Am 29. April 2020 verkündete die Bundesregierung die Verlängerung der weltweiten Reisewarnung bis Mitte Juni 2020. Am selben Tag, an dem die Reisebranche in ganz Deutschland an über 40 Orten für eine staatliche Unterstützung für die Branche demonstrierte:
Erheblicher Aufwand mit der Rückabwicklung
Joachim und Peggy Schmidt vom TUI-Reisecenter haben die Demonstration in Künzelsau organisiert. Zirka 25 Demonstranten aus der weiteren Region und etwa 25 Passanten hatten sich in der Kreisstadt eingefunden. Peggy Schmidt fordert eine Unterstützung der Branche von staatlicher Seite: „Wir sind die ersten, die betroffen waren und wir werden auch die letzten sein, die wieder aus der Krise kommen“, erklärt sie. Die Reisebüros hätten besonders zu leiden, da sie im Moment keinerlei Einnahmen erzielen können, aber mit der Rückabwicklung der Reisen einen erheblichen Aufwand hätten. Auch die bereits erhaltenen Provisionen müssten bei Stornierung an die Unternehmen rückerstattet werden. Außer Joachim und Peggy Schmidt arbeiten im TUI-Reisecenter eine Mitarbeiterin und eine Auszubildende. In Deutschland arbeiten etwa 80.000 bis 100.000 Menschen in Reisbüros, in der gesamten Reisebranche gibt es nach Angaben des Deutschen Reiseverbandes etwa 2.9 Millionen Arbeitsplätze.
„Wir haben umsonst gearbeitet“
Eine leidenschaftliche Wortmeldung kommt von Sylvia Kusch, die ein Reisebüro in Vaihingen/Enz leitet: „Wir haben umsonst gearbeitet: Beratungen, Umbuchen, Rücktritte. Wir beraten unentgeltlich. Wir wollen, dass unsere Arbeit honoriert wird.“ Zum erstenmal sei man in der Situation, Unterstützung zu fordern. Sie schließt mit „Wir sind da! Wir sind für unsere Kunden da.“
„TUI war telefonisch nicht zu erreichen“
Joachim Schmidt schickt seiner Rede voraus: „Das ist Jammern auf hohem Niveau. Wenn ich mir Italien und Spanien anschauen mit wochenlangen Ausgangssperren – wir können hier demonstrieren.“ Er betont, dass die Branche zum ersten Mal in dieser Geschlossenheit demonstriert: Reisebüros, Busunternehmer, kleine Veranstalter, Hoteliers. Durch die Verlängerung der Reisewarnung bis zum 14.Juni und die damit verbundenen Stornierungen der Reisen seitens der Veranstalter wird er auch in der nächsten Zukunft mit Rückabwicklungen zu tun haben. Die Unterstützung der großen Veranstalter sei mangelhaft: „TUI hat die Reißleine gezogen, war telefonisch nicht zu erreichen. Wir hatten Tausende von Fragen – die Fragen unserer Kunden.“
„Auch einige Reiseleiter waren nicht mehr auffindbar.“
Er erzählt von Kunden, die im Urlaubsland festhingen und beim Reiseveranstalter niemand erreichten und sich an ihn gewendet haben: „Auch einige Reiseleiter waren nicht mehr auffindbar. Da passieren Dinge, die es noch nie gegeben hat.“
Die Bundesregierung stellte Soforthilfe für kleinere Unternehmen zur Verfügung. „Für Reisebüros ist das ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Schmidt, denn „Im Gegensatz zu Produktionsbetrieben, die wen sie arbeiten ihre Produkte bezahlt bekommen, ist ein Ende unserer Situation nicht absehbar.“
Rettungsschirm als schnelle Lösung
Er erwartet eine schnelle Lösung in Form eines Rettungsschirms für die Unternehmen, aber auch eine Absicherung der Kundengelder. Mit Verweis auf die Unterstützung der Großunternehmen und die Kaufprämie für Neuwagen, wie sie die Automobilverbände fordern, meint er: „Hätte ich auch gerne, 1.000 Euro für jeden Kunden, der eine Reise bei mir bucht.“
Mit der Politik ist Joachim Schmidt in Kontakt. Er berichtet von einer Telefonkonferenz mit Christian von Stetten, in der von Stetten geäußert habe, dass die Politik ein Zeichen setzen wolle, daß „die Regierung uns nicht vergessen hat“. Er verliest ein aktuelles Schreiben von Stettens, indem dieser mitteilt, dass er gerne auf der Veranstaltung gesprochen hätte, jedoch momentan in Berlin mehr für das Anliegen tun könne und viel Erfolg wünscht.
8 Jahre sei sein Geschäft jetzt in der Keltergasse, schließt Jürgen Schmidt: „Ich will diesen Laden da hinten nicht schließen.“
E-mail von Christian von Stetten wird verlesen
Aus Heilbronn ist Juliane Pietsch vom dortigen TUI-Reisecenter gekommen und betont den deutschlandweiten Zusammenhalt innerhalb der Branche: „In schweren Zeiten halten wir alle zusammen“.
„Den hab ich gefragt, ob er noch ganz dicht ist“
Kerstin Hase vom Reisebüro Skyline aus Leingarten hat sich das Jahr ihres 30-jährigen Jubiläums auch anders vorgestellt: „Wir sind durch viele Krisen gegangen, aber so etwas hatten wir noch nicht.“ Ihr Mann Jochen berichtet von einem Freund, der ernsthaft gefragt habe, ob sie negative Auswirkungen spüren würden. „Den hab ich gefragt, ob er noch ganz dicht ist.“ Auch bei ihm seien die Kunden wegen Rückzahlungen vorstellig. Internationale Unternehmen ließen sich damit ungeachtet der deutschen Rechtslage 3 bis 6 Monate Zeit. Er erwartet massive Auswirkungen auf das Reiseangebot der Zukunft: „Die Verhandlungen werden sich ändern. Da sind ja Dinge auf dem Markt …“
Busunternehmer Gerhard Metzger spricht von einem faktischen Berufsverbot
Busunternehmer Gerhard Metzger spricht von einem faktischen „Berufsverbot, denn Reisebusse dürfen gar nicht fahren“. Er hat immerhin noch laufende Einnahmen durch den Linienverkehr, der aber wegen der Schulschließung auch auf den Ferienfahrplan heruntergefahren wurde. Trotzdem sei auch bei ihm die gesamte Planung umsonst gewesen. Seine hochmodernen Reisebusse, teils erst ein Jahr alt, stehen herum. „Die Finanzierung läuft weiter.“
Marco Stahl vom Künzelsauer Spezialanbieter „1001 Reise“ ist froh, „endlich mal wieder rauszukommen, sich mit Kollegen austauschen zu können und zu wissen, dass wir nicht alleine sind.“
Die Einhaltung der angeordneten Gesundheitsvorschriften, Abstand und Maskenpflicht, wurde von dem Landratsamt und der Polizei überwacht.
Text: Matthias Lauterer

