Sie ist eines der bekanntesten Gesichter des deutschen Widerstands in der Nazi-Zeit und inspiriert auch heute noch die Menschen: Sophie Scholl. Am Montag, den 22. Februar 2021, jährte sich ihr Todestag zum 78. Mal. An jenem Tag im Jahr 1943 wurde sie mit ihrem Bruder Hans und dem gemeinsamen Freund Christoph Probst wegen ihres Engagements in der Widerstandsgruppe Weiße Rose und Flugblattaktionen an ihrer Universität in München zum Tode verurteilt und noch am gleichen Tag im Strafgefängnis Stadelheim hingerichtet. Am 09. Mai 2021 wäre die Widerstandskämpferin 100 Jahre alt geworden.
„Die Brävste bin ich nicht, die Schönste will ich gar nicht sein, aber die Klügste bin ich immer noch“ (Zitat von Sophie Scholl)
Einen ganz besonderen Bezug hat die Stadt Forchtenberg zu Sophie Scholl – „sie ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten unserer Stadt“, schreibt Bürgermeister Michael Foss auf GSCHWÄTZ-Anfrage. Hier wurde Sophie Scholl als viertes von fünf Kindern eines liberalen Vaters und einer Mutter geboren, die vor ihrer Heirat Diakonisse war. Getauft wurde sie in der Michaelskirche auf den Namen Lina Sofie. Danach verlebte das kleine Mädchen neun glückliche Kinderjahre in der Kocherstadt. Noch heute wird in Forchtenberg an Sophie und Hans Scholl erinnert: „Wir tragen ihren Namen unter anderem bei uns im Stadtlogo“, schreibt Bürgermeister Foss weiter. „Im Rathausfoyer steht eine Büste von ihr und eine Straße ist nach ihr benannt.“
„Diese Liebe die ganz umsonst ist…“ (Sophie Scholl in einem Brief über ihre Eltern)
Die örtliche Grundschule heißt Geschwister-Scholl-Schule und seit 2006 es gibt sogar einen Hans und Sophie Scholl-Pfad, auf dem man verschiedene Orte ihrer Kindheit besichtigen kann (https://www.forchtenberg.de/freizeit-tourismus/wander-radwege/themenpfade). Im Würzburger Tor gibt es eine kleine, von Renate S. Deck eingerichtete Gedenkstätte über die Weiße Rose und die Geschwister Scholl mit wechselnden Ausstellungen und Vorträge. Zurzeit stehen im Foyer des Rathauses sogenannte Rollups – eine Art Plakate – die das Leben der Geschwister Scholl und die Geschichte der Weißen Rose erzählen.
„Man muss einen harten Geist, aber ein weiches Herz haben“ (Zitat von Sophie Scholl)
Die Grundschule in Forchtenberg lebt die Erinnerung an Sophie Scholl. Im Schulhausflur hängen Bilder der Mitglieder der Weißen Rose und eine Fotografie zeigt eine Szene aus einem Film, in der die Geschwister ihre Flugblätter ins Treppenhaus der Münchner Universität werfen. Doch wie bringt man Grundschülern, die ja noch sehr jung sind, dieses schwere Thema nahe? Interessiert es die Kinder überhaupt oder denken sie eher, ist ja lange vorbei? „Zum 75. Todestag im Jahr 2018 haben wir sehr viel mit unseren Klassen gemacht“, erinnert sich Rektorin Petra Schüler. „Es gab verschiedene Stationen im Schulgebäude, an denen an die Geschwister Scholl und die Weiße Rose erinnert wurde.“ So bastelten die Kinder die Weiße Rose aus Salzteig, fertigten Collagen, gestalteten Bilder in Tupftechnik oder im Stil von Andy Warhol und schrieben Steckbriefe. Die 59-Jährige, die seit 2012 an der Schule unterrichtet, stellte dabei fest: „Die Kinder der dritten und vierten Klasse haben sehr viele Hintergrundinfos von daheim.“ Die Kinder waren fasziniert von der Geschichte und „dass da jemand gekämpft hat, damit es uns besser geht“.
„Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique regieren zu lassen“ (Zitat der Weißen Rose)
Das Thema KZ wollte Petra Schüler in dem Zusammenhang eigentlich aussparen, jedoch wusste ein Kind Bescheid und hat denn auch gleich die Kameraden informiert. Die Kinder waren sich einig: Es ist gemein, einfach eine Bevölkerungsgruppe rauszupicken. „Ich habe sie gefragt, ob sie bei einem Fahrradunfall auch zuerst nach der Religion der Helfer fragen würden oder einfach nur sind, wenn sie Hilfe bekommen“, sagt die Lehrerin. Natürlich sei zu viel auch nicht gut, man wolle die Kinder ja nicht überfrachten. Deshalb findet es die Schulleiterin besser, diese Themen mit geschichtlichen Ereignissen zu verknüpfen und alles auf einem gesunden Maß zu halten. „Es sollte nicht vergessen werden“, findet sie. „Aber solange Menschen keine Angst haben, nach Deutschland zu Besuch zu kommen, dann haben wir alles richtig gemacht.“
„Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt. Entscheidet euch, ehe es zu spät ist“ (Zitat aus einem Flugblatt der Weißen Rose)
Aber auch die Erst- und Zweitklässler wussten einiges über die Geschwister Scholl und die syrischen Kinder – der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund liegt an der Schule bei über 20 Prozent – konnten ihre Erfahrungen mit Krieg und Flucht beisteuern. „Wir hatten auch eine schöne Gedenkfeier in der Kirche, in der wir die bekannte Flugblatt-Szene nachstellten“, erinnert sich die Lehrerin. „Dabei riefen die Kinder Freiheit und erklärten verschiedene Begriffe, außerdem lasen die Zweitklässler Fürbitten vor und legten dazu weiße Rosen vor die Bilder von Hans und Sophie Scholl und ihren Mitstreitern.“
