Der Dekan der evangelischen Kirche in Künzelsau, Dr. Friedemann Richert, hat ein Buch geschrieben, das nun veröffentlicht wurde. Der etwas sperrige Titel: „Das lateinische Gesicht Europas. Gedanken zur Seele eines Kontinents.“ Und auch wenn es zunächst nicht danach klingt, greift Richert in seinem Buch viele aktuelle Themen auf. GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann hat mit ihm über die Kultur und Werte des Westens gesprochen, über Zuwanderung und eine falsch verstandene Toleranz.
GSCHWÄTZ: Worum geht es in Ihrem Buch?
Richert: Hintergrund ist die Zuwanderungsthematik und gleichzeitig auch zum einen die politische Gegenwart und zum anderen die Tradition unseres Herkommens. Es geht um unsere Wurzeln.
„Leben und leben lassen“
GSCHWÄTZ: Welche Wurzeln sind das?
Richert: Wir haben eine Grundform: Leben und leben lassen. Wir zeichnen uns durch ein plurales Europa aus, durch Vielfältigkeit mit einem christlichen Fundament. Das kommt von der Antike. Wir tauschen Argumente mit anderen aus in dem Verständnis, dass der andere auch recht haben kann.
Sehen Sie diese Werte nun in Gefahr?
Richert: Es findet derzeit eine Umdeutung grundlegender gesellschaftlicher Begriffe statt. Nehmen wir nur mal den Begriff Gerechtigkeit. Gerechtigkeit hat sich einst auf die Gemeinschaft, auf das Gemeinwohl bezogen. Durch die identitäre Denkentwicklung haben wir eine ,Identitätsgerechtigkeit‘ entwickelt. Das heißt: Jeder proklamiert für sich Gerechtigkeit gegenüber der Mehrheit. Das ist legitim. Aber wir haben dadurch derzeit eine Diskriminierung, zum Beispiel gegenüber alten weißen Männern.
„Diskriminierung betrifft auch die alten weißen Frauen“
GSCHWÄTZ: Aber diese so genannten ,alten weißen Männer‘ waren doch lange genug an der Macht. Was ist schlimm daran, dass andere jetzt an diesem Thron ruckeln?
Dekan: Diese Diskriminierung betrifft ja nicht nur die alten weißen Männer, sondern auch die alten weißen Frauen – wie Alice Schwarzer zum Beispiel.
GSCHWÄTZ: Inwiefern?
Richert: Es gibt eine Überbetonung von Minderheiten, die zu Wort kommen und die Mehrheit dadurch gar nicht mehr gehört wird. Deswegen haben die rechten Parteien so einen Zulauf und die Gesellschaft spaltet sich.
GSCHWÄTZ: Was macht denn Europa für Sie aus?
Richert: Warum wollen alle nach Europa? Wir haben kulturelle Errungenschaften wie Ziegel auf den Dächern. Das kam übrigens von den Mönchen, ebenso wie die Maultaschen und das Bier. Wir haben in Europa eine Bildungskultur, deren Ursprung in den Domschulen liegt. Diese haben Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen hervorgebracht. Die Universität ist ebenfalls eine Erfindung der lateinischen Kirche. Es gibt einen gemeinsamen Bildungshorizont in Europa und eine Vielfalt an geistigen Errungenschaften. Wir haben durch die Schule den Begriff der ,Person‘, der individuellen Persönlichkeit, eingeführt. Das spiegelt sich ja auch in Worten wider wie Personenkraftwagen oder Personenwaage.
„Die Zukunft ist positiv besetzt“
GSCHWÄTZ: Aber gibt es diesen Begriff nicht in allen Kulturen?
Richert: In der arabischen, afrikanischen, asiatischen und indischen Kultur gibt es das nicht, da die Gemeinschaft das zentrale ist und nicht die Person. Neben der Person gibt es in unserer Kultur einen anderen Zeitbegriff im Vergleich zu anderen Kulturen.
GSCHWÄTZ: Können Sie das näher ausführen?
Richert: Die Zukunft ist positiv besetzt. Getreu dem Motto: „So wie die Zukunft zu denken sein kann, ist die Gegenwart zu beurteilen.“ Das entspricht dem Futur 2: „Ich werde gewesen sein“. Dieses Denken an die Zukunft ist die Voraussetzung für die Forschung. In der arabischen Kultur ist der Blick immer nach hinten gerichtet, nicht nach vorne. Warum funktioniert denn Entwicklungshilfe nicht? Die Zukunft ist für diese Kulturen eine Nicht-Zeit.
„Bei zugewanderten Kulturen wird heutzutage immer noch sehr schnell das Messer gezückt“
GSCHWÄTZ: Sie haben zu Beginn unseres Gespräches von drei Punkten gesprochen. Zwei haben Sie genannt. Den Begriff der Person, die Zeit und was ist der dritte Punkt?
Richert: Das Recht. Das Recht ist in Europa durch die Kirche namhaft geworden, die Dreiteilung vor Gericht etwa, durch den Richter, den Staatsanwalt und den Verteidiger. Wir haben ein Rechtssystem, in welchem man Verträge einhalten muss. Die Vereinigten Staaten haben im Prinzip dieselbe Vertragskultur, nur dass sie eine andere Orientierung haben. Während es bei uns nicht nur darum geht, schnell Profit zu machen, sondern man auch einen guten Ruf haben möchte, etwa beim Thema Klimaschutz.
GSCHWÄTZ: Aber das war ja nicht immer so. Immerhin gab es auch christliche Kreuzzüge.
Richert: Am 07. August 1495 hat Kaiser Maximilian I. den Ewigen Landfrieden verkündet: Konflikte dürfen nicht mehr mit Waffen und Gewalt ausgetragen werden. Hier wurde der Grundstein für den Rechtsstaat gelegt. Bei zugewanderten Kulturen wird heutzutage immer noch sehr schnell das Messer gezückt, etwa bei den Arabern.
„Ich fürchte um unseren Landfrieden“
GSCHWÄTZ: Sie kommen jetzt auf die Migrationsdebatte zu sprechen?
Richert: Die derzeitige Entwicklung ist, dass linke und rechte Ränder erstarken und dass ein bestimmter Teil der Migranten eher zu Tätlichkeiten neigt. Ich fürchte um unseren Landfrieden. Der Polizei muss ich aber an dieser Stelle zubilligen, im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten zu agieren. Obwohl allein schon die mediale Berichterstattung sehr polizeikritisch ist.
GSCHWÄTZ: Was fordern Sie?
Richert: Wir sind für alle offen, aber sie müssen unsere Kultur achten und sich zu eigen machen und da gibt es auch keinen kulturellen Nachlass, zum Beispiel dahingehend, dass Gewaltanwendung gar nicht geht und dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Die orthodoxe Linie hinterfragt auch nicht, die sagen sich einfach: So ist es, zum Beispiel das Kopftuchgebot für Frauen.
„Politiker sollten die christliche Kultur wieder als eine Leitkultur einfordern“
GSCHWÄTZ: Aber letzten Endes kann doch jeder seinen Glauben leben, wie er möchte?
Richert: Das sehen zumindest wir so. Wir haben eine ,positive Religionsfreiheit‘. Das bedeutet: Ich kann meinen Glauben leben, ohne dass ich von jemandem daran gehindert werde.“ Aber bei der Kopftuchfrage im Unterricht triumphiert eine Minderheit über die Mehrheit und das erzeugt eine negative Stimmung in der Gesellschaft. Politiker sollten die christliche Kultur wieder als eine Leitkultur einfordern.
GSCHWÄTZ: Meinen Sie das auch im Hinblick auf die Flüchtlingsdebatte?
Richert: Migration spaltet die Gesellschaft dermaßen. Thomas von Aquin hat gesagt: ,Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Tyrannei. Aber Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist Willkür‘.
„Es gibt kein Recht darauf, nach Europa zu kommen“
GSCHWÄTZ: Was bedeutet das Zitat bezogen auf die Flüchtlingsdebatte?
Richert: Flüchtlinge haben etwa kein Recht darauf, in Europa an einen bestimmten Ort zu kommen und es gibt auch kein Recht darauf, nach Europa zu kommen. Wir riskieren hier unseren harmonischen Frieden.
GSCHWÄTZ: Warum?
Richert: Wenn die Flüchtlinge eine ähnliche Kultur hätten, wäre eine Integration leichter möglich. Wir können diesen Sozialstatus nicht halten, das ist nicht leistbar auf eine längere Zeit. Wir sind eine freie und offene Gesellschaft und jeder ist herzlich willkommen, der unsere Spielregeln spielt und sich zu eigen macht. Leben und leben lassen innerhalb der geltenden Gesetze muss das Ziel sein. Aber wichtig ist auch, dass wir unsere Wurzeln wieder achten, pflegen und einfordern.