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Clever oder geht der Schuss nach hinten los?

Paukenschlag zum Koalitionsauftakt der neuen Großen Koalition: Noch-Innenministerin Nancy Faeser verkündet, dass der Verfassungsschutz die AfD nun nicht länger nur in einzelnen Bundesländern, sondern auf bundesweiter Ebene als gesichert rechtsextrem eingestuft habe.

Der Zeitpunkt der Entscheidung ist auffällig

Der Zeitpunkt dieser Entscheidung ist auffällig: Die Gründe, die genannt wurden, für ein Verbotsverfahren, hätte man auch bereits wesentlich früher anbringen können. Es sind keine neuen Gründe. Was sich allerdings geändert hat in den vergangenen Jahren: Die Umfragewerte der AfD befinden sich in schwindelerregender Höhe. Wenn heute Bundestagswahlen wäre, könnte die AfD stärkte Kraft werden. Auch in Baden-Württemberg erreichte die AfD bei den vorgezogenen Bundestagswahlen 30 Prozent und mehr. Im Frühjahr 2026 stehen die Landtagswahlen im Schwabenland an. Hat die Regierung möglicherweise einfach nur – zu Recht – Angst, dass die AfD das Rennen im Schwabenländle machen und einen Dominoeffekt auslösen könnte?

Le-Pen-Verbot als Blaupause für AfD-Verbot?

Auch auffällig: Im März wurde Marine LePen, die Vorsitzende der rechtspopulistischen Partei Rassemblement National, wegen Veruntreung von EU-Geldern in Frankreich verurteilt und darf nun bei den kommenden Präsidentschaftswahlen 2027 nicht antreten. Auch hier zeichnete sich ein Umfragehoch für Le Pens Partei ab. Galt das Verfahren mit Le Pen vielleicht sogar als Blaupause für das Verbotsverfahren der AfD in Deutschland?

Kommt es zu Straßenprotesten von AfD-Anhänger:innen?

In Deutschland wählt laut diversen aktuellen Umfragen aktuell jede:r dritte wahlberechtige Bürger:in die AfD. Eine gesichert rechtsextreme Einstufung könnte ein Verbotsverfahren in die Wege leiten. Dies wiederum würde einen hohen Frust bei AfD-Wähler:innen auslösen. Es würde vermutlich zu Demonstrationen kommen. Bereits jetzt kündigen manche AfD-Anhänger:innen derartige Straßenproteste im digitalen Netz an.

Auch auffällig: In den sozialen Medien wie etwa Instagram findet man auch bei gezielter Suche keine AfD-nahen Posts mehr, es werden lediglich diffamierende Posts angezeigt.

Es ist keine Frage, dass die AfD gegen Migrant:innen hetzt und diese zum großen Feindbild erkoren hat. Wenn man nur die große Abschiebeaktion begönne, würden sich alle Probleme in Deutschland in Luft auflösen, lautet das zentrale Mantra der AfD. Es gibt massive rechtsextreme und auch frauenfeindliche Äußerungen von hohen AfD-Mitgliedern.

Worum es eigentlich geht

Die eigentliche Frage ist: Ob mit diesem Weg des vermutlichen Verbotsverfahrens, das derzeit in Erwägung gezogen wird, nicht noch mehr Unmut in der Bevölkerung geweckt wird, als Probleme gelöst werden. Denn man darf eben nicht vergessen, warum ein Drittel der Wahlberechtigen die AfD wählen: nicht, weil sie rechtsextrem sind, sondern weil die aktuelle Politik so schlecht ist, dass viele Menschen einfach nur verzweifelt sind. Das politische Versagen der vergangenen Jahre ist die eigentliche Ursache. Und da hilft es nicht, das daraus resultierende Symptom zu cutten. Das wird dadurch nicht wie Zauberhand verschwinden.

 




Pinke Party

5 Minuten vor dem Schlusspfiff fährt Füllkrugs Schulter gestern den zweiten Sieg gegen eine großen EM-Mannschaft ein. Nach Frankreich nun gegen die Niederlande. Mit 2:1 geht die Nationalmannschaft denn auch euphorisch vom Feld und Deutschland jubelt. Deutschland schafft das, was in den vergangenen Jahren oft nicht möglich war: Ein Spiel im Rückstand souverän mit astreinem Können zu drehen.

Dieses junge Team entfacht, was in Deutschland angesichts der allumfassenden Tristesse mit Krisen und Kriegen kaum mehr möglich geglaubt: Euphorie.

