Ein digitaler Brief flatterte per E-Mail am Montag, den 18. Januar 2021, in einige deutsche Redaktionen. Der Absender: keinemenschlichkeitebmpapst@freenet.de. Die Überschrift: Keine Menschlichkeit bei ebm-Papst. Der Absender: unbekannt. Auf GSCHWÄTZ-Nachfrage möchte er oder sie keinen persönlichen oder telefonischen Kontakt. Aber das, was er in seinem Brief geschrieben hat, hat es in sich. Der Absender plaudert scheinbar aus dem Nähkästchen eines Unternehmen, das einen vorbildlichen Ruf genießt. Es geht um ebm-Papst und die Coronakrisenpolitik.
„Es findet eine Umstrukturierung statt, umgangssprachlich, es werden Leute gegangen“
Unter anderem wirft der Absender dem Unternehmen unter anderem vor: „Erst werden die Mitarbeiter in der Verwaltung drei Monate in Kurzarbeit geschickt, da man dieses Instrument wählt, um die Belegschaft zu schützen. Dann wird die Kurzarbeit aber wieder aufgelöst und was passiert kurz darauf? Es findet eine Umstrukturierung statt, umgangssprachlich, es werden Leute gegangen! Nicht gekündigt, da durch das Bündnis für Arbeit die Belegschaft nicht gekündigt werden kann, da betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen werden. Daher wurde das Thema „Umstrukturierung“ genannt.“
„Die schlechtesten jeder Abteilung haben eine Gesprächseinladung erhalten über einen Aufhebungsvertrag“
Weiter heißt es: „Jede Abteilung, jeder Abteilungsleiter oder Hauptabteilungsleiter musste ein Ranking erstellen, mit dem die Mitarbeiter gerankt wurden. Die schlechtesten jeder Abteilung haben eine Gesprächseinladung erhalten über einen Aufhebungsvertrag. Es wurde sehr deutlich gemacht, dass man sich trennen möchte von der Person. In einem Fall wurde richtig gedroht, wenn die Person nicht den Aufhebungsvertrag unterschreibt, man sicherlich noch andere Dinge findet, wie eine privat geschriebene Mail. Das hat der Dame richtig weh getan und es hat sicherlich auch seelisch einen Knacks hinterlassen. […] Und ja…man hat übrigens den Sohn von Gerhard Sturm (Ralf Sturm) mittlerweile aus den Themen in und um Mulfingen herausgenommen, da er sonst zu nah dran wäre…man hat ihn für Themen für die komplette Gruppe benannt…eigentlich nicht schlecht wenn man so bedenkt, aber das hat nur den Hintergrund, dass der Sohn von Gerhard Sturm nicht zu nah an den Themen hier in Mulfingen dran ist. […]“
„Hat sicherlich das Herz von dem Gründer der Firma geblutet“
„Die Firma war eine sehr gute, hat aber viel an Menschlichkeit verloren und mutiert immer mehr zu einem fremden Konzern. […] Zu dem Thema „Umstrukturierung“ hat sicherlich das Herz von dem Gründer der Firma geblutet…weil das absolut nichts mit Menschlichkeit zu tun hat.“
„Die schlechtesten jeder Abteilung haben eine Gesprächseinladung erhalten über einen Aufhebungsvertrag“
Auch Hauke Hannig, Peessesprecher von ebm-Papst, liegt das Schreiben vor. Er sagt gegenüber GSCHWÄTZ : „Ich möchte Ihnen dazu gerne übermitteln, dass wir uns durch Covid-19 in einer außergewöhnlichen Zeit in Gesellschaft und Wirtschaft befinden. Mit unseren Schwerpunkten „Schutz für unsere Belegschaft“ sowie „Sicherung des Unternehmens“ konnten wir bisher die Corona-Krise den Umständen entsprechend gut bewältigen und sind mit unseren AHAL-Maßnahmen (Anm. d. Red.: Hygienemaßnahmen) vorbildlich unterwegs. Dies blendet der anonyme Schreiber gänzlich aus.“
„Wir fahren weiterhin auf Sicht“
Die Redaktion GSCHWÄTZ möchte von Hauke Hannig wissen, inwieweit der Inhalt des Schreibens stimmt. Hauke Hannig hat unsere Fragen sehr schnell und offen beantwortet.
40 Mitarbeiter erhielten Aufhebungsverträge
GSCHWÄTZ: Ist es korrekt, dass sich ebm-Papst im Zuge der Coronakrise von Mitarbeitern getrennt hat?
