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„Wir kämpfen um die Zulassung“

Unter dem Motto „Jeder Tropfen zählt“ ist in Öhringen ein Projekt gestartet, das umweltfreundlichen Treibstoff für Kraftfahrzeuge aus Altfetten und -ölen erzeugen will. Öhringen ist nach Erlangen und Fürth der dritte Standort, an dem diese Stoffe aus der Gastronomie und Privathaushalten gesammelt werden, um sie einer zweiten Nutzung zuzuführen. Neben der Abfallwirtschaft Hohenlohe ist Roland Weissert, Geschäftsführer der EDi Energie-Direkt Hohenlohe GmbH, eine der treibenden Kräfte für diese Aktion. GSCHWÄTZ hat mit ihm über die Aktion und vieles mehr gesprochen.

„Viele kleine Maßnahmen ergeben auch ein Stück für den Klimaschutz“

GSCHWÄTZ: Herr Weissert, was hat Sie bewegt, Biokraftstoff aus der Bratpfanne zu erzeugen?

Weissert: Viele kleine Maßnahmen ergeben auch ein Stück für den Klimaschutz. Das Altfett verstopft sonst das Kanalsystem und sorgt in den Kläranlagen für Aufwand. Ein gewerblicher Abfallentsorger aus Franken hat ausgerechnet, dass pro Person ein Potential von etwa 1,3 kg pro Kopf und Jahr besteht und hatte auch bereits ein Sammelsystem eingerichtet. Da wir bereits heute derartige Kraftstoffe vertreiben, war so ein Projekt für uns natürlich interessant.

GSCHWÄTZ: Lohnt sich das?

Weissert: Nein, noch deckt der Aufwand für die Sammlung den Wert nicht. EDi finanziert das Projekt gemeinsam mit dem Altfettsammler. Aber wenn die Sammlung angenommen wird, wird der Kreis über die Weiterführung entscheiden. Wir hoffen, dass wir ein Leuchtturmprojekt für ganz Baden-Württemberg werden können.

„Wir hoffen, dass wir ein Leuchtturmprojekt für ganz Baden-Württemberg werden können“

GSCHWÄTZ: Was wird genau aus dem Altfett und -öl erzeugt?

Weissert: Daraus wird ein Dieselkraftstoff erzeugt, wie sie ihn bei uns als CARE-Diesel bereits heute kaufen können. Dieser Kraftstoff erfüllt alle Kriterien der Dieselnorm DIN EN 15940 (Kraftstoffe mit synthetischer oder biologischer Herkunft) und übertrifft damit eigentlich die Anforderungen der DIN EN 590, die für Diesel auf Mineralölbasis gilt.

Anmerkung der Redaktion: Der Hersteller des Care-Diesel, die Firma Tool-Fuel, benennt die Vorteile ihres synthetischen Kraftstoffs:
Durch die sehr hohe Cetanzahl (> 70) verbrennt C.A.R.E. Diesel sauberer, als normaler Diesel. Als Folge wird der Ausstoß von gesundheitsgefährdenden Stoffen wie Ruß und Stickoxiden deutlich reduziert. Im Klartext:

    • -35% Stickoxide NOx (bei optimierter Motorsteuerung)
    • -30% Feinstaub PM
    • -30% Kohlenmonoxid
    • -50% Kohlenwasserstoffe THC

C.A.R.E. Diesel wird größtenteils aus pflanzlichen Rest- und Abfallstoffen hergestellt. Diese Rohstoffbasis sorgt für eine CO2-Reduktion zwischen 70% und 90% verglichen mit normalem Diesel. 

Man könnte mit diesen Kraftstoffen auch Autos tanken, aber das ist (derzeit noch) nicht erlaubt

GSCHWÄTZ: Und mit diesem Kraftstoff kann ich meinen PKW betanken?

