Bauernverbandsvorsitzender Klaus Mugele über Futterknappheit, das Züchten wetterresistenter Pflanzen und die Verursache der Klimamisere.
Wir haben Klaus Mugele, Vorsitzender des Bauernverbandes Schwäbisch Hall Hohenlohe Rems, gefragt, welche Auswirkungen das extreme Wetter auf die Landwirte vor Ort hat und wie die Zukunft der Landwirtschaft aussehen kann.
GSCHWÄTZ: Gibt es von der Politik nun finanzielle Unterstützung für die Landwirte und wenn ja, in welcher Höhe? Und: Fließt das Geld an jeden landwirtschaftlichen Betrieb oder nur an bestimmte Betriebe (Großbetriebe oder gibt es andere Auswahlkritieren)?
Mugele: Dazu muss ich mich auf die Medien beziehen. Sie schreiben, dass das Bundeslandwirtschaftsministerium die tatsächlichen Erntemengen aus den Ländern abwarten will und danach entscheiden wird. Pauschale Hilfen lehnt Klöckner für Bauern erneut ab. „Wir müssen uns die einzelnen Regionen genau anschauen“, sagte Klöckner der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „In Nordrhein-Westfalen oder Rheinland- Pfalz zum Beispiel sind viele Landwirte weniger betroffen.“ Zudem werde ein Teil der Ausfälle bei Getreide durch Preissteigerungen ausgeglichen. „Im Norden und Osten, zum Beispiel in Sachsen, sieht es vielerorts sehr schlimm aus“, bilanzierte Klöckner.
Laut dem Statistischen Landesamt Baden-Württemberg gibt es im Hohenlohekreis derzeit insgesamt 1.098 Betriebe, die 41.838 Hektar bewirtschaften. Das sind 38,1 Hektar im Durchschnitt pro Betrieb. Im Schwäbisch Haller Kreis gibt es aktuell 18.74 landwirtschaftliche Betriebe mit einer Durchschnittsgröße von 38,1 Hektar (7.6105 Hektar gesamt).
„Getreidepreise an den Börsen bereits angestiegen“
GSCHWÄTZ: Bauern vor Ort kritisieren diese Einmalfinanzspritzen als unzureichend und fordern, dass die Lebensmittelpreise in Deutschland generell zu niedrig sind. Wie sehen Sie das?
Mugele: Für unseren Bauernverband steht fest, dass in der Vergangenheit die Preise für nahezu alle unsere Erzeugnisse zu niedrig waren. Es muss gelingen, dass wir mit unserer Erzeugung Geld verdienen können. Durch die Dürre in Deutschland und in der EU fallen die Erntemengen geringer aus. Beispielsweise sind die Getreidepreise an den Börsen bereits angestiegen. Auf den Brotpreis bleibt das ohne Auswirkung, weil der Rohstoff Weizen nur einen minimalen Anteil an den Herstellungs- und sonstigen Kosten hat. Unser Bauernverband fordert, dass den existenziell betroffenen Betrieben entsprechend den einschlägigen Richtlinien geholfen wird. Diese dienten auch bei früheren extremen Dürreschäden wie auch bei den Frostschäden im vergangenen Jahr als Grundlage. Das Ministerium Ländlicher Raum Baden-Württemberg hat seinerzeit schnell reagiert und ein Unterstützungsprogramm auf den Weg gebracht. Da noch keinerlei Entscheidungen gefallen sind, ja noch nicht einmal das Ausmaß der Schäden im Detail beziffert werden kann, ist es für eine Beurteilung der angedachten Maßnahmen viel zu früh. Seitens
der Politik und der Bevölkerung erkennen wir in weiten Teilen Zustimmung zu Hilfsprogrammen. Wir sind zuversichtlich.
GSCHWÄTZ: Zudem beobachten Bauern einen Klimawandel dahingehend, dass die Ernten jedes Jahr immer ein bisschen früher eingefahren werden müssen, in diesem Jahr rund vier Wochen früher. Sprich: Der Herbst steht früher vor der Tür. Stimmen Sie dem zu?
Mugele: Die offiziellen Beobachtungen der Wetterexperten sind bekannt und decken sich mit unseren Beobachtungen. Frühsommertrockenheit kommt häufiger vor als früher. Das Ausmaß von 2018 ist allerdings extrem und vergleichbar mit 2003 oder 1976. Es war also alles schon einmal da. Ältere Kollegen berichten auch aus den 50er Jahren von solchen Extremsommern.
