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Wie grün ist Hohenlohe?

Fridays for Future: Künzelsaus Bürgermeister Neumann, Hohenlohes Landrat Neth und Schulleiter des Schlossgymnasiums nehmen Stellung:

Was sagen Sie zu Greta Thunberg und den Streiks für mehr Klimaschutz?

Bürgermeister Stefan Neumann: „Ich finde es gut, dass sich die Jugend Gedanken zum Klimaschutz und um die Zukunft macht.“

Landrat Dr. Matthias Neth: „Ich finde es beeindruckend, wie viele Schüler im ganzen Land Woche für Woche auf die Straße gehen. Die Forderung für einen besseren Klimaschutz ist sicherlich berechtigt. Ich frage mich nur, ob die Demos wirklich regelmäßig während der Unterrichtszeiten stattfinden müssen. Besser fände ich es, wenn die Demos freitagnachmittags oder an Samstagen stattfinden würden. Die Wirkung wäre sicherlich die gleiche.“

Schulleiter Johannes Smolka: „Ich persönlich halte das Thema für äußerst wichtig, und bin froh, dass es endlich mehr Aufmerksamkeit in den Medien und bei den jungen Leuten bekommt. Allerdings sehe ich die Schulleiter ein bisschen in der Rolle des „Ausputzers“: Minister und Kanzler finden das ‚Engagement‘ der Schüler total toll, das müssen sie auch, sonst werden sie in den Medien abgewatscht oder nicht mehr gewählt. Gleichzeitig werden wir Schulleiter über das Regierungspräsidium angewiesen, darauf zu achten, dass die Schüler nicht Schule schwänzen. Das ist natürlich die Quadratur des Kreises und ein bisschen unfair – den Schwarzen Peter geschickt weitergegeben. Und, seien wir ehrlich, es kann ja auch nicht sein, dass alle Schüler in Baden-Württemberg in Zukunft immer 20 Prozent ihres kompletten Unterrichts versäumen dürfen, nur um für ein besseres Klima zu demonstrieren. Es geht also darum, irgendwie Zwischenwege zu finden und auch „Trittbrettfahren“ zu verhindern: Viele Schüler würden garantiert nicht demonstrieren, wenn die Demos am Samstag oder Sonntag wären. Mir persönlich wäre aber echtes Engagement, also mehr Taten als Demos, wichtig. Und da haben wir am Schlossgymnasium durchaus einiges vorzuweisen.“

Was sagen Sie dazu, dass Schüler der Meinung sind, dass die Klimaschutzpolitik versagt?

Bürgermeister Stefan Neumann: „Dies betrifft vordergründig die „große Politik“, weil sie um einen Konsens ringen muss. Wenn man die Klimaschutzkonferenz von außen, als Externer, betrachtet, lässt sich erkennen, wie unterschiedlich die Interessenslagen der handelnden Personen sind. Im Ringen, einen sinnvollen Konsens zu erreichen, der noch umsetzbar ist und uns nach vorne bringt, darf man nicht nachlassen – auch wenn es ein langer Weg ist.“

Landrat Dr. Matthias Neth: „Von Versagen würde nicht sprechen. Klar ist aber, man kann deutlich mehr tun. Und durch die Demos kommt ja jetzt auch öffentlicher Druck auf das Thema. Wichtig ist aber vor allem, dass junge Menschen Klimaschutz von der Politik weiterhin einfordern. Wir im Hohenlohekreis gehen deshalb auch schon seit vielen Jahren mit dem Projekt „Standby“ in die Schulen im Kreis und klären unter anderem über Energieeinsparpotenziale auf. Dabei wird spielerisch vermittelt, wie man mit ganz einfachen Mitteln Klimaschutz im Alltag betreiben kann. Steckerziehen bei der Stereoanlage im Standby-Modus gehört zum Beispiel dazu. Wenn wir im Kleinen – also in den Schulen – beginnen, werden wir im Großen auch erfolgreich sein.“

Schulleiter Johannes Smolka: „Das Thema Klimaschutz ist in vielen Fächern auf vielen Klassenstufen Teil des Bildungsplans, im Bildungsplan 2016 heißt sogar eine der fünf Leitperspektiven „BNE“, also „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Insofern kommen Lehrer und Schüler da recht häufig ins Gespräch. Aber die ganze Sache ist ja auch kein wirkliches Bildungsproblem. Es geht bei den Demos in erster Linie ja wohl darum, durch das konsequente Schuleschwänzen am Freitag die Medien und die Politik zu alarmieren. Und das scheint ja zu gelingen. Wir haben am Schlossgymnasium schon diverse Projekte in Richtung Klimaschutz gestartet – Vegetarischer Tag, Klimakomitee der SMV, Photovoltaik auf der Turnhalle, Freitag, den 19. Juli 2019: Projekttag Klima.

Was kann Künzelsau und der Hohenlohekreis für mehr Klimaschutz und eine bessere Klimaschutzpolitik tun?

