Bisher kursierten sehr unterschiedliche Zahlen und Auswertungen zu den möglichen Auswirkungen der Corona-Pandemie in Deutschland. Viele Medien reportieren Zahlen nur, halten sich aber mit einer Bewertung oder Prognosen zurück, und das aus gutem Grund: Zu unterschiedlich sind die Datengrundlagen, die im Umlauf sind, zu oft wurden Erfassungsmethoden geändert. Allein der Vergleich zwischen den meistgenannten Zahlen des amtlichen Robert-Koch-Instituts und denen der Johns-Hopkins-Universität für Gesamtdeutschland zeigt das deutlich (Stand 09.04., 16:00): Infizierte 113.296 gegenüber 108.202, Verstorbene 2107 gegenüber 2349. Das habe etwas mit einer zeitlich verzögerten Datenerfassung und -weitergabe zu tun, wurde des Öfteren erklärend hinterhergeschoben. So viel zum Thema digitales Hinterherhinken in Deutschland.
Der Lichtblick am Ende des Tunnels ist mehr als fraglich
Am 08. April 2020 hat sich mit dem Leipziger Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften wohl erstmals ein renommiertes Institut, bei dem man von der Anwendung guter mathematischer Methodik ausgehen darf, zu Wort gemeldet und eine Prognose für die weitere Entwicklung der Infiziertenzahlen veröffentlicht.
https://www.mpg.de/14661027/corona-pandemie-analyse-prognose
// Überraschende Ergebnisse einer MPI-Studie //
Die Ergebnisse sind auf den ersten Blick überraschend: Die Leipziger Wissenschaftler um Professor Dr. Jürgen Jost kommen zum Ergebnis, dass die Pandemie in Deutschland bei einer Zahl von 120.000 bis 160.000 Infizierten zum Stillstand kommen könnte und sie rechnen mit 4.000 bis 5. 000 Toten. Wenn man diese Zahlen mit den oben genannten Zahlen vergleicht, dann würden ja nur noch wenige Tausend fehlen, bis der Stillstand da wäre. Man könnte auf die Idee kommen, dass wir die Pandemie beherrschen und die schlimmste Zeit schon in den nächsten Tagen vorüber sein könnte.
Auf GSCHWÄTZ-Anfrage nach den getroffenen Annahmen im mathematischen Modell erklärt Paul Heine, Science Content Manager am Max-Planck-Institut: „Wir arbeiten mit der Annahme, dass die Wachstumsraten der gemeldeten Fälle diejenigen der tatsächlichen Fälle einigermaßen abbilden.“
Er geht also genaugenommen von zwei Annahmen aus, nämlich davon, dass es gemeldete Fälle und eine Dunkelziffer gibt und davon, dass die Wachstumsrate der gemeldeten Fälle und die Wachstumsrate der Dunkelziffer mehr oder weniger identisch sind. Es gibt aber zusätzlich eine dritte nicht unerhebliche Zahl, nämlich die der „Klinischen Diagnosen“ (ärztlichen Diagnosen), die nicht an das Robert-Koch-Insitut (RKI) gemeldet werden.
Wir wissen also im Hohenlohekreis von Infizierten, die nicht in der Dunkelziffer enthalten sind, diese werden aber nicht ans RKI weitergemeldet. Dadurch dass die Zahl der „klinisch diagnostizierten“ Fälle dem mathematischen Modell, das das MPI anwendet, durch Nichtmeldung vollständig entzogen werden, wird die Steigerungsrate der Infektionen und der Dunkelziffer systematisch unterschätzt und somit die Zahlen des Modells verfälscht.
Das Regierungspräsidium bezieht sich bei seiner Aussage auf eine „Falldefinition“ des RKI, das würde bedeuten, dass nicht nur die ärztlichen Diagnosen aus dem Hohenlohekreis, sondern aus ganz Deutschland nicht in die RKI-Fallzahlen einbezogen werden. Daher wird die Anstiegsrate für ganz Deutschland unterschätzt.
„Wenn nicht alle bekannten Fälle auch gemeldet werden, ist das selbstverständlich ein Problem“
Paul Heine vom Max-Planck-Institut sagt: „Wenn nicht alle bekannten Fälle auch gemeldet werden, ist das selbstverständlich ein Problem, insbesondere, wenn deren Wachstumsrate höher ist.“ Die Nichterfassung wurde dem MPI gar nicht mitgeteilt: „Wir wissen allerdings nicht, inwieweit dieses Problem nur in einigen Gebieten mit sehr hohen Fallzahlen auftritt. Hier in Leipzig ist uns beispielsweise nichts davon bekannt.“
Eine weitere implizite Annahme des Modells ist also, daß zu jeder Zeit ausreichende Testmöglichkeiten zur Verfügung stehen, was offenbar nicht der Fall ist.
