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Soll der Hohenlohekreis vier Flüchtlingsfamilien aus Moria aufnehmen?

Am Freitag, den 09. Oktober 2020, findet auf Antrag der Grünen-Fraktion sowie einigen Mitgliedern der SPD eine öffentliche Kreistagssitzung statt. Diese beginnt um 13 Uhr in der Carl-Julius-Weber-Halle in Kupferzell. In der Sitzung soll es um die Schaffung von Kapazitäten zur Aufnahme zwei weiterer Flüchtlingsfamilien im Hohenlohekreis gehen. Die AfD-Kreistagsfraktion stellte einen Gegenantrag. Während der Antrag der Grünen relativ kurz gefasst ist, ist der Antrag der AfD umfassender gestaltet.

Die Grünen: „Die Katastrophe von Moria erfordert schnelles und unbürokratisches Handeln“

Im Antrag der Grünen heißt es: „Der Kreistag möge beschließen, die Kapazität für die Aufnahme von bisher bis zu zwei Familien mit je vier Familienangehörigen oder eine entsprechende Anzahl alleinreisender Frauen (mit Kind) zu erhöhen auf die zusätzliche Aufnahme von bis zu vier Familien mit je vier Familienangehörigen oder eine entsprechende Anzahl alleinreisender Frauen (mit Kind). Diese Bereitschaft wird der Landesregierung mitgeteilt mit der Bitte, dem Hohenlohekreis vorzugsweise Familien aus dem Flüchtlingslager Moria zuzuweisen“. Die Grünen begründen ihren Antrag damit, dass „die Katastrophe von Moria schnelles und unbürokratisches Handeln“ erfordere und den vielen Familien noch vor der kalten Jahreszeit geholfen werden müsse. Außerdem dauere das Warten auf eine gesamteuropäische Lösung dauert zu lange. Und: die „Bereitschaft für ehrenamtliche Helfer zur Unterstützung ist im Moment unter dem Eindruck der Bilder aus Moria noch sehr groß, dies sollte genutzt werden“. In Moria leben derzeit rund 12.000 Flüchtlinge auf engstem Raum.

AfD: „Der Hohenlohekreis darf sich davon nicht in Geiselhaft nehmen lassen“

Demgegenüber stellte die Kreistagsfraktion der AfD einen Änderungsantrag „auf Beschlussfassung einer Resolution zur durchdachten und humanen Migrationspolitik“. So solle der Kreistag beschließen, „dass der Hohenlohekreis einer Aufnahme von Migranten aus Moria im Speziellen und von sämtlichen nicht auf legalem Weg kommenden Migranten im Allgemeinen ablehnend gegenübersteht“. Deshalb solle der Antrag der Grünen-Fraktion vollständig gestrichen werden. Außerdem solle der Kreistag eine Resolution verabschieden: „Der Hohenlohekreis steht unverbrüchlich hinter allen notleidenden Menschen. In diesem Sinne ist es nicht nur für den Kreis, sondern auch für die Betroffenen selbst der falsche Schritt, nun einzelne im sicheren Drittstaat Griechenland weilende Personen aufzunehmen. Einerseits ist die dortige Situation anzuführen: Es besteht in Moria schon längst ein neues Lager. Hinzu kommen Indizien, dass Brandstiftung vonseiten der Migranten zu den Bränden geführt hatte, die sich wenig später auch auf einer anderen griechischen Insel ereigneten. Der Hohenlohekreis darf sich davon nicht in Geiselhaft nehmen lassen“.

Quelle: Pressemitteilung des Landratsamtes Hohenlohekreis, Geschäftsstelle Kreistag

 




Nina und der Thaiboxer

Eine Studentin aus Stachenhausen erzählt, warum sie sich in der Flüchtlingshilfe engagiert:

„Ich engagiere mich in der Flüchtlingshilfe, weil ich mir einen eigenen Eindruck von dem großen Thema Flüchtlinge machen möchte, das seit der großen Flüchtlingswelle 2015 nicht mehr aus unserer Medienlandschaft wegzudenken ist und doch ein Thema bleibt, das scheinbar mehr Fragen und Ängste aufwirft, als beantwortet werden.

