„Ein Kreidebomben-Festival wäre cool, ein Freizeitpark oder ein Musikfestival.“ Im Sitzungssaal im Rathaus sprudelt es nur so vor Ideen für Künzelsau. Achtklässler des Ganerben-Gymnasiums sind am Donnerstag, den 23. Januar 2020, zu Besuch im Rathaus gewesen und haben sich Gedanken über ihre „Traumstadt“ gemacht. Was fehlt in Künzelsau? Was wünscht sich die Jugend?

Mehr Einkaufsmöglichkeiten wünschen sich die Jugendlichen. Foto: GSCHWÄTZ
Licht aus. Spot an. „Stellt euch vor, ihr lauft morgens zur Schule. Ihr seid müde. Auf einmal hält neben euch ein Elektrobus. Der Busfahrer bittet euch, einzusteigen und fährt mit euch in eure Traumstadt. Dort gibt es überall kostenfreies W-Lan. Die Stadt hat wegen eines Festes allen Schülern schulfrei gegeben. Der Bus hält nun mitten im Zentrum und ihr staunt nicht schlecht, als ihr aussteigt und…“, lässt Nico Oesterwind (24), freier Mitarbeiter der Landeszentrale für politische Bildung, die Schüler in dem abgedunkelten Sitzungssaal träumen. Dann geht das Licht wieder an. Nun sind die Schüler in Kleingruppen gefragt, ihren Ideen freien Lauf zu lassen. Die Veranstaltung ist eine Aktion der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg – in Zusammenarbeit mit den Lehrern des Ganerben-Gymnasiums und Mitarbeitern der Stadtverwaltung Künzelsau. Michel Salzer von der Landeszentrale (26) erklärt: „In der Kommunalpolitik können Jugendliche bereits sehr früh Dinge gestalten. Ab 16 Jahren dürfen sie hier schließlich auch wählen.“ Dieses Interesse möchten sie bei den 13- und 14-Jährigen wecken. In Kleingruppen erarbeiten die Schüler Ideen für die Kreisstadt.

Wie wäre es mit einem Freizeitpark oder einem Festival in Künzelsau? Diese Achtklässler hatten viele kreative Ideen. Foto: GSCHWÄTZ
Mehr Festivals oder doch lieber eine grüne Lunge für Künzelsau – oder würde auch beides gehen?
In Gruppe eins geht es sehr lebhaft zu, aber Mateo (14) aus Künzelsau, Mattis (13) aus Kupferzell, Franziska aus Kocherstetten (13), Julia aus Waldenburg (13), Stella aus Künzelsau-Taläcker (13) und Sofia aus Gaisbach (13) sind sich schnell einig. Ein Kreidebomben-Festival oder ein Musikfestival täte Künzelsau gut. „Wenn wir Konzerte hier veranstalten, dann kommen auch mehr Menschen nach Künzelsau“, versucht Mateo die anderen in seiner Gruppe von seiner Idee zu überzeugen. Aber auch ein kostenloser Nahverkehr beziehungsweise generell ein besserer Nahverkehr ist im Gespräch und dass es zu wenig Einkaufsmöglichkeiten in Künzelsau gibt. Am Ende aber stellen sie den anderen Schülergruppen ihre Festival-Idee vor. Julia (13) aus Waldenburg erkärt: „Wir haben uns für ein Musikfestival entschieden. Es gibt ja schon das Würth-Open-Air. Aber die Musik mag nicht jeder. Durch das Festival wird auch die Stadt attraktiver und es kommen auch mehr nach Künzelsau. Wenn die Stadt größer wird, werden auch mehr Steuern eingenommen, es könnten mehr neue Läden angezogen werden. Auch der Bürgermeister profitiert davon, denn seine Chancen steigen, dass er wiedergewählt wird.“

