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In Erinnerungen schwelgen: Fotoausstellung „Öhringen – Einst & Jetzt“

Rund 60 fotografische Arbeiten mit 40 alten und 20 neuen Stadtansichten von Öhringen sind während des Weihnachtsmarktes und danach noch bis März 2023 im Öhringer Rathaus zu sehen. Der Blick in die Vergangenheit und die Gegenüberstellung mit aktuellen Ansichten zeigen interessante und sicher auch reichlich überraschende Entwicklungen der Öhringer Stadtgeschichte. Ein Teil der Fotos stammt aus dem Nachlass des prominenten Öhringer Fotografen Adolf Flohr, der Vorgänger des Traditionsgeschäftes „Foto Günzel“ war.

Dialog zwischen den Generationen

„Besucher und Gäste können bei dieser spannenden Ausstellung in Erinnerungen schwelgen. Für Jüngere ist es spannend zu entdecken, wie sich die Stadt verändert hat. Die Ausstellung ist also gleichzeitig eine Einladung zum Dialog zwischen den Generationen“, sagt Anna-Maria Dietz, die Organisatorin der Ausstellung und Geschäftsführerin des Stadtmarketingvereins Öhringen. Lieblingsstadt.

Das erste und dritte Obergeschoss bilden zusammen mit dem Prinzenbau den Bereich „Historische Arbeiten”. Dort sind rund 40 rein historische Bilder mit alten Ansichten Öhringens zu sehen. Im zweiten Obergeschoss findet sich der Bereich „Einst & Jetzt“ mit Gegenüberstellungen von knapp 20 Bildern mit den entsprechenden Ansichten.

Die nun startende Ausstellung „Öhringen – Einst & Jetzt“ war nach dem großen Erfolg der Sonderausstellung „25 Jahre Große Kreisstadt“ im Jahr 2019 bereits zur Weihnachtszeit 2020 geplant gewesen. Federführend waren damals der ehemalige Handels- und Gewerbeverein Öhringen sowie Anastasia Fahrenbruch und Leona Ledwig von der Stadtverwaltung. Durch die Coronapandemie wurde das Projekt auf 2022 verschoben und nun vom Nachfolger des HGV, dem Stadtmarketingverein Öhringen. Lieblingsstadt., umgesetzt.

Die Weihnachtsausstellung kann zu den Öffnungszeiten des Rathauses und am Wochenende zu den Öffnungszeiten des Weihnachtsmarktes besichtigt werden.

Öffnungszeiten Rathaus

Montag – Mittwoch: 7.30 – 16 Uhr
Donnerstag: 7.30 – 18 Uhr
Freitag: 7.30 – 12.15 Uhr

Öffnungszeiten Weihnachtsmarkt an den vier Adventswochenenden

Freitag: 16 – 21 Uhr
Samstag: 12 – 21 Uhr
Sonntag: 12 – 20 Uhr

Pressemitteilung Große Kreisstadt Öhringen

 

 




Hexen bedienten sich großzügig im Pfarrkeller

Im 18. Jahrhundert war das heute eher unscheinbare Belsenberg einer der wichtigsten Weinorte, zumindest Nordwürttembergs. Die diversen Herrschaftshäuser aus der ganzen Umgebung waren froh, wenn sie einen Belsenberger Weinberg ihr Eigen nennen konnten.

Diese und andere Aspekte aus der Belsenberger Geschichte machten Stefan Kraut, Stadtarchivar von Künzelsau, der Verein Stadtgeschichte Künzelsau e.V. und Uwe Siller, der letzte verbliebene Belsenberger Weingärtner, bei einer Stadtteilführung am 15. Juli 2022 sicht- und erlebbar.

Das unterirdische Belsenberg

Der größte Teil der Weinbaugeschichte Belsenbergs ist heute nicht auf den ersten Blick sichtbar: Belsenberg ist nämlich größtenteils unterkellert, von den Zehntkellern der diversen historischen Grundbesitzer sind noch einige in gutem Zustand erhalten. Die Kellergewölbe, die bis hinein ins 18. Jahrhundert entstanden sind, zeugen heute noch von den statischen Kenntnissen der damaligen Bauherren. Verbunden sind die Keller durch unterirdische Wasserläufe, die sich aus einem der drei Belsenberger Bäche oder aus einer der vielen Quellen speisen. Schon damals gab es offenbar eine Normierung der Transportmittel: Die Tore der einzelnen Keller waren genau so groß, dass ein Fass für zwei Fuder (1 Fuder sind in der Region ungefähr 1.750 Liter) „bequem“ ein- oder ausgelagert werden konnte. Rund 110 Hektar Rebfläche wurden in Belsenberg in den besten Zeiten bewirtschaftet. Zum Vergleich: Heute bewirtschaftet die Weinkellerei Hohenlohe rund 550ha, in mehr als 20 Orten.