 

Mit YouTube-Videos Deutsch beigebracht

Durch die Organisation Pelican, die von Professoren und Mitarbeitern meiner Fakultät in Karlsruhe ins Leben gerufen wurde, habe ich Mohammad kennengelernt. Mohammad ist mein Tandempartner aus Afghanistan.
Er ist 20 Jahre alt und kam vor knapp 3 Jahren nach Deutschland. Nachdem er seinen Realschulabschluss in Deutschland nachgeholt hat, hat er sich für eine Ausbildung zum Fachinformatiker beworben und damit im September 2018 begonnen. Er hat sich bei Pelican angemeldet, weil er für die Berufsschule Hilfe in den Fächern BWL, Wirtschaftskunde und Deutsch benötigt. Da ich im Bachelor Wirtschaft studiert habe, freue ich mich natürlich sehr, ihm dabei zu helfen.

Was mich jedoch wirklich nachhaltig beeindruckt, ist die Geschichte Mohammads. Als er seinen Vater im Krieg in Afghanistan verlor, sahen Mohammad und seine Familie sich gezwungen aus ihrer Heimat zu flüchten. Im Nachbarland Iran gingen der Familie jedoch die finanziellen Mittel aus und nur Mohammad wurde die weitere Flucht ermöglicht. So ging es für ihn weiter in die Türkei, wo er in nur 5 Monaten dank seines beachtlichen Sprachtalents fließend türkisch lernte. Er reiste weiter über Griechenland, Italien und der Schweiz nach Deutschland. Sein großer Traum ist die Ausbildung des Fachinformatikers zu absolvieren und später sein eigenes IT-Unternehmen zu gründen. Wie lange sein Aufenthalt in Deutschland sein wird, ist noch unklar, denn seine Aufenthaltsgenehmigung gilt bisher nur bis zur Beendigung seiner Ausbildung. Die Möglichkeit ohne Asyl den Realschulabschluss nachzuholen und damit im Anschluss die Ausbildung zu beginnen, gab es für ihn nur in Deutschland.

 

Nur in Deutschland hatte er die Möglichkeit, seinen Realschulabschluss nachzuholen

 

Deshalb war es sein Ziel hierher zu kommen. Nachdem er sich mithilfe von YouTube-Videos Deutsch beigebracht hatte, begann er seine mittlere Reife. Nebenbei ging er seinem langjährigen Hobby, dem Thaiboxen nach. Er kämpfte so gut, dass er die deutsche Meisterschaft im September 2016 gewann. Um jedoch auf europäischer Ebene zu kämpfen, hätte er einen Aufenthalt in Deutschland gebraucht und so traf er die Entscheidung mit dem Thaiboxen aufzuhören und sich ganz auf seine bevorstehende Ausbildung zu konzentrieren. Nach fast drei Jahren in Deutschland, fiel ihm auf, dass in den deutschen Medien ein sehr negatives Bild von Flüchtlingen vorherrscht. So gründete er im November 2018 den Verein „Jugendliche ohne Grenzen Deutschland e.V.“, ein Ort kommunikativen Austauschs, frei von Religion oder Politik, der die Türen für alle Ethnizitäten öffnen soll. Mit Angeboten, beispielsweise verschiedenen Sportgruppen oder Global Villages, verfolgt der Verein zwei Ziele:

Das erste ist der Kulturaustausch, um gegenseitiges Verständnis zu fördern. So fügt Mohammad hinzu: „Ich wollte, dass die Jugendlichen die Kultur von Deutschland kennenlernen, Freunde finden und ihre Sprache verbessern.“ Aber auch deutsche Jugendliche sind dazu eingeladen, an Themenabenden teilzunehmen. Mohammad plant einen Themenabend über Afghanistan zu veranstalten. An dem möchte er über die afghanische Kultur erzählen, die Geschichte Afghanistans, wie es zum Krieg kam, aber auch wer die Menschen sind, die dort leben.

Thema Flüchtlinge: „Es gibt auch gute Menschen“, sagt Mohammad

Als er in Deutschland ankam war es ihm neu, Frauen bei der Begrüßung, sowie Männern, auch die Hand zu schütteln. Bis ihn irgendwann eine Frau direkt fragte wieso er ihr nicht die Hand gäbe. Ihm war dies nicht bewusst, denn in Afghanistan umarmt man seine Freunde und küsst sich dreimal auf beide Wangen. Mohammad liegt es auch am Herzen, dass man Afghanistan nicht nur mit Krieg assoziiert, sondern auch mit leckerem Essen, riesigen Gebirgen und sieht, dass es ein facettenreiches Land ist.