Bürgermeister Stefan Neumann sprach mit den Schülern die besten Ideen durch und nahm sich dabei viel Zeit. Foto: GSCHWÄTZ
„Es gab auch schon fliegende Autos als Ideen. Aber wir lenken die Schüler dahin, dass sie realistische Ideen vorschlagen sollen, denn am Ende werden nur vier Ideen dem Bürgermeister zur Umsetzung vorgestellt“, erklärt Nico Oesterwind. Oesterwind studiert eigentlich Erwachsenenbildung im Masterstudium. Seit zweieinhalb Jahren führt er daneben mit anderen Mitarbeitern der Landeszentrale derartige Veranstaltungen bei interessierten Stadtverwaltungen in Nordwürttemberg durch. Aber oft hieße es dann seitens der Bürgermeister: „Wir haben kein Geld oder der Bürgermeister hat keinen Einfluss darauf“, ob ein H&M in die Stadt kommt. Jugendliche wünschen sich laut Oesterwind häufig einen Park, mehr Einkaufsmöglichkeiten und mehr Angebote für die Jugend. Auch bei den Achtklässlern des Ganerben-Gymnasiums setzt sich am Ende der Park als TOP-eins-Idee für Künzelsau durch. Bürgermeister Stefan Neumann verweist auf den Wertwiesenpark, den es gibt. Die Schüler verweisen darauf, dass sie gerne mehr Grün hätten, mit Bäumen, Blumen und Plätzen zum Laufen, Joggen und sich aufhalten. Gruppe sechs, die diese Idee geboren hat, erklärt: „In Künzelsau gibt es keine große Grünfläche. Deshalb haben wir uns für einen Park entschieden. Das ist für jüngere und ältere Menschen toll, aber auch für Tiere und Pflanzen. Das könnte dann auch ein Veranstaltungsort für Festivals sein. Das Kocherfreibad ist ja nicht so schön. Stattdessen wäre hier ein idealer Ort für einen Park.“ Schülerin Finni (13) von Gaisbach findet die Idee gut, weil der Park viele Ideen beinhalte wie Umwelt, Platz für Festivals. Und auch von den Kosten halte sich ein Park in Grenzen. Eine weitere Schülerin schlägt vor, in dem Park Beete mit Wildblumen für Insekten anzulegen und Bienenhotels aufzustellen.
Neumann: „Bei H&M haben wir schon mehrfach angeklopft“
Michelle Kinbacher (31), Gemeinschaftskunde-Lehrerin am Ganerben-Gymnasium, findet das Rathaus-Projekt super, denn: „Klasse acht ist das erste Jahr, in dem die Schüler Gemeinschaftskunde haben. So kann man ihnen vermitteln, dass Politik nichts abgehobenes ist, sondern auch vor der Haustüre passiert und dass Politik jeden etwas angeht.“ Und: „Wann kommt man schon mal ins Rathaus?“

So sieht es also im Sitzungssaal im dritten Stock im Rathaus aus. Foto: GSCHWÄTZ
Die Schüler plädieren für ein Krankenhaus, ein Einkaufszentrum und eine umweltfreundliche Stadt
Bereits in den einzelnen Kleingruppen lernen die Schüler, ihre Idee zu erklären und versuchen, die anderen mit ihrer Idee zu überzeugen – ganz ähnlich wie in der Politik. Letzten Endes schaffen es sieben Ideen ins Halbfinale. Neben der Festival-Idee der Gruppe eins hat sich die Gruppe zwei für ein Krankenhaus entschieden, damit „es weniger Kranke und Tote gibt, weil die medizinische Versorgung dadurch erhöht wird“. Gruppe drei plädierte für „eine umweltfreundliche Stadt mit mehr Elektrobussen.“ Gruppe vier forderte mehr Einkaufsläden beziehungsweise ein Einkaufszentrum mit Geschäften wie H&M, Intersport, Nike oder einem coolen Schuhladen. „Es ist ist auch spritsparender, das man nicht immer nach Heilbronn zum Einkaufen fahren muss“, erklären die Schüler ihre Idee. Zudem „spricht es jede Altersgruppe an“. Bürgermeister Neumann findet die Idee gut, gibt aber zu Bedenken, dass es nicht immer einfach ist, Firmen zu motivieren, in Künzelsau eine Filiale zu eröffnen: „“Wir versuchen die Firmen anzusprechen. Bei H&M haben wir schon mehrmals angeklopft. Wir sind größer als ein Dorf, aber kleiner als eine Stadt. Aber wir haben trotzdem viel zu bieten. Wir versuchen ihnen, den Standort hier schmackhaft zu machen.“ Severein aus Waldenburg (13) fragt, warum man für das Einkaufszentrum nicht das Areal nutzt, das frei wird, wenn Ziehl-Abegg mit seinem markant blauen Gebäude der Künzelsauer Innenstadt Lebewohl sagt. Neumann erklärt, dass es hierfür noch keinen genauen Zeitplan gäbe und man daher auch noch nicht konkret planen könne.

