Spuren nach Grafeneck
Am Dienstag, den 06. Juli 2021, gastiert das Reutlinger Theater in der Tonne e.V. mit dem Straßentheaterprojekt „Hierbleiben … Spuren nach Grafeneck“ auf dem Hof des Eduard Knoll Wohnzentrums in Krautheim. Das Projekt beleuchtet dabei ab 10 Uhr ein historisch bedeutendes Ereignis der „Euthanasie“-Verbrechen. Durch die Begegnung mit den Darsteller:innen mit Behinderung im öffentlichen Raum soll auch ihre heutige Situation aufgezeigt werden, schreibt das Theater in einer Pressemitteilung.
Graue Busse
Die berüchtigten Grauen Busse kamen auch in die damalige Kreispflegeanstalt in Krautheim und deportierten Menschen mit Einschränkungen nach Grafeneck, die dort am Tag der Ankunft ermordet wurden. Insgesamt wurden im Jahr 1940 in der Zeit des Nationalsozialismus 10.654 Menschen mit Behinderungen oder geistigen Erkrankungen in Grafeneck ermordet, weil sie den Nationalsozialisten als „lebensunwert“ galten.
Aufführungen an 25 Orten
In Anspielung an die Grauen Busse, die damals zur Deportation dienten, wurden 25 Herkunftsorte der Menschen mit Einschränkungen in Baden-Württemberg für das Straßentheaterprojekt ausgewählt. Grafeneck selbst ist Teil dieser 25 Orte. Der Theaterbus fährt mit dem inklusiven Ensemble, Requisiten, Bühnenbild und Kunstobjekten direkt vor Ort, um die performative Aufführung umzusetzen. Unter der Regie von Theaterintendant Enrico Urbanek wird das Projekt vom Theater Reutlingen Die Tonne umgesetzt.
Direkter regionaler Bezug
Bei diesem Projekt verbindet sich Choreografie, Musik, bildender Kunst, Medienkunst und dokumentarischen Elementen. Über eine facettenreiche Auseinandersetzung zwischen Ensemble und Publikum werden Denkanstöße gegeben, die weit über Betroffenheit einerseits und Information andererseits hinausgehen. Durch den Einsatz historischer Fakten in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationszentrum Gedenkstätte Grafeneck, dem Kreisarchiv Hohenlohekreis sowie dem Historiker Dr. Hans-Werner Scheuing wird ein direkter regionaler und gesellschaftlicher Bezug hergestellt.
Begegnungen mit dem Ensemble
Der Bus verweilt dabei circa eineinhalb Stunden auf dem Hof des Eduard Knoll Wohnzentrums und bietet verschiedene Begegnungen mit dem Ensemble. Die Interaktionen mit dem Publikum können aufgrund der Corona-Pandemie nur unter gebührendem Abstand stattfinden. Um die nötigen Abstände zwischen den Zuschauer:innen während der Corona-Pandemie einzuhalten, wird eine Theatersituation aufgebaut, sodass Sitzplätze in einem abgesperrten Bereich vor der Bühne vorhanden sind. Der Eintritt ist frei, man kann jederzeit dazu stoßen und wieder weiterziehen.
Beeindruckendes Theatererlebnis
„Wir danken dem Eduard Knoll Wohnzentrum, der LEADER-Region Hohenlohe-Tauber, dem Kreisarchiv Hohenlohekreis und Historiker Dr. Scheuing für die Unterstützung der Aufführung des Projekts in Krautheim nach allen Möglichkeiten, trotz Corona“, so Projektleiter Maximilian Tremmel. Ursprünglich sollte die Premiere am 08. Mai 2020 in Reutlingen im Rahmen des Festivals Kultur vom Rande stattfinden. Die Corona-Pandemie machte eine Neuplanung nötig, die erste Aufführung fand am 17. September 2020 in Mosbach statt. Die Aufführungen des Projekts stoßen auf großes Interesse bei der Bevölkerung. In Gesprächen berichteten die Zuschauer:innen, darunter auch mehrere Schulklassen, von einem beeindruckenden und bewegenden Theatererlebnis.
Bereits fünf Aufführungen im Juni 2021
Nach den ersten sieben Aufführungen im Herbst 2020 stehen für 2021 weitere Aufführungen auf dem Programm. Nach der winter- und coronabedingten konnten bereits weitere fünf Aufführungen im Juni 2021 gespielt werden, darunter in Sigmaringen, Gammertingen-Mariaberg und Gengenbach.
Künstlerische Ausbildung
Das seit 60 Jahren bestehende Theater Reutlingen Die Tonne hat bereits seit vielen Jahren Erfahrungen mit der inklusiven Theaterarbeit und präsentiert die entwickelten Inszenierungen regelmäßig auf Festivals im deutschsprachigen Raum. Seit 2012 gibt es an dem Theater eine von den örtlichen Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen mitgetragene Initiative, bei der Menschen mit Beeinträchtigungen einen Teil ihrer Arbeitszeit am Theater absolvieren und dort eine künstlerische Ausbildung erhalten.
Förderung
Das Projekt wird gefördert durch die LEADER-Förderung (ein von der EU eingerichtetes Förderprogramm für die Entwicklung ländlicher Räume) und von der „Lernenden Kulturregion Schwäbische Alb“ im Rahmen von „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“, einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes, den Landkreis Reutlingen sowie durch Daimler Truck. Kooperationspartner sind BAFF (Träger Lebenshilfe und BruderhausDiakonie), die Fakultät für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, die BruderhausDiakonie-Werkstätten Reutlingen sowie die Habila GmbH Rappertshofen Reutlingen.
Quelle: Pressemitteilung des Theaters Reutlingen Die Tonne
