Die Meute hetzt – nur jetzt in eine andere Richtung
Es waren verblüffende, erschütternde Aussagen, die der Sänger Gil Ofarim nun in dem Prozess rund um möglicherweise antisemitisch Anfeindungen gegen ihn nun gemacht hat. Es sei alles gelogen gewesen. Es habe keine antisemitischen Anfeindungen gegen ihn und damit auch gegen seine Kultur und seinen glauben als Jude gegeben.
Er habe an dem am 05. Oktober 2021 in dem viral damals durch die Decke gegangenen Video nicht die Wahrheit gesagt. Damals hat einen Mitarbeiter eines Hotels beschuldigt, sich ihm gegenüber antisemitisch verhalten zu haben. Ofarim trat daraufhin einen digitalen Shitstorm gegen das Hotel los, das sich wehrte und wegen dieser vermeintlich unwahren Behauptungen vor Gericht zog.
Das Ende dieses Prozesses mit dem Bekenntnis von Gil Ofarim ist nun überraschend und schockierend zugleich.
Vom Gericht erhielt er mit seinem Bekenntnis quasi ein Gnadengesuch: kein Eintrag ins polizeiliche Führungszeugnis, keine Verurteilung. Mit einer Geldstrafe von 10.000 Euro, die er innerhalb eines halben Jahres an die Jüdische Gemeinde Leipzig und den Trägerverein des Hauses der Wannseekonferenz zahlen muss, sowie eines Schmerzensgeldes in nicht bekannter Höhe, das an den Hotelmitarbeiter gezahlt werden muss, dem er den antisemitischen Übergriff unterstellt hat, endet der Prozess um Sänger Gil Ofarim, 41, vorläufig. Insgesamt muss er damit eine fünfstellige Summe aufbringen – mindestens.
Hinzu kommt und dürfte weitaus mehr wiegen: ein extremer Imageschaden, nicht nur für ihn, sondern auch für die jüdische Gemeinschaft. In Zeiten des Aufeinanderprallens der Kulturen, des Wiederaufleben eines Konflikts zwischen Muslimen, Christen und Juden, wie wir es derzeit im Rahmen des Gazakrieges beobachten, gießen derartige Geschichten nur noch mehr Öl ins Feuer.
Und doch: Man muss sehen. Wir sind alle nur Menschen. Und Menschen machen Fehler. Immer. Jeder von uns. Das ist keine Entschuldigung, nur eine Erklärung. Wir wissen nicht, was Gil Ofarim in seinem Leben und vielleicht auch kurz vor seiner nun Hotellobby-Begegnung alles widerfahren ist, auch im Bezug auf Antisemitismus.
Wir wissen nicht, was alles hinter den Gerichtskulissen berichtet wurde. Anscheinend gab es Gespräche mit Ofarims Verteidigern und dem Gericht. Es sei ihnen dabei vermittelt worden, dass es vermutlich zu einer Verurteilung gegen Ofarim unter anderem wegen unwahrer Behauptungen kommen würde und es vielleicht besser sei, dass er sich entschuldige, um damit eine Verurteilung zu umgehen. Es sei quasi ein Deal ausgehandelt worden. Aber ob Ofarim tatsächlich alles frei erfunden hat oder lediglich eingeknickt ist, um einer Verurteilung zu entgehen – wer kann das schon mit 100 prozentiger Sicherheit sagen, außer die Beteiligten selbst?
Es sollte uns allen eine Lehre sein, dass wir die Reduktion auf Kultur, Rasse und Religion und diese künstliche Schaffung eines Feindbildes nach dem Schema: Wir oder sie? schleunigst ad acta legen, dass wir Menschen nicht durch die kulturelle Brille, sondern durch die menschliche Brille betrachten sollten. Es sollte daher überhaupt keine Rolle spielen, welcher Region jemand zugehört, sondern einzig, wie er sich verhält im menschlichen Miteinander.
Natürlich ist es völlig unnötig, an dieser Stelle nochmal gesondert zu betonen, dass lügen nicht in Ordnung ist. Aber wie viele Menschen erzählten öffentlich irgendwelche Geschichten, die nicht stimmen? Gil Ofarim ist ja da leider nicht der einzige damit, was es nicht besser macht, aber das sollte eben auch gesagt werden. Oft kennen wir nur die halbe Wahrheit – wenn überhaupt.
Daher ist es nur logisch, dass auch die Beobachter, wie zu Beginn der Hotellobby-Debatte nach Erscheinen des Videos wieder denselben fatalen Fehler machen: sofort loszuschießen, ohne alle Hintergründe zu kennen – nur dieses Mal nicht gegen das Hotel, sondern gegen Gil Ofarim. Verständnis zeigen und Verzeihen können, weil man selbst weiß, wie fehlerbehaftet jeder von uns selbst schon in der Vergangenheit agiert hat, das zeigt wahre Größe.