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„Optimal ists nicht, aber ein Fischsterben ist nicht zu befürchten“

Welche Dimensionen die Dürre in Westeuropa hat, sieht man an den Bildern, die von der Loire, dem längsten französischen Fluß durch die Presse gehen. Der sonst breite Strom ist zu einem Rinnsal geworden, selbst der Kocher führt streckenweise mehr Wasser als die Loire. Nicht nur die Landwirte beklagen die aktuelle Trockenheit, betroffen sind vom Wassermangel alle, die Wasser in irgendeiner Form benötigen. Unsere Wirtschaft ist nicht nur auf Gas, sondern auch auf Wasser angewiesen. Das fängt bei den Kraftwerksbetreibern an, geht bei den Betreibern von Frachtschiffen und den betroffenen Industriebetrieben weiter und hört beim örtlichen Fischereiverein noch nicht auf.

Schwallbetrieb gefährdet Fische

Wasserkraftwerke laufen nicht mehr permanent, sondern werden im „Schwallbetrieb“ gefahren. Das bedeutet, so erklärt Günther Strobel, Vorsitzender des Hohenloher Fischereiverein Öhringen e.V., dass das Wasser solange aufgestaut wird, bis ein Wasserkraftwerk eine Weile lang sinnvoll zu betreiben ist. Während dieser Aufstauphasen wird nur ein Minimum an Wasser ins Unterwasser abgegeben, sodass dort Kiesinseln trockenfallen. Für Kleinfische droht dann das Ersticken oder dass sie leichte Beute von Vögeln werden, die sich dieses Futter natürlich nicht entgehen lassen.

Fließgewässer noch „im grünen Bereich“

Ansonsten sieht Strobel die ökologische Situation in den Fließgewässern „noch im grünen Bereich“. Sauerstoff sei durch das fließende Wasser für Fische und sonstige Tiere der Flüsse und Bäche noch genug vorhanden: „Wir prüfen das dauernd, noch ist kein Handlungsbedarf. Optimal ists nicht, aber ein Fischsterben ist nicht zu befürchten.“

Ganz anders sei die Situation in den Seen

In den Flüssen gebe es weniger Pflanzen, die nachts keinen Sauerstoff produzieren sondern verbrauchen, als in den Seen, erklärt Strobel. Daher seien die Seen stärker belastet. Beispielhaft nennt er den Goldbachsee bei Waldenburg, der kürzlich wegen Sauerstoffmangels vor dem „Umkippen“ gewesen sei.  Nur mit der tatkräftigen Hilfe der Feuerwehr, die große Mengen Wasser umgewälzt und in den See zurückgespritzt und so den Sauerstoffgehalt erhöht habe, sei das zu verhindern gewesen. Diese Gefahr besteht bei den niedrigen Wasserständen für die meisten Seen.

Text: Matthias Lauterer




Jagst-Unglück 2015 // Kreise warten noch immer auf Geld vom Land

Die Feuerwehren und Rettungskräfte, die Fischereivereine und viele Ehrenamtliche haben damals alles gegeben und versucht zu retten, was noch möglich war an diesem Unglückstag vor über zwei Jahren, als Düngemittel bei Schwäbisch Hall in die Jagst floss und auf einer Strecke von gut 25 Kilometer fast alle Fische auslöschte. Das Land sagte damals den Kreisen schnelle und unbürokratische finanzielle Unterstützung zu. Bis heute warten die Landkreise Hohenlohe, Schwäbisch Hall und Main-Tauber jedoch auf das zugesagte Geld. Immerhin 1,1 Millionen Euro kostete allein den Hohenlohekreis der Einsatz der Feuerwehren der Gemeinden, Leistungen für die Fischbergung und -entsorgung sowie die Leistungen der Landwirtschaft (wir berichteten).