In Baden-Württemberg werden seit rund drei Wochen Labortests häufig durch „klinische Diagnosen“ ersetzt, weil laut der Politik nicht genügend Testsets zur Verfügung stehen. Wenn aber nur eine gewisse Anzahl von Testsets täglich zur Verfügung stehen, können auch nicht mehr als diese Anzahl positiv getestete Personen gemeldet werden – in Wahrheit viel weniger, denn es gibt ja glücklicherweise auch negative Tests. Steigt die Zahl der verfügbaren Tests weniger stark als die Anzahl der Erkrankten, führt das zu einer weiteren systematischen Unterschätzung, da in diesem Fall die angenommene Dunkelziffer stärker steigt als die der getestet Infizierten. Eine weitere implizite Annahme des Modells ist also, daß zu jeder Zeit ausreichende Testmöglichkeiten zur Verfügung stehen, was offenbar nicht der Fall ist. Datenbasis unsicher //
Warum erfasst das RKI die Zahlen der klinischen Diagnosen nicht und verfälscht damit die Datenbasis derart, dass jede mathematische Prognose die Folgen der Pandemie unterschätzen muss? Die Zahlen der klinischen Diagnosen sind bekannt und deren Einbeziehung in die Statistik würde zu einer aussagekräftigeren Datenbasis führen.
Prognose der Infiziertenzahlen systematisch unterschätzt
Politisch gravierend ist, dass diese systematische Unterschätzung Wasser auf die Mühlen derer gibt, die eine möglichst schnelle Wiedereröffnung der Wirtschaft fordern, koste es, was es wolle. Und die Bundesregierung wird nächste Woche anhand dieser unterschätzenden Zahlen und vielleicht aufgrund der Studie des MPI entscheiden, ob und wie stark die verhängten Maßnahmen gelockert werden. Solange die Datenbasis aber derart unsicher ist, ist eine rationale Entscheidung unmöglich, statt auf wissenschaftlicher Grundlage wird rein politisch entschieden werden müssen.
Angela Merkel hat in der Pressekonferenz vom 09. April 2020 betont, dass es wichtig ist, die Anzahl der Neuerkrankungen pro Tag unter die Anzahl der Geheilten pro Tag zu drücken – wenn man aber die Anzahl der Neuerkrankungen systematisch untererfaßt, kann es fatal enden, wenn man sich auf diese Zahl verlässt.
Auch Zahl der Gesundeten plötzlich stark erhöht – Das ist keine österliche Massenwunderheilung
Auf der anderen Seite weist Baden-Württemberg am 07. April 2020 noch 2.685 Geheilte aus, am 08. April 2020 nennt das Sozialministerium auf einmal sage und schreibe 12.267 Gesundete. Das ist keine österliche Massenwunderheilung sondern schlicht das Ergebnis einer neuen Erfassungsmethode: „Das Landesgesundheitsamt veröffentlicht ab sofort den Schätzwert der SARS-CoV-2-Genesenen in Baden-Württemberg auf Grundlage eines heute durch das Robert Koch-Institut in Berlin angepassten Algorithmus. Hierbei werden Fälle ohne Angabe des Erkrankungsbeginns anhand des Meldedatum berücksichtigt.“, erläutert das Sozialministerium. Das RKI sagt auf GSCHWÄTZ-Anfrage: „Das RKI schreibt niemandem etwas vor, es ist ein Angebot, das Länder und Landkreise nutzen können.“ Und weiter: „Da wir den Algorithmus zur Schätzung der Genesenen so verbessert haben, dass nun alle übermittelten Fälle bei der Schätzung berücksichtigt werden können, also auch die ohne Angaben zum Erkrankungsbeginn, ist im Vergleich zu gestern ein größerer Anstieg als sonst zu verzeichnen.“
Wasser auf die Mühlen aller, die die Wirtschaft schnell wieder ankurbeln möchten
Weitere Aussagen, warum der vorher verwendete Algorithmus die Zahl so stark unterschätzt haben soll und warum man annimmt, dass die deutlich höheren Zahlen die Wahrheit besser wiedergeben, lässt sich das RKI auch auf konkrete Nachfrage nicht entlocken.
// Zahlen von gestern sind heute Schall und Rauch //
Zahlen, auf die sich gestern noch jeder berufen hat, sind heute Schall und Rauch. Und es besteht täglich die Möglichkeit, dass morgen wieder ganz andere Zahlen gültig sein sollen. Das zeigt, wie weit wir von zuverlässigen Daten, die dann zur Grundlage wissenschaftlicher Analysen werden können, entfernt sind.
Warum die Zahlen der ärztlichen Diagnosen nicht veröffentlicht werden, bleibt ein Rätsel
Warum das Land Baden-Württemberg den Boden der rationalen Wissenschaft verlässt und die Zahlen der „klinischen Diagnosen“, die das RKI nicht haben will, weder den Forschungsinstitutionen noch der Bevölkerung transparent bekanntgibt, ist ebenfalls nicht nachvollziehbar. Auf mehrmalige Nachfrage haben wir die Zahlen nicht erhalten und wurden an das Landratsamt des Hohenlohekreises verwiesen. Das Landratsamt verwies wiederum nach mehrmaliger Nachfrage auf das Sozialministerium (wir berichteten).
Genau so wenig nachvollziehbar ist, inwieweit man die Schätzmethode für die Gesundeten derart ändern kann, dass die Anzahl der Gesundeten über Nacht um Faktor 4 ansteigt.
Dieses Verhalten kann für viele Menschen tödliche Folgen haben, wenn sich zu viele Entscheider auf eine scheinbare Zuverlässigkeit und Korrektheit der Zahlen verlassen oder die Zahlen sogar wider eigentlich besseres Wissen für ihre eigenen politischen Ziele benutzen.
Text: Matthias Lauterer