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„Das weiß doch jedes Kind, dass Babys und Kleinkinder keine Tabletten schlucken können.“

Derzeit beklagen sich Eltern darüber, dass einige beliebte Fiebersäfte mit den Wirkstoffen Ibuprofen und Paracetamol, in den Apotheken nicht lieferbar sind. Gerade diese Fiebersäfte sind aber besonders beliebt, enthalten sie doch einen preiswerten Wirkstoff und sind sie doch normalerweise in jeder Apotheke jederzeit vorrätig. Und wer einmal erlebt hat, wie gut diese Säfte bei leichteren Krankheiten bei Kindern wirken, der weiß, wie wichtig gerade diese Medikamente sind. Sowohl die Schloß-Apotheke in Ingelfingen als auch die mediKün-Apotheke in Künzelsau bestätigen die Beobachtungen der Eltern: „Die Situation ist da, bei Paracetamol noch düsterer als bei Ibuprofen“.

Knappheit ist der zuständigen Behörde bekannt

Nicht lieferbar: Fiebersäfte mit Ibuprofen. Screenshot einer großen Internet-Apotheke vom 09.August 2022. 

Es ist bekannt, dass mit 1A-Pharma ein Generikahersteller diese Säfte nicht mehr anbietet. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat Anfang August in einer Pressemitteilung festgestellt: „Ein Lieferabriss ist nach Kenntnis des BfArM zu keinem Zeitpunkt eingetreten und die in den Markt im Direktvertrieb oder über den vollversorgenden Großhandel abgegebenen Warenmengen repräsentieren in Summe den bisherigen durchschnittlichen Bedarf. In 2022 ist der Bedarf an den betroffenen Arzneimitteln überproportional angestiegen. Die Ursachen hierfür konnten bislang nicht befriedigend ermittelt werden“.

Unerklärbar hohe Nachfrage

Identischem Angebot steht also eine höhere Nachfrage gegenüber, die nicht erklärbar ist – ob die erhöhte Nachfrage mit der Versorgungssituation in der Ukraine zu tun hat, ist Spekulation. Das BfArM spricht von einer „Verteilproblematik“, ohne näher darauf einzugehen.

Corona soll schuld sein

Der Bayerische Apothekerverband (BAV) will die Ursachen für den Mehrbedarf kennen: „Im Moment sind viele Kinder krank – wir sehen eine hohe Zahl an Sommererkältungen.“ Peter Sandmann, ein Sprecher des Verbandes sagt:  „Unser Immunsystem hat ein bisschen verlernt zu tun, wofür es da ist und macht damit die Coronamassnahmen für die Situation mitverantwortlich.

„Ursula Funke, Präsidentin der Landesapothekenkammer Hessen nennt „Lieferschwierigkeiten“ als Grund, die sie nur teilweise an der Pandemie festmacht. Ein Problem sei, „dass Arzneimittel außerhalb Europas, unter anderem in Indien und China, produziert werden“, womit der pandemiebedingte Zusammenbruch der Lieferketten doch wieder die Ursache wäre.

Die hiesigen Apotheken können nur feststellen, dass Lieferengpässe bestehen, die Gründe dafür kennen sie nicht.

Billige Produktion weltweit

Deutliche Worte findet der Bayerische Landesverband der Kinder- und Jugendärzte. Dessen Vorsitzender Dominik Ewald wird mit „Jetzt rächt sich die Produktions-Verlagerung sogenannter unrentabler, aber für bestimmte Patientengruppen wichtiger Arzneimittelspezifikationen ins außereuropäische Ausland“ zitiert. „Das weiß doch jedes Kind, dass Babys und Kleinkinder keine Tabletten schlucken können.“ Für die Hersteller sei die Produktion von Saft oder Zäpfchen aufwendiger als die von Tabletten, weshalb diese nun knapp sind, während Arzneien mit dem gleichen Wirkstoff für Erwachsene in Tablettenform ohne Weiteres verfügbar sind.

Alternativen

„Es bleibt kein Kind in Deutschland unversorgt“, beruhigt Ulrike Funke. Sie empfiehlt Zäpfchen oder Schmelztabletten als Ersatz. Jedoch sind die handelsüblichen Schmelztabletten ,mit 200mg Wirkstoff für Kinder sehr hoch oder sogar zu hoch dosiert. Außerdem, so die Schloß-Apotheke in Ingelfingen, gebe es auch dort schon Lieferprobleme. Das BfArM hat jetzt festgelegt, dass unter bestimmten Voraussetzungen die Apotheken die Säfte selbst herstellen dürfen. „Wir haben das aber noch nicht gemacht“, ist aus der Schloß-Apotheke zu vernehmen.
Die Industrie will die Kapazitäten bis zum Winter erhöhen. Allerdings werden die Medikamente dann bestimmt teurer werden, denn – so sagt es zumindest die Industrie – der Preis für den Wirkstoff Paracetamol sei in den letzten Monaten um 70% angestiegen.