Der AfD-Landtagsabgeordnete Anton Baron hat beim Umweltministerium Baden-Württemberg nachgefragt, ob die versprochenen Gelder nun an die Landkreise ausgezahlt worden seien. Die Antwort lautet: Nein. Der Grund, so das Ministerium auf die Anfrage Barons: „Die Voraussetzungen für eine Kostenerstattung des Landes gegenüber den Landkreisen sind in Paragraf 52 Landkreisordnung geregelt. Da sich insbesondere die Frage, in welcher Höhe von Dritten Ersatz für die entstandenen Einsatzkosten der Rettungskräfte zu erlangen ist, derzeit noch in der Klärung befindet, kann eine Entscheidung des Landes über die Kostenerstattung noch nicht ergehen. Nach der gesetzlichen Regelung sind innerhalb der Landesverwaltung die Landratsämter für die Geltendmachung des Kostenersatzes bei Dritten zuständig.“

Der Hohenlohekreis hat bereits vor einem halben Jahr gegenüber GSCHWÄTZ auf Nachfrage erklärt, dass sie derzeit mit dem Land Baden-Württemberg „die Kostenerstattung klären“. Getan hat sich offenbar seitdem noch nichts.

Die Fischereipächter haben den Mühlenbetreiber, dessen Düngemittel in die Jagst geflossen sein soll, auf 650.000 Euro Schadenersatz verklagt. Laut dem Umweltministerium „wurde unter den Beteiligten ein Vergleich erarbeitet, der noch unter Vorbehalt steht“.

Nach wie vor sind die Fischereivereine damit beschäftigt, die Jagst in den betroffenen Abschnitten wieder im wahrsten Sinn zum Leben zu erwecken, da der Fischbestand zu niedrig ist. Dies geschieht unter anderem mit einer Fischumsiedlung von gesunden Bereichen in die betroffenen Gebiete. Dennoch gibt es Fischarten, die seit dem Jagstunglück für immer ausgelöscht wurden.

Fotos // privat

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Wiederbelebung der Jagst

Das große Jagstunglück vor zwei Jahren hat Spuren hinterlassen. Düngemittel floss damals bei Schwäbisch Hall in die Jagst, so dass so gut wie alle Fische auf einer Strecke von 25 Kilometern ums Leben kamen. Allein dem Hohenlohekreis sind laut dem Landratsamt des Hohenlohekreises Kosten von rund 1,1 Millionen Euro entstanden. Diese Kosten beinhalten „hauptsächlich die Abrechnung der Feuerwehreinsätze der Gemeinden, Leistungen für die Fischbergung und Entsorgung, die Maßnahme der Sauerstoffzugabe sowie die Leistungen der Landwirtschaft und der Gemeinden für den Biotopschutz.“ Die Landkreise Schwäbisch Hall, Heilbronn und der Hohenlohekreis „klären derzeit gemeinsam mit dem Land die Frage nach der Kostenerstattung“.

Die Fischereivereine widerum haben rund 650.000 Euro Schadenersatz gegenüber den Verursachern eingeklagt – dem Kochendorfer Verantwortlichen und dem Landkreis Schwäbisch Hall als Träger der dortigen Feuerwehr. Die Fischer machen unter anderem einen Schaden von 21 Tonnen Fisch und Personalkosten während des Einsatzes geltend. Der Feuerwehr wird fehlerhaftes Verhalten beim Abpumpen des kontaminierten Wassers vorgeworfen. Den vom Gericht in Ellwangen nun angebotenen Vergleich über 180.000 Euro Schadenersatz haben die Fischer abgelehnt.

// Die Jagst-Katastrophe

Nicht wirklich viele Fische kamen seit der Jagst-Katastrophe nach. Das Problem, so Markus Hannemann, Sprecher der FischHegegemeinschaft Jagst (FHGJ), sei, dass die Flussabschnitte in Schwäbisch Hall zerstückelter seien. Während im Hohenlohekreis durch so genannte Raue Rampen die Fische Kraftwerke und Wehre quasi umschwimmen können, sei dies in der Haller Gegend nur bedingt möglich. Heißt: Die Fische schwimmen in ihren Teilabschnitten herum. Es besteht aber ein schlechter Durchfluss. Wird ein Teilabschnitt zerstört, woher sollen dann Fische nachkommen? Zweites Problem: Fische wie Karpfen, Schleie und Rotauge könne man nachkaufen. Aber keine heimischen Fische wie Barbe, Nase, Hasel oder Döbel.

