„Am Anfang waren alle Besuche verboten“, erinnert sich Sabine Focken im Rahmen eines Couchgesprächs mit Dr. Sandra Hartmann über die Rolle der Kirche in der Pandemie. Im ersten Teil des Interviews sprach die 62-Jährige offen über den anfänglichen Rückzug ihrer Gemeindemitglieder und wie sie auch sich und ihre Arbeit neu definieren musste, um den veränderten Gegebenheiten gerecht zu werden.
Um wieder zu sich selbst und zueinander zu finden
Im zweiten Teil des Couchgesprächs geht es nun darum, welche Projekte die Gemeindemitglieder in Dörrenzimmern und Stachenhausen während der Pandemie ins Leben gerufen haben, um wieder zu sich selbst und zueinander zu finden.
Das wurde dann so eine Art Bewegung
„Am Anfang waren alle Besuche verboten. Daher hat unser Besuchskreisteam jeden Senior und jede Seniorin in der Gemeinde kontaktiert und gefragt: „Hast du einen Bibelspruch, der dir gut tut? Das wurde dann eine Art Bewegung. So haben wir angefangen, den Glauben wieder nach vorne zu holen“, erzählt Sabine Focken mit sichtlicher Begeisterung. Herausgekommen ist ein kleines Büchlein mit vielen Lieblingsstellen aus der Bibel und selbstgemalten Bildern.
Auch sie selbst haderte immer wieder
Aber so einfach war es nicht immer während der Pandemie. Auch sie selbst haderte immer wieder, wie auch andere Menschen in ihrer Gemeinde. „Am Anfang waren wir naiv. Wir dachten: Nach der ersten Welle haben wir sicher das Meiste überstanden. Dann kam die nächste und die nächste Welle. Das hat auch bei mir früher Frust ausgelöst. Jetzt entspanne ich mich schneller und warte ab.“ Dankbar ist Sabine Focken, weil sich viele Türen nicht nur geschlossen, sondern auch geöffnet haben in dieser Zeit. „Ich habe Gott als aktiv Handelnden erlebt, etwa durch die vielen Impulse, die ich von anderen bekommen habe, als ich zunächst still wurde.“
Nichts wird mehr so sein, wie es mal war
Sie sieht auch jetzt nicht das große Ende der Pandemie nahen, sondern weiß, dass nach einer derartigen Ausnahmezeit nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Man kann die Zeit nicht einfach zurückdrehen, auch wenn sich viele nach diesem Zustand sehnen. aber nicht nur hinsichtlich Corona, auch hinsichtlich vieler anderer Dinge wie dem Klimawandel bedarf es nun einem großen Veränderungswillen: „Ich glaube, wir brauchen einen großen Umbruch in der Gesellschaft. Wir müssen alle vom Konsum runter.“
„Da ist so eine Kraft in dem Ausgebremst-Sein drin“
Und genau darin sieht sie die Energie, die eine derartige Krise auch freisetzen kann: „Da ist so eine Kraft in dem Ausgebremst-Sein drin.“ Die Gemeinde wurde erfinderisch, um ihre Mitglieder in der Pandemie trotz Abstandsgebote und Ängste zu erreichen. Das Kirchenteam verteilte Osterbriefe an alle Senioren, jeden Sonntag werden bis heute die Predigten und Lieder per WhatsApp verschickt. Mitte-der-Woche-Impulse ebenso. Anfangs kam sich Sabine Focken komisch vor, am Schreibtisch zu sitzen und ihre Predigt in ihr Handy zu sprechen, um sie danach per WhatsApp zu verschicken. Heute lacht sie, wenn sie an die Anfänge des digitalen Umbruchs zurückdenkt.

Beispiel eines Mitte-der-Woche-Impuls, den Sabine Focken per WhatsApp verschickt.
„Christliche Botschaften muss man hier viel kürzer und in nichtkirchlicher Sprache auf den Punkt bringen“
„Christliche Botschaften muss man hier viel kürzer und in nichtkirchlicher Sprache auf den Punkt bringen“, habe sie dabei gelernt. Auf der gleichen Spur ist sie als Hochschulseelsorgerin in Künzelsau mit ihrem Instagram-Account genannt „Soulfood“ (seelische Nahrung, zu finden auf Instagram unter: Instagram: soulfood_hhn). Zudem sind Glaubensabende entstanden, zunächst als Gemeindeangebot gedacht, coronabedingt gestrichen und aus großer Lust im Kirchengemeinderat ganz neu entwickelt. „Gemeinsam sind wir sprachfähiger geworden in Sachen Glauben und sind sehr gespannt, wie es damit in der Gemeinde weitergeht.“
Die Diskussion, ob Gottesdienste auch in Hochzeiten der Pandemie stattfinden dürfen – Sabine Focken hat hierzu eine klare Meinung
Was ihr während unseres Gesprächs wichtig ist, immer wieder zu betonen, dass nicht nur in ihrer Gemeinde viel geleistet wurde und sich einiges geändert hat, sondern überall. Und dass ganz viele Menschen daran beteiligt waren und sind.