Text: Matthias Lauterer




Deutlicher Anstieg bei den Krankmeldungen

Festspiele SHA Absage

Man hört und liest immer wieder von hohen Krankenständen in Industriebetrieben, Krankenhäusern oder Verwaltungen. Einige Folgen des hohen Krankenstandes können unmittelbar erfahren werden. Beispielsweise hat die Postfiliale in Künzelsau ihre Öffnungszeiten krankheitsbedingt eingeschränkt. Versandhändler weisen darauf hin, dass sich Paketzustellungen wegen der Krankheitssituation im Zustellbereich verspäten können. Und ganz aktuell fallen krankheitsbedingt mehrere Aufführungen der Schwäbisch-Haller Festspiele aus.

Bei den Heilbronner SLK-Kliniken fehlen derzeit krankheitsbedingt fast 400 Mitarbeiter:innen von insgesamt etwa 5.500: „Wir müssen ständig die Dienstpläne anpassen, holen teilweise Mitarbeiter, die eigentlich frei haben“, berichtet Marlies Kepp, Leiterin der Unternehmenskommunikation bei den SLK-Kliniken. Sie kann potentielle Patienten aber beruhigen: „Sie werden behandelt“. Andererseits berichtet sie auch davon, dass geplante Operationen schon abgesagt wurden.

Krankenkasse DAK hat Daten analysiert

Die Krankenkasse DAK hat die Krankschreibungen von 280.000 DAK-Versicherten in Baden-Württemberg analysiert und kommt zu dem Ergebnis: Im ersten Halbjahr 2022 hatte Baden-Württemberg den höchsten Krankenstand seit Beginn der Pandemie. Mit 3,9 Prozent liegt er 0,9 Prozentpunkte über dem Vorjahreszeitraum. Das erscheint wenig, bedeutet aber einen Anstieg der Krankheitstage um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Es waren also an jedem Tag des Halbjahrs von 1.000 Beschäftigten 39 krankgeschrieben – nach 30 im ersten Halbjahr 2021. Auch die Anzahl der arbeitsunfähigen Beschäftigten hat sich erhöht: „Mehr als ein Drittel hatte bis einschließlich Juni mindestens eine Krankschreibung. Zum Vergleich: 2021 musste sich bis zum Ende des ersten Halbjahrs nur etwa ein Viertel wenigstens einmal krankschreiben lassen.“

Starker Anstieg bei Corona-bedingten Fehlzeiten    

Baden-Württemberg liegt bei Corona über dem Bundesdurchschnitt

„Parallel zu der schrittweisen Lockerung der Corona-Einschränkungen im März 2022 konnte sich eine ausgeprägte Erkältungs- und Grippewelle entwickeln“, kommentiert Siegfried Euerle, Landeschef der DAK-Gesundheit Baden-Württemberg, die Ergebnisse. Diese Erkältungswelle sei von einer hochansteckenden Omikron-Variante begleitet worden, die so viel Arbeitsausfall bewirkt habe wie keine Variante zuvor. „Die Omikron-Welle hat im Südwesten für 40 Prozent mehr Corona-Fehltage gesorgt wie in Hamburg oder Bremen.“ Baden-Württemberg liege damit über dem bundesweiten Durchschnitt von 64 Fehltagen je 100 Versicherte. „Deshalb fordern wir, dass die Krankschreibung per Telefon zu einer dauerhaften Lösung wird, um die Ansteckungsgefahr in den Arztpraxen zu reduzieren. Unmittelbar nach der politischen Sommerpause muss für eine Dauerlösung die gesetzliche Grundlage geschaffen werden“, so Euerle.

DAK-Statistik ist nicht repräsentativ – aber aussagekräftig

Die Mitgliederstruktur der DAK unterscheidet sich sicherlich von der Struktur bei anderen Krankenkassen, man muss daher bei der Betrachtung dieser Auswertung immer beachten, dass die Situation im Detail bei anderen gesetzlichen oder privaten Krankenkassen anders sein kann.

Auswertung nach Berufsgruppen zeigt deutliche Unterschiede

Trotzdem sind die weiteren Aussagen der DAK signifikant und beachtenswert, insbesondere was die Verteilung auf Berufsgruppen angeht: „Nach Berufsgruppen betrachtet fehlten Beschäftigte in Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufen besonders häufig mit einer Krankschreibung bei der Arbeit. Sie hatten im ersten Halbjahr 2022 im Durchschnitt 953 Fehltage je 100 Versicherte. Eher wenig Arbeitsausfall gab es in Berufen der Unternehmensführung und -organisation mit 494 Fehltagen je 100 Versicherte. Einen besonders großen Anstieg hatten die Beschäftigten in medizinischen Gesundheitsberufen. Die Zahl der Fehltage ging auf 843 Tage je 100 Versicherte hoch – nach 595 Tagen im ersten Halbjahr 2021.“ Diese Zahlen stimmen gut mit den Zahlen überein, die die SLK-Kliniken genannt haben.

