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„Das Gefühl, nie richtig dazuzugehören“

Wenn Sabine Focken die Nachrichten zum Thema Flüchtlinge verfolgt, werden in ihr bei diesem Thema Gefühle wach, die sie an ihre eigene Familiengeschichte erinnert: „Eine Flüchtlingsfamilie will einfach nur anerkannt werden und strengt sich über die Maßen an, mit dem gleichzeitigen Gefühl, trotzdem nicht richtig dazuzugehören.“ Die jetzt in Hohenlohekreis lebende Pfarrerin kommt selbst aus einer Flüchtlingsfamilie.

 

„Krieg und Frieden spielen in meinem Leben eine ganz große Rolle“

 

Ihre Eltern flohen während des Krieges aus Hinterpommern. „Krieg und Frieden spielen in meinem Leben eine ganz große Rolle“, sagt Sabine Focken gegenüber GSCHWÄTZ, die am Rande des Ruhrgebietes, bei Dortmund, aufgewachsen ist.

 

Der Krieg hinterließ bei ihren Eltern Spuren und so spürte auch Focken schon als Kind „die große Kraft des Krieges, die auch Jahrzehnte später“ noch nachwirke und Traumata auch bei der nachfolgenden Generation erzeuge. Da war zum einen die Sehnsucht der Eltern nach der vermeintlich heilen Welt Hinterpommerns. Diese Sehnsucht der Eltern und der gleichzeitige Wunsch, in Deutschland richtig dazuzugehören, übertrug sich auch auf die vier Kinder. Focken war die älteste.

Nach dem Abitur begann sie ein Theologiestudium, was für die damalige Zeit sehr emanzipiert war. Doch Focken brach ihr Studium ab, da der Beruf des Pfarrers nicht vereinbar mit einer Familie schien. „Es gab damals keine Pfarrerinnen in der Umgebung, die ein Vorbild für mich hätten sein können“, erinnerte sie sich heute. So wurde sie Physiotherapeutin. Was für Außenstehende so völlig anders klang, war für sie naheliegend: „Es ist ebenso ein Heilungsberuf.“

 

Die Eckpfeiler unserer Gesellschaft

 

Als der Kinderwunsch ausblieb, begann Focken mit damals späten 30 Jahren letztendlich doch noch einmal ein Theologiestudium in Tübingen und wurde Pfarrerin – zunächst in Kressbronn am Bodensee, von 2009 bis Juli 2018 in Schöntal. Dann wechselte die Theologin, die am 18. Dezember 2018 ihren 59. Geburtstag feiert, in die Nachbargemeinde Dörrenzimmern.

„Ich bin gerne in Schöntal gewesen, aber meine Intuition trieb mich letztendlich nach Dörrenzimmern“, erklärt sie. Auch für Schöntal freue sie sich, da die Gemeinde nun eine Nachfolgerin bekomme, die den Schwerpunkt, den Focken in der Erwachsenenbildung gesetzt habe, weiterführe.  Sie selbst möchte zunächst Impulse für die Kinder- und Seniorenarbeit in Dörrenzimmern setzen, „da dies die Eckpfeiler unserer Gesellschaft sind“.  So hat sie ein Kinderteam ins Leben gerufen, das einmal monatlich einen Familiengottesdienst mitgestaltet. Vor einigen Wochen lud die Pfarrerin das Jugendteam ein, eine Woche bei ihr im Pfarrhaus zu wohnen und „christliche Lebensgemeinschaft“ zu leben. Die Jugendlichen stimmten begeistert zu.

 

„Das ist eine „Sehr-willkommen-heißen-Gemeinde“

 

Bereits zu Beginn ihrer Amtszeit hat Focken das Engagement der Dörrenzimmerner erlebt: „Das ist eine „Sehr-willkommen-heißen-Gemeinde“. Als sie eingezogen sei, hätten an die 16 Landfrauen ihr Haus geputzt und die Männer des Ortes in ihrem Garten Fundamente für ihren Hühnerstall gesetzt, Platten gelegt und geholfen, dass der Rasen mehr Nutzfläche weicht, worauf Obst und Gemüse angebaut werden soll.

Wenn die Kinder im Familiengottesdienst sich ganz selbstverständlich und locker vor die Gemeindemitglieder stellen und sprechen, merke Focken , dass es in dem kleinen Dorf „ein tiefes Vertrautsein miteinander gibt, weil die Menschen hier seit Generationen miteinander verbunden sind“. Und sie weiß aus eigener Erfahrung auch, wie wichtig das ist: „Ich gehöre dazu –  das ist ein Grundnahrungsmittel. Wer dieses Gefühl hat, lebt entspannter.“