Das zweite Ziel basiert auf dem Wunsch das Bild von Flüchtlingen in der Gesellschaft zu verbessern und den Flüchtlingen, die es verdient haben, die Integration zu ermöglichen. „Was in den Zeitungen über Flüchtlinge steht soll geändert werden. Es gibt auch gute Menschen, die wegen der anderen ignoriert werden. Es soll mehr Möglichkeiten geben, für die Flüchtlinge, die talentiert sind, diejenigen die sich integrieren möchten.“

 

Spätzle zum Kennenlernen traditioneller deutscher beziehungsweise süddeutscher Küche

„Ich helfe Mohammad sehr gerne dabei, für Schularbeiten zu lernen oder einen Brief an das Finanzamt zu schreiben. Doch vielmehr habe ich das Gefühl, dass er mir geholfen hat. Er hat mir die Augen geöffnet für das, was wirklich passiert. Für das, was wirklich wichtig ist. Nachdem er und sein Freund Shirzad mich vor einigen Wochen zum selbst gekochten afghanischen Mittagessen eingeladen haben, werde ich die beiden bald von Spätzle überzeugen. Kultureller Austausch eben.“

 

Text von Nina Frölich

 




Die Künzelsauer haben gute Herzen

Der angehende Wirtschaftsrechtler und Flüchtling Hasan Al Johmani aus Syrien hat hier eine zweite Heimat gefunden. Anbei veröffentlichen wir einen Text von ihm, den er für seine „zweite Heimat“ Künzelsau verfasst hat:

„Im Jahr 2012 musste ich Syrien verlassen, weil ich gegen Al Assad protestiert hatte. Nach zwei Jahren in Libyen bin ich – nachdem dort ebenfalls Krieg ausgebrochen ist – im September 2014 nach Deutschland geflohen. Ich wurde in verschiedene Flüchtlingsunterkünfte in Stuttgart, Karlsruhe und Heidelberg verlegt. Ich habe etwa sechs Wochen in den Flüchtlingsunterkünften in diesen Städten gewohnt.

Wegen schlechter Hygiene in den Flüchtlingsunterkünften habe ich mir eine Infektion am Finger eingefangen. Ich kam 15 Tage ins Krankenhaus. Beinahe hätte ich meinen Finger verloren. Aber er konnte gerettet werden. Schließlich wurde ich nach Künzelsau geschickt. Damals bekam ich in der Flüchtlingsunterkunft in Karlsruhe ein abgelaufenes Baden-Württemberg-Ticket und einen Fahrplan. Ich hatte nur zehn Minuten, um den ersten Zug zu erreichen. Wie erwartet habe ich dann den Zug verpasst. 30 Minuten später stieg ich in den nächsten Zug, aber wusste nicht, dass dieser in eine andere Stadt fuhr. So brauchte ich sechs anstatt dreieinhalb Stunden, um nach Künzelsau zu kommen.

Fußmarsch nach Amrichshausen

Als ich schließlich in Künzelsau gelandet bin, dachte ich, jetzt ist es nur noch ein Schritt in mein neues Zuhause. Ich musste in die Flüchtlingsunterkunft in einen Teilort von Künzelsau – nach Amrichshausen. Aber der Busfahrer hat mein Ticket nicht akzeptiert, obwohl es von der Flüchtlingsunterkunft beglaubigt war und ich sagte mir: ,Na ja, dann bezahle ich selbst. Es ist kein großer Betrag.‘ In diesem Moment habe ich entdeckt, dass ich meinen Geldbeutel verloren hatte. ,So ein Mist-Tag‘, schoss es mir durch den Kopf.
„Al hamdu lillah“ (Gott sei Dank) konnte ich mit dem letzten Anruf, bevor der Akku leer war, meinen Freund erreichen, der in der neuen Flüchtlingsunterkunft in Amrichshausen wohnte. Er verwies mich an einen Jungen, der gerade noch in Künzelsau war und nun ebenfalls in Richtung Amrichshausen unterwegs war. Diesem sollte ich mich anschließen. Der Junge wollte aber nicht auf den nächsten Bus warten und sagte: „Wir brauchen nur 15 Minuten zu Fuß.“ Der Fußmarsch hat aber insgesamt eine Stunde gedauert – immerzu den Berg hinauf mit einer voll bepackten Einkaufstasche. Ich war sehr müde.

Amrichshausen. Ich wollte immer weg von dort. Wir hatten damals keine Chance, Deutsch zu lernen und durften keine
Deutschkurse besuchen, außer einen einmonatigen Grundkurs, weil unser Aufenthalt noch nicht genehmigt worden war. Die Anerkennung hat bei mir 13 Monate gedauert. In dieser Zeit habe ich einen arabischen Geschäftsmann kennengelernt, der hier seit Jahren wohnt. Er wollte meine Deutschkursgebühren bezahlen. Das Landratsamt hat meine Teilnahme daran verboten, das hat mich sehr geärgert. So vieles, was wir brauchten, wurde abgelehnt – Wir hatten nur eine Chance auf einen Ein-Euro-Job für einen Monat, danach kam der nächste dran. Es gab dafür eine Warteliste. Es ging uns nicht um das Geld, wir suchten einfach etwas Abwechslung.

Teilnahme am Deutschkurs verboten

Die Wartezeit konnte ich nutzen, um alleine ein bisschen Deutsch und etwas kochen zu lernen. Damals war der Kontakt mit den Menschen besonders schwierig. Hatten sie Angst vor uns? Drei Monate nach unserer Ankunft in Künzelsau war Weihnachten und wir wurden erstmals eingeladen. Das hat uns sehr gefreut. Stundenlang machten wir viele Auamas (kleine süße Kugeln) für das ganze Dorf. Drei Tage danach haben uns viele im Dorf immer gegrüßt, danach immer weniger. Scherzhaft verglichen wir diese Wirkung mit Drogen, und dachten: „Vielleicht brauchen wir mehr davon?“

Acht Monate später haben wir eine Frau kennengelernt. Sie war sehr offen, sie wollte uns beim Deutsch lernen helfen. Damals verletzte ich mein Knie beim Fußballspiel. Mit zwei Überweisungen von einem Hausarzt wollte ich zum Facharzt. Dazu brauchte ich eine Genehmigung vom Landratsamt, doch die bekam ich nicht, da ich noch keine Anerkennung als Flüchtling hatte. Durch diese Absagen vergingen drei Monate.

Doch als ich dieser Frau mein Problem beschrieb, gingen wir gleich gemeinsam zum Arzt und zum zuständigen Amt und ich bekam die Einwilligung sofort. Vom Facharzt ging es nach einem Monat weiter zum Radiologen. Zwei Tage davor hatte sie mich an diesen Termin erinnert. Das war wirklich nett von ihr.

Nach und nach habe ich mehr Leute kennengelernt. Sie waren alle sehr nett. Eine Frau ist mit mir nach Mosbach gefahren, eine andere nach Ludwigsburg, damit ich mich über mein Studium informieren kann. Sie ist bis jetzt die beste Freundin von mir. Sie haben sich sehr bemüht, mir zu helfen. Mein ehemaliger Vermieter und meine Vermieterin haben mich wie ihren Sohn behandelt. Sie hatten immer Sorge um mich und meine Familie, sie haben mich unterstützt – einfach bei allem.

Wenn ihr solche Menschen kennt, seid ihr mit Sicherheit in Künzelsau

Ein deutscher Freund hat mich unterstützt bei der Suche nach einer Stelle und mir bei Bewerbungsschreiben geholfen.

Stellt euch vor, eine unbekannte Frau wünscht euch einen schönen Tag beim Kaffee trinken, obwohl ihr sie nicht kennt. Oder ihr lauft auf einer Straße und plötzlich steht ein Auto neben euch und bietet euch an, euch nach Hause zu fahren, obwohl ihr den Fahrer beziehungsweise die Fahrerin auch nicht kennt.

2017 haben sich meine Freunde und ich beim Stadtfest beteiligt. Wir hatten einen Falafelstand. Das Fest hat drei Tage gedauert. Junge Menschen haben geschrien: „Ihr seid die besten hier.“ Alle haben uns gefragt, ob wir ein Restaurant haben. Wir waren sehr glücklich.

Wenn der Flüchtlings- und Integrationsbeauftragte der Stadt an euren Glauben denkt und euch einen Raum zu Verfügung stellt, damit ihr beten könnt, dann ist das toll.

Wenn ihr solche Menschen kennt, seid ihr mit Sicherheit in Künzelsau.

Wenn tausende Menschen mit euch gegen die AfD demonstrieren, seid ihr sicher in Künzelsau.

Wenn Menschen immer bereit sind, euch zu helfen, dann seid ihr bestimmt in Künzelsau.

Wenn Euch euer ehemaliger Chef und eure ehemalige Chefin die Chance geben und sagen: „Ihr seid herzlich willkommen in jeden Ferien, um hier zu arbeiten“, dann seid ihr mit Sicherheit in Künzelsau.

