Künzelsauer Coronapatient springt Tod von der Schippe
Andreas Müller* fehlen ein paar Wochen in seinem Leben. Am 02. November 2020 änderte sich sein Leben schlagartig. An die darauffolgenden Wochen kann er sich nicht mehr erinnern. Seine letzte Erinnerung ist, wie er an diesem von der Herzkatheteruntersuchung in Rothenburg mit dem Taxi zurück nach Hause gekommen ist. Er kann sich nicht mehr daran erinnern, dass er sich abends vor den Fernseher gesetzt hat, dass er ins Bett gehen wollte und erst einmal hingeflogen ist. Er weiß nicht mehr, als er auf die Toilette wollte und in den Flur lief, seine Familie – Müller wohnt in einem Mehrgenerationenhaus – sah ihn wirr herumlaufen und beschloss, den Notarzt zu rufen. Müller weiß auch nicht mehr, dass ihn ein Rettungswagen schließlich nach Öhringen ins Krankenhaus brachte.
Als er aufwacht, kann er sich nicht bewegen und nicht sprechen
Seine ersten Erinnerungen hat er wieder eine Woche vor Weihnachten. Er liegt im Krankenhaus und weiß nicht, warum. Er kann sich nicht bewegen, nicht richtig sehen und sprechen, fühlt sich durch seine Hilflosigkeit dem Klinikpersonal völlig ausgeliefert. Andreas Müller hat Corona. Er liegt auf der Intensiv 1, dann auf de Intensiv 2, dann auf der 3. „Es gab Zeiten, in denen man sich schon abgeschrieben hat“, sagt er, wenn man ihn fragt, ob er in dieser Zeit Angst hatte, zu sterben.
Dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen
Andreas Müller ist 67 Jahre, verheiratet, hat zwei Kinder, Enkel, wohnt bei Künzelsau, war vor seiner Rente 40 Jahre lang als Großhandelskaufmann tätig. Er wird dem Tod ein zweites Mal von der Schippe springen – so wie ein paar Jahre zuvor schon einmal in seinem Leben. Da hatte er Darmkrebs. Doch der Reihe nach.
Er wird dem Tod ein zweites Mal von der Schippe springen
Nach seinem Erwachen kurz vor Weihnachten 2020 liegt noch bis 02. Februar 2021 in mehreren Krankenhäusern, insgesamt vier Monate, in denen er zuerst nach Öhringen gebracht worden ist, dann nach Stuttgart überführt wurde, vom Klinikum Stuttgart ging es ins Katharinenhospital, anschließend in die Rote-Kreuz-Klinik nach Stuttgart, dann zu einer Operation ins Klinikum Esslingen und danach wieder zurück in die Rote-Kreuz-Klinik nach Stuttgart. Abschließend ging es für drei Wochen zur Reha nach Brackenheim.
Mittlerweile ist er wieder zu Hause, ein Beatmungsschlauch versorgt ihn beständig mit Sauerstoff. Der Schlauch ist mehrere Meter lang, sodass er sich in seiner Wohnung relativ frei bewegen kann, ohne ständig eine Sauerstoffflasche mitzunehmen. Am Ende des Schlauchs hängt eine Sauerstoffflasche, die sie hoch ist wie eine Regentonne, nur etwas schmaler im Umfang, dafür umso gewichtiger. Das Gerät steht im Schlafzimmer. Nachts reicht der Schlauch für seine Sauerstoffsättigung nicht aus, dann braucht er eine spezielle Beatmungsmaske, die er über seinen Mund und seine Nase befestigt. Das Gerät ist laut. Seine Frau hört die Geräusche aber mehr als er, da er nachts seine Hörgeräte nicht drin hat, er zählt er und schmunzelt. Da er schon vor seiner Coronaerkrankung ein Schlafapnoe-Gerät hatte, war es für Müller zudem keine große Umstellung.