„15 bis 20 Prozent Ertragsausfall“
GSCHWÄTZ: Kann man schon beziffern, wie viel Ernteverluste bei unseren Bauern vor Ort durch die Trockenheit entstanden sind? Im Nachrichtenmagazin Spiegel stand, dass allein die Kartoffelernte eventuell um 40 Prozent niedriger ausfallen werde.
Mugele: Als Faustzahl oder grobe Schätzung gehen wir hier in der Region von 15 bis 20 Prozent Ertragsausfall bei Getreide aus. Allerdings mit großen Unterschieden, selbst innerhalb einer Gemarkung, weil da und dort Gewitterwolken schon Niederschläge bescherten. Die sind oft eng begrenzt auf Streifen von wenigen Kilometern – beispielsweise zwischen Kocher und Jagst sowie Richtung Bauland dürften auch höhere Schäden von über 30 Prozent entstanden sein. Auch der Mais und die Zuckerrüben leiden erheblich. Näheres werden die Erhebungen der Behörden zeigen.
GSCHWÄTZ: Welches Obst und Gemüse ist besonders betroffen und werden das die Verbraucher durch teurere Preise merken?
Mugele: Ein Obstbauer hat mir berichtet, dass insgesamt reichlich Obst auf den Bäumen hängt. Äpfel seien klein geblieben. Zu Gemüse fehlen mir Informationen.
„Futterknappheit für Rinder und Schafe ist ein echtes Problem.“
GSCHWÄTZ: Ein weiteres Problem in der Landwirtschaft: Das Futter für die Tiere bleibt aus, da die Weiden wegen der anhaltenden Trockenheit nicht mehr richtig nachwachsen. Ein Bauer sagte, er habe deswegen rund 20.000 Euro Mehrausgaben, da er das Futter nun zukaufen müsste. Können Sie diese Zahl bestätigen oder haben Sie andere Zahlen diesen Bereich betreffend?
Mugele: Futterknappheit für Rinder und Schafe ist ein echtes Problem. Die bezifferten Mehrausgaben können zutreffen. Sie werden von Betrieb zu Betrieb variieren,
unter Umständen auch höher ausfallen.
GSCHWÄTZ: Werden wir künftig immer mehr mit Wetterextremen (Hochwasser, Stürme, Trockenheit) bei uns leben müssen und wenn ja, wie können sich die Landwirte und auch die Verbraucher) darauf einstellen?
Mugele: Wissenschaftliche Untersuchungen beschreiben ein solches Szenario. Anpassungsmöglichkeiten für die Landwirtschaft werden erforscht. Ein Patentrezept gibt es noch nicht. Beispielsweise sollte es mit Hilfe der Pflanzenzüchtung, auch mit neuen Verfahren, gelingen, neue Sorten hervorzubringen, die trotz Trockenheit beständigere Erträge ermöglichen. Dieser Ansatz wurde politisch niedergeschmettert, zuletzt auch vom Europäischen Gerichtshof. So werden Fortschritte verhindert. Zudem ist es völlig daneben, wenn jetzt Vertreter der Grünen und von Umweltverbänden die Landwirtschaft zum Buhmann und Verursacher extremer Witterungsverläufe abstempeln.
Mugele bezieht sich dabei unter anderem auf einen Beitrag auf der Internetseite der Huffingtonpost, in welchem Anton Hofreiter von „umweltschädlicher Landwirtschaft“ spricht: “Die industrielle Landwirtschaft kann nicht so weiter machen wie bisher. Statt krisenanfälliger Monokulturen und umweltschädlicher Tierhaltung brauchen wir eine ökologisch verträgliche Landwirtschaft.” Die von Greenpeace Europe für Agrikultur zuständige Christiane Huxdorff blies in Brüssel in ein ähnliches Horn: „Die von der Europäischen Kommission beschlossenen Maßnahmen sind geeignet, einigen Landwirten vielleicht eine begrenzte Erleichterung zu verschaffen, wird aber gleichzeitig die intensiven, die Natur zerstörenden landwirtschaftlichen Bewirtschaftungspraktiken weiter unterstützen, die sich für den Klimawandel in erster Linie verantwortlich zeichnen und die Gefahr von Trockenperioden, wie wir sie zur Zeit in Europa erleben, eher noch verstärken.“
Mugele hat dazu eine klare Meinung und distanziert sich davon, dass die Landwirtschaft Schuld an der Klimaveränderung sei, sondern nennt stattdessen die in seinen Augen Hauptverursacher: „Das ist so was von absurd und böswillig. Nicht nur das Umweltbundesamt nennt Energieerzeugung, Industrie und Verkehr als Hauptverursacher.
Das Interview erfolgte schriftlich per E-Mail am 13. August 2018.