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Greta kommt

Lützerath ist ein kleiner Weiler der Stadt Erkelenz in Nordrhein-Westfalen. Der Energieversorgungskonzern RWE plant, Lützerath vollständig abzureißen, um den Tagebau Garzweiler auszudehnen, wie schon den unmittelbar südöstlich gelegenen Nachbarort Immerath.

Klimaschützer möchten dies verhindern. Nun kam es gestern Nacht zu einem Polizeieinsatz, bei dem Polizisten versucht haben, die verbliebenen rund 200 Klimaaktivisten aus dem Gebiet herauszuholen. Polizisten holten laut der ARD gut zehn Aktivisten mit Hebebühnen aus etwa zehn Metern Höhe vom Dach einer früheren landwirtschaftlichen Halle. Dabei kam es zu heftigem Widerstand. Unter anderem hatte eine Klimaaktivistin ihre Füße in einem Autowrack einzementiert. Die in Deutschland wohl bekannteste Klimaaktivistin Luisa Neubauer zeigte sich auf Twitter schockiert von diesem nächtlichen auch gefährlichen Vorgehen der Polizei und postete dieses Foto:

Nächtliche (versuchte) Zwangsräumung der Polizisten von 11. auf 12. Januar 2023 in Lüzerath. Quelle: Twitter/Luisa Neubauer

Zugleich kündigte sie den Besuch von Greta Thunberg für Samstag, den 14. Januar 2023 an. Die weltweit bekannteste Klimaschützerin möchte an der Seite vermutlich tausender Demonstranten für den Erhalt von Lützerath und gegen einen weiteren Abbau der Braunkohle unter Tage eintreten. In Mainz sollen laut dem SWR bereits Busse geplant sein, um die Demonstranten nach Lüzerath zu fahren. 

Die Klimaschützer argumentieren dabei, dass Braunkohlekraftwerke zur Energiegewinnung weitaus mehr schädliches CO2 in die Luft blasen als andere Energiegewinnungsträger.  Zusätzlich müssen hierfür große Flächen gerodet, geräumt und schlimmstenfalls ganze Wälder abgeholzt werden, um an die Kohle unter der Erde zu gelangen. Die plädieren für ein generelles Weniger-an-Energie-Verbraucht und den Ausbau „sauberer“ Energiegewinnungsträger wie die Erneuerbaren Energien.

Experten, unter anderem in der Tagesschau, sprechen derzeit von einem „fatalen Signal“, das Deutschland hier aussendet (siehe Video). Denn: Während die Bundesregierung auf den akuten Energiemangel unter anderem wegen des Ukrainekrieges und des Russlandkonflikts hinweist und damit die geplante erhöhte Braunkohleförderung begründet, weisen Experten daraufhin, dass Braunkohleförderung keine „Brückenlösung“ sei wie Gas, die man einfach kurz hoch- und dann auch wieder herunterfahren könne. Es dauere Jahre, bis dieses geplante Werk von RWE anlaufe. Daher stellen sich viele vermutlich zu Recht die Frage: Worum es bei diesem Kohlekraftwerk eigentlich geht: Um Kohle oder um Kohle?

Text: Dr. Sandra Hartmann




„Wenn ich so alt und so kinderlos wäre wie Frau Merkel, wäre es mir auch Wurscht“

Beim Spaziergang durch Künzelsau fallen dem aufmerksamen Beobachter am vergangenen Freitag den 25. September, dem Global Strike Day, einige Veränderungen auf. Grüne Aufkleber in Fußform säumen den Gehweg in der Innenstadt, es gibt einen Info- und Verkaufsstand mit, unter anderem, Einkaufsnetzen und Bienenwachstüchern und an den Bäumen hängen Schilder mit konkreten politischen Forderungen wie „Die EU-Ratspräsidentschaft nicht für das Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten nutzen!“. Der globae Streiktag steht unter dem Motto: Kein Grad Weiter: „Nicht nur Worte, sondern Handeln ist angesagt.“

Für das Klima auf die Straße

Die „Fridays-for-Future“-Bewegung ruft wieder zum globalen Klimastreik auf den Straßen auf. Auch in Künzelsau folgen Schüler, Eltern, Lehrer und Aktivistinnen und Aktivisten dieser Aufforderung. Schon auf dem Weg zu den Wertwiesen, dem Treffpunkt der geplanten Fußgänger- und Fahrraddemo, wird klar: Hier geht es um mehr, als nur Schule schwänzen. „Wir wollen ein Zeichen setzen“, erläutert Martin Braun aus Künzelsau. Christa Zeller aus Ingelfingen ergänzt: „Damit die Zukunft auch unseren Kindern noch erhalten bleibt. Und zwar besser, als sie heute ist.“

„Prima! Geh!“

Die Stimmung ist emotional. „Wenn ich so alt und so kinderlos wäre wie Frau Merkel, wäre es mir auch Wurscht“, sagt Andreas Langholf aus Ingelfingen. „Aber ich bin ein bisschen jünger und vor allem habe ich zwei kleine Kinder und um die mache ich mir sehr große Sorgen.“