Ein zirka 20 cm langer Schnitt ziert seit kurzem seinen Körper
Ein zirka 20 cm langer Schnitt, zugenäht und am Vernarben, ziert seit kurzem seinen Körper auf der rechten Seite in Bauchhöhe. Die Ärzte haben sich hier Zugang verschafft zu seinem rechten Lungenflügel, der durch seine Coronaerkrankung stark geschädigt wurde. Ränder mussten entfernt werden. Der Lungenflügel funktioniert nicht mehr richtig. Ob der zweifache Familienvater und Opa jemals wieder ohne Sauerstoffzufuhr wird atmen können, ist fraglich.
Begeisterter Jäger und Sammler
Seit seiner Rente ist Müller begeistert Geocacher, das heißt, er versteckt kleine Schätze für andere Geocacher, die sie finden müssen und sucht auch selbst so genannte Caches, im Hohenlohekreis, aber auch weiter weg, ein Hobby, das auch seine Enkel lieben. Sein Bewegungsradius ist nun jedoch deutlich kleiner geworden. Nach seiner schweren Coronaerkrankung hat er ein Zeitfenster von sechs Stunden, dann sollte er wieder zu Hause sein. Denn: Nur so lange ist Sauerstoff in seiner kleinen portablen Sauerstoffflasche. Das reicht, um etwa zum Arzt nach Öhringen zu gehen oder um fast jeden Tag seine Runde mit dem Rollator durch seinen Wohnort zu laufen. Mittlerweile kann er wieder mehrere Kilometer gehen. Am letzten Tag seiner Reha schaffte er es kaum, seinen Fuß für eine Treppenstufe zu heben.
Wenn er nun Menschen reden hört, die unbedingt in Urlaub wollen in Zeiten von Coronareiseverordnungen, ärgert ihn das. Durch Corona kann er vermutlich nie wieder reisen. Wenn er spazieren geht, holt er seinen Rollator und packt in den Korb vorne rein eine kleine Sauerstoffflasche. Der Sauerstoffschlauch ist immer an seiner Nase.
Nie wieder reisen
Müller wirkt trotz seines ganzen Leidenweges und den Nachwehen zufrieden. Er hadert nicht mit seinem Schicksal. Er akzeptiert es. Das war nicht immer so. „Anfangs habe ich mich gegen alles gewehrt, auch gegen die Beatmungsmaske im Krankenhaus.“ Bis ein Arzt ihm ins Gewissen redete: „Herr Müller, das ist reine Kopfsache bei Ihnen.“ Danach akzeptierte Müller das Gerät. Ob er je wieder ohne Beatmungsschlauch leben kann, ist ungewiss. „Andreas, wie geht’s denn?“, hat ihn vor kurzem ein Freund gefragt. „Es könnte besser, aber es geht aufwärts“, hat Müller geantwortet.
In vier Monaten hat er im Krankenhaus nur einmal seine Frau gesehen
In den vier Monaten durfte ihn seine Frau nur einmal für eine Stunde und 10 Minuten besuchen. „Ich lag im Bett und hab die Wände angestarrt“, erzählt er. Zwischenmenschlich sei dabei vieles auf der Strecke geblieben. Ausgeliefert habe er sich anfangs dem Krankenhauspersonal gefühlt, da er für jede Kleinigkeit Hilfe brauchte – in einem finanziell eng geschnürten Gesundheitswesen, das nicht gerade glänzt mit viel Zeit, die das Personal für die Patienten übrig hat.
Ein Seelsorger hat ihm die Nägel geschnitten und eine Apfelschorle gebracht
Eine Begegnung hat ihn während seines langen Krankenhausaufenthaltes besonders gefreut und dankbar gemacht. Ein Seelsorger hat ihn im Rote-Kreuz-Krankenhaus in Stuttgart besucht und als er gefragt hat, was er braucht, wie er ihm helfen könne, hat Müller auf seine langen Fingernägel geschaut, die auch nach Wochen keiner geschnitten hat. Da schnitt der Pfarrer seine Nägel und brachte ihm statt Wasser eine Apfelschorle zum Trinken. Für den 67-Jährigen war diese Begegnung so einschneidend, dass er ihm heute noch gerne einmal danke sagen würde für diese kleine Geste der Menschlichkeit.
*Der Name wurde von der Redaktion auf Wunsch geändert. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.
Text: Dr. Sandra Hartmann









