„Gefahr der Vereinsamung, aber auch der Frustration, im schlimmsten Fall kann es zu häuslicher Gewalt führen, zum Beispiel wenn übermäßiger Alkoholkonsum im Spiel ist“
Über mehrere Wochen und Monate gab es in Deutschland eine Kontaktverbot zu anderen Haushalten. Auch vor Kontakt zwischen Enkeln und Großeltern sollte erst einmal eingestellt werden, um insbesondere Großeltern vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Schritt für Schritt heben die Landesregierungen diese Coronamaßnahmen nun wieder auf. Doch was bedeutet eigentlich die soziale Isoaltion über mehrere Wochen und Monate für viele Menschen?
GSCHWÄTZ-Redakteurin Sonja Bossert hat beim Klinikum am Weißenhof in Weinsberg nachgefragt. Privatdozent Dr. med. Daniel Schüpbach, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der Klinik für Allgemeine Psychiatrie und Psychotherapie (West), Klinikum am Weissenhof, Weissenhof, hat ihre Fragen beantwortet.
Kann zu vermehrtem Stress führen
GSCHWÄTZ: Wie wirkt sich soziale Isolation auf die Psyche der Menschen aus?
Schüpbach: Man kann davon ausgehen, dass die meisten soziale Isolation/soziale Distanzierung im Zusammenhang mit der Corona-Krise ohne nennenswerte Folgen für die Psyche überstehen können. In diesem Zusammenhang sprechen wir von so genannter Resilienz: Im psychologischen Sinn als die Fähigkeit definiert, Krisen zu überwinden, widerstandsfähig zu sein.
Überhandnehmen von Ängsten und Depressionen
Soziale Isolation kann auf der anderen Seite zu vermehrtem Stress führen, weil Quarantäne-Maßnahmen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie nur bei denjenigen Personen durchgeführt werden, welche positiv auf das Virus getestet wurden oder welche im direkten Kontakt dazu standen. Somit sind nicht alle Bürger betroffen. Es besteht die Gefahr der Vereinsamung, der Hoffnungslosigkeit, ein Überhandnehmen von Ängsten und Depressionen. Zudem können sich Frustration, Ärger oder gar Wut manifestieren, und im schlimmsten Fall zu häuslicher Gewalt führen, zum Beispiel wenn übermäßiger Alkoholkonsum im Spiel ist.
GSCHWÄTZ: Hat sich dadurch auch die Zahl der Depressionspatienten am Klinikum am Weissenhof verändert?
Schüpbach: Das Klinikum am Weissenhof registriert im Moment keine Zunahme an depressiven Patienten. Vereinzelt sehen wir Menschen, die von Ängsten über das Corona-Virus überwältigt werden, vor allem, wenn sie sozial isoliert sind. Hinzu kommen vermehrt Ängste, an einer Corona-Virus-Infektion zu erkranken. In der Sprechstunde der psychiatrischen Institutsambulanz des Klinikums am Weissenhof stellen wir fest, dass das Thema Corona/dessen Gefahren bei vielen Patienten zur Sprache kommt, oftmals verbunden mit medizinischen Fragen. Kurzfristige Notfalltelefonate häufen sich.
Kurzfristige Notruftelefonate häufen sich
GSCHWÄTZ: Nach wie vielen Tagen/Wochen/Monaten in Quarantäne sind diese Auswirkungen spürbar?
Schüpbach: Es ist naheliegend, dass wir von keiner bestimmten Zeit ausgehen, in welcher sich psychische Symptome durch Quarantäne manifestieren können. Es ist ebenso einleuchtend, dass Menschen häufiger darunter leiden, je länger solche Maßnahmen bestehen. An dieser Stelle ist es vielleicht auch angebracht, zwischen Quarantäne-Maßnahmen und den allgemeinen Hygiene-Regeln zu unterscheiden, welche einen Mindestabstand von 1,5 bis 2m von Person zu Person vorschreiben.Vor allem unter Quarantäne können sich Risikofaktoren für eine Krise summieren: Ängste vor Erkrankung, Stigmatisierung/Diskriminierung, Furcht vor dauernder sozialer Isolation, existentiellen Ängste: Arbeits-/Wohnungsverlust, finanzielle Engpässe; und das Gefühl der Machtlosigkeit und des Ausgeliefert-Seins. Untaugliche Bewältigungsstrategien wie vermehrter Alkoholkonsum können sich manifestieren und zu gravierenden Folgen für den einzelnen Menschen und/oder seiner Umgebung führen: Gewalt gegen körperlich Schwächere wie Frauen und Kinder.