Severin aus Waldenburg (13, links) hatte einige Fragen an Bürgermeister Neumann. Foto: GSCHWÄTZ
Mountainbikestrecke, neue Rutschen im Hallenbad & eine weitere Ausgehmöglichkeit soll es mittelfristig geben
Konkreter wird Neumann bei Projekten für Jugendliche, die derzeit bereits in Planung für Künzelsau sind. Unter anderem soll es eine Moutainbikestrecke von Taläcker nach Künzelsau geben. Zudem soll auch die Rutsche im Hallenbad erneuert werden. Eine Reifenrutsche fände der Bürgermeister persönlich gut, aber er entscheide das ja nicht allein, sagt er und verweist dabei auf den Gemeinderat. Auch soll es in absehbarer Zeit eine Ausgehmöglichkeit in Form einer Disko oder eines Clubs geben.
Tablets in den Schulen wünschen sich die Schüler
Neben ihren Ideen vorstellen, dürfen die Schüler Bürgermeister Neumann auch Fragen stellen. Ein Schüler möchte wissen: „Warum hat die Realschule Whiteboards und das Ganerben-Gymnasium Tafeln?“ – „Weil die Schulen das für sich entscheiden“, was sie brauchen, erklärt Bürgermeister Neumann. Julia Knobel, stellvertretende Hauptamtsleiterin in Künzelsau, verweist darauf, dass das Ganerben sich hinsichtlich des „Medienentwicklungsplanes erst noch am Anfang“ befände. „Aber da kommen in den kommenden Jahren noch ein paar Dinge dazu“. – „Die Lehrer sagen uns, dass Tablets zu teuer sind und sich das die Stadtverwaltung nicht leisten könne. Stimmt das?“, hakt ein weiterer Schüler nach. Knobel betont: „Die Vorschläge kommen nicht von uns, sondern von den Schulen. Diese wenden sich an die Stadt mit dem Bedarf, den sie haben.“
Neumann: „Künzelsauer wollen etwas bewegen“
Auf die Frage, warum es sich lohnt in Künzelsau zu leben, sagte Neumann: „Weil die Menschen hier toll sind. Man spricht ja den Hohenlohern auch eine gewisse Schlitzohrigkeit zu. Die Künzelsauer aber sind noch mal ein besonderer Schlag, unheimlich herzlich und sie wollen auch was bewegen. Man findet hier Menschen, mit denen man was reißen kann.“ Und was läuft derzeit hier nicht so gut? „Es gefällt mir nicht, wo wir gerade stehen hinsichtlich dem Thema Gesundheit. Hier passiert derzeit zu wenig. Das geht mir zu langsam. Das ist ein Hauptthema in diesem Jahr. Hier wollen wir eine Verbesserung. Und wenn es ein Gesundheitszentrum gibt, dann eines, das diesen Namen auch verdient hat.“

Wie geht Kommunalpolitik? Die Ganerben-Schüler zeigten sich sehr interessiert und hatten auch einige kritische Fragen im Gepäck. Foto: GSCHWÄTZ

Schülerinnen stellen Bürgermeister Stefan Neumann (3. von links) ihre Ideen für Künzelsau vor. Foto: GSCHWÄTZ

Diese Achtklässler sprachen sich letzten Endes für einen Park in Künzelsau aus. Foto: GSCHWÄTZ