Daher spendeten 13 Fischereivereine aus dem Landkreis Heilbronn, aus dem Crailsheimer Kreis und dem Hohenlohekreis heimische Fische für die toten Abschnitte. Im Juli 2016 setzten die Fischer mittels Elektro-Befischung (E-Befischung: Betäubung der Fische) Fische aus gesunden in die kontamierten Gewässerabschnitte um. Allerdings konnten die Vereine nur 480 Kilogramm Fisch fangen, anstatt der geplant 900, „weil die Fischdichte so miserabel ist“, so Hannemann. „Wir haben nur noch zehn Prozent des Fischbestandes im Vergleich zu dem, was wir Anfang der 90er Jahre hatten.“

// Die gefrässigen Kormorane

Das nächste Problem: Kormorane, die sich an der Jagst über die Jahre angesiedelt haben, fressen überproportional viele Fische auf. Hannemann rechnet vor: Ein Kormoran fresse rund 500 Gramm Fisch am Tag, rund 400 Kormorane gäbe es an der Jagst in den Wintermonaten. Das mache 20 Tonnen Fisch in 100 Tagen. Der gefräßige Vogel, der zuvor nie heimisch an Jagst und Kocher war, habe sich seit den 90er Jahren hierzulande „explosionsartig“ ausgebreitet. Die Fischervereine sind frustriert und fordern, dass Kormorane abgeschossen werden dürfen, um den Fischbestand nicht zu gefährden. Ansonsten werden sie keine Fische mehr spenden.
Der Kormoranantrag ging durch, allerdings sind die Naturschutzgebiete davon ausgenommen, was für die FHGJ in Ordnung ist. Aber während die eigentlichen Naturschutzgebiete, etwa zwischen Dörzbach und Mulfingen und zwischen Gommersdorf und Schöntal, nur etwa zwei Kilometer groß seien, ist die vom Land festgelegte Schutzzone für Kormorane elf Kilometer groß. Nun braucht die FHGJ ein neues Gutachten, um den Vogel auch in diesen Gebieten abschießen zu dürfen.

Bruno Fischer vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) Ortsgruppe Kirchberg Jagst, kann die Fischereivereine hinsichtlich der Kormoran-Problematik verstehen: „Nach der Jagst-Katastrophe haben wir hier bei uns nach wie vor fast keine Fische. Dadurch haben wir auch keine Kormorane mehr hier.“ Denn wo keine Nahrung, da kein Vogel. „Ihre“ Kormorane hätten sich stattdessen flussauf- und abwärts nach Crailsheim oder auch nach Dörzbach verteilt. Das eigentliche Problem aber sei: „Der Mensch hat eingegriffen in ein natürliches Gleichgewicht. Und jetzt greifen wir wieder ein.“ Das sei eine Endlosschleife. Fischer würde daher lieber abwarten, wie erfolgreich das Renaturierungsprogramm des Landes Baden-Württemberg sein wird. Bei diesem Programm gehe man weg von Begradigungen in den Flüssen. Stattdessen verbessere man die Gewässerstruktur, indem man etwa Kiesbänke aufschütte. So sei der Fischlaich geschützter und auch die Fische können sich besser vor Vögeln wie dem Kormoran verstecken. Aber auch der Mensch trägt dazu bei, dass es immer weniger Fische in der Jagst gibt.

// Der Mensch

„Wenn der Pegelstand am Vortag 39,5 Zentimeter habe, dann dürfen Kanufahrer bei uns auf der Jagst fahren, so Hannemann. In Dörzbach sei der Einstieg. Dann „schrammen sie erstmal durch die Kiesbänke.“ Dort laichen aber viele Fische im Frühjahr ab. Was fordert die FHGJ? „Einen höheren Pegelstand von mindestens 45 Zentimetern. „Optimal wäre es, wenn man erst Ende Mai mit dem Kanu fahren begänne.

Dörzbachs Bürgermeister Andy Kümmerle erklärte auf GSCHWÄTZ-Nachfrage: „Das Jagstunglück im Sommer 2015 hat gezeigt, wie empfindlich dieses Ökosystem ist. Wir als Gemeinde sind sehr froh über die gute Zusammenarbeit mit dem Fischereiverein sowie der Hegemeinschaft und deren Engagement für unseren Fluss. Inwieweit eine Anhebung des Pegelstands auf 45 Zentimeter nötig ist, kann ich nicht beurteilen. Fakt ist aber, dass wahrscheinlich sehr wenige Kanutouristen in den Monaten März und April auf der Jagst unterwegs sind. Der Tourismus in jeglicher Art ist für das Jagsttal wichtig. Erstrebenswert wäre es, wenn dieser Tourismus dann auch naturschonend ist.“

 

Fotos // GSCHWÄTZ; FHGJ