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Neue Gesichter bei den Festspielen in Jagsthausen 2023

Das Besetzungskarussell dreht sich. In der Spielzeit 2023 kehren viele bekannte Gesichter nach Jagsthausen zurück, aber auch einige neue Gesichter können im Ensemble begrüßt werden. Eines davon ist Denis Fischer, der die Hauptrolle „Rio Reiser“ im gleichnamigen Stück „Rio Reiser – König von Deutschland“ geben wird. Außerdem komponiert er die Musik für „Des Kaisers neue Kleider“ und spielt den „Narr“.

Des Kaisers neue Kleider

Wenn auch nach außen noch nicht sichtbar, laufen die Vorbereitungen im Hintergrund bereits auf Hochtouren. Die künstlerische Abteilung steckt in den Endzügen der Besetzungsplanungen, um das Ensemble für die Saison 2023 zu komplettieren, Castings, Kostüm- und Bühnenbildbesprechungen fanden statt. Bereits im März nehmen die Mitarbeiterinnen in der Schneiderei ihre Arbeit auf.

„Mein Bruder hat mich damals mitgeschleift“

„Ich hatte das Glück „Rio“ zufällig 1991 live in der Schmidtshow auf der Reeperbahn in Hamburg zu sehen. Mein Bruder hat mich damals mitgeschleift. Er sang: „Halt dich an deiner Liebe fest“. Ganz allein am Klavier. Das hatte eine unglaubliche Energie. Danach lief er im Backstage an mir vorbei, ganz verdruckst und unsicher. Für mich ist Rio Reiser bis heute der beste Texter deutschsprachiger Songs. Ohne Schnörkel, ehrlich und geradeaus. Als ich 1978 geboren wurde, hat er schon solche Songs wie „Land in Sicht“ geschrieben. Damit war er seiner Zeit und all seinen Kollegen weit voraus. Als Sänger hat er diese raue Energie und trifft direkt ins Herz. Ich freue mich riesig darauf diese Lieder live auf die Bühne zu bringen“, so Schauspieler und Sänger Denis Fischer.

Rocky Horror Picture Show

Denis Fischer, der neben der Titelrolle im gleichnamigen Stück „Rio Reiser – König von Deutschland“ auch im Kinderstück „Des Kaisers neue Kleider“ als „Narr“ zu sehen ist, wurde 1978 im Norden Deutschlands geboren, machte er im Alter von 16 Jahren erste Erfahrungen als Musiker in Kneipen und Bars. Seit 1999 arbeitet er als Sänger und Schauspieler in der freien Kunst- und Kultur-Szene. Im selben Jahr schlüpfte er auch in erste Theaterrollen am Jungen Theater Bremen. Seit 2004 fester Gast am Künstlerhaus Schwankhalle Bremen. Neben seinen schauspielerischen Tätigkeiten engagierte er sich dort in den Bereichen Konzeption und Programmplanung und war von 2013-15 künstlerischer Leiter des Hauses. Mit seinen Soloprogrammen ist Fischer deutschlandweit unterwegs. Als Regisseur hatte er zuletzt Premiere mit: „Wildes Berlin“, einer Produktion des BKA Theaters in Koproduktion mit dem Admiralspalast Berlin. 2017 erschien mit dem Album: „Sommer in der Stadt“ Fischers erste CD mit ausschließlich eigenen, deutschsprachigen Songs. 2018 war Fischer neben Theaterprojekten mit seinem Liederabend: „Denis Fischer singt Cohen“ auf Tournee. Ein Highlight 2019 war sein Mitwirken bei den Clingenburg Festspielen. Dort war er in der Rolle des Frank‘n‘Furters in der „Rocky Horror Show“ zu sehen. Hierfür bekam er den Preis „Publikumsliebling 2019“.

Bedürfnis nach Gerechtigkeit

Eva Hosemann, die künstlerische Leiterin der Burgfestspiele wird bei „Rio Reiser – König von Deutschland“ selbst Regie führen und freut sich sehr auf dieses Stück: „Rio Reiser ist für mich nicht nur ein Musiker, der uns sowohl mit „Ton Steine Scherben“, als auch als Solokünstler viele unvergessliche Hits geschenkt hat, sondern ein Ausnahmemensch. Immer mit dem „Ohr auf der Schiene der Geschichte“ und dem Zeitgeist und dem Herz am Dilemma des Menschschein. Klar, zart und mit einem großen Bedürfnis nach Gerechtigkeit, das ihn auch laut werden ließ, von vielen vereinnahmt blieb er weit über seinen Tod hinaus solitär.“

Hauptsponsor Würth

Die Burgfestspiele Jagsthausen möchten sich auf diesem Wege für die große Unterstützung des Landes Baden-Württemberg, des Landkreises Heilbronn und der Gemeinde Jagsthausen bedanken. Ein aufrichtiger Dank gilt dem Hauptsponsor Adolf Würth GmbH & Co. KG, dem Sponsor ZEAG