Professor: Pandemieeindämmung nur durch „Fortführung oder sogar eine Verschärfung der Restriktionen für ein bis zwei Monate“ möglich
Nach dem Max-Planck-Institut und der Leopoldina hat in der letzten Woche auch das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) eine Forschungsarbeit zur weiteren Entwicklung der Corona-Epidemie vorgelegt: https://www.helmholtz-hzi.de/de/aktuelles/news/news-detail/article/complete/es-ist-zu-frueh-restriktionen-zu-lockern/
Im Gegensatz zu den beiden anderen Institutionen, die sich vornehmlich auf die vom Robert-Koch-Institut veröffentlichten Infiziertenzahlen beziehen und damit durch die bekannten Erfassungsungenauigkeiten (GSCHWÄTZ berichtete) die zukünftige Entwicklung eher unterschätzen, hat das HZI in seinen Prognosen zwei andere Datensätze berücksichtigt:
Zum einen die von den Krankenhäusern selbst gemeldete Belegung der Intensivbetten, zum anderen die Reproduktionszahl, das ist grob gesprochen die Anzahl der Personen, die ein Infizierter während seiner Krankheitsphase selber ansteckt.
Jede Entscheidung kann nun drei Szenarien auslösen
Die Analyse des HZI hat ergeben, daß die Reproduktionszahl in den letzten Wochen durch die angeordneten Maßnahmen kontinuierlich gesunken ist und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bei etwa bei eins lag, das heißt, jeder Infizierte steckt eine weitere Person an. Zu Beginn der Pandemie ging man von drei bis vier Ansteckungen pro Infiziertem aus. Die Anzahl der Infizierten bleibt also im Wesentlichen konstant, das Gesundheitssystem kann die schweren Fälle weiterhin behandeln, ohne zusammenzubrechen. Seit der Veröffentlichung gibt es Hinweise darauf, daß die Reproduktionszahl nochmals leicht gesunken ist.
Das HZI sagt sehr deutlich, dass wir bei dieser Epidemie nicht nur jetzt , sondern bei jeder neuen Entscheidung am Scheidepunkt stehen, von wo aus es drei Szenarien gibt:
(A) Unkontrollierte Epidemie mit einer erheblicher Anzahl von Todesfällen und einem überlasteten Gesundheitssystem
(B) Langfristig andauernde Infektionen, die aber mit dem Gesundheitssystem bewältigt werden können
(C) Weitgehende Eindämmung der Epidemie
„Eine Freigabe würde eine humanitäre Katastrophe bedeuten“
Würden wir jetzt radikal die Einschränkungen lockern, wie es von einigen sogar gefordert wird, kämen wir sehr schnell dazu, dass das Gesundheitssystem völlig überlastet wäre, warnt das HZI: „Stiege die zeitabhängige Reproduktionszahl des Virus wieder auf ihren Wert von vor einer Woche oder vor zehn Tagen, läge die Zahl der Intensivpatienten innerhalb weniger Monate in den Hunderttausenden und das Gesundheitssystem wäre komplett überfordert.“ Die Folgerung ist: „Eine Freigabe würde eine humanitäre Katastrophe bedeuten“
Keine Immunisierung der Bevölkerung zu erreichen
Bei einer Reproduktionszahl von ungefähr eins, wie sie durch die Maßnahmen inzwischen erreicht ist, „wären deutschlandweit auf ein ganzes Jahr dauerhaft Intensivbetten in der Größenordnung von zehntausend mit COVID-19-Patienten belegt. Laut Meyer-Hermann könne das Gesundheitssystem diese Situation gerade so verkraften, bei dieser Rate wäre jedoch nach einem Jahr nur etwa ein Prozent der Bevölkerung mit SARS-CoV-2 infiziert worden.“, so das HZI.
Professor Meyer-Hermann sagt es deutlich: „Eine Immunisierung der gesamten Bevölkerung ist unter Einhaltung der Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht zu erreichen“.
Er denkt sogar über verschärfte Restriktionen nach, um eine weitere deutliche Reduzierung der Reproduktionszahl zu erreichen: „Je weiter wir die Reproduktionszahl absenken können, desto schneller ist die Notsituation vorbei, was vielleicht sogar für strengere Maßnahmen spricht“. Dafür wäre aber laut Meyer-Hermann die Fortführung oder sogar eine Verschärfung der Restriktionen für weitere ein bis zwei Monate notwendig.
Das sind klare Worte eines Forschers, der sich unabhängig von politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten äußern kann.
Nach dieser Zeit wäre möglicherweise Szenario C erreicht. Damit wäre das Virus zwar nicht verschwunden, könnte aber mit klassischen Methoden verfolgt und eingedämmt werden. Die Kapazitäten und Methoden der Gesundheitsämter zur Nachverfolgung von Infektionsketten könnten bei einer Reproduktionszahl von 0,2 möglicherweise wieder ausreichen.
// Das Virus ist den Messmethoden stets zwei Wochen voraus //
Letzte Woche haben sich die Verantwortlichen aus wirtschaftlich-politischen Aspekten bewusst für das Szenario B entschieden, und das nicht einmal bundeseinheitlich: In jedem Bundsland gelten andere Bestimmungen. Die Strategie ist, den Reproduktionsfaktor bei eins oder knapp darunter zu halten bei gleichzeitiger schrittweiser Lockerung der Maßnahmen, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Bleibt diese Entscheidung so bestehen und gelingt es , den Faktor bei eins zu halten, werden wir laut der Analyse des HZI dauerhaft, zumindest bis zur Entwicklung eines Impfstoffs für Gesunde oder der Einführung eines wirksamen Medikaments für Infizierte, um die 10.000 Intensivpatienten versorgen müssen.
Das Monitoring des Reproduktionsfaktors ist schwierig, da der Virus den Beobachtern stets 10 bis 14 Tage voraus ist. Das bedeutet, dass die Reproduktionszahl schnell und unbemerkt steigen könnte und wir wieder am Anfang stehen. So sieht es auch Prof. Meyer-Hermann, der bei Anne Will auf den schmalen Grat hinweist, auf dem wir uns mit der politischen Entscheidung bewegen: „“Die Kanzlerin hat es explizit gesagt: Der Spielraum ist extrem klein. Das waren ihre Worte und damit hat sie verdammt nochmal Recht. (…) Wir können nicht sagen, wir probieren mal alles aus, sondern müssen jeden Schritt genau gucken. Und der dauert zwei Wochen, bis man weiß, ob es ein Problem gibt oder nicht.“
Text: Matthias Lauterer
Mehr Informationen:
https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.04.04.20053637v1.full.pdf+html

Professor Meyer-Hermann war kürzlich zu Gast bei Anne Will. Quelle: Screenshot