Der 76-jährige Karl-Heinz Bauer aus Ingelfingen-Hermuthausen hat schon erwachsene Kinder. Er sagt: „Wenn meine Kinder mir zu ihrer Schulzeit gesagt hätten, dass sie einen Schulstreik besuchen wollen, hätte ich gesagt: ‚Prima! Geh!’ Man lernt doch durch das Leben und nicht nur durch die Schule. Was sich die Schülerinnen und Schüler durch diese Demos aneignen, sind ja auch Sozialkompetenzen. Sie lernen zu problematisieren: Probleme zu erkennen und zu benennen, statt einfach nur zu kritisieren.“

„Unser ERfolg hinterlässt Müll“

Silvia Schöne aus Gaisbach hält ein Schild hoch, auf dem steht: „Unser Erfolg und unser Leben hinterlassen Müll und Zerstörung“. Die Mutter von zwei Kindern benennt den Grund, aus dem sie demonstriert, klar: „Wir demonstrieren heute und überhaupt fürs Klima, weil es einfach wichtig ist – für den Erhalt dieser Erde und für die nächsten Generationen. Die wollen ja auch noch etwas von der Erde haben und wir wollen ihnen nicht alle fossilen Brennstoffe weg rauben. Es ist einfach wichtig, weil die Vereinten Nationen vor fünf Jahren entschieden haben, dass die 1,5 Grad als Klimastopp gelten sollen. Das ist ja nicht irgendeine Piratenforderung. Da haben 193 Nationen unterschrieben. Wir wollen nur daran erinnern, dass man dieses Ziel einhält. Es ist enorm wichtig, es ist wissenschaftlich bewiesen und es hat überhaupt gar nichts mit einer politischen Haltung zu tun. Es ist rein die Erhaltung dieser Erde.“

Text, Fotos und Video: Priscilla Dekorsi




Morddrohungen inklusive – Wie hält sie das nur aus?

Sie hat es geschafft. Die ganze Welt kennt die 16-Jährige aus Schweden – und die ganze Welt – darunter die derzeitigen Chefs der USA und Russland – redet mit ihr, wenn auch nicht direkt mit ihr, sondern vorzüglich über die sozialen medialen Kanäle, die das Internet bietet. Donald Trumps bezeichnet die Klimaaktivistin nach ihrer hoch emotionsgeladenen Rede als (Achtung, Ironie) „glückliches, junges Mädchen, dass sich auf eine großartige und wundervolle Zukunft freut.“ Greta konterte, indem sie ihre Selbstbeschreibung auf Twitter dementsprechend änderte in: „ein glückliches, junges Mädchen, dass sich auf eine großartige und wundervolle Zukunft freut.“ Wladimir Putin bezeichnete Greta als „gutmütiges und nettes Mädchen. Er verurteile es aber, wenn jemand Kinder zu seinem Interesse „missbrauche. Greta änderte nach den Worten Putins wiederum ihre Selbstbeschreibung auf ihrem Twitter-Account in: „nette, aber schlecht informierte Jugendliche“. Mehrere Millionen Menschen folgen Greta auf diesem Account.

Als „geistig krank“ wurde sie betitelt

Aber das sind noch harmlose Worte gegenüber Greta Thunberg, die offen zu ihrem Asperger-Syndrom steht. Es geht auch noch eine Schublade drunter. Michael Knowles bezeichnete das Mädchen in einer Sendung beim Sender FOX als „geistig krank“. Darauf entschuldige sich der Sender umgehend bei Thunberg. Ein französische Intellektueller hoffe, dass ein Durchgeknallter Greta bald zur Strecke bringen würde, berichtete die TAZ unlängst.
In einer von AfD-Frontmann Jörg Meuthen gelobten Gegengruppierung namens Fridays-for-Hubraum, die laut merkur.de bereits über 500.000 Mitglieder hat, wurden laut merkur.de auch Morddrohungen gegenüber Thunberg ausgesprochen, so dass die Gruppe zeitweise geschlossen werden musste.

Morddrohungen inklusive

Ich frage mich, wie eine 16-Jährige diese ganzen Worte emotional aushält? Liest sie diese Dinge im Internet oder nicht? Reagiert sie selbst auf die Bemerkungen oder übernehmen das andere, vielleicht ihr Vater, für sie? Sie antwortet clever und hebelt ihre Kritiker oftmals mit nur einem Satz aus – ohne beleidigend zu werden. Das bezeichnet man als Intelligenz.
In einem Kommentar richtet sie sich an ihre Kritiker und sagt sinngemäß: „Wenn einem die Argumente ausgehen, wird man persönlich.“ Allein mit diesem Satz zieht sie jedem alteingesessenen Politiker die Hosen runter. Denn es stimmt: Keiner von denen, die es ja vielleicht besser wissen müssen und / oder könnten, argumentiert mit harten Fakten, um Greta Thunbergs Forderungen auszuhebeln. Warum nicht? Gibt es keine? Fühlen sie sich angegriffen, weil sie versagt haben in ihrem Regierungshandeln? Es wird oft persönlich – hinsichtlich ihres Alters, ihres Aussehens, ihrer Krankheit.

