Der längste Winter
Es ist der gefühlt längste Winter, den viele von uns je erlebt haben. Endlich hatte man Anfang des Jahres das Gefühl, dass das Coronavirus sich nach rund zwei Jahren langsam tot läuft und viele Restriktionen, wie in diversen Nachbarländern von Deutschland bereits geschehen, peux à peux fallen gelassen werden – zumindest bis der nächste Winter kommt. Aber gerade, als wir dachten, wir können vielleicht bald mal wieder frei atmen, kommt, scheinbar wie aus heiterem Himmel, nach rund 80 Jahren der nächste Bombenkrieg in Europa.
Ukraine hat rund 45 Millionen Einwohner
Nachdem wir erstmal in Schockstarre verfallen sind, das Virus dabei fast komplett aus den Hirnwindungen dabei geflogen ist, realisieren wir allmählich, dass die Bomben auf die ukrainischen Städte wohl doch nicht so ganz aus heiterem Himmel fallen, dass da eigentlich seit 2014 ein kleiner aufständischer Krieg von Menschen in der Ostukraine, so genannten Separatisten, herrscht, die gerne wieder mehr russisch als europäisch wären. Eigentlich will jeder Mensch nur Frieden, doch die Rolle rückwärts geht nur noch schwerlich, wenn schon etwas ins Rollen gekommen ist. Nun sucht gefühlt die ganze Welt der Minister und Aussenminister nach möglichst weichen Abbiegespuren, damit es nicht noch mehr Tote, Verletzte, Flüchtlinge gibt, damit der Krieg endlich endet. Aber eine schnelle Lösung scheint wohl eher nicht gefunden zu werden. Die Ukraine hat knapp 45 Millionen Einwohner, mehr als die Hälfte der Deutschen. Für viele von ihnen muss nun dringend kurz- oder vielleicht sogar langfristig Wohnraum geschaffen werden. Nur im Vergleich: In Syrien tobt auch nach Jahren noch Krieg, viele Flüchtlinge machten sich damals auf den Weg nach Deutschland. 17,5 Millionen Einwohner hat Syrien, die UN hat über 5 Millionen Flüchtlinge bis heute registriert. 69 Prozent hat dabei die Türkei aufgenommen, gefolgt vom Libanon und Jordanien. Über 1,2 Millionen Flüchtlinge hat Deutschland in den Jahren 2015 und 2016 aufgenommen (auch von anderen Ländern ausser Syrien).
Die derzeitige Hilfsbereitschaft ist enorm. Die Angst vor einem Krieg für ganz Europa aber ebenso.
Das war damals ein Rekordanstieg im Vergleich zu den Vorjahren. Nun ist die Ukraine ein Teil Europas, liegt geostrategisch näher und hat fast dreimal so viele Einwohner. Es ist, wie diverse Nachrichtenmedien bereits postuliert haben, die größte Flüchtlingswelle seit dem zweiten Weltkrieg, wenn der Krieg nicht bald aufhört. Aber wann hören Kriege schon bald auf? Und das in einer Zeit, wo viele Menschen durch die Pandemie bereits gebeutelt sind, psychisch, physisch und finanziell. Die derzeitige Hilfsbereitschaft ist enorm. Die Angst vor einem Krieg für ganz Europa aber ebenso.
Bomben kennen keine Jahreszeiten
Im Hintergrund, fast geräuschlos, klettern die Energiepreise in schwindelerregende Höhen, aber hier ist das Ende der Fahnenstange wohl noch lange nicht erreicht. Die Baupreise waren zuvor schon lächerlich hoch, Immobilien sowieso. Die Inflation liegt mittlerweile bei über 5 Prozent, das Einkaufen wird teurer. Nur die Löhne kommen nicht hinterher mit dem Anstieg der Preise. Das Geld wird munter weiter gedruckt, zuletzt für 100 Milliarden für die Bundeswehr. Es wird auch die größte Inflation auf uns zukommen, die es seit Jahrzehnten gab. Was das bedeutet, wissen nur die wenigsten von uns. Die Hyperinflation 2023, zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, haben die meisten unter uns nicht erlebt. Eine Pandemie auch nicht, ein Bombenkrieg ebenso wenig. Wir haben alle nicht hier geschriehen, bei dem, was uns derzeit wiederfährt. Wichtig ist nur, dass wir zammenhalten, solidarisch sind, hilfsbereit, menschlich bleiben, vereint für den Frieden eintreten und gemeinsam durch den nächsten Winter gehen, auch wenn es Frühling wird. Bomben kennen keine Jahreszeiten.
Text: Dr. Sandra Hartmann




