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Erfahren wir dann am Bahngleis, wer zurückbleiben muss?

Gestern wollte ich zum Frisör gehen. Es war ein Fest für mich. Nicht, weil ich ein besonders emsiger Frisörgänger bin, sondern weil ich seit über einem halben Jahr nicht mehr dort war – Corona sei Dank. Entweder die Frisöre mussten wegen Corona schließen oder sie hatten offen und den nächsten Termin bekam man aber erst Monate später, wenn schon wieder die nächste Coronawelle heranrollte. Nun sollte es also tatsächlich wahr werden. Der Traum von frischen Strähnchen und einem ordentlichen Harrschnitt. Dann kam ein Anruf aus der Redaktion.

Der Traum von frischen Strähnchen

Ob ich denn die nun beschlossene Coronaverordnung kenne, die seit heute gültig ist? Ich bin zwar Journalistin, aber ganz ehrlich, als Geimpfte kann man mir doch sowieso nichts. Ein Lachen am anderen Ende der Leitung. „Du brauchst einen Test, wenn Du jetzt zum Frisör möchtest, auch als Geimpfte.“ Mein Blutdruck beschleunigt sich auf unzählbar, ein Blick auf die Uhr verrät, dass ich nur noch 3 Minuten von meinem Seelenheil entfernt bin. Bringt ein fehlender Test nun alles zu Fall? „Das kläre ich“, antwortete ich, legte auf und hastete zum Friösör, obwohl ich es heute morgen eigentlich so ganz gemütlich angehen wollte. Brauche ich bei euch seit heute einen Test auch als Geimpfte?

Alles kann morgen schon wieder anders sein

Meine Lieblingsfrisörin schaut mich irritiert an und sagte: „Nein.“ Erleichtert atmete ich durch. Da merke ich, dass ich eigentlich überhaupt keine Ahnung mehr habe, was derzeit an Coronaregeln gelten – weil ich nach fast zwei Coronajahren es einfach leid bin. Es gibt viel zu viele Verordnungen, Ausnahmen, Unterschiede. 3G, 2G, 2G+, 5G-, 8H:. Und alles kann morgen schon wieder ganz anders sein.

Erfahren wir dann am Bahngleis, wer zurückbleiben muss?

Zum ersten Mal in meinem Leben fahre ich der Umwelt zuliebe mit der Deutschen Bahn in den hohen Norden. Die Tickets sind gebucht. Wie schaut es aber jetzt hier mit Zugangsbeschränkungen hinsichtlich Corona aus? Ich bin geimpft, habe aber noch drei ungeimpfte Kinder im Gepäck. Dürfen die nach wie vor mit oder muss ich sie zurücklassen?, frage ich Herr Schmidt, der am Bahnhof in Würzburg arbeitet. Er bekommt gerade täglich haufenweise Anfragen diesbezüglich. sagt er. Bei Kindern weiß er gar nicht wirklich, wie die Sachlage derzeit ausschaut. Auch seine Kollegin, die er während unseres Telefonats fragt, kann dazu nicht viel sagen. Das ist ja doof, sage ich. Dann erfahren wir das erst, wenn wir den Zug in Würzburg besteigen, ob wir alle mitdürfen?, hake ich nach. Im Grunde müsste es reichen, wenn ich alle Schülerausweise dabei habe und zusätzlich noch optimalerweise einen Schnelltest vom Kinderarzt. An diesem Satz stört mich vor allem: „Im Grunde müsste es reichen…“ Denn das besagt eigentlich nichts. Das sind ja mal schöne Aussichten. Vielleicht fahre ich doch mit dem Auto.

Die aktuell gültige Coronaverordnung des Landes Baden-Württemberg (Stand: 25. November 2021) finden Sie hier:

https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/aktuelle-infos-zu-corona/aktuelle-corona-verordnung-des-landes-baden-wuerttemberg/




Die Irrungen und Wirrungen des Herrn Braun

Nun sind wir an diesem Punkt der Debatte angelangt, der noch 2020 Kopfschütteln in Deutschland ausgelöst hat, als Isreal die Impflicht quasi durch die Hintertür eingeführt hat, indem Geimpfte ihre Grundrechte zurückbekommen.

Nur noch ins Kino, wenn man vollständig geimpft ist

Nun, nur ein Jahr später, wird auch in Deutschland heftig darüber diskutiert, ob Geimpfte ihre vollständigen Rechte wiederbekommen und Nicht-Geimpfte eben nicht. Konkreter gesagt: Ab Herbst 2021 dürften dann nur noch vollständig Geimpfte ins Restaurant oder ins Kino gehen. Alle anderen können dann im wahrsten Sinne nur noch in die heimische Röhre schauen. DiesenVorschlag hatte unlängst etwa Kanzleramtsminister Helge Braun gemacht.

Urlaub ist für Familien derzeit schon ein Pokerspiel angesichts der drohenden Quarantäne

Was bei der ganzen Diskussion aber völlig vergessen wird, sind die Familien mit Kindern unter 12 Jahren, für die es noch keine adäquate Impfung gibt. Hier wird sogar der Urlaub schon problematisch, weil sie durch steigende Inzidenzen immer häufiger wieder gezwungen werden, einen nicht gerade angenehmen PCR-Test über sich ergehen zu lassen, wenn nicht sogar in Quarantäne nach dem Urlaub zu müssen. Ergo verzichten viele Familien lieber freiwillig auf ihren wohlverdienten Urlaub.

Ausschluss von kulturellen Veranstaltungen

Nun droht ihnen auch noch der Ausschluss aus kulturellen Veranstaltungen und Restaurantbesuchen. Was ist das für ein Signal, das hierzulande immer mehr gesendet wird?

Politische Sommerpause müssen für adäquate Schulkonzepte genutzt werden

Warum nutzen Politiker nicht die Sommerpause mit den niedrigen Coronazahlen, um sich für die kommende vierte Welle im Herbst / Winter 2021 / 2022 zu rüsten? Seit Monaten ist klar, wohin es gehen muss: Weg von der Kopplung der stark schwankenden Inzidenzen mit der Schließung sämtlicher Läden und Schulen. Hin zu einer Fokussierung auf den Schweregrad der Coronaerkrankungen, also eine Verschiebung des Fokusses auf die Intensivbettenbelegung. Denn: Viele haben Corona, aber keinen schweren Verlauf. Dabei sind Kinder keine Treiber von Coronaverbreitungen, im Gegenteil. Als die Schulen offen waren, waren die Ansteckungen überschaubar. Was nun hinzu kommt: Alle Lehrer, die geimpft werden wollten, konnten sich impfen lassen.

Erneute Schulschließungen wären fatal

Es wäre fatal, die Schulen noch einmal über einen so langen Zeitraum zu schließen und wieder ins homeschooling zu gehen. Es muss möglich sein und es ist auch möglich, die Schulen bei einer vierten Welle offen zu lassen. Und auch Deutschland sollte bis September 2021 so weit entwickelt sein, nicht wieder die Stoßlüften-Methode anwenden zu müssen, sondern adäquate Raumlüfter für die Klassenzimmer bereitzustellen. Für die Lufthansa-Corona-Subvention hatte man schließlich auch Millionen übrig.

Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann