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„Wenn du nicht weitermachst, erzähle ich deinen Eltern, was für eine Nutte du bist“

Menschenhandel – wenn man dieses Wort ausspricht, legt sich dessen Schwere wie ein schwarzer Schleier über den Raum. Ein abstrakter schwarzer Schleier, schließlich hatten die wenigsten von uns bisher Kontakt mit Menschenhandel oder Zwangsprostitution und das Klischee besagt: „So etwas gibt es doch nur irgendwo in Osteuropa.“ Dem ist nicht so. Dieses Thema ist nicht immer „so weit weg von uns“, wie es scheint. Sara Huschmann von der Heilbronner Mitternachtsmission arbeitet bei der Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel. Ihre Klient:innen sind vorwiegend Frauen, die zur Zwangsprostitution gezwungen werden. Huschmann weiß: Täglich werden, auch in Baden-Württemberg, Frauen missbraucht und vergewaltigt, um daraus Profit zu schlagen. Wir porträtieren drei mutige Frauen, die es geschafft haben, auszusteigen.

„Am Anfang war er der Traummann“

Sara Huschmann erzählt:

„Frau H. ist in Deutschland geboren und in einer kleinen Stadt in Baden-Württemberg aufgewachsen. Sie war eine ambitionierte Schülerin, ging aufs Gymnasium und ‚wollte nach ihrem Abschluss auf jeden Fall studieren. Sie wusste noch nicht genau was, aber sie wollte, einfach für sich selbst, weiterkommen und sich neues Wissen aneignen‘. Während ihrer Zeit in der Oberstufe lernte H. einen jungen Mann kennen – und verliebte sich unsterblich in ihn. Am Anfang schien alles gut zu sein. H.s neuer Freund war ihr absoluter Traummann – und verhielt sich wie der absolute Traumschwiegersohn. ‚Es war eine Beziehung, die von Komplimenten, Geschenken und einer absoluten Annahme geprägt war.’“

„Er isolierte sie von ihrem Umfeld“

„Was H. erst im Nachhinein aufgefallen ist, war das ständige Bestreben ihres Freundes, sie von ihrem Umfeld zu isolieren. Dadurch, dass H. sich immer weiter von Freunden, Klassenkameraden und Familie entfernte und immer weniger Zeit mit ihnen verbrachte, wurde sie emotional immer abhängiger von ihm. Er steigerte das einige Monate lang immer weiter, bis H. schließlich nur noch auf ihn fokussiert war und kaum mehr Zeit mit anderen Menschen verbrachte.“

„Er hatte Schulden“

„Nach einigen weiteren Monaten offenbarte sich dann der vermeintliche ‚ Traummann‘. Er sagte: ‚Du, hör zu. Ich habe Schulden. Da bin ich einfach so reingerutscht, das war ein Versehen. Es ist wichtig, diese Schulden schnell zu tilgen, damit wir beide eine freie Zukunft miteinander beginnen können – ohne irgendwelche Vorbelastungen.‘ H.s sehnlichster Wunsch war es, eine Familie mit ihrem Partner zu gründen, sich gemeinsam ein Leben aufzubauen und die Zukunft gemeinsam zu verbringen.“

„Sie sollte mit anderen Männern schlafen“

„Einige Wochen nach diesem Gespräch, ist H.s Freund dann plötzlich – und wie er betonte, ‚ganz zufällig‘ – eine Lösung für seine Geldnot eingefallen: ‚Du hör mal‘, sagte er. ‚Ich habe eine Idee, wie wir die Schulden ganz schnell tilgen können. Dann steht unserer gemeinsamen, unkomplizierten, wunderschönen Zukunft nichts mehr im Wege.‘ Auf H.s Rückfrage, wie er sich das denn vorstelle, antwortete er prompt: ‚Es ist ganz einfach: Du schläfst mit ein paar Männern. Dadurch kann man relativ schnell Geld verdienen und unsere Schulden sind weg.‘ Für H. war das keine Frage: ‚Nein, das mache ich nicht. Das möchte ich auf gar keinen Fall.'“

„Nach ihrer Weigerung fing er Streit an“

„Im ersten Moment hat ihr Freund ruhig reagiert, aber er brachte dieses Thema immer wieder bei Gesprächen auf den Tisch – und wurde jedes Mal ungemütlicher. Er hat Streit angefangen, gesagt: ‚Du liebst mich nicht. Du willst nicht, dass wir eine gute Zukunft haben. Wieso kannst Du das nicht für uns tun? Du weißt doch, ich liebe Dich und will nur das Beste für uns.‘ Er hat nicht aufgehört, Streit zu suchen, H. fertig zu machen und sie psychisch unter Druck zu setzen, bis sie unter diesem Druck zusammenbrach und sagte: ‚Okay. Ich werde mich selbst dazu zwingen und es tun.’“

„Sie fühlte sich eklig und dreckig“

„Sie hat also gegen Geld mit Männern geschlafen. Es war für sie ‚ganz schlimm‘. Sie hat sich ‚eklig‘ und ‚dreckig‘ gefühlt und sehr stark darunter gelitten. Nach jedem Mann hat sie, dem Zusammenbruch nahe, gesagt: ‚Ich kann nicht mehr. Das will ich nicht mehr machen.‘ Doch er hat sie gepusht, ihr gesagt: ‚Jetzt komm schon, noch ein paar Mal, dann haben wir es geschafft. Dann können wir eine unbeschwerte Zukunft miteinander haben. Liebst Du mich denn nicht?‘ Einige Male ließ sich H. noch überreden. Für sie war es eine sehr schwierige Situation, denn nach der langen Zeit der Isolation hatte sie niemanden mehr, der ihr nah war und es sie war emotional abhängig von ihrem Peiniger.“

„Der Traummann entpuppte sich als Gewalttäter“

„Nach ungefähr einem Monat sagte H.: ‚Ich kann und will das nicht mehr. Ich kann mich nicht mehr im Spiegel angucken. Es geht nicht mehr.‘ Der psychische Druck hat nicht mehr dazu ausgereicht, sie zum Weitermachen zu bewegen. Daraufhin entpuppte sich ihr ‚Traummann‘ als brutaler Gewalttäter. Er schlug sie immer wieder, missbrauchte sie, schrie: ‚Du machst das. Wenn du das nicht machst, war das erst der Anfang‘.“

„Er wurde immer brutaler“

„Er hörte nicht auf. ‚Wenn du nicht weitermachst, erzähle ich deinen Eltern und deiner ganzen Familie, was du so treibst, was für eine Nutte du bist und was für eine erbärmliche Tochter sie haben.‘ H. war verängstigt. Sie machte weiter, aber es wurde nicht besser. Er wurde immer brutaler, schlug sie immer weiter. Besonders schlimm war es, als sie es ablehnte, bei ihren Freiern bestimmte Praktiken anzuwenden. H. sagte: ‚Ich kann nicht. Ich halte es nicht aus.‘ Er schlug zu.“

„Mit ihrer Familie ging sie zur Polizei“

„Einige Wochen später schlug er sie so zusammen, dass sie die Spuren im Gesicht nicht mehr verstecken konnte. Ihre Familie sah das und fragte sie, was denn los sei. H. schaffte es, sich zu offenbaren – und fand Unterstützung. Gemeinsam mit ihrer Familie ging H. zur Polizei.“

„Sie ist in die ambulante Beratung gekommen“

„Die Polizei hat, nachdem H. dem zugestimmt hatte, den Kontakt zwischen uns hergestellt und die junge Frau an uns weitervermittelt“, erzählt Sara Huschmann. „Sie hat weiterhin bei ihren Eltern gewohnt und ist dann zu uns in die ambulante Beratung gekommen. Wir haben geschaut, was sie möchte, was sie braucht und sie bei der Suche eines Opferanwalts unterstützt. Wir haben H. darüber aufgeklärt, wie es jetzt weitergeht, sie an Psychologen vermittelt und mit ihr gemeinsam das Erlebte ein Stück weit verarbeitet und ihr Raum gegeben, darüber zu sprechen – ohne irgendwelche Vorurteile.“

Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher

Laut Bundeslagebild des Bundeskriminalamtes gab es 2019 in Deutschland 287 Verfahren wegen Zwangsprostitution, an denen 427 Betroffene beteiligt waren. Hierbei handelt es sich aber ausschließlich um abgeschlossene Verfahren, also das Hellfeld der Polizei. Fachberatungsstellen sind sich einig, dass die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher ist. Über die Dunkelziffer herrsche sogar eine „weitestgehende Unkenntnis“, wie Sara Huschmann erklärt. „Das liegt an der Randgruppenproblematik, daran, dass Staatsanwaltschaften aufgrund höherer Erfolgschancen oft auf einfacher anzuwendende Straftatbestände ausweichen (zum Beispiel Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz) oder die Opfer aufgrund ihrer Traumata nicht in der Lage sind, auszusagen. Oftmals kommt es erst gar nicht zur Anzeige, also erscheint der Fall auch nicht in der polizeilichen Statistik. Somit ist bei den Zahlen, Menschenhandel und Zwangsprostitution betreffend, höchste Vorsicht geboten.“

350 Betroffene wandten sich an Fachberatungsstellen

Im vergangenen Jahr haben sich nach Informationen des Arbeitskreises „Aktiv gegen Menschenhandel“ allein in Baden-Württemberg 350 Betroffene von Zwangsprostitution an Fachberatungsstellen gewandt.

Text: Priscilla Dekorsi