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„Maaaama, komm mal. Ich habe kein Klopapier“

Ich befinde mich nun wieder seit gefühlt 100, aber offiziell sind es nur drei Tagen, im homeschooling und home office. Das heißt, eigentlich befinde ich mich dort bereits seit Mitte Dezember 2020, als die Schulen überraschenderweise bereits fast eineinhalb Wochen vor den eigentlichen Ferien zugemacht haben und ich meinen Kindern, nachdem die Lehrer sich in die frühzeitigen Winterferien verabschiedet haben, Schulaufgaben aus dem Internet ausgedruckt habe, um zumindest am Vormittag noch ein oder zwei Stunden meiner Firma per Fernwartung zu dienen.

The same procedure 2021

Nun also the same procedure 2021. Aber hey, nachdem wir im Hohenlohekreis bereit nach zwei Wochen an die 700 Menschen geimpft haben – von insgesamt rund 120.000 – kann der Lockdown nur noch bis 2030 gehen. Wir bleiben optimistisch und beginnen den Tag bereits um 05 Uhr direkt am PC beim digitalen Arbeiten, dort wird auch gefrühstückt. Ich will  ja schließlich keine Zeit verlieren, bis meine Kinder aufstehen. Mein Mann steht eine Stunde später auf und verabschiedet sich lautlos in die Arbeit. Um 07 Uhr fällt das erste Kind aus dem Bett und ist nicht gut gelaunt angesichts der Tatsache, dass sein Unterricht bereits um 08 Uhr beginnt, der Unterricht bei dem anderen Kind beginnt nämlich erst um 08.30 Uhr. In dieser homeschooling-Phase sind die Schulen sehr motiviert, zu beweisen, dass ihre Lehrer nicht zu Hause im Garten sitzen und Kaffee trinken, sondern ständig anwesend und ansprechbar sind. Also gibt es permanent E-Mails und ganz viele Videokonferenzen. Teilweise morgens, mittags und abends.

Einen Strich für unentschuldigtes Fehlen

Und da muss man dabei sein, sonst erhält man einen Strich wegen unentschuldigten Fehlens. So. Jedes Mal hoffe ich daher, dass unser Internet stabil bleibt und wir die Verbindung korrekt einrichten und hinbekommen. Das Kind ist frisch gekämmt und hat saubere Kleidung an. Der Schreibtisch ist aufgeräumt. Puh. Das wäre geschafft. Während das eine Kind Videokonferenz macht und darüber spricht, wie die Aufgaben vom Vortag waren, schlurft das andere Kind im Hintergrund schlaftrunken in T-Shirt und Unterhose durch das Videobild. Alles gestikulieren meinerseits hilft nichts. Egal. Ich sitze mittlerweile auch nicht mehr in Bluse und Buntfaltenhose vor dem Rechner, sondern in Kapuzenpulli und Adidas Sporthose. So ändern sich eben die Zeiten. Jetzt zählt nur noch das nervliche Überleben.

Der Ärger beginnt bereits um kurz vor halb neun

Der Ärger beginnt bereits um kurz vor halb neun. Mein eines Kind mault im Hintergrund, das es langsam auch das Tablet braucht, weil seine Videokonferenz nun anfängt. Das andere Kind zuckt mit den Schultern und gestikuliert, doch bitte ruhig zu sein. Ich sage dem Kind, es kann auch mit meinem Handy rein. Nein, da seien nicht alle Symbole verfügbar und der Bildschirm zu klein. An meinem PC bin ich gerade an der Erstellung einer Tabelle. Soll ich mein Kind dort ranlassen? Im Hintergrund in meinem Büro sieht es zudem aus wie bei Hempels. Dort müsste ich vorher noch aufräumen, sonst wird es peinlich.

Wir können der Videokonferenz nicht digital beitreten

Es ist fünf Minuten nach halb neun. Die zweite Videokonferenz läuft schon, während mein zweites Kind sich zuschaltet. Es ist sowieso schon sehr schlecht gelaunt, weil es den Anfang vermutlich verpasst hat. Wir können die Konferenz nicht digital betreten. Eine Welt bricht ein – für mein Kind. Ich melde es per E-Mail der Lehrerin und sage, dass wir jetzt anfangen zu arbeiten und vielleicht morgen digital sehen. Während ich dem einen Kind erkläre, warum es sich an die Vorgaben des Lehrers halten muss und zwei Sätze als Aufsatz nicht ausreichen, kreischt mein anderes Kind, als es den Wochenplan vor sich sieht, dass das alles viel zu viel sei und das alles nicht bewältigen könne. Außerdem habe es Hunger und möchte ein Müsli auf seinen Schreibtisch platziert wissen. Zwischendurch rufen meine Kollegen an, um sich abzusprechen wegen des Projektes XY, der Bofrostmann klingelt und der Paketbote ebenso. Die erste Aufgabe im Fach Deutsch wäre beim ersten Kind erledigt. Ich fotografiere sie ab und schicke sie dem betreffenden Lehrer. Danach schaue ich, welches Fach auf dem Stundenplan als nächstes drankommt und welche dazugehörigen Aufgaben. Ich suche verzweifelt das Religionsblatt, das als nächstes zu machen wäre, während das andere Kind mich nebenbei wissen lässt, dass die Lösungen in Mathe alle im Buch hinten drin stehen und er jetzt schnell mal nachschaut, ob er auch alles richtig gerechnet hat. Aha. Bevor ich eingreifen kann, klingelt das Telefon. Mein Chef ist dran und will wissen, wie weit ich mit der Tabelle wäre und ob wir um 11 Uhr eine kurze Videokonferenz machen könnten zur Besprechung der Ergebnisse. Derweil schreit’s im Hintergrund, vermutlich aus dem Badezimmer: „Maaaama, komm mal. Ich habe kein Klopapier“. Eine Mail vom Deutschlehrer erreicht mich wenig später, dass an der Hausaufgabe meines Kindes noch etwas geändert werden muss und dann bitte, na klar, nochmal zuschicken. Eine WhatsApp trifft parallel dazu ein von meinem Mann, der mich darauf aufmerksam macht, dass man Abwesenheitsassistent noch aktiv ist, obwohl ich doch schon wieder arbeite. Und ich frage mich: Wie lange soll nochmal der Shutdown gehen?

Eine Kolumne von Christine Müller