einmal da und muss sich erst mal einlesen, 0der?

„Im internationalen Vergleich steht Deutschland gut da“

von Eyb: Ja, es ist wie mit der Flüchtlingskrise Es gibt kein Staatslehrbuch, wo man auf die Seite 943 geht und bis 1350 liest, wie man eine Pandemie bewältigt. Das hat es auch bei der Flüchtlingskrise nicht gegeben. Dann heißt das, die Politik muss versuchen, mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, das Beste draus zu machen. Und ich glaube, wenn wir in den internationalen Vergleich schauen, dass es Deutschland so schlecht gar nicht gemacht hat,

„Eltern kommen auf mich zu, die fordern, dass die Schulen wieder aufgemacht werden sollen, dass man sie entlastet von der Situation zu Hause, der sie nicht mehr gewachsen sind“

GSCHWÄTZ: Kommen denn Bürger aus dem Hohenlohekreis  gezielt auf sie zu, die nun durch die Coronaßnahmen allmählich am Limit fahren?

von Eyb: Ja, das kriege ich mit. Und zwar nicht täglich, sondern quasi stündlich. Mich rufen Eltern an, die zum Beispiel fordern, dass die Schule wieder aufgemacht wird. Die fordern, dass man sie endlich auch entlastet von der Situation zu Hause, der sie nicht mehr gewachsen sind. Es rufen mich immer auch Eltern an, die sagen, sie haben Angst um Opa und Oma, sie haben Angst, dass irgendetwas passiert. Sie wollen, dass die Schule überhaupt nur noch digital geführt wird. Also das Meinungsspektrum, das ist so irrsinnig weit, dass ich kürzlich in einem Interview gesagt habe: Ich möchte jetzt alles sein, nur nicht die Verantwortung für das Kultusministerium zu haben. Und wir sehen es hier an der armen Frau Dr. Eisenmann, in welchem Spannungsverhältnis sie jeden Tag kommt. Es gibt radikale Forderungen in die eine Richtung. Es gibt radikale Forderungen in die andere Richtung und irgendwie muss man Ausgleich finden. Und ich finde, das macht sie prima.

GSCHWÄTZ: Sie ist auch mittlerweile ein bisschen auf Distanz zu dem Kurs von unserem Ministerpräsidenten gegangen, was  die Schulen betrifft. Da hat sie ja ganz klar darauf, dass man alles dafür tun müsse, die Schulen so früh wie möglich wieder zu öffnen. Da kam der Herr Kretschmann ein bisschen hinterher gehängt.

„Eltern sehen, wie sie selber überfordert sind“

von Eyb: Also wenn ich die Stimmungslage, die mir bekannt ist, bewerte und ich kann nur bewerten das, was ich hier höre, dann wünscht sich der größte Teil der Eltern  eine vernünftige Beschulung. Sie sehen  vielleicht gewisse Schwierigkeiten im Nahverkehr. Das mag sein. Oder in der Schülerbeförderung, sag ich mal so, aber sie wollen auf jeden Fall, dass die Schulen wieder aufgemacht werden. Sie sehen zum einen das Argument, Schüler stecken sich nicht so leicht an. Und wenn man es ordentlich macht, dann ist ja auch in der Vergangenheit aus diesem Bereich relativ wenig passiert. Und sie sehen einfach, wie sie selber überfordert sind. Also wenn eine Mutter, auch wenn sie noch so gebildet ist und noch so viele technische Möglichkeiten hat, wenn die zwei Kinder hat und nebenher noch Home Büro machen soll, wie soll sie das bewältigen? Das bewältigt sie kaum und irgendwann ist man dann so genervt, dass man zum Hörer greift oder mich anruft. Oder. Oder eine SMS schreibt. Oder WhatsApp-Nachrichten. Also meine Nummer ist ja vielen Menschen bekannt und ich werde bestürmt mit entsprechenden E-Mails. Und ich antworte jedem so gut es geht. Und in den Gesprächen kommt dann eben manchmal doch heraus, dass sie nicht alles so verstanden haben, weil die Erläuterungen, die jeden Tag notwendig sind, sind ja auch schwierig. Man kann den Einzelnen ja nicht immer im Detail berichten, was da im Hintergrund an Überlegungen angestellt werden, um die Pandemie im Griff zu kriegen. Aber wenn man mit den Menschen sich unterhält das Gespräch endet fast immer relativ freundschaftlich. Aber ich rede natürlich auch mit älteren Menschen und die sagen mir manchmal also lieber einmal ehrlich. Es ist sicherlich schwierig für unsere Enkel oder Urenkel. Aber wir haben ganz andere Sachen ertragen müssen über eine viel längere Zeit. Wir hatten kein Skype, wir hatten kein Radio, wir hatten kein Telefon. Wir hatten keine Geräte, die man ein iPhone nennt oder wo man mit Freunden immerhin noch in Kontakt treten kann. Das hatten wir alles nicht. Und die glauben nicht, dass die Kinder einen so bleibenden Schaden davontragen, dass wir nachher alle in psychologische Beratung schicken müssen. Also so schlimm wird es hoffentlich nicht kommen.