Die Künzelsauer sind einfach anders

Seit April wohne ich in Fulda und fahre alle zwei oder drei Wochen zurück nach Künzelsau. Ich fühle mich immer wie ein Kind, das seit langem seine Mutter nicht gesehen hat und sie umarmen will. Künzelsau schenkte mir überdies das Schönste in meinem Leben, meine Verlobte. Sie und ihre Familie wohnen in Künzelsau und kommen ebenfalls aus Syrien.

In Künzelsau sind meine Freunde, sind die Künzelsauer, die Besitzer von guten Herzen. Normalerweise wird man nostalgisch, wenn man an die Stadt denkt, in der man geboren wurde, aber ich werde es auch bei Künzelsau, meiner zweiten Heimat.

Vielleicht kann ich das auch irgendwann von Fulda sagen.

Aber was für mich absolut sicher ist: dass die Stadt Fulda mir keine weitere Frau gibt, da ich nur eine habe und haben will.“

 

Text von Hasan Al Johmani




Von einer Familie, die es geschafft hat

Im April 2017 haben wir über Mona Al-Malla und ihre Familie berichtet, von ihrer Flucht vor dem Krieg in Syrien und ihrem Neuanfang in Künzelsau. Damals standen sie bei Null, die Belastung der mehrwöchigen Flucht mit ihren fünf Kindern steckte ihnen noch in den Knochen, sie wohnten in einer Sozialwohnung, lernten Deutsch und waren auf der Suche nach einem passenden Job. Parallel dazu immer die Sorge, wie es ihren zurückgebliebenen Verwandten und Freunden in ihre mittlerweile völlig zerstören Heimatstadt Aleppo geht.

Wir haben Mona gefragt, wie es ihnen, eineinhalb Jahre später, geht. Die Familie wohnt noch immer in Künzelsau, aber mittlerweile in einer anderen Wohnung. Diese ist vom Platz her ausreichend für die Familie. Aber die wichtigste Neuigkeit: Das Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Waldenburg hat Mona als Integrationsmanagerin eingestellt. Sie betreut nun Flüchtlingsfamilien in Kupferzell und Neuenstein und hilft ihnen, wenn sie Fragen zur Integration, zur Arbeitssuche, Sprache, Kultur  oder zu Behördengängen haben. Derzeit macht Mona auch ihren Führerschein. Monas Ehemann, Mustafa, der sich anfangs schwerer mit der Sprache tat als der Rest der Familie, arbeitet nun als Buchhalter, also in dem Beruf, den er in Syrien gelernt hat, bei der Firma Sigloch in Blaufelden. Tochter Raghad studiert Pharmazie in Freiburg. Ihre Schwester Raneem  will ebenfalls Pharmazie oder Zahnmedizin studieren. Nach dem Abitur absolviert sie zu diesem Zweck gerade ein Praktikum in einem Altenheim in Künzelsau. Die jüngeren Söhne besuchen das Schlossgymnasium und das Ganerben-Gymnasium. Die Familie hat wieder neuen Mut gefasst. Dennoch sind sie in Gedanken oft in ihrer Heimat, die immer weiter zerstört wird und beten für Frieden.




Junge Zuwanderer besuchen Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall

Mitte Juli 2018 besuchte die Klasse des Vorqualifizierungsjahres Arbeit und Beruf mit Schwerpunkt auf Erwerb der Deutschkenntnisse (kurz: VABO) der Karoline-Breitinger-Schule in Künzelsau gemeinsam mit ihren Lehrerinnen Annette Carle, Jessica Hauth und Christine Jakob die Ausstellung „Soweit das Auge reicht“ in der Würth Kunsthalle Schwäbisch Hall. Bei der einstündigen Führung lernten die Schüler die Bedeutung von Kunst und Kultur kennen, betrachteten Werke des 20. und 21. Jahrhunderts und übten sich in der Beschreibung und Interpretation von Kunstwerken. „Neben der Vermittlung der deutschen Sprache sind Lebensweltkompetenzen und kulturelle Kenntnisse über Deutschland ebenfalls wesentliche Bestandteile der Schulart“, heißt es in der Pressemitteilung des Landratsamtes des Hohenlohekreises. Für viele Schüler der Klasse ist der Abschluss im VABO der Start in den regulären deutschen Schulbetrieb oder eine Ausbildung im Sommer, so das Landratsamt.