Euphorie für eine junge Mannschaft, die alles gibt, klug spielt, scheinbar in kürzestes Zeit gelernt hat, bei ihrem schnellen Passspiel perfekt ineinanderzugreifen. Die älteren wie Kroos und Gündogan strahlen Ruhe aus, die jungen neuen Spieler folgen und verwandeln. Der Wille, eine ganze Nation zu begeistern, ist da – und gelingt auch. Deutschland ist zurück im großen Fußball. So scheint es zumindest aktuell.

Während die EM-Trikots bislang noch müde in den Regalen herumhängen, wird sich das nun ändern. Die Stimmung im Ländle kippt – ins Positive. A propos Trikots. Was musste sich Adidas Kritik anhören ob dieser pinken Farbgebung bei den Auswärtstrikots. Wie könne man nur, das seien Frauenfarben. Das sei doch kein Trikot für eine National-Elf. Doch, ist es. Es ist zwar eben so gar nicht good old german, so gar nicht one colour, so gar nicht old fashioned. Und genau das macht es so furios. Weil es eben genau dieses altbekannte Deutschland mit seinen Traditionen völlig konterkariert und aussagt: Wir können auch jung und hip sein. Und natürlich tragen in Deutschland die Männer nicht nur Bierbauch und Lederhosen, sondern auch mal die Farbe pink. So what? We love it. Und die Legenden des Fußballs, wie Rudi Völler, ebenso, wie der lustige Videoclip von Adidas beweist, der vermutlich schon voraussahnte, was ihm da an pink Protestlern entgegenschlägt. Auf humorvolle Weise lässt der Ausstatter darin die Mannschaft und Größen des Fußballs, aber auch Lena Gercke zu Wort kommen und sagt damit: Yes, we can.

Ebenso ein Novum: Gegen die Niederlande spielte die Nationaelf nicht nur beeindruckend in diesen pinken Shirts. Sondern es wurde zum ersten Mal der von vielen Fans per Petition geforderte Song „Völlig losgelöst“ von Major Tom bei den Toren der deutschen Mannschaft gespielt. Dieses Lied lief übrigens in dem Adidas-Video über die Vorstellung der neuen Trikots als Hintergrundmusik.

Deutschland kann auch anders. Wie schön zu sehen. Diese Stimmung erinnert in Ansätzen ein wenig an ein bereits da gewesenes Sommermärchen. 2006. Bei der WM in Deutschland.

So fallen denn auch die internationalen Pressestimmen zu den Freundschaftsspielen, bevor es dann am 14. Juni richtig los geht mit der EM, durchweg positiv aus:

„Pinke Party“ titelt etwa die Bild.: „Jetzt sehen wir PINK für die EM! Die deutsche Nationalmannschaft dreht nach dem Sieg gegen Frankreich einen 0:1-Rückstand gegen Holland noch in einen 2:1-Erfolg – die Heim-Europameisterschaft kann kommen!“

Süddeutsche Zeitung: „Dem Sieg gegen Frankreich folgt ein Sieg gegen die Niederlande. Die Nationalelf beweist beim 2:1 in Frankfurt, dass sie dank der Handgriffe von Bundestrainer Julian Nagelsmann zu Klasse und Substanz zurückgefunden hat.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Schlechte Stimmung rund um die Nationalmannschaft? Das scheint lange her – nach dem 2:1 gegen die Niederlande und dem zweiten Sieg in vier Tagen könnte die EM sofort beginnen.“

Spiegel: „Die deutsche Nationalmannschaft feiert gegen die Niederlande den zweiten Sieg in Folge. Und plötzlich entsteht rund um dieses Team, das seit Jahren gegen den Bedeutungsverlust ankämpft, EM-Euphorie. Mittendrin: Major Tom.“

NRC-Handelsblad: „Fußball ist ein einfaches Spiel, …, und am Ende gewinnen die Deutschen.“

L’Équipe:„Deutschland dominiert die Niederlande und holt sich Selbstvertrauen für seine Heim-EM“
Krone Zeitung: „Deutschland dreht Hit gegen ÖFB-Gegner Niederlande“
Kleine Zeitung: „DFB-Elf schlägt auch die Niederlande. Deutschland hat auch seinen zweiten Fußball-Testspielschlager im EM-Jahr gewonnen. Der EURO-Gastgeber besiegte nach dem 2:0 über Frankreich die Niederlande am Dienstag in Frankfurt mit 2:1 und damit einen weiteren EM-Gruppengegner Österreichs.“
Laola1.at: „Nächster Sieg! DFB-Team schlägt Niederlande: Der EURO-Gastgeber geht in Frankfurt früh in Rückstand, gewinnt am Ende aber.“