„In den Gesprächen kommt dann eben manchmal doch heraus, dass sie nicht alles so verstanden haben, weil die Erläuterungen, die jeden Tag notwendig sind, sind ja auch schwierig“

GSCHWÄTZ: Also ist das Jammern auf hohem Niveau?

von Eyb: Ja, also zuweilen denkt man, es ist vielleicht auch mal ganz gut, wenn man den ein oder anderen erlebt. Es kann nicht immer schneller, höher, weiter gehen, dass man auch mal merkt, es gibt Restriktionen, da muss man sich eine Zeitlang zusammenreissen. Und sehr, sehr viele Eltern erzählen mir auch, dass ihre Kinder völlig neue Fähigkeiten entwickeln, dass sie zum Beispiel wieder miteinander spielen, dass sie sich auch wieder für das Buch interessieren. Oder ich bin Präsident des Bundes der Deutschen Musiker, Landesverband Baden-Württemberg. Was da alles läuft mit Fernschulunterricht. Also es ist nicht alles ganz mies, was damit zusammenhängt. Natürlich wünscht sich keiner, dass es länger geht, wie auch nur eine Stunde länger als unbedingt notwendig.

GSCHWÄTZ: Was denken Sie denn, wie lange der Lockdown noch geht?

von Eyb: Ich bin zwar ein sehr optimistischer Mensch, aber ich möchte den Menschen auch nichts versprechen, was ich dann in irgendeiner Form für selber nicht glaubhafter erachte. Ich glaube, das erste halbe Jahr des Jahres 2021 werden wir uns noch relativ zurücknehmen müssen und ab der zweiten Hälfte ist hoffentlich auch genügend Impfstoff da. Dann können wir die Menschen impfen und dann wird sich das alles entspannen. Davon bin ich ziemlich überzeugt.

„Das erste halbe Jahr des Jahres 2021 werden wir uns noch relativ zurücknehmen müssen“

GSCHWÄTZ: Sie sind 65, nächsten Monat werden Sie 66. Haben Sie selber schon Corona gehabt oder jemand aus Ihrem näheren Umfeld?

von Eyb: Ja, also ich selber zum Glück nicht. Ich schon mehrmals getestet worden, weil ich jedes Mal, wenn ich in den Landtag komme, die Möglichkeit habe, dann lasse ich mich testen. Es war bisher immer negativ. Das ist so schön. Und ich habe allerdings auch Bekannte, die an Corona erkrankt waren. Ich habe auch einen jungen Mann, der erkrankt ist und der mich dann eben auch angegeben hat beim Gesundheitsamt als K1-Person. Mit dem habe ich vor wenigen Tagen gesprochen. Der schmeckt noch nichts und riecht noch nichts. Also ein 20-jähriger junger Mann, pumperlgsund, wie man so schön sagt. Aber er sagt: Nehmen Sie das bitte nicht auf die leichte Schulter.

GSCHWÄTZ: Haben Sie persönlich Angst vor Erkranken?