 

 




Psychologische Tests mit Flüchtlingen

Am Donnerstag, den 12. Juli 2018, stellte das Integrationsnetzwerk Hohenlohe-Main-Tauber (INW) beim regionalen Fachtag 2018 in Künzelsau die ersten Zwischenergebnisse für die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt, Ausbildung und Schulbildung vor.  Es handelt sich dabei um ein Kooperationsprojekt der Landkreise Hohenlohe und Main-Tauber. Die ersten Ergebnisse zeigen: Psychologische Tests helfen nur bedingt bei der Weitervermittlung in das Berufsleben.

Das Publikum am regionalen Fachtag des INW.
Foto: GSCHWÄTZ

Das Projekt kostet 2,6 Millionen Euro. Davon finanziert der Bund 90 Prozent, die restlichen 10 Prozent finanziert der INW durch Eigenleistung. Die beiden Landkreise müssen bis zum 31. Dezember 2019 840 Teilnehmer in das Projekt aufnehmen, so die Vorgabe des Bundes. Ende 2017 wurden laut der Projektleiterin Dr. Silvia Elisabeth Keller 707 Flüchtlinge aufgenommen. Somit müssen bis Ende 2019 noch 133 Personen hinzukommen. Das sei laut Keller zu schaffen.

„Wir wollten die kognitiven Fähigkeiten der Flüchtlinge herausfinden“

In ihrem Vortrag stellte die Projektleiterin nicht nur die Ziele, sondern auch zwei Modellprojekte vor. „Caidancer-R“ ist ein Projekt, in dem ein psychologischer Test mit den Flüchtlingen durchgeführt wurde, um deren IQ zu messen. Es wurden 100 Tests für beide Landkreise eingekauft und umgesetzt. Keller erklärt: „Der Anspruch war: Wir wollten herausfinden, was die kognitiven Fähigkeiten, Eigenschaften und Interessen von Flüchtlingen sind. Ziel sei es gewesen, es eine objektive Auswertung zu erreichen“, und zwar, welcher Beruf zu wem am besten passt. Die Tests enthielten wegen der eventuell hohen Sprachbarrieren wenig Sprachelemente, sie erhielten stattdesssen viele Piktogramme (Informatiosvermittlung durch vereinfachte grafische Darstellung).“ Die Teilnehmer sollten die Aufgaben selbstständig am Computer lösen. Keller und ihr Team haben jedoch festgestellt, dass der Test trotzdem erklärungsbedürftig gewesen sei. „Piktogramme wurden teilweise falsch gedeutet. Es ist ein anderes Verständnis. Viele Menschen haben auch keinen vergleichbaren anerkannten Berufsschulabschluss mitgebracht.“ Dadurch landeten viele Teilnehmer am Ende bei demselben Ergebnis: Beruflich seien sie im „Helfer-Bereich anzusiedeln“. Darunter fallen Hilfstätigkeiten, etwa im Lager, in der Produktion oder im Handwerk.

Projekt „Mein Ordner“

Ein weiteres Modellprojekt ist „Mein Ordner“. Das INW kaufte 1.600 Ordner, die bei Beratungsgesprächen, beim Jobcenter und von Ehrenamtlichen an Flüchtlinge verteilt wurden. Die Flüchtlinge sollen darin wiederum wichtige Dokumente aufbewahren.

Modellprojekt „Mein Ordner“.
Foto: GSCHWÄTZ

Kurse, um auf den Führerschein vorzubereiten

Dem INW steht ein Ausschreibungs-Budget zur Verfügung, somit kann das INW ergänzende Angebote zum Regelsystem schaffen. „Wir haben Vorbereitungskurse für Führerscheine ermöglicht. Wir haben keine Führerscheine finanziert, sondern wir haben hier eine Hinführung zum Führerschein ermöglicht, in dem hier fachbezogener Deutschunterricht vermittelt wurde“, erklärt Keller. Die Verkehrsregeln wurden unter anderem erklärt und auch, wie die Fragebögen auszufüllen seien.

Im Hohenlohekreis und im Main-Tauber-Kreis befinden sich laut Keller insgesamt 2.714 Flüchtlinge (Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum Oktober 2015 – Juni 2018). Das INW hat nach eigenen Aussagen 235 Flüchtlinge vermittelt – 39 in Schulen, 27 in Ausbildung und 169 in Arbeit. Aber auch durch Eigeninititiative haben die Flüchtlinge eine neue Aufgabe gefunden, so Keller.