Auch regional große Unterschiede

Die bisher genannten Zahlen bezogen sich auf die 280.000 baden-württembergischen DAK-Versicherten. Bundesweit sind mehr als 2 Millionen Menschen bei der DAK versichert. „Während in Mecklenburg-Vorpommern im ersten Halbjahr 2022 fast 92 Fehltage je 100 Versicherte mit Corona begründet wurden, waren es in Nordrhein-Westfalen mit knapp 46 Tagen nur halb so viele. Thüringen und Brandenburg belegten mit 88 und 86 Corona-Fehltagen je 100 Versicherte die Plätze zwei und drei der Statistik. Das Bundesland im Westen mit dem höchsten coronabedingten Arbeitsausfall war Bayern. Es gab im Freistaat mit 84 Fehltagen im ersten Halbjahr je 100 Versicherte 38 Tage mehr als in Nordrhein-Westfalen und 16 Tage mehr als im Nachbarbundesland Baden-Württemberg (68 Corona-Fehltage). Den geringsten Arbeitsausfall wegen Corona verzeichneten Beschäftigte in Bremen und Hamburg mit jeweils rund 41 Tagen.“

Keine Ursachenforschung

Die Auswertung der DAK stellt nur fest, was sie aus ihren vorliegenden Daten herauslesen kann. Eine sozial- oder gesundheitspolitische Aussage macht die DAK – abgesehen von der oben zitierten Forderung – nicht, genausowenig geht sie auf mögliche Gründe für den Anstieg der Krankheitstage ein.

Text: Matthias Lauterer unter Verwendung einer Pressemitteilung der DAK




„Das ist sicher nur ein grippaler Infekt“

„Das ist sicher nur ein grippaler Infekt“, sagte ihr Hausarzt. Es war Mitte März 2020, zu Beginn des ersten harten Lockdowns in Deutschland, als Daniela H., wohnhaft im Hohenlohekreis, (der Name wurde von der Redaktion auf Wunsch geändert), bei ihrem Hausarzt sitzt und dieser einen Coronatest als nicht nötig erachtet.

Bei 28 Grad mit Wärmflasche im Bett

Einige Tage zuvor hatte Daniela H. noch Besuch von einer Freundin. Es war Donnerstag. Da ging es Daniela noch gut. Von Donnerstag auf Freitag verschlechterte sich der Zustand der 44-Jährigen rapide. „Ich weiß noch, dass es draußen für diese Jahreszeit ungewöhnlich warm war, an die 28 Grad am Tag. Aber ich lag nachts mit einer Wärmflasche im Bett, weil ich so gefroren habe.“ Starke Kopf – und auch Gliederschmerzen kamen hinzu. Corona war bekannt. Daniela H. ist Lehrerin, sie hat Kontakt mit vielen Menschen. Einige ihrer Schüler waren in den Faschingsferien Skifahren gewesen – im Nachhinein mit ein Coronatreiber in Deutschland. Verwandte von Daniela hatten zwar kein Corona, befanden sich aber in Quarantäne, weil sie ebenfalls in einem Skigebiet Ski fahren waren, das im Nachhinein als Coronahotspot deklariert wurde. Daniela H. habe ihren Arzt gefragt, ob es sein kann, dass sie Corona habe. „Das ist sicher nur ein grippaler Infekt.“

An die 41 Grad Fieber

Währenddessen habe Danielas Mann Kontakt mit dem Gesundheitsamt des Hohenlohekreises aufgenommen und gefragt, ob man seine Frau nicht mal testen wolle in Bezug auf Corona. Er habe auch gesagt, dass sie Lehrerin sei. Nach zwei oder drei Anrufen des Ehemannes und eine Woche später habe Daniela H. einen Termin in der Abstrichstelle Belzhag bekommen. Tagelang liegt Daniela H. teilweise mit 40,8 Grad Fieber im Bett, berichtet sie gegenüber GSCHWÄTZ. „Da habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, ins Krankenhaus zu gehen. Ich habe in dieser Zeit nur noch geschlafen, fernsehen oder lesen ging gar nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, die Lunge brennt. Aber ich hatte keinen Husten, eher Beengungsgefühle.“ Daniela H. hat mit Salbutamol inhaliert und das Schlafzimmerfenster während der Hochphase ihrer Erkrankung immer offen gehabt. Früher hatte sie mit Asthma zu kämpfen, aber sie ist keine „aktive Asthmatikerin“, wie sie selbst sagt.