„Es fallen heute so viel Menschen, es ist Zeit, dass jemand dagegen fällt“ (Zitat von Sophie Scholl)
Zusätzlich ging das Lehrerkollegium – zurzeit unterrichten 13 Lehrerinnen an der Schule die rund 150 Schüler – auf Studienfahrt nach München. „Wir besuchten die Uni und eine Ausstellung, machten eine Führung mit und anschließend legten wir im KZ Dachau einen Kranz nieder“, erinnert sich die Schulleiterin. „Auch viele Lehrer haben das nicht immer parat und es gibt ja die Tendenz, dass es jetzt auch mal gut sein müsse, aber ich denke, dass es jederzeit wieder passieren kann.“ Deshalb findet sie es wichtig, die Erinnerung wach zu halten. Doch was sie richtig ärgert: Wenn sich Personen heutzutage auf Demonstrationen mit Sophie Scholl vergleichen – denn dieser Vergleich sei ziemlich schräg. „Das ist anmaßend, eine Person zu übernehmen, die sich nicht mehr wehren kann“, entrüstet sie sich. „Sophie kann ihre Meinung doch nicht mehr sagen.“
„Steh zu den Dingen, an die du glaubst. Auch wenn du alleine dort stehst“ (Zitat von Sophie Scholl)
„Sophie Scholl ist auch heute noch eine Inspiration“, findet Petra Schüler. „2018 unterrichtete ich eine dritte Klasse und bei den Kindern fiel fast immer das Wort `mutig´, wenn wir über Sophie Scholl sprachen.“ Den Bogen zur Gegenwart schlugen die syrischen Kinder. „Eins der Mädchen lief eineinhalb Jahre von Syrien nach Deutschland mit ihrer Familie.“ Eine schier unfassbare Vorstellung für die anderen Kinder. Ganz im Sinne von Sophie Scholl werden die geflüchteten Kinder in die Schulgemeinschaft integriert. „Hier gibt es keine Ablehnung den Geflüchteten gegenüber“, sagt die Lehrerin. „Wir leben das aber auch vor, dass jeder genauso wert voll ist. Sophie Scholl wäre stolz auf uns.“
„Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte“ (Antwort Sophie Scholls auf die Abschlussfrage, Auszug aus den Verhörprotokollen)
Vor einigen Jahren drehte eine Geschichtslehrerin an der damaligen Forchtenberger Hauptschule einen Film über Sophie Scholl mit ihren Schülern. „Sie sind die Stationen von Sophie abgelaufen, der Film ist einfach zauberhaft“, erinnert sich Petra Schüler. „Sie hat hier viele Spuren hinterlassen.“ Denn Sophie Scholl sei ein Naturkind gewesen, war viel am Fluss unterwegs, wo sie auch schwimmen lernte. Sauste im Winter mit dem Schlitten die Kirchenstiege hinunter. „Die Schüler konnten sich gut mit Sophie identifizieren“, so die Schulleiterin. „Es gibt nicht viele Menschen, die bis ans Äußerste gehen.“ Mit den Viertklässlern erarbeiteten die Lehrer Präsentationen der anderen Mitglieder der Weißen Rose. Und in diesem Zusammenhang auch die Grundrechte: „Wir haben beleuchtet, was heutzutage alles möglich ist, vor allem die Meinungsfreiheit. Hoffentlich wirkt das langfristig“.
„So ein herrlicher Tag und ich soll gehen. Aber was liegt an unserem Leben, wenn wir es damit schaffen, Tausende von menschen aufzurütteln und wachzurütteln.“ (Zitat von Sophie Scholl am Tag ihrer Hinrichtung)
Zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl plante die Schule eigentlich ein richtiges Geburtstagsfest mit allen Schülern, Lehrern und den Eltern. „Es sollte richtig fröhlich werden mit Luftballons und Kuchen“, erzählt Carolin Ewald, Lehrerin an der Schule seit 2017. „Wir wollten Sophies Lieblingslied singen – Die Gedanken sind frei – und einen Steckbrief schreiben.“ Corona machte einen Strich durch die Rechnung – bis April sind alle außerschulischen Aktivitäten abgesagt. Was es aber geben wird, ist definitiv eine Gedenkplatte aus Edelstahl mit der ausgelaserten Inschrift „In Erinnerung an Sophie Scholls 100. Geburtstag“ und einer Abbildung ihres Kopfes. Noch sucht die Schule einen Platz dafür – nicht auf dem Boden, das würde ihnen pietätlos erscheinen. „Auch wollen wir Sophies Leben als Whiteboard nachstellen und alle Kinder und Lehrer werden sich im Schulhof zum Schriftzug „Sophie 100″ aufstellen“, beschreibt die 28-Jährige ihre Pläne. Und natürlich wird es dann auch Kuchen geben.
„Die Sonne scheint noch“ (Letzte Worte Sophie Scholls an ihren Bruder Hans, kurz vor ihrer Hinrichtung)
In der Zukunft will die Schule außerdem ein Curriculum erstellen, anhand von dem jährlich über Sophie Scholl gesprochen wird – beispielsweise an ihrem Geburtstag. „Hier in Forchtenberg steht ja klar Sophie Scholl im Vordergrund“, erklärt Petra Schüler. In Ingersheim, wo ihr Bruder Hans geboren wurde, sei es genau umgekehrt. Doch später soll auch in Forchtenberg eine Gedenkplatte für Sophies großen Bruder dazu kommen.
Text: Sonja Bossert
Zitate von Sophie Scholl von den Rollups im Forchtenberger Rathaus sowie der Homepage http://beruehmte-zitate.de