„Die größten Hürden sind die Sprache sowie fehlende Fachkenntnisse im Vergleich zu deutschen Standards“

Das Jobcenter des Hohenlohekreises hat 360 Flüchtlinge in Arbeit vermittelt (Zeitraum: 2015 bis Mai 2018. Stand: 12. Juli 2018). Das geht aus einer Antwort auf unsere Anfrage an das Landratsamt des Hohenlohekreises  hervor. „Die vermittelten Arbeitsstellen waren hauptsächlich im gewerblichen Helferbereich, insbesondere im Lager, in der Produktion und im Handwerk. Bei nicht reglementierten Berufen, wie zum Beispiel im Büro oder im Handwerk auf Gesellenebene kann ein direkter Einstieg ins Berufsleben erfolgen. Hier entscheidet der Arbeitgeber über eine Einstellung. Bei reglementierten Berufen wie zum Beispiel Erziehung, Pflege, Ingenieure, Ärzte ist eine Anerkennung des bisherigen Abschlusses notwendig. Hier wird von staatlicher Seite, meist Regierungspräsidium, eine Gleichwertigkeitsprüfung vorgenommen. Dann gibt es entweder eine vollständige Anerkennung, eine teilweise Anerkennung oder keine Anerkennung“, heißt es in der Presseerklärung. Aber nicht nur die deutsche Bürokratie verzögert einen leichten Einstieg in das Berufsleben. „Die größten Hürden bei der Vermittlung von Geflüchteten sind die Sprache sowie fehlende Fachkenntnisse im Vergleich zu deutschen Standards“, so das Landratsamt.

 




Irgendwann findest du uns tot zwischen den Steinen

Es gab diesen Moment, als Mona Al Malla beschloss: Wir müssen weg. Als die Schulrektorin von der Arbeit nach Hause kam, nach einem Anruf ihrer Nachbarin. Drei von Monas fünf Kindern lagen im Krankenhaus, verletzt durch eine Bombe, die im Garten ihres Hauses gelandet war. Drei Jahre hatte der Krieg in Syrien und vor allem in Allepo da schon gedauert. Dreimal wurde ihr Haus von einer Bombe getroffen. Die älteste Tochter Raneem (21) sagte zu ihrer Mutter: „Du möchtest hierbleiben, aber irgendwann kommst du nach Hause und findest uns tot zwischen den Steinen.“ So beginnt die Geschichte einer Flucht, eine Geschichte, die schon oft in den Medien erzählt wurde. Nur diese Geschichte endet in Künzelsau.

Mona sitzt mit ihren beiden ältesten Kindern, den Mädchen Raneem und Raghad (20) im Wohn-/ Esszimmer ihrer spärlich eingerichteten Wohnung in Künzelsau, als sie in nahezu fließendem Deutsch die Geschichte ihrer Flucht erzählen. Wir von GSCHWÄTZ haben sie darum gebeten. Mona (47) hat Englisch an einer Schule in Aleppo unterrichtet. Vater Mustafa (47) war Direktor an der Universität. Während wir mit Mona und ihren Töchtern sprechen, besucht Mustafa einen Deutsch-Sprachkurs. Die drei jüngeren Brüder sind in der Schule.

 

„Man dachte, der Krieg wird bald vorbei sein, in einer Woche kehren wir zurück.“

 

Als die Familie am 15. September 2015 ihre Heimat verlies, nahm jeder nur einen Koffer mit. Mona erklärt: „Man dachte, der Krieg wird bald vorbei sein, in einer Woche kehren wir zurück.“ Im Gepäck: Zeugnisse und ein paar Fotos. Doch allein die Flucht nach Deutschland dauerte 17 Tage, zuerst in den Libanon, dann mit einem kleinen Schiff in die Türkei. Nachts ging es von der Türkei mit einem kleinen Boot sieben Stunden über den Ozean nach Griechenland. 40 Menschen zwängten sich nebeneinander. „Heute denke ich: Das war doch Wahnsinn, was wir da gemacht haben“, überlegt Mona laut. Die Verzweiflung habe sie in diesen Wahnsinn getrieben, sagt sie. Um sie herum sah sie nichts außer Dunkelheit. „Ich habe nicht  aufs Meer geschaut“, sagt Mona. Sonst hätte sie vermutlich Panik bekommen. Niemand durfte sich in dem überfüllten Boot bewegen. Anschließend liefen sie mehrere Tage völlig übernächtigt durch den Wald. Ihr jüngster Sohn Obaida ist da sechs Jahre alt. Auf der griechischen Insel Samos haben sie sich an der Meldestelle für Flüchtlinge gemeldet.  Aber sie wollen weiter. „In Deutschland ist es für meine Kinder besser als in irgendeinem anderen EU-Land“, ist Mona überzeugt. Doch als sie im Auffanglager Meßstetten ankamen, ist sie schockiert:  „Ich dachte, das wären alles Menschen, die wegen des Krieges geflüchtet sind, aber da waren auch viele dabei, in deren Ländern kein Krieg herrschte.“