Oberhalb des Österbachs: Heute nur noch einzelne Rebflächen. Foto: GSCHWÄTZ/Matthias Lauterer

Auch den Hexen schmeckte der Wein

Nicht nur die weltlichen und geistlichen Herrschaften liebten den Belsenberger Wein. Ausgerechnet den Keller des Pfarrhauses hatten sich Hexen ausgesucht, um darin zu feiern. Auf ihren Besen fuhren sie durch ein schmales Kellerfenster ein und tranken dort mithilfe von Röhrenkochen rund 300 Liter Wein, das war etwa die Hälfte des jährlichen Deputats des Ortspfarrers, ein empfindlicher Verlust. Nach dem Gelage verließen sie den Keller offenbar unfallfrei wieder durch das Fenster. So und nicht anders muss es sich abgespielt haben, denn genau so steht es in den Prozeßakten des darauffolgenden Hexenprozesses. Die Dorfjugend, die vielleicht detailliertere Auskunft über den Verbleib des Weines hätte geben können, wurde wohl nicht hochnotpeinlich befragt.

Im Keller des Pfarrhauses (rechts) trieben die Hexen ihr Unwesen. Hinten der Eingang zum Keller der Kellerei. Foto: GSCHWÄTZ

Vielleicht romanische Mauern

Noch viel älter als aus dem 18. Jahrhundert mögen die Mauern der alten Kelter sein: Siller vermutet, dass dieses Gebäude ursprünglich noch im romanischen Stil erbaut war, also vielleicht aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammen könnte. Und auch Stefan Kraut fragt sich, ob es damals Verbindungen vom Kaiserhaus der Salier, zu deren Zeit beispielsweise der Speyerer Dom entstand, zur hiesigen Region gegeben haben könnte. Mit Wein wurde in Belsenberg im 14. Jahrhundert jedenfalls bereits gehandelt.

Urkunde über den Verkauf von Belsenberger Wein aus dem Jahr 1339. Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg

Wollten die Belsenberger zu hoch hinaus?

Wenig zu finden ist in den Archiven über die Belsenberger Kirche. Nicht einmal ein Name ist in den einschlägigen Akten der katholischen Kirche zu finden. Und trotzdem hat auch sie ihre Geschichte: dreimal wurden stolze hohe Kirchtürme vom Blitz getroffen und zerstört. Daraufhin wurde der heute noch erhaltene äußerst niedrige Turm errichtet, der seitdem vom Blitzschlag verschont wurde.

Napoleon ist schuld – wie so oft

Noch ab Mitte des 18.Jahrhunderts hatten die Fürsten von Hohenlohe-Langenburg ein großes Investitionsprogramm für den Belsenberger Weinbau gestartet, aber ab Anfang des 19. Jahrhunderts ging es mit dem Weinbau und damit dem Wohlstand Belsenbergs bergab. Schuld ist, wie an so vielem in der Region, Napoleon: Mit seiner Herrschaft wurden einerseits Handelswege unterbrochen, wichtiger aber war, dass die wehrfähigen Männer für seinen Russlandfeldzug rekrutiert wurden und hohe Kriegssteuern zu zahlen waren.

Bis in die 70er Jahre noch Kellerei

Noch bis in die 70er Jahre war in Belsenberg Kellereibetrieb, davon zeugt bis heute der wohl größte Keller unter der alten Schule. Von den riesigen Holzfässern, in denen dort der Wein gelagert wurde, ist nichts mehr zu sehen, allein die Größe des Gewölbes ist trotzdem beeindruckend. Siller erzählt, dass er als Kind nach der Schule öfter ans Fenster geklopft habe. Sein Großvater, der in der Kellerei gearbeitet hat, habe ihm dann immer ein Gläschen Wein durchs Fenster gereicht: „Gschadet hots net“, stellt er zufrieden lächelnd fest.

„In einen Weinkeller gehört Wein“

Inzwischen ist Uwe Siller der einzige aktive selbständige Weinbauer in Belsenberg. Rund ein Fuder erzeugt er pro Jahr, die vielen Keller können schon lange nicht mehr mit Belsenberger Wein gefüllt werden. Das ist schade, denn „in einen Weinkeller gehört Wein“, sinniert Siller. Und so standen – war es Hexerei? – in den Kellern jeweils ein paar Flaschen Wein vom „Belsenberger Heilig Kreuz“ auf Kellertemperatur für die Teilnehmer der Stadtteilwanderung zur Verkostung bereit.

Weitere Stadtteilführungen:
18.08.2022, 16.30 Uhr: Kocherstetten
14.09.2022, 16.30 Uhr: Schloß Stetten
13.10.2022, 15.30 Uhr: MorsbachDie Teilnehmerzahl ist begrenzt, Anmeldung per mail bei stefan.kraut@kuenzelsau.de

Text: Matthias Lauterer