Unternehmen als Kontaktbörse für das Virus
In der letzten Woche berichtete GSCHWÄTZ folgendermaßen über die Altersverteilung der positiven Coronatests im Hohenlohekreis: „Am häufigsten betroffen sind momentan die 20- bis 29-Jährigen, und zwar mit 21,74 Prozent, gefolgt von der Gruppe der 40- bis 49-Jährigen mit 17,39 Prozent. Die Zehn- bis 19-Jährigen sind genauso oft betroffen wie die 50- bis 59-Jährigen, nämlich mit 12,61 Prozent. Auf die Gruppe der Null- bis Neunjährigen entfallen 6,69 Prozent der Fälle der vergangenen Woche und auf die 30- bis 39-Jährigen 10,87 Prozent. Die 60- bis 69-Jährigen stellen 10,87 Prozent, die 70- bis 79-Jährigen 4,78 Prozent und die 80- bis 89-Jährigen nur noch 2,17 Prozent.“
Prozentuale Aussage nicht sonderlich aussagekräftig
Diese Angaben wurden vom Landratsamt veröffentlicht. Sie setzen die Häufigkeit der positiven Tests innerhalb der Alterskohorten in Beziehung, sagen aber nichts darüber aus, wie viele Menschen die jeweiligen Altersgruppen umfassen. Diese Information ist aber wichtig, um Aussagen wie „die derzeitigen Infektionstreiber sind die Unternehmen“ zu verifizieren. Die Über-80-jährigen stellen im Hohenlohekreis beispielsweise rund 6 Prozent der Bevölkerung, aber nur 2,17 Prozent der positiven Tests.
Auch die aktuell gesellschaftlich gestellten Fragen wie zum Beispiel „Sind Schulen und Kindergärten Infektionstreiber?“ lassen sich daher mit den Zahlen, die das Landratsamt veröffentlicht hat, nicht wirklich beantworten. Um zumindest eine Einschätzung zu bekommen, wie die Frage möglicherweise beantwortet werden kann, muss man diese Zahlen der Größe der jeweiligen Alterskohorte und weiteren Daten in Verbindung setzen.
Inzidenzen pro Altersgruppe als Maßzahl sinnvoll
Dazu könnte die 7-Tage-Inzidenz bezogen auf die einzelnen Altersgruppen eine gute Maßzahl sein, vor allem deshalb, weil für die Anzahl der positiv getesteten Test pro Altersgruppe sowie der Anteil der Kohorte innerhalb der Gesamtbevölkerung Daten zur Verfügung stehen: Die Anzahl der Positivtests werden durch das RKI bereitgestellt, die Bevölkerungszahlen stellt das DESTATIS (früher: Statistisches Bundesamt) bereit. Allerdings sind dort die Altersgruppen etwas anders gewählt als in den Zahlen des Hohenlohekreises.

Inzidenzvergleich pro Altersgruppe, Kreis 8125 ist LK Heilbronn ohne Stadt Heilbronn, Stand: 27. April 2021. Grafik: GSCHWÄTZ
Interpretation der Daten
Bei allen genannten Zahlen ist zu beachten, dass statistische Aussagen von vielen Parametern abhängig sind, zum Beispiel von der Stichprobengröße: im Hohenlohekreis oder im Main-Tauber-Kreis, die relativ kleine Kreise sind, ist die Stichprobengröße naturgemäß gering, die Schwankungsbreite einer statistischen Aussage daher – verglichen mit größeren Kreisen – eher hoch. Eine weitere Einflussgröße ist die Teststrategie und die Testhäufigkeit innerhalb der Alterskohorten: ist die Strategie in den einzelnen Kreisen unterschiedlich, sind die Zahlen der Kreise nicht unmittelbar vergleichbar. Eine wichtige Zahl, die für eine genauere Aussage fehlt, wäre die Gesamtanzahl der Tests innerhalb der jeweiligen Altersgruppen sowie die Gründe für die Tests (Routine, aufgrund von Symptomen, Kontaktperson) – diese ist den Zahlen des RKI nicht zu entnehmen.
Impfen für die Älteren zeigt wohl Erfolge
Auf jeden Fall scheint sich die Wirksamkeit der Impfprogramme in allen vier betrachteten Landkreisen zu bestätigen: War anfänglich die Altersgruppe über 60 am stärksten betroffen, die Inzidenz bei den Älteren lag weit über der jeweiligen Kreisinzidenz, wird diese Gruppe jetzt nur noch unterdurchschnittlich oft positiv getestet.
Unternehmen als Kontaktbörse für das Virus
Die hohen Werte der Altersgruppen 35 bis 59 Jahre im Hohenlohekreis, das sind vereinfacht ausgedrückt „Menschen im Berufsleben“, unterstreicht die Aussage des Landratsamts, dass momentan die Unternehmen die Hauptbetroffenen der Pandemie sind. Auch spricht die relativ gleichmäßige Verteilung der Inzidenzzahlen um den Mittelwert bei den 0 -59 jährigen dafür, dass das Infektionsgeschehen momentan nicht durch einzelne Superspreader-Ausbrüche gekennzeichnet ist, sondern ein „diffuses Geschehen“ vorliegt.
Die Lage der Kinder und Jugendlichen
Auffällig im Vergleich der vier Kreise ist die vergleichsweise hohe Inzidenz, die der Hohenlohekreis für Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 14 Jahren ausweist: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass diese Altersgruppe ausgerechnet im Hohenlohekreis ein Ausreißer ist. Der Wert, verglichen mit den anderen drei Landkreisen, könnte aber ein Hinweis darauf sein, dass der Hohenlohekreis anders testet als die Nachbarkreise und somit auch mehr (noch) symptomlos positive Menschen, die aber das Virus bereits verbreiten können, erkannt werden.
Wäre das der Fall, wäre das ein Vorteil für das Gesundheitsamt des Hohenlohekreises: Die Nachverfolgung wäre im Hohenlohekreis früher durchführbar als in den Nachbarkreisen. Infektionsketten, an denen Kinder und Jugendliche beteiligt sind, könnten früher durch Quarantänemaßnahmen unterbrochen werden. Details der Teststrategien der Kreise, die ja auch abhängig von der Verfügbarkeit der Testzentren und der Tests ist, sind allerdings nicht bekannt.
Bundesweite Datenlage legt Schulen und Kitas als wichtigen Infektionstreiber nahe
Die eingangs gestellte Frage, ob Kitas und Schulen die Infektionstreiber sind, kann aber auch durch diese Betrachtung noch nicht beantwortet werden – dazu bräuchte es nochmals detailliertere Daten, unter anderem auch Daten darüber, wann die Kinder und Jugendlichen aufgrund von Ferien und Schulschließungen überhaupt in den Kitas und Schulen waren.
Allerdings legen die Daten aus der ganzen Bundesrepublik, wo die Inzidenzwerte von Schülern und Jugendlichen inzwischen teilweise erheblich über den Kreisdurchschnitten liegen (siehe Grafik), nahe, dass die Schulen und Kindertagesstätten tatsächlich die Verbreitung des Virus fördern. Auch für Schulen gilt also das, was die Virologen schon seit Beginn der Pandemie sagen: Überall dort, wo Menschen auf engem Raum längere Zeit zusammen sind, kann sich das Virus verbreiten – einen 100-prozentigen Schutz können auch Hygienekonzepte mit Abstand, Masken und Lüften nicht bieten.
Text: Matthias Lauterer