Fehlen den Kritikern die Argumente?

Es ist schade, dass man, wenn man eine andere Meinung als diese 16-Jährige hat, nicht faktenorientiert debattiert und argumentiert, sondern auf die unterste persönliche Schiene, die es gibt, springt. Warum wird das in diesem besonderen Fall von vielen so gemacht?

Greta polarisiert mit ihrer Klimadebatte und mit ihren selbst sehr eindeutigen klaren Worten, indem sie die Mächtigsten der Mächtigen in ihrem Regierungshandeln stark kritisiert und damit herausfordert. Sie ist extrem in ihrer Haltung, so dass am Ende auch überwiegend nur zwei Extreme herauskommen: die Anhänger und die Hater.

Man muss diese wahnsinnige Entwicklung erst einmal begreifen: Welche Persönlichkeit in der Vergangenheit hat innerhalb eines Jahres solch eine Bekanntheit erlangt und musste sich so vielen Kritikern aussetzen? Die Frage ist: Wie lange hält Greta diesem Druck stand? Vielleicht sehr lange, denn sie weiß auch um die Millionen Anhänger, die ihr folgen.

 

 




Prima Klima beim Kiauer Protestmarsch

Jasper ist sieben Jahre und hält ein selbst gemaltes Plakat in die Höhe, auf dem steht: „Auf dem Mars gibt es keine Brezeln.“ Ein paar weibliche jugendliche Demonstranten sind begeistert aufgrund des originellen Textes. Spricht man den jungen Mann darauf an und fragt ihn, was dieser Satz zu bedeuten hat, kann Jasper das sehr klar und deutlich erklären: „Das heißt, dass wir auf die Erde aufpassen müssen.“

Der Schüler ist einer von mehreren hundert Demonstranten, die am Freitag, den 20. September 2019, ab 12 Uhr vom Künzelsauer Rathaus zum Schlossgymnasium marschierten, um ein Zeichen für einen stärkeren Klimaschutz zu setzen. „Könnte. Würde. Hätte. Machen. Jetzt.“, steht auf den kleinen grünen Flyern, die Organisatoren an der Demo und bereits Tage zuvor überall in der Kreisstadt verteilt haben. Parents for future – quasi das Eltern-Pendant zu fridays for future – ruft darin zum „Kampf für echten Klimaschutz“ auf: „Die drohende Klimakatastrophe ist aktuelle die größte Gefahr zukünftiger Generationen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind dabei eindeutig: Es bleiben nur noch wenige Jahre, bis das Klima irreversibel kippt. Unsere Kinder und Enkelkinder haben diese Gefahr begriffen und versuchen nun, über die Fridays-for-future-Bewegung die falschen Weichenstellungen der letzten Jahrzehnte auszugleichen.“

Zum Auftakt am Rathaus in Künzelsau hielt der katholische Dekan Ingo Kubach eine kurze Rede. Unter anderem sagte er: „Papst Franziskus bezeichnete den Klimaschutz immer als Sorge um das gemeinsame Haus. (…) Wenn wir so weitermachen, wir das gemeinsame Haus zukünftigen Generationen nicht mehr so Schutz bieten können und ein Zuhause sein wie wir das gerne hätten. Daher wäre es zu überlegen, was jeder zu einem besseren Klimaschutz beitragen kann. Ich weiß, ich allein kann die Welt nicht retten. Aber wenn das jeder sagt, wird die Welt auch nicht gerettet werden.“

Originelle Texte standen auf den Plakaten wie: „Die Dinos dachten auch, Sie hätten Zeit“ oder: „I want a hot date and not a hot planet“.

Angeführt von einer Person auf XXL-Stelzen, mit einer Donald-Trump-Maske und einem Plakat, auf dem stand: „It’s only fake news“ begann schließlich der Marsch durch Künzelsaus Innenstadt bis zum Schlossgymnasium.

Der Protestzug am Oberen Bach. Foto: GSCHWÄTZ

Die Demonstranten wollen ein Zeichen setzen. Foto: GSCHWÄTZ

Jasper, 7, sagt: Wir müssen unsere Erde retten. Foto: GSCHWÄTZ

Diese Demonstrantin hält ebenfalls ein originelles Plakat in ihren Händen. Foto: GSCHWÄTZ

Hunderte von Demonstraten haben sich am großen Klimatag am 20. September 2019 auch in Künzelsau eingefunden. Foto: GSCHWÄTZ

Der katholische Dekan Ingo Kubach hält eine kurze Einstandsrede. Foto: GSCHWÄTZ

Es geht um nichts weniger als die Weltrettung, wie auf vielen Plakaten zu lesen war. Foto: GSCHWÄTZ

Auch Donald Trump schaute in Kiau vorbei. Foto: GSCHWÄTZ

Viele Schüler und Studenten waren unter den Protestlern. Foto: GSCHWÄTZ

Umweltschutz: ein Generationenübergreifendes Thema.

 

Mehr Informationen:

http://www.fridaysforfuture.de

http://www.partentsforfuture.de