Die  Familie wurde nach Künzelsau weitergeleitet, in Amrichshausen lebte sie sechs Monate in einem Haus mit mehreren Flüchtlingsfamilien. Seit einem Jahr wohnen sie in einer Wohnung in Künzelsau.

 

„Es gibt dieses Kopftuchverbot.“

 

Den Orientierungskurs B1 hat Mona nun abgeschlossen. „Nach B2 darf ich eigentlich wieder als Lehrerin arbeiten.“ Warum „eigentlich“? Mona zögert kurz: „Es gibt dieses Kopftuchverbot.“  Ihr Kopftuch gehört zu ihr und ihrer Identität und allem, was sie zurücklassen musste. Das mag sie nicht absetzen. Aber arbeitslos möchte sie auch nicht sein. „Vielleicht kann ich als Dolmetscherin arbeiten.“ Schon jetzt hilft sie Flüchtlingen mit Übersetzungen. Aber Mona umgibt sich nicht nur mit Syriern. „Fast alle unsere neuen Freunde sind deutsche Familien. Die Menschen in Künzelsau sind sehr nett.“ Einladungen folgen auf Gegeneinladungen.  Ihre beiden Mädchen haben sich für einen Studienplatz beworben, Raneem für Zahnmedizin, Raghad für Pharmazie. Ihr Bruder Walid (16) besucht  das Ganerben-Gymnasium.

Eineinhalb Jahre ist die Familie nun schon in Deutschland. Ein Ende des Krieges in Syrien ist nicht in Sicht. Noch heute quälen den mittleren Sohn Qutaiba (11)  Albträume. Silvesterknaller weckten bei allen böse Erinnerungen an den Krieg, die Bomben, die Schüsse. „Wir müssen vergessen, was in Syrien war“, sagt Mona. „Aber die guten Dinge vergesse ich nicht.“

„Du möchtest hierbleiben, aber irgendwann kommst du nach Hause und findest uns tot zwischen den Steinen.“
Foto: GSCHWÄTZ




Burka auf dem Land – Geht oder geht nicht?

Unser Autor Dr. Felix Kribus hat sich wieder ins Getümmel gestürzt und war dieses Mal in Ingelfingen und Künzelsau unterwegs, um die Bürger zu unserem Brennpunktthema des Monats Dezember zu befragen: Flüchtlinge auf dem Land. Konkret ging es um das von Österreich eingeführte Burka-Verbot seit dem 01. Oktober 2017. Wir wollten wissen: Ist dieses Verbot sinnvoll oder nicht? Im Video sehen Sie die Antworten. Was ist Ihre Meinung zu diesem Thema? Schreiben Sie uns. Wir freuen uns, von Ihnen zu lesen.




Öhringen: Flüchtlings-Experiment abgebrochen

Wie viel Integration ist nötig?, fragen wir in unserer Dezemberausgabe. Und haben uns auf ein Experiment eingelassen: Mit einer Burka bekleidet haben wir uns  in die Öhringer Innenstadt begeben, um zu sehen, was passiert. Was dann geschehen ist,  hat all unsere Befürchtungen übertroffen.

+ Faktencheck Flüchtlinge auf dem Land: Alle Zahlen, wie viele Flüchtlinge in den Hohenlohekreis gekommen, wie viele in Lohn und Brot sind und wieviel Geld jährlich in die Flüchtlingshilfe fließt sowie Meinungen von Bürgern: Wie funktioniert Integration?

Weitere Themen:

// Wie geht es weiter mit dem Krankenhaus Hohenlohe? Gab und gibt es Kommunikationsprobleme? Klinikchef Jürgen Schopf stellte sich unseren kritischen Fragen im Interview

// Wir stellen den lokalen Verein miteinander vor, der Kinder in der Region unterstützt

// Notfallrettung wackelt immer mehr: DRK warnt vor einer düsteren Zukunft. 2018 Zuspitzung der Lage

// Er war kein Heiliger. Martin Luthers Herrenjahre

u.v.m.

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