Was bringt einen 15-jährigen Schüler dazu, sich ausgiebig mit Corona, der Pandemie und ihren Auswirkungen zu beschäftigen und schließlich darüber eine Hausarbeit zu schreiben? Gabriel Karagiannis, Schüler an der Freien Schule Anne-Sophie Künzelsau, hat es getan – freiwillig, ohne dass ihn ein Lehrer dazu aufforderte. Die Arbeit entstand noch im April 2020, zur Zeit des ersten Lockdowns. Bereits damals kam er zu dem Schluss, „dass die Corona-Maßnahmen von größtem Belang sind, die zur Eindämmung betragen“.
Von der Vogel-Grippe über SARS bis zur Corona-Krise
Gabriel Karagiannis beleuchtet in seiner Arbeit, was das Corona-Virus ist, mögliche Auslöser, die Stadien, die das Virus durchläuft, besonders betroffene Gruppen und mögliche Lösungswege. Dafür geht er sehr weit zurück in der Geschichte – bis ins Jahr 1918 und dem Ausbruch der Spanischen Grippe – und schlägt einen Bogen über die asiatische Grippe, Vogel-Grippe und Sars-Pandemie zur heutigen Corona-Krise. Der Schüler erörtert eine mögliche Theorie zur Entstehung des Sars-Cov2-Virus und erklärt, was Corona eigentlich ist und welche Verläufe Covid-19 nehmen kann. Und er untersucht ein mögliches Vorgehen zur Milderung von Krankheitsverläufen. Bemerkenswert ist vor allem, dass er schon im April 2020 vermutete, dass es zu einem erneuten Ausbruch im Herbst oder Winter kommen werde, wie es dann ja auch geschah.
„Die Infos mussten mühsam im Internet zusammengesucht werden“
„Ich habe das aus Neugier und Liebe zur Medizin gemacht“, erklärt der Neuntklässler, der findet, dass er seiner Schule viel zu verdanken habe. „Zu Beginn der Pandemie hieß es ja immer, dass die Wissenschaftler selbst noch nicht so viel wissen.“ Die Datenlage war unübersichtlich, die Recherche dementsprechend anstrengend. „Die Infos mussten mühsam im Internet zusammengesucht werden“, erzählt der junge Mann, dessen Lieblingsfächer Sprachen, Religion und Biologie sind. Am Anfang dachte er noch, dass das eher eine kleine Sache wird, aber ihm war wichtig, dass es verstanden wird. Letztendlich zog sich die Arbeit über sieben Monate. „Aber ich habe auch Unterstützung bekommen, ganz besonders von meinem ehemaligen Bio-Lehrer und Mentor Wolfgang Schiele.“
„Am besten wäre gewesen, gleich alles zuzumachen“
Besonders wichtig war dem Niedernhaller auch, dass die Leser verstehen, „dass es Gründe für die Corona-Maßnahmen gibt“. Manche der Maßnahmen findet er gut, andere aber auch schlecht. „Am besten wäre gewesen, gleich alles zuzumachen“, findet er. Als Beispiel führt er die autofreien Samstage in den 1970er-Jahren an. „Das wäre doch auch eine Möglichkeit ab Herbst gewesen – Sonntage daheim“, meint er. „Oder dass in jeden Laden nur zwei Leute rein dürfen.“ Natürlich seien auch Masken wichtig. Aber: „Diese FFP2-Masken machen keinen Unterschied, Masken mit Filtern wären auch schon gut.“
„Die Politik müsste klarer werden, zu den Menschen sprechen und einen Plan aufzeigen“
Auch ihm gehe es „auf den Keks, wenn die Maßnahmen immer wieder verlängert werden.“ Und Gabriel findet: „Die Politik müsste klarer werden, zu den Menschen sprechen und einen Plan aufzeigen.“ Denn eines sei klar: In Deutschland könne man sich auf die Infos verlassen, erteilt er allen Verschwörungstheoretikern eine Absage. „Man weiß, dass viel gemacht wurde“, findet er. Auch die meisten Jugendlichen würden sich an die Vorgaben halten. „Es sind doch nicht nur Jugendliche, die die Regeln ignorieren. Die, die sich vorher an nichts gehalten haben, machen das jetzt auch nicht“, sagt er. Was ihm fehlt: der Dialog. „Man müsste viel mehr miteinander reden und sich gegenseitig zuhören“, ist seine Meinung. „Denn nur so funktioniert Demokratie.“
„Und so wurde aus ihm ein junger Wissenschaftler“
„Ein wichtiger Bereich unserer Schulkonzeption ist das Erkennen und Fördern von Talenten. Dies betrifft grundsätzlich alle Bereiche der persönlichen Begabungen, Fähigkeiten, Einstellungen und Motivationen“, schreibt Wolfgang Schiele, Mitglied der Schulleitung an der Freien Schule Anne-Sophie Künzelsau und Gabriels ehemaliger Bio-Lehrer. Er unterstützte das Projekt seines Schülers nachhaltig und ist voll des Lobes: „Bei Gabriel Karagiannis war schon in den ersten Stunden und Begegnungen im MINT-Bereich erkennbar, dass seine Neugierde und sein Interesse ein Türöffner sind, um ihn ganz tief in die fachlichen und überfachlichen Inhalte der Naturwissenschaften eintauchen zu lassen. Beinahe wie von selbst fand er Zusammenhänge wie zum Beispiel dem Auge (Sehen) und der Optik. Also zwischen den einzelnen Disziplinen der Naturwissenschaften.“ Schon bald sei so aus Gabriel ein junger „Wissenschaftler“ geworden, „der sich nicht scheute, am Wochenende oder auch in den Ferien die Erörterung einer Herausforderung, eines Problems zu klären und mit mir zu diskutieren“. Und auch damals schon habe der 15-Jährige die Bereitschaft zu zusätzlichen Referaten, Präsentationen und Vertiefungsgruppen gezeigt.
„Corona war eine neue Herausforderung“
Corona stellte für den Neuntklässler nach Ansicht des Lehrers eine „neue Herausforderung dar“. „Anfangs waren sehr viele Meinungen, Vorgaben und Entscheidungen mit einem großen Fragezeichen von ihm versehen“, so Schiele weiter. „Ich erinnere mich sehr genau, wie er wochenlang mit Fragen kämpfte, selbst Theorien und Zusammenhänge fand und sich immer tiefer einarbeitete.“ So wurde aus Gabriel ein jugendlicher Experte, der für sich Fragen und Antworten gefunden hätte und der andere an seinem Wissen und Erkenntnis teilhaben lassen wollte – Gabriel begann „zu schreiben, zu recherchieren und an die Öffentlichkeit zu treten“.
„Ich hab die Arbeit meinen Lehrern gezeigt“, sagt Gabriel Karagiannis. Nun wolle er dazu eine Präsentation halten und sein Projekt als Extra-Arbeit werten lassen.
„Ich wünsche ihm, dass er sich diese Motivation erhält“
„Ich bewundere ihn, wie er die Chance an der Schule nutzte, wie er willensstark durchhielt. Immer wieder einen Schritt zurückging, um nach vorne zu kommen“, schreibt der Bio-Lehrer. „Ich wünsche ihm, dass er sich diese Motivation erhält und bin mir sicher, er hat eine interessante Zukunft vor sich. Eine Zukunft, in der er stetig wächst und sich die Zusammenhänge der Wissenschaft und der Welt immer mehr zu eigen macht.“