Weissert: Sie können das tun. Aber das ist quasi nicht erlaubt in Deutschland, da wird es gleich auf mehreren Ebenen problematisch. Es gibt nämlich einen Punkt der EN 590, die der Kraftstoff nicht erfüllt: Er ist mit rund 780kg/1000l leichter als es die Norm mit 820kg/1000l vorschreibt. Alle anderen Anforderungen der Norm erfüllt oder übererfüllt der CARE-Diesel. Aber damit entspricht er nicht  den Zulassungskriterien der Automobilhersteller und ist von den meisten Herstellern nicht zertifiziert. An einigen Shell-Tankstellen gibt es den Shell R33 BlueDiesel: Dem ist neben den üblichen 7% Biodiesel 26% CARE-Diesel beigemischt, damit erreicht er genau das Mindestgewicht. Für die Nutzfahrzeughersteller stellt das Gewicht scheinbar kein Problem dar: Die Firma LIEBHERR befüllt beispielsweise ihre Fahrzeuge bei der Auslieferung sogar mit CARE-Diesel.

Bundesumweltministerium ist dagegen

Ausserdem ist sich die Politik uneinig. Baden-Württemberg sagt: „Wir brauchen synthetischen Kraftstoff“, Ministerpräsident Kretschmann und Verkehrsminister Herrmann sind dafür, das Bundes-Umweltministerium ist dagegen.

GSCHWÄTZ: Wenn die Aussagen des Herstellers stimmen, wie kann das Umweltministerium dagegen sein?

Weissert: Das Argument ist, dass in den verwendeten Grundstoffen Palmöl verwendet werden könnte – und für das Umweltministerium ist wohl die Weiterverwendung selbst des bereits benutzten Palmöls verwerflich. Es geht aber bei unserem Projekt nur darum, Öle und Fette zu verwerten, die schon im Umlauf sind und die sonst entsorgt werden müßten. Außerdem werden Verbraucherschutzargumente vorgeschoben, denn man könnte versehentlich einen Kraftstoff tanken, der vom Autohersteller nicht freigegeben ist. Das ist natürlich vorgeschoben, denn sonst würden ja auch heute viele Menschen Diesel statt Super oder umgekehrt tanken.

Umweltministerium gegen Verkehrsministerium

Aber das Tollste: Das Verkehrsministerium sieht das wieder ganz anders. Die EU hat eine „Clear-Vehicle-Directive“ beschlossen, die die Nutzung von e-Fuels explizit erlaubt: 45 Prozent aller Neufahrzeuge öffentlicher Betreiber müssen mit sauberem Antrieb ausgestattet sein, und da ist der synthetische Diesel neben Elektroantrieb und grünem Wasserstoff ausdrücklich genannt. Auch die deutsche Umsetzung, das „Saubere Fahrzeuge Beschaffungs Gesetz“ erlaubt  Fahrzeuge, die mit Diesel nach der Norm DIN EN 15940 fahren, „ausgenommen Kraftstoffe, die aus Rohstoffen mit einem hohen Risiko indirekter
Landnutzungsänderungen erzeugt wurden“. Noch toller: In der 10. Bundesimmissionsschutzverordnung des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz kommt dieser Diesel gar nicht erst vor.

„Wir kämpfen um die Zulassung“

GSCHWÄTZ: Sehen Sie Anzeichen, das sich nach der Wahl etwas ändern wird?

Weissert: Nach dem Wahlergebnis könnte ein frischer Wind ins Umweltministerium kommen.

GSCHWÄTZ: Und was können Sie jetzt tun?

Weissert: Wir kämpfen um die Zulassung. Wir sind dran und brauchen jede Hilfe. In ganz Europa sind diese Kraftstoffe ein Teil der Strategie zur CO2-Vermeidung, nur in Deutschland nicht. Ein Vertragsverletzungsverfahren bei der EU, weil Deutschland die Clear-Vehicle-Directive nicht ordentlich umgesetzt hat, ist bereits am Laufen.

„Einseitige Festlegung auf E-Mobilität“

Das Umweltministerium legt sich einseitig auf die Elektro-Mobilität fest und fördert diese. Das kann aber nur ein Teil der Lösung sein. Auch wir haben jetzt einen Förderantrag für einen E-LKW gestellt: Der kostet 280.000 Euro mehr als ein Diesel – und wird mit 240.000 Euro gefördert. Dabei hat er eine realistische Reichweite von 120 bis 150 Kilometer. Das heißt, wir können mit diesem Fahrzeug noch nicht mal Pellets beim Hersteller abholen. [lacht]

Es geht um die CO2-Neutralität

Die Wissenschaft fordert Technologieoffenheit, das Ziel sollte einzig die CO2-Neutralität sein. Es ist ein Wahnsinn, mit welchem Druck in der Politik die e-Mobilität forciert wird.

GSCHWÄTZ: Sie sind ein Brennstoffhändler. Wie stellen Sie sich für die Zukunft auf, wenn fossile Brennstoffe durch nachhaltigere Energie ersetzt werden sollen?

Weissert:  Wir haben eigentlich gar kein Energieproblem. Die Energie ist nur am falschen Ort zur falschen Zeit. Eigentlich haben wir sogar zuviel Energie. Das Hauptproblem ist das Speichern und die Transportlogistik. Wir müssen die Energie an den Ort bringen, wo sie gebraucht wird.

Power-to-Liquid in der Wüste

Ein Ansatzpunkt könnte sein, die Energie direkt am Entstehungsort umzuwandeln und die bestehende Infrastruktur zu nutzen. Saubere Stromerzeugung mit Photovoltaik „in der Wüste“, beispielsweise in den heutigen Ölförderstaaten, ist viel effizienter als bei uns. Wenn man diesen Strom vor Ort in Methan umwandelt, dazu braucht man nur CO2 und Wasser, dann könnte man das wie bisher in Tankern in alle Welt transportieren. Gleichzeitig würde man den Ölländern eine Alternative aufzeigen und unsere Industrie könnte die notwendigen Anlagen liefern.

Ebenfalls theoretisch möglich: Altfetten auch Heizöl

Auch könnte man unsere Kraftstoffe aus Altfetten auch Heizöl oder Flüssiggas beimischen. Öl- und Gasheizungen, aber auch Verbrennungsmotoren werden uns noch eine lange Zeit begleiten, da kann sich die Politik auf den Kopf stellen. Die Mobilität auf dem Land wird weiterhin individuell bleiben, man kann Stadt und Land nicht über einen Kamm scheren.

Wir sind heute schon auf erneuerbare Kraftstoffe spezialisiert.
Auf der anderen Seite haben wir die erste Schnellladesäule im Hohenlohekreis installiert, vertreiben Wallboxen und stellen mit unseren Kunden auf erneuerbare Energien um.

„Wir kommen aus der Luxussituation, dass der Strom einfach aus der Steckdose kommt“

Wir kommen aus der Luxussituation, dass der Strom einfach aus der Steckdose kommt. Dieser Komfort wird nicht besser. Wir suchen Wege und Lösungen, den Lebensstandard zu erhalten. Wir tun das, was wir können, um heute praktikable Methoden für den Klimaschutz umzusetzen.

„Da wundert man sich nicht mehr, warum man in unserem Land nicht weiterkommt“

Aber wir stehen uns seit Jahren im Weg. Ein Beispiel: Würde man industriell erzeugtes CO2, wie es etwa in der Zementindustrie anfällt, mit grünem Strom und Wasser in Methan umwandeln, dürfte das nicht auf die Erreichung der Klimaziele angerechnet werden. Da wundert man sich nicht mehr, warum man in unserem Land nicht weiterkommt.“

Das Interview führte Matthias Lauterer

Mehr Informationen:
https://jedertropfenzaehlt.de/
https://www.edi-hohenlohe.de/produkte/kraftstoffe/care-diesel/
https://toolfuel.eu/