Bürgermeister Stefan Neumann: „Erst in der Gemeinderatssitzung im März haben wir mit einem einstimmigen Beschluss ein ‚Konzept zur Förderung der biologischen Vielfalt in Künzelsau‘ verabschiedet. Darüber freue ich mich sehr. Ziel ist es, wie der Name sagt, die biologische Vielfalt in Künzelsau mit verschiedenen Aktionen und Ansätzen zu fördern: Typische Artengemeinschaften heimischer Pflanzen und Tiere sowie natürliche Prozesse sollen gefördert und gewachsene Kulturlandschaften geschützt werden. Das muss natürlich in konkrete Maßnahmen münden. So gehen wir, um ein Beispiel zu nennen, jetzt bei der Pflege unserer öffentlichen Grünflächen mit unserem Bauhofteam durch, wo eventuell Rasenflächen zu Blumenwiesen umgewandelt weren können und dadurch eben nur noch zwei- bis dreimal im Jahr gemäht werden müssen. Angedacht ist auch, mit den Schulen zusammen Obst von Streuobstwiesen zu verwerten und damit auch langfristig unser Kulturgut Streuobstwiesen zu erhalten. Inwiefern wir auch private Bauherren beim Anlegen von naturnahen Grünflächen und Gärten unterstützen können, wird im jetzt begonnen Prozess Thema sein.
Schon seit Jahren haben wir bei der Stadtverwaltung auch E-Fahrzeuge im Einsatz. Als einen Beitrag zur Müllvermeidung haben wir im Sommer 2018 beim Fairen Frühstück den RECUP-Becher präsentiert und auch Gastronomiebetriebe bei der Einführung des Mehrwegpfandbechers unterstützt. Für einen Euro Pfand ist der Becher zu haben beim Biergarten am Kocher, Breuninger Bistro, Café Auszeit, Emma, Pizzamanufaktur zum Glück und Yvonne‘s Café Shop. Dort, aber auch bei allen anderen über tausend Recup-Partnern deutschlandweit kann der Recup-Becher wieder zurückgegeben werden. Künzelsau ist seit 2015 Fairtrade-Stadt und der Titel wurde vom Netzwerk der Fairtrade-Towns erst im Frühjahr um weitere zwei Jahre verlängert. Unser Engagement beschränkt sich dabei nicht nur auf die Verwendung von fair gehandeltem Kaffee und Tee im Rathaus. Neben Vereinen und der Zivilgesellschaft engagieren sich auch die Künzelsauer Schulen. Bereits mehrere Schulen sind Fairtrade-School und verschiedene Fairtrade-AGs beschäftigen sich mit dem Thema und setzen verschiedene Projekte um.“

Landrat Dr. Matthias Neth: „Der Hohenlohekreis gehört ja nach wie vor zur Bioenergie-Region Hohenlohe-Odenwald-Tauber (H-O-T). Über dieses Modellprojekt ist es uns gelungen, alleine im Hohenlohekreis drei so genannte Bioenergiedörfer zu entwickeln. Das sind Ortschaften, die sich durch Erneuerbaren Energien selbst mit Strom und Wärme versorgen. Eine weitere Ortschaft wird diesem Beispiel bald folgen. Das sind echte Klimaschutzprojekte mit einem hohen Einsparpotenzial an Treibhausgasen, weil wir durch den Einsatz von erneuerbarer Wärmeenergie Millionen Liter Heizöl ersetzen können. Außerdem haben wir bereits Ortschaften, die vormachen, wie Elektromobilität mit Erneuerbaren Energien im ländlichen Raum funktioniert. Viele weitere Ansätze finden Sie auch in unserem Klimaschutzkonzept, das vor allem das Ziel hat, die Bürger für Klimaschutzaktivitäten zu begeistern. Klimaschutz funktioniert nämlich nur, wenn möglichst viele Menschen mitmachen – im Großen wie im Kleinen. Unser Klimaschutzkonzept spricht jeden Bürger an und kann ganz unkompliziert von der Internetseite des Landkreises (www.hohenlohekreis.de) heruntergeladen werden.“

Schulleiter Johannes Smolka: „Es gab eine Demo am Freitag, den 15. März 2019, nach Unterrichtsschluss, die von unserer Schülerschaft initiiert war und für die die Schüler auch in der Schule plakatieren und Werbung machen durften. Es kamen dann knapp 80 von den 350 Schülern des Schlossgymnasiums auf die Demo. Eben die, die echtes Engagement für die Sache zeigen. Am Freitag, den 12. April 2019, gab es erneut um 13 Uhr eine weitere Demo in Künzelsau, zu der die Schüler auch wieder im Schulhaus plakatieren und zur Teilnahme aufrufen durften. Ich kann mir vorstellen, dass aus unserem geplanten Klima-Projekttag am 19. Juli auch wieder eine Demo erwächst. Allerdings ist mehr Klimaschutz eine politische Forderung, der ich mich zwar persönlich grundsätzlich anschließe, dafür aber keine Schüler vom Unterricht freistellen oder gar in diesem Zusammenhang Schuleschwänzen erlauben darf. Insofern muss aus meiner Sicht jede Demo zum Thema nach Unterrichtsschluss liegen und von der Schülerschaft getragen sein.

Dieser Artikel ist in GSCHWÄTZ-Ausgabe 33 im Juli 2019 erschienen.

 




Parents 4 Future – Die Eltern demonstrieren mit

Seit Monaten demonstrieren Kinder und Jugendliche für den Klimaschutz. Auch in Künzelsau (wir berichteten). Am heutigen Freitag, den 19. Juli 2019, um 11.58 Uhr ist es wieder soweit. Aber diesmal mit Eltern – denn Klimaschutz geht alle etwas an.

Es sind Erwachsene aus dem Hohenlohekreis und dem Kreis Schwäbisch Hall, die die Fridays-for-Future Bewegung und vor allem die Schüler hier vor Ort unterstützen möchten. Das Ziel ist es, den jungen Menschen bei ihren Forderungen nach einer konsequenten Klima- und Umweltschutzpolitik solidarisch zur Seite zu stehen, um so mit ihnen gemeinsam für eine bessere Welt zu kämpfen.

Aber es werden nicht nur Eltern gesucht, sondern eine bunte Mischung von Menschen mit und ohne Kinder, verschiedenen Alters.

Weitere Informationen gibt es auf der Interseite: Parents For Future