Das erste Ergbebnis war negativ

Das Ergebnis des Coronatests kam wiederum erst eine Woche nach der Testung. Da war Daniela H. schon zwei Wochen krank und eigentlich schon wieder auf dem Weg der Besserung. „Ich konnte wieder am Esstisch sitzen und lag nicht mehr im Bett.“ Das Fieber war auf 39 Grad gesunken.

Das erste Testergebnis war negativ. Wie konnte das sein? Hatte sie doch kein Corona gehabt? Wiederum vier Tage später kam das korrigierte positive Ergebnis. Das Gesundheitsamt habe ihr mitgeteilte, dass sie ab sofort für zehn Tage in Quarantäne sei. Daniela H. fragte, ob das ein Witz sei. Schließlich sei sie die vergangenen 2,5 Wochen bereits zu Hause gewesen.

Rund 2,5 Wochen nach den ersten Symptomen bekommt sie erst das positive Coronaergebnis

Rund 2,5 Wochen hat es bei Daniela H. gedauert von den ersten Symptomen bis zum positiven Ergebnis. In dieser Zeit hat sie mit ihrer Familie weiterhin wie gewohnt zusammengelebt und hätte prinzipiell alle Familienmitglieder anstecken können. Doch weder ihr Ehemann ist in dieser Zeit krank geworden, noch ihre Tochter. Lediglich ihr Sohn habe es ebenfalls mit derselben, allerdings wesentlich leichteren Symptomatik erwischt. Getestet sei er jedoch nicht geworden. Warum erkranken die einen, während die anderen nicht erkranken oder sind sie erkrankt, nur hatten sie keine Symptome? Die Familie nahm im Mai 2020 an einer Heidelberger Kinder-Corona-Studie teil. Das Ergebnis: Die Hälfte der Familie hatte nicht nur keine Symptome, sondern auch keinerlei Coronaantikörper im Körper, während die andere Hälfte der Familie sowohl teilweise heftige Symptome entwickelte und ihre Körper daraufhin Antikörper gebildet hatten. So richtig nachvollziehen kann man das Virus in dieser Hinsicht nicht.

„Soll ich ins Krankenhaus gehen?“

„Ich war in meinem Leben noch nie so krank gewesen“, sagt Daniela H., die heute wieder täglich Sport macht, nur ihr Geschmacks- und Geruchssinn sei auch nach einem halben Jahr noch nicht vollständig zurückgekehrt. In den schlimmsten Tagen ihrer Krankheit habe sie überlegt, ob sie ins Krankenhaus gehen soll, ob sie eventuell sogar beatmet werden muss. Aber Daniela H. hat Angst vor Krankenhäusern, als Kind sei sie zu oft schon darin gewesen. Ihr Körper hat es auch ohne künstliche Beatmung geschafft, mit der Krankheit umzugehen. Hat sie danach Angst gehabt, zurück in die Schule zu gehen und möglicherweise wieder angesteckt zu werden? „Nein, ich habe gedacht, ich habe ja jetzt Antikörper. Aber habe ich jetzt noch genug Antikörper?“, fragt sie sich heute. Wir haben mittlerweile Dezember 2020. Deutschland befindet sich im zweiten harten Lockdown. „Aber selbst wenn ich nochmal Corona kriegen würde, weiß ich, dass mein Körper das durchstehen kann.“ Lässt sie sich impfen?, wollen wir von ihr wissen. „Wenn ich mich impfen lasse, dann frühestens ab Herbst 2021. Ich möchte das erstmal beobachten.“ Daniela H. ist vorsichtig geworden. „Ich meide Kontakte, ich trage immer eine Maske, auch auf dem Parkplatz. Ich gehe einkaufen, wenn nicht so viel los ist.“

Als Lehrer schwierig, als Coronamaßnahmen im Unterricht umzusetzen

Wie sieht sie als von Corona betroffene Lehrerin die Maßnahmen in der Schule? „Ausreichend sind die Maßnahmen nicht. Es gibt Lehrer, die haben ein CO2-Messgerät im Klassenzimmer stehen. Das misst den CO2-Gehalt in der Luft. Ich versuche, alle 20 Minuten zu lüften, aber das gelingt nicht immer. Manchmal ist man so im Arbeitsfluss mit den Kindern drin, dass man es schlicht und einfach vergisst. Wenn man lüftet, frieren die Kinder. Da braucht man dann in dieser Zeit gar nicht zu unterrichten. Eigentlich ist der zweite Lockdown viel zu spät gekommen. Warum hat man nicht viel früher etwas gemacht? Dann hätten wir normale Weihnachten haben können.“