Weg vom Schmuddel-Image
Beim Thema Hanf denken die meisten Menschen sofort an Kiffen und Hasch-Kekse, an Party und einen ordentlichen Rausch. Dass Hand eine uralte Kulturpflanze ist, früher als Heilmittel und in der Textilproduktion verwendet wurde, wissen die wenigsten. Florian Hertweck und seine Frau Nicole Vogt bauen seit 2018 Hanf auf ihrem Hof auf den Hochholzhöfen bei Ingelfingen an. Bei einem Urlaub in Amsterdam hätten sie auch das Hanfmuseum besucht und dort entdeckt, wie vielseitig Hanf sei. „Wir waren auf der Suche nach Alternativen zu Getreide und Co“, sagt der 34-Jährige. Gemeinsam entwickelten sie die Idee, die alte Kulturpflanze in Bioqualität anzubauen und selbst zu vermarkten. Zunächst auf rund drei Hektar, in diesem Jahr auf fünf Hektar Ackerfläche – „die Nachfrage ist da“, auch wenn sie das Ganze bisher eher als Hobby betrachten.
Hanfauto von Henry Ford
Hanf kannten bereits die alten Wikinger, die daraus Seile drehten. Henry Ford hatte ein Hanfauto entwickelt und dieses sogar mit Hanföl betankt. „Bis vor 100 Jahren war Deutschland hier schon eindeutig weiter“, bedauert Florian Hertweck. Das schlechte Image von Hanf entstand erst, als er zu Drogenzwecken hochgezüchtet wurde. Der Textil- und Alkoholindustrie war er ein Dorn im Auge. Schließlich wurde der Anbau 1929 in Deutschland verboten. Erst seit 1996 darf er in Deutschland und nur unter strengen Auflagen wieder angebaut werden.
„Die Ernte ist das Anspruchsvolle, alles andere ist eigentlich einfach.“
Gedroschen wird der Hanf von Hertweck selbst, die Samen gibt er zur Verarbeitung weiter. Damit die Samen zu 99,9 Prozent rein und frei von anderen Stoffen sind, lässt die junge Familie ihren Hanf reinigen und schälen. „Dann lassen wir daraus Öl pressen, Mehl mahlen und Knabberhanf, der besonders beliebt ist, herstellen“, erzählt der junge Mann. Vieles entstehe in Handarbeit. „Die Ernte ist das anspruchsvolle, alles andere ist eigentlich einfach“, so Hertweck weiter.
Vielseitige Verwendbarkeit
Hanf ist vielseitig einsetzbar. Die Nudeln stellt die Firma Specht aus Orendelsall her. „Er kann allerdings nicht anderes Mehl zu 100 Prozent ersetzen, weil ihm der Kleber fehlt“, sagt Nicole Vogt. „Deshalb sind unsere Nudeln aus Dinkel mit 20 Prozent Hanfmehl-Anteil.“ Dazu haben sie Seife und Lippenbalsam imt Angebot. „Die trocknen Hände und Lippen nicht so aus wie herkömmliche Produkte“, sind die beiden überzeugt. Hanföl könne außerdem als Rasierwasser und in Cremes verwendet werden und so die Haut geschmeidiger machen.
„Unsere Kundschaft ist sehr vielfältig.“
Abnehmer gibt es zuhauf: Verkauft werden die Hanfprodukte bei BAGeno in Ingelfingen und Bad Mergentheim, bei der BAG Hohenlohe in Öhringen, Bretzfeld und Schwäbisch Hall, im Dorfladen Jagsthausen, beim Raiffeisenmarkt Schrozberg, über Haun Catering in Krautheim, zwei Dorfläden oder auch direkt an der Haustür. „Unsere Kundschaft ist sehr vielfältig“, sagt der zweifache Familienvater. „Von jung und neugierig bis älter und gesundheitsbewusst ist alles dabei.“
„Der Anbau von hanf ist anzeigenpflichtig.“
Bevor sie in den Hanfanbau einsteigen konnten, mussten die Eheleute einige Formalitäten erledigen. „Der Anbau von Hanf ist anzeigenpflichtig“, berichtet der ebm-papst-Mitarbeiter. „Wir müssen die Original-Saatgutetiketten einreichen, angeben, wann und wieviel wir gesägt haben und wann unser Hanf blüht.“ Dann nimmt das Amt für Ernährung Stichproben und erst, wenn alles okay ist, gibt es eine Erntegenehmigung.
„Einen Rausch bekommt da keiner“
Dabei hat der Hanf der Familie gar keine berauschende Wirkung mehr. „Der hat weniger als 0,2 Prozent THC-Gehalt“, sagt Nicole Vogt. „Das reicht vielleicht für eine beruhigende Wirkung, aber einen Rausch bekommt da keiner.“ Außerdem sei der Kifferstoff sowieso nur in den Blüten zu finden. Das hätten bestimmt auch schon jene Zeitgenossen bemerkt, die sie dabei beobachten konnten, wie sie auf der Suche nach einem Rausch ein paar Blätter von ihrem Acker abzwackten. „Diese Leute waren bestimmt enttäuscht“, amüsiert sich das Paar.
Jede Menge gesunder Inhaltsstoffe
„Theoretisch könnte durch Verunreinigung eine geringe Menge mehr THC drin sein“, so Florian Hertweck. Aber bis jetzt sei sein Hanf sogar immer unter dem Grenzwert geblieben. Dafür habe der Hanf jede Menge gesunder Inhaltsstoffe: von vielen B-Vitaminen über ungesättigte Fettsäuren bis hin zu Gammalinolsäure sei alles vorhanden. Und das in einem idealen Verhältnis und optimal für den Menschen aufnehmbar. Hinzu komme: „Hanf ist eigentlich wie ein Unkraut völlig anspruchslos“, so Nicole Vogt. Die 29-Jährige ist hellauf begeistert von der alten Kulturpflanze. „Hanf wäre eine Alternative zu Baumwolle, weil dafür keine Pestizide und viel weniger Wasser eingesetzt werden müssen“, so die junge Mutter. Er könnte also eine Rettung beim Klimawandel sein.
„Wir wollen den Menschen die Vielseitigkeit von Hanf wieder näher bringen“
Jetzt stehen sie auf ihrem Feld zwischen den Hanfpflanzen und auch Söhnchen Ben ist vorne mit dabei. Schon der Kleine mag Hanf, vor allem die Nudeln hätten es vielen Kindern angetan. Der Hanf ist ungefähr hüfthoch. Doch könne die Pflanze je nach Sorte bis zur 4,50 Meter hoch werden. „Das ist dann Faserhanf für die Textilproduktion“, so Nicole Vogt. Ihnen aber käme es ausschließlich auf die Samen an, deshalb dürfen diese Pflanzen auch niedriger sein. Doch noch etwas anderes motiviert die beiden: „Wir wollen den Menschen die Vielseitigkeit von Hanf wieder näher bringen“, sind sie sich einig. Weg vom Drogen-Image hin zur Geschichte einer uralten Pflanze, die in so manchen Kulturkreisen als heilig galt.
Text: Sonja Bossert

Aus Hanf lassen sich von Öl, Knabbereien und Nudeln bis hin zu Lippenbalsam die vielfältigsten Produkte herstellen. Fotos: GSCHWÄTZ

Die Familie beliefert die verschiedensten Läden, verkauft ihre Produkte aber auch an der heimischen Haustür.

Hanf ist eine der ältesten Kulturpflanzen.