„Ich bin nicht der Erklärbär“
Neulich hat meine beste Freundin etwas sehr Weises zu mir gesagt: „Du bist nicht der Erklärbär.“ Diesen Satz fand ich so weise, dass ich ihn mir sogar in mein Handy als Notiz, die ich nie vergessen darf, abgespeichert habe.
Was war nochmal der casus knaxus, der zum Handyverbot führte?
Vorausgegangen war ein Disput mit meinem Sohn. Er wollte von mir wissen, warum er jetzt schon wieder Handyverbot hat. Er könne sich gar nicht mehr daran erinnern, was er denn sooo Schlimmes gestern getan hätte. Ich konnte mich wegen meiner mütterlichen Demenz leider auch nicht mehr erinnern, wusste nicht mehr den casus knaxus, sondern nur noch die daraus resultierende Konsequenz: Handyverbot.
Also versuchte ich mich in Erklärungen, vermutlich war es wieder mal seine Wortwahl, die jeden Anstand mir gegenüber vermissen ließ oder er hat Donald-Duck-Bücher seinen Hausaufgaben vorgezogen. Irgend so etwas wird es denn schon gewesen sein. Er schaut mich auch nach zehnminütigem hilflosem Erklären skeptisch an und sagt: Mama, das ist nicht fair.“ Währenddessen schaute mich auch meine Freundin, die leider Zeugin dieses unglückseligen Vorfalls geworden ist, völlig entgeistert an – bis sie meinen Erklärungsversuchen ins Wort fiel und zu meinem Sohn sagte: „Freundchen, du denkst am besten jetzt mal selber drüber nach, welches Verhalten dazu geführt hat, dass du seit gestern kein Handy mehr hast. Und zwar alleine auf deinem Zimmer.“ Mein Sohn stöhnte laut auf, trabte aber schließlich von dannen.
„Sag mal, was soll denn das?“
„Sag mal“, wandte sie sich nun an mich. „Was soll denn das?“ – „Was soll was?“, fragte ich zurück. „Warum versuchst du deinen Kindern immer alles bis zum Erbrechen zu erklären? Das war doch jetzt ganz offensichtlich Taktik von deinem Sohn, sich so sein Handy wiederzuholen.“ – „Ist aber auch blöd von mir, dass ich selbst nicht mehr weiß, warum er gerade mal wieder Handyverbot hat“, entgegnete ich mit einem bereits anwachsenden schlechten Gewissen meinem Sohn gegenüber. „Nein, ist es nicht. Es war was und du hast das nicht ohne Grund gemacht. Punkt“, sagte meine Freundin. „Du bist doch nicht der Erklärbär, der jedem in dieser Familie erklären muss, warum er was zu machen hat.“
Vorausgegangen waren zu diesem Zeitpunkt schon diverse Diskussionen mit meiner Tochter und meinem bereits erwähnten Sohn, warum sie ihren Teller in die Küche tragen müssen, warum ihr Zimmer aufgeräumt werden muss, warum die Hausaufgaben ordentlicher gemacht werden müssen. Nun – ich erkläre, weil ich meinen Kindern gerne etwas erkläre, damit sie verstehen, warum sie sich wie verhalten sollen.
Das ist ja dann auch immer so ein Totschlagargument
Ich sage dann beispielsweise Sätze wie: „Kind, in der Schule und im späteren Leben ist es wichtig, eine Schrift zu entwickeln, die sich vom Primaten weiterentwickelt hat, sodass auch andere diese Schrift entziffern können. Nur so ist eine gelingende Kommunikation in schriftlicher Form möglich.“ „Mama“, schaut mich meine Tochter mitleidig an. „Es gibt doch aber jetzt im Gegensatz zur Steinzeit Computer. „Bitte schreib den Text trotzdem nochmal sauber und ohne Fehler ab, weil ihr in der Schule nun mal noch nicht eure Deutschaufgaben am Computer erledigt, sondern noch mit Füller auf einem Blatt Papier“, starte ich einen nächsten Erklärungsversuch. „Die anderen bessern aber ihre Fehler auch nicht aus“, entgegnet meine Tochter. Das ist ja dann auch immer so ein Totschlagargument, denn was weiß denn ich, was Tims Mutter zu Hause sagt oder macht oder Sarahs Mutter? „Die Lehrerin hat aber gesagt, ihr sollt Fehler zu Hause verbessern“, versuche ich es ein letztes Mal. Meine Tochter guckt mich nur an.
„Du bist der Leitwolf“
Meine Freundin, selber Mutter, schaut mich entgeistert an und ermahnt mich: „Du bist der Leitwolf. Du musst führen.“ Ich schließe vorsichtshalber das Fenster zu den Nachbarn. „Zur Zeit sieht es aber eher so aus, wie wenn du die letzte bist, die in dieser Familie fressen darf.“ – „Ich führe doch – auf eine liberale Weise.“ – „Durch deinen liberalen Erziehungsstil werden deine Kinder später irgendwelche Gansterhippies, die es nicht gelernt haben, sich an Regeln zu halten.“ – „Oder sie gewinnen im Debattierclub“, hoffe ich innerlich.
Unsere Mitarbeiterin Christine Müller verarbeitet in unregelmäßigen Abständen ihre Alltagserfahrungen in einer GSCHWÄTZ-Kolumne.