Juliane Pietsch aus Heilbronn hat einen gelben Virus mitgebracht. Foto: GSCHWÄTZ

Sylvia Kusch aus Vaihingen/Enz: „Wir haben umsonst gearbeitet“. Foto: GSCHWÄTZ

Sandra Bintzik-Vollmann aus Schwäbisch-Hall ist Reisebüro. Foto: GSCHWÄTZ

Peggy Schmidt bei den letzten Vorbereitungen. Foto: GSCHWÄTZ

Demonstrieren unter Corona-Auflagen – Abstand und Mundschutz. Foto: GSCHWÄTZ

Kerstin und Jochen Hase aus Leingarten unter dem Rettungsschirm. Foto: GSCHWÄTZ

Die Polizei überwacht den Kontaktabstand. Foto: GSCHWÄTZ

Jürgen Schmidt – Trübe Aussichten vor sonnigem Hintergrund. Foto: GSCHWÄTZ

Herrenlose Koffer? Foto: GSCHWÄTZ

Gerhard Metzger, Busunternehmer aus Künzelsau, spricht von faktischem Berufsverbot. Foto: GSCHWÄTZ

Rettet die Reisebüros – Demonstrationsplakat. Foto: GSCHWÄTZ

Demonstrieren mit Mundschutz und Abstand. Foto: GSCHWÄTZ