Ein besonderes Risiko für Krisen weisen Menschen auf, welche sich nicht oder nur unzureichend äußern können, welche keine Familien, Freunde, Verbände etc. haben, die ihre Bedürfnisse artikulieren: sozial Geschwächte und Benachteiligte mit Existenzsorgen auch ohne Corona, Kinder und Jugendliche aus solchen Familien, ältere/gebrechliche Menschen und solche mit psychischen Leiden/Suchtleiden.
Hilfe holen
Hilfe können Menschen laut Schüpbach bei folgenden Kontaktstellen holen:
1) In Baden-Württemberg existiert eine Telefon-Hotline für Menschen mit psychischen Belastungen/in schwierigen Situationen: Tel: 0800 377 377 6, Experten stehen von 8 bis 20 Uhr zur Verfügung.
2) Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist unter der Rufnummer 08000 116 016 rund um die Uhr und in 17 Sprachen erreichbar.
3) Das Frauen- und Kinderschutzhaus im Hohenlohekreis ist erreichbar unter Tel: 0 79 40 / 58 95 4.
4) Auf der folgenden Internetseite der Polizei finden sich Informationen: https://www.polizei-beratung.de/opferinformationen/haeusliche-gewalt/
5) Auf der Internetseite des Sozialministeriums Baden-Württemberg ist eine Übersicht zu den Einrichtungen für von häuslicher und sexualisierter Gewalt betroffene Frauen und Mädchen in Baden-Württemberg
Wie stärkt man das Wohlbefinden bei sozialer Isolation?
Das Deutsche Ärzteblatt (Petzold et al., 2020) schlägt laut Schüpbach folgende Maßnahmen zum Erhalt des Wohlbefindens unter sozialer Isolation vor (modifizierte und ergänzte Wiedergabe):
– Körperliche Aktivität wie Krafttraining und Yoga, dazu Entspannungsübungen wie Atemübungen
– Aktiv sein mit Spielen, Sudoku, Kreuzworträtsel, Lesen von Büchern/Magazinen
– Gesunde, achtsame Ernährung: regelmäßige Mahlzeiten, angereichert mit Salat und Früchten, ausreichend Proteinen, Begrenzung der Kohlenhydrate. Ausreichende Einnahme von Flüssigkeit (mindestens 2 Liter pro Tag): neben Wasser, zum Beispiel ungesüßter Tee. Mäßiger Koffeinkonsum, empfehlenswert maximal drei Tassen Kaffee/Tag. Vermeidung von übermäßigem Alkoholkonsum.
– Reduktion des Medienkonsums, vor allem bedrohliche Inhalte, nur noch zweimal täglich
– Reduktion der Beschäftigung mit Gerüchten
– Informationsbeschaffung nur aus zuverlässigen Quellen, 1 bis 2mal täglich, nicht stündlich
– Gefühl der Kontrolle herstellen durch das Setzen von Zielen (etwas Neues lernen, Tagebuch schreiben etc.)
– Humor behalten, Lachen und Lächeln à hilft Stress zu reduzieren
– Extreme Emotionen wie Ängste, Unsicherheit, Wut akzeptieren
– Schlafhygiene: feste Zeiten, in welchen man zu Bett geht und aufsteht, kein Medienkonsum vor dem Einschlafen, wenn Mittagsschlaf, nur kurz (20 Minuten), Tag-Nacht-Umkehr verhindern
„Hygieneschutzmaßnahmen können leben retten“
Daniel Schüpbach betont, dass die meisten Menschen nach Beendigung der Quarantäne-Maßnahmen wieder zurück in den Alltag finden werden und ein normales Leben führen können; dies unter dem Aspekt der Resilienz, der Widerstandsfähigkeit. Andere benötigen Unterstützung und professionelle Hilfe. Aber wie auch immer, die Corona-Krise führe dazu, so der Chefarzt, „dass wir im Umgang mit uns selbst und Mitmenschen achtsamer sein müssen, weil die Hygieneschutzmaßnahmen (Abstandsregeln, Mund-Nase-Schutz, Händewaschen, Hustenetikette) Krankheiten vermeiden helfen und Leben retten können“.
Text: Sonja Bossert

Daniel Schüpbach ist Chefarzt am Klinikum am Weißenhof in Weinsberg. Quelle: Screenshot von der Internetseite des Klinikums

Soziale Isolation kann Ängste und Depressionen begünstigen. Symbolfoto. Quelle: adobe stock