Diese Plakette im Rathausfoyer erinnern an Sophie und Hans Scholl. Foto: GSCHWÄTZ

Die Grundschule in Forchtenberg wurde nach Sophie Scholl und ihrem Bruder Hans genannt. Foto: GSCHWÄTZ

Porträts der Mitglieder der Weißen Rose im Flur der Grundschule. Foto: GSCHWÄTZ

Das Rathaus von Forchtenberg. Hier wurde Sophie Scholl geboren. Foto: GSCHWÄTZ

Der Hans und Sophie Scholl-Pfad führt durch Forchtenberg auf den Lebensspuren der Geschwister. Foto: GSCHWÄTZ

Am Forchtenberger Wehr lernte Sophie Scholl Schwimmen. Foto: GSCHWÄTZ

Im Würzburger Tor hat Renate S. Deck die Gedenkstätte „Weiße Rose i-Punkt“ eingerichtet. Foto: GSCHWÄTZ

Die folgenden Fotos entstanden im Foyer des Forchtenberger Rathauses, wo Renate S. Deck Rollups über die Weiße Rose aufgestellt hat. Foto: GSCHWÄTZ

Auszug aus dem Poesiealbum von Sophie Scholl. Foto: GSCHWÄTZ

Auszug aus dem Forchtenberger Taufregister mit dem Eintrag für Sophie Scholl. Foto: GSCHWÄTZ

Sophie Scholl als kleines Mädchen. Foto: GSCHWÄTZ

Sophie im Kreise von Familie und Freunden in den Kocherwiesen bei Forchtenberg. Foto: GSCHWÄTZ

Kinderpferdestuhl eines Forchtenberger Friseurs, auf dem auch Sophie Scholl ihre Ponyfrisur erhalten hat. Foto: GSCHWÄTZ