Immer wieder gab und gibt es Diskussionen auch im Hohenlohekreis, ob Gottesdienste in den Höhepunkten der Pandemie noch stattfinden dürfen oder nicht. „Wir haben hier klare Richtlinien des Oberkirchenrates gehabt“, sagt Focken. Diese orientierten sich an den Inzidenzen. Innerhalb dieser Regeln gab es für die Gemeinden jedoch Entscheidungsspielräume. Sabine Focken: „Wir haben uns angesichts unserer großen Kirche immer für so viel wie möglich Präsenz entschieden ABER gleichzeitiger Berücksichtigung der SicherheitErst wenn Apotheken und Arztpraxen schließen müssen, dann muss auch die Kirche ihre Pforten zu machen, denn die Menschen brauchen einen Glauben beziehungsweise Glaubensangebote in dieser Zeit. Das ist Fockens klare Meinung dazu. Denn: „Glaube stärkt das Immunsystem“, davon ist die Pfarrerin überzeugt.
Solosängerteam singt von der Empore
Nicht alle in ihrer Gemeinde sehen das so beziehungsweise hatten den Wunsch, einen Gottesdienst zu besuchen. Das Schichtmodell (2 Gottesdienste hintereinander, um einer vollen Kirche entgegenzuwirken) stellten sie wieder ein, da die Angst unter den Gemeindemitgliedern zu groß vor Ansteckung war. Es blieb daher bei einem Gottesdienst. Während die Gemeindemitglieder in der Kirche nicht singen dürfen wegen der Coronaverordnung, hat Dörrenzimmern seit Beginn ein Solosängerteam hierfür, das von der Empore singt. Das ist erlaubt.
Kirchenmäuse-WhatsApp-Gruppe mit den neuesten kirchlichen Nachrichten für die jüngsten Gemeindemitglieder
Viel hat sich getan in diesen zwei Jahren, bunt bemalte Glaubenssteine wurden um die Kirche gelegt, der Kirchplatz hat ein von den Konfirmanden gebautes Insektenhotel bekommen, ein neu gegründeter Zwergentreff unter der Leitung von Eva-Maria Schmidt trifft sich immer draußen, es gibt eine Kirchenmäuse-WhatsApp-Gruppe die die jüngsten Gemeindemitglieder über Neuigkeiten in der Kirche informiert, umgesetzt von Nicole Vogt von den Hochholzhöfen und Renate Denner vom Eschenhof. „GoodNews“ (gute Nachrichten = frohe Botschaft) war im vergangenen Jahr ein zeitlich begrenztes, aber sehr erfolgreiches WhatsApp-Gruppen-Angebot für Kinder und Jugendliche. Hier durfte jeder gute Nachrichten einstellen. „Glaube stärkt, auch die Jugend braucht Stärke, vor allem für die Aufgaben, die noch anstehen“, sagt die Pfarrerin.
Meditative Gottesdienste
Raus in die Natur ging es beim Osterweg in Stachenhausen oder bei der von Mädchen aus dem Ort gestalteten Kirchenrallye in Dörrenzimmern. Holger Hartmann vom evangelischen Jugendwerk (ejk) schaute mit seinem EJK-Mobil vorbei und töpferte mit den Kindern. Es fanden meditative Gottesdienste mit Sabine Otterbach statt, um zur Ruhe zu kommen.
Sabine Focken erlebte und erlebt in dieser Zeit als Pfarrerin eine viel intensivere Seelsorge. „Über den Glauben passiert so viel Gesundung. Wir brauchen mehr Glauben in unserem Land, er muss wieder neu entdeckt werden.“
„Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als über die Finsternis zu klagen“
Das Seniorenkreis-Team schenkte jedem Senior und jeder Seniorin in der Gemeinde in der Adventszeit eine Kerze mit einem Tannenzweig und einer Karte, auf der stand: „Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als über die Finsternis zu klagen.“
Focken weiß um die schwindenden Mitgliederzahlen der Kirchen. Aber sie sieht in der Pandemie auch eine Chance, alte Verkrustungen abzuschütteln. „Man entdeckt andere, neue Dinge, die vielleicht sogar besser als die alten sind und vor allem merkt man, wie gut es ist, die Kraft und den Segen Gottes zu brauchen und
zu finden.“