Hannig: Wir haben im Zuge der Corona-Krise Auflösungsverträge über mehrere Monate mit knapp 40 Mitarbeitern bei ebm-papst Mulfingen abgeschlossen.
GSCHWÄTZ: Wie viel Mitarbeiter hatte ebm-Papst im Januar 2020 und wie viele im Januar 2021?
Hannig: Dezember 2019: 3.693, Dezember 2020: 3.620. Der Reduktion inbegriffen ist insbesondere Rente und Leiharbeit.
„Wir räumen unseren Mitarbeitern zukünftig die Möglichkeit ein, bis zu 80 Prozent ihrer Arbeitszeit an einem Ort außerhalb des Unternehmens zu leisten“
GSCHWÄTZ: Wird es 2021 noch weitere Trennungen von Mitarbeitern bedingt durch die Coronakrise geben?
Hannig: Was die Geschäftssituation von ebm-papst anbetrifft, so holen wir aktuell beim Umsatz nach 30 Prozent im April 2020 wieder auf und haben eine gute Auslastung. Wir hatten das Instrument der Kurzarbeit ab April 2020 angewendet. Bereits im Juli konnten wir dieses wieder komplett aussetzen. Wir fahren weiterhin auf Sicht und bewerten die Lage kontinuierlich neu. Sofern die Lieferketten weiterhin stabil bleiben, sehen wir optimistisch in die Zukunft und können Trennungen ausschließen.
„Grundsätzlich ist Vertrauen bei ebm-papst groß geschrieben“
GSCHWÄTZ: Ist es korrekt, dass Führungspersonen bei ebm-Papst ein Mitarbeiter-Ranking erstellen mussten und wurde dieses Ranking herangezogen bei der Bewertung, wer einen Auflösungsvertrag bekommt?
Hannig: Es ist ein allgemein gängiges Verfahren, dass Führungskräfte regelmäßig die Leistung ihrer Mitarbeiter bewerten und ihnen Feedback geben.
Grundsätzlich ist Vertrauen bei ebm-papst groß geschrieben. Bereits seit dem Jahre 2014 arbeiten wir im Angestelltenbereich mit einem flexiblen Arbeitszeitsystem ohne Kernarbeitszeit. Hierdurch haben wir unsere Arbeitskultur von einer anwesenheitsgeprägten zu einer ergebnisorientierten Kultur umgestellt und stärken damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf deutlich. In einer nun zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat geschlossenen Betriebsvereinbarung zum mobilen Arbeiten, verbessern wir die Vereinbarung der Arbeitstätigkeit und der persönlichen Lebensführung weiter und ermöglichen eine flexible Gestaltung von Arbeitszeit und Arbeitsort im betrieblichen und im privaten Interesse. Als innovativer und fortschrittlicher Arbeitgeber räumen wir unseren Mitarbeitern zukünftig die Möglichkeit ein, bis zu 80 Prozent ihrer Arbeitszeit an einem Ort außerhalb des Unternehmens zu leisten.
Umsatzminus teilweise bei 30 Prozent
GSCHWÄTZ: Inwieweit hat ebm-Papst, um die finanzielle Handlungsfähigkeit des Unternehmens sicherzustellen, 2020 Kurzarbeit eingeführt? Wenn ja, in welchem Umfang und wie viele Mitarbeiter sind davon betroffen?
Hannig: Wir haben im April bis Juni 2020 Kurzarbeit bei ebm-papst in Mulfingen durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt lagen wir bei einem Umsatzminus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Betroffen waren am Standort rund 1.200 Mitarbeiter des Angestelltenbereichs am Standort in unterschiedlichem Ausmaß.
GSCHWÄTZ: Wie viel Umsatzrückgang hat ebm-Papst auf das Gesamtjahr 2020 zu verzeichnen? Inwieweit lag dieser Umsatzrückgang in der Coronakrise begründet? Laut internen Papieren rechnet das Unternehmen mit ein bis zwei Jahren, bis wir das Umsatzniveau von 2019/20 wieder erreicht wird.
Hannig: Was die Geschäftssituation von ebm-papst anbetrifft, so holen wir aktuell beim Umsatz nach Minus 30 Prozent im April 2020 wieder auf und haben eine gute Auslastung. Wir rechnen zum Jahresabschluss am 31. März 2021 mit einem einstelligen Umsatzminus.
Die Fragen stellte Dr. Sandra Hartmann