Arnulf von Eyb hat keine Angst, an Corona zu erkranken

von Eyb: Nein, aus irgendwelchen Gründen hab ich das nicht. Zum einen bin ich vorsichtig und ich glaube auch, dass das die beste Methode ist. Aber wenn ich erkranken würde, dann hoffe ich natürlich, dass ich nicht so schwer erkranken würde, dass ich an irgendeine Maschine angeschlossen werden muss. Weil das ist ja die Krux. Wir wissen, derjenige, der an die Maschine angeschlossen wird, der hat eine relativ große Wahrscheinlichkeit, dass er das nicht überlebt.

„Weil das ist ja die Krux. Wir wissen, derjenige, der an die Maschine angeschlossen wird, der hat eine relativ große Wahrscheinlichkeit, dass er das nicht überlebt.“

GSCHWÄTZ: Sie haben vorhin gesagt, dass wenn Sie gewählt werden, wird das Ihre letzte Amtsperiode sein. Wenn Sie jetzt zurückblicken auf Ihre Jahre als Landtagsabgeordneter, was waren denn Ihre Höhepunkte?

von Eyb: Es gab zwei Höhepunkte, die aber ja sicherlich mit einem negativen Vorzeichen versehen waren. Das war einmal das Jagstunglück, und das waren die Wassermassen, die über Braunsbach hereingefallen sind und auch Schäden, die wir in Künzelsau hatten, hier unmittelbar neben ihrem Büro, Sie wissen es ja, da war ein Loch, vor der CDU-Geschäftsstell e [Anm. d. Red.: am oberen Bach, neben der Redaktion GSCHWÄTZ], da hätte ein Auto verschwinden können. Und als ich dann nach Braunsbach gefahren bin, zwei Stunden später, bin ich schon mal gar nicht reingekommen. Ich musste einen Riesenumweg fahren.  Und als ich das gesehen habe, habe ich den Bürgermeister Harsch gebeten – übrigens ein ganz toller Typ. Typ ist der falsche Ausdruck, Eine tolle Persönlichkeit, wollte ich sagen. Herr Harsch, tun Sie mir einen Gefallen und lassen Sie fünfmal hintereinander abzählen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein solches Unglück in Braunsbach nicht zu einem Todesfall geführt hat. Er hat fünfmal abzählen lassen. Es ist keiner unter den Massen verschwunden. Aber die damit zusammenhängenden Herausforderungen an das Land und an die Abgeordneten, die waren enorm. Und mittlerweile: Das Land hat es gut gemanagt. Braunsbach hat es gut gemacht. Tolle Bevölkerung. Viele Menschen haben geholfen und das waren die beiden ganz großen Herausforderungen.

Jagstunglück und Hochwasser in bleibender Erinnerung

Und das Jagstunglück. Wenn man selber Angler ist, eine Zeitlang war ich Präsident des Landesfischereiberbandes, wenn man da sieht, wie die Menschen darum kämpfen, möglichst viele Fische herauszunehmen, um sie irgendwo zwischenzulagern, und diese Anstrengungen, dieses ehrenamtliche Engagement, das Helfen, da jeder hat irgendwie eine Idee. Der eine kennt den, der andere kennt den und der dritte kennt dann jemand, der einen Bagger hat, damit man irgendwo einen Jagstarm abschottet, damit die Fische, die da drin sind, entsprechend überleben. Das war schon ein tolles Erlebnis, aber natürlich: Die Ausgangslage war kritisch, ausgesprochen kritisch.

Ansonsten leben wir doch in einem wunderbaren Land hier in Hohenlohe.

Das Interview führte GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann

Arnulf von Eyb im Gespräch mit GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann. Foto: GSCHWÄTZ

Arnulf von Eyb stand GSCHWÄTZ Rede und Antwort. Foto: GSCHWÄTZ

 

 




„Mittleres Hochwasser“ in Niedernhall, Weißbach, Künzelsau, Forchtenberg und Ingelfingen

Viel Schnee gab es in diesem Winter bisher noch nicht. Dafür regnet es seit Tagen, dieser wechselt sich ab mit Graupelschauer, Hagel und Schnee. Dazwischen wieder frühlingshafte Temperaturen, bevor die nächste Kältezone Einzug hält. Der Kocher und die zufließenden Bäche sind mittlerweile über die Ufer getreten. Der Künsbach rauscht mit lautem Donnern durch Künzelsau. Vielen Menschen in Hohenlohe ist noch die Hochwasserkatastrophe vom Mai 2016 nur allzu gut im Gedächtnis.

Wir vom GSCHWÄTZ haben uns am Dienstag, den 04. Februar 2020, von Künzelsau über Ingelfingen, Niedernhall und Weißbach nach Forchtenberg auf den Weg gemacht, um zu schauen, wie hoch der Kocher mittlerweile schon gestiegen und wo er über die Ufer getreten ist. Und wir haben nachgefragt, was die Stadtverwaltungen konkret an Vorbereitungen treffen, um ein weiteres Unglück zu verhindern.

Weißbach: Kochertalradweg gesperrt

„Die Gemeindeverwaltung Weißbach  beobachtet schon seit gestern sowohl den Stand der Kocherpegel in Gaildorf und Kocherstetten, als auch die Lage hier bei uns vor Ort“, schreibt Bürgermeister Rainer Züfle in seiner Antwort an GSCHWÄTZ per E-Mail. „Ein aktives Tätigwerden ist bislang aber (fast) nicht erforderlich – und wird es, falls die Wetter- und Pegelvoraussagen stimmen, höchstwahrscheinlich auch nicht werden.“ Die einzige Ausnahme sei, dass der Gemeindebauhof immer wieder die Einläufe der diversen Bach-, Klingen- und Wassergraben-Verdolungen kontrolliere und sie erforderlichenfalls von „Geschwemmsel“ (also Äste, Reisig und ähnliches) freiräume. Außerdem wurde der stellenweise überflutete Kochertal-Radweg abgesperrt. „Sollten wider Erwarten doch noch weitergehende Maßnahmen erforderlich werden, sind sowohl der Gemeindebauhof als auch die Freiwillige Feuerwehr in Bereitschaft“, schreibt Bürgermeister Züfle weiter.

Künzelsau: Feuerwehr seit 4 Uhr unterwegs

Elke Sturm von der Stadtverwaltung Künzelsau schreibt auf unsere Anfrage: „Eine förmliche Hochwasserwarnung besteht momentan nicht. Der Kocher und die Bachläufe treten zwar an verschiedenen Stellen leicht über die Ufer, das Wasser fließt aber in die vorhandenen Retentionsflächen. Der Hochwassermeldestand am Pegel Kocherstetten ist zurzeit zwar erreicht, aber nicht im kritischen Bereich.“ Mitarbeiter des städtischen Bauhofes und Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr seien aber seit 4 Uhr morgens unterwegs und würden die Lage beobachten.

Niedernhall: „Mittleres Hochwasser“

Auch Alfons Rüdenauer von der Stadt Niedernhall schreibt,  dass in Niedernhall der Meldewasserstand von 2,20 Metern gemessen am Pegel Kocherstetten überschritten worden sei – in diesem Rahmen spreche man von einem mittleren Hochwasser. „Sofern der Pegelstand nicht weiter ansteigt, ist mit keiner Gefährdungslage zu rechnen“, so Rüdenauer weiter. Wichtig sei in diesem Zusammenhang eine permanente Kontrolle der Rechenanlagen der Zuläufe zum Kocher im Stadtgebiet.

In Forchtenberg hat die Feuerwehr laut Leseraussagen die Brücke, den den neuen Damm sowie die bereits überfluteten Bereiche inspiziert. Eine offizielle Reaktion der Stadtverwaltung liegt der Redaktion GSCHWÄTZ bislang nicht vor. Auch die Stadt Ingelfingen hat sich auf GSCHWÄTZ-Nachfrage bislang nicht zum Hochwasser geäußert. Hier stehen wieder die Sportplätze unter Wasser.

 

Die Kleingärten am Wehr in Forchtenberg. Foto: GSCHWÄTZ Der Künsbach in Künzelsau am heutigen Dienstag, den 04. Februar 2020. Foto: GSCHWÄTZ

Blick von der Brücke in Weißbach vor der Firma Hornschuch AG. Foto: GSCHWÄTZ

 

Blick auf die Kocherbrücke in Niedernhall. Foto: GSCHWÄTZ

Blick auf das Weißbacher Gewerbegebiet. Foto: GSCHWÄTZ

Der Ingelfinger Sportplatz steht unter Wasser. Foto: GSCHWÄTZ