80 Prozent der Menschen, die ins Fitnessstudio gehen, verfolgen beim Training medizinische Ziele. Das Training verschafft ihnen Schmerzlinderung, einen physischen und psychischen Ausgleich und eine Besserung von ernst zu nehmenden Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck. Nicht zu vergessen ist der Reha-Sport, der Patienten nach schweren Krankheitsverläufen wieder ein normales Leben ermöglicht.
„Jeder hat seine Hausaufgaben gemacht, nur unser Staat nicht“
„Ich spreche jetzt einmal für alle Selbstständigen, die etwas zu verlieren haben“, sagt Michael Maibaum, Leiter des Fitnessstudios Corpus 2000 in Künzelsau-Gaisbach. „Wir alle haben akribisch danach geschaut, dass Regeln eingehalten und Vorgaben erfüllt werden. Ich kenne keinen einzigen Fall – auch von den Kollegen – wo es in einem Fitnessstudio einen nachweisbaren Corona-Fall gegeben hätte.“
Dem 54-Jährigen ist der Schock über die erzwungenen Schließungen aller Fitnessstudios ab dem zweiten November deutlich anzumerken. Diese Maßnahmen seien unverhältnismäßig und willkürlich. „Jeder hat seine Hausaufgaben gemacht, nur unser Staat nicht. Bei uns im Studio herrscht eine einhundertprozentige Transparenz, wir können jeden Besuch nachvollziehen, haben stimmige Konzepte. Jetzt stellt sich die Frage, wo man die Schlange zuerst köpft. Natürlich am Kopf! Das sind aber nicht die Fitnessstudios. Ich komme aus dem Kopfschütteln schon gar nicht mehr heraus.“
„Da kannst du deine Hausaufgaben machen, wie du willst – du hast keine Chance“
Der vierfache Vater ist enttäuscht: „Wir haben die letzten Monate hart dafür gearbeitet, alle Vorgaben umzusetzen. Es fühlt sich einfach scheiße an, jetzt trotzdem schließen zu müssen. Ich fühle mich verarscht von unserer Regierung, ganz einfach! Was haben die für ein Recht, in einer Demokratie, einfach meinen Laden zuzumachen, weil irgendwelche Zahlen in den Raum geschmissen werden? Was können wir dafür, wenn sich Menschen in den Ballungsgebieten nicht an die Regeln halten und sich Corona deshalb dort rasend schnell verbreitet? Hier auf dem Land bekommt man davon nichts mit! Doch da werden jetzt wir dafür bestraft! Wir müssen jetzt dafür büßen! Manche mit ihrer Existenz und manche mit sehr, sehr viel Geld. Es geht nicht nur um diesen einen Monat, in dem wir keine Beiträge gezahlt bekommen, sondern es geht um die Folgeschäden. Der November ist eigentlich unser umsatzstärkster Monat, im November schließen wir die meisten Neuverträge ab. Nun haben wir keine Möglichkeit mehr dazu, doch die Kündigungen kommen trotzdem. Da kannst du deine Hausaufgaben machen, wie du willst – du hast keine Chance! Jetzt waren wir gerade am Abfangen des letzten Lockdowns, haben gesagt: ‚Okay, es geht langsam wieder aufwärts‘ – Jetzt machen sie uns wieder zu.“
„Ich fühle mich beschissen, auf den Arm genommen, verarscht“
Auch im EnergieLaden in Künzelsau ist der Leidensdruck groß. Patric Donner, der Inhaber des Studios, sieht vor allem „dem Rattenschwanz“, der auf die Schließungen folgen wird, mit Schrecken entgegen. Außerdem merke man nun besonders, welche Branchen eine schlagfertige Lobby hätten: „Man stelle sich einmal vor, dass Mercedes geschlossen würde. Das ist unvorstellbar. Sanktioniert werden die Kleinen. Wir haben in Hygienekonzepte investiert und die Verordnungen, wie vorgeschrieben, umgesetzt. Nun müssen wir trotzdem schließen. Ich fühle mich beschissen, auf den Arm genommen, verarscht – Was soll ich sagen? Die Botschaft aus Frau Merkels Ansage war ja, dass die Gesundheitsämter nicht mehr nachvollziehen könnten, woher die Infektionen kämen. Als Reaktion darauf müssen nun Fitnessstudios und Kneipen geschlossen werden, die wiederum absolut transparent darlegen können, wer wann bei ihnen trainiert hat. Das ist absolut widersprüchlich. Ganz nach dem Motto: ‚Wir wissen nicht mehr, was wir machen sollen, also schließen wir eben die, die man am einfachsten nehmen kann.‘“
„Ich ernähre meine Kinder, muss unser Zuhause bezahlen“
Der 50-Jährige sieht, wie so viele in seiner Branche, einer ungewissen Zukunft entgegen. Er sagt ganz klar: „Ich möchte mir überhaupt nicht ausmalen, noch mehr Mitglieder zu verlieren. Ich ernähre meine Kinder, muss unser Zuhause bezahlen. Ich muss ja auch die Geräte im Studio noch abbezahlen. Wenn ich keine Mitglieder mehr habe, habe ich keine Kohle mehr. Der Rattenschwanz zieht sich da weiter, so wie überall.“
„Wir können keinerlei staatliche Hilfen erwarten, denn diese beziehen sich immer auf die Umsätze des Vorjahres.“
Den Studio-Betreibern steht eine Entschädigung von bis zu 75 Prozent des Umsatzes im November 2019 zu. Doch diese ist ungleich verteilt und nur oberflächliche Symptombekämpfung, wie Maibaum erklärt: „Also vom Grundgedanken her ist die Idee mit den 75 Prozent schon in Ordnung, doch das Problem sind die Folgeschäden, die langfristig definitiv Schwierigkeiten bereiten werden. Das hat man nach dem ersten Lockdown schon bemerkt und jetzt kommt das zweite Mal. Alleine heute sind schon wieder fünf oder sechs Kündigungen reingekommen. Denken Sie doch einmal weiter: Unsere Kinder und deren Kinder können diese Scheiße noch abbezahlen. Was glauben Sie, wo die Regierung das Geld für die zig Milliarden her nimmt, die die Wirtschaft wieder ankurbeln sollen?“ Doch einige Studios fallen komplett durch das Netz der staatlichen Hilfen. „Wir haben unser MG Studio in Kupferzell im Februar dieses Jahres eröffnet“, erklärt Lisa Löchner, Studioleiterin des MG Studios in Kupferzell. Die 25-Jährige hat eine positive, dynamische Ausstrahlung und ein Lachen, das ansteckt. Wenn sie über die Zukunft ihres Studios spricht, wirkt sie plötzlich ganz nachdenklich: „Wir können keinerlei staatliche Hilfen erwarten, denn diese beziehen sich immer auf die Umsätze des Vorjahres. Wenn es die eben nicht gibt, dann kann man 75 Prozent von nichts erwarten.“ Die junge Frau appelliert an ihre Mitglieder: „Bleibt geduldig und schenkt uns weiterhin Euer Vertrauen!“
Das MG Studio bezieht in seiner Pressemitteilung klar Stellung: „Im Frühjahr haben wir die Maßnahmen wegen der unsicheren Faktenlage respektiert. Heute fehlt hierfür aus unserer Sicht jegliche Grundlage.“
Text und Video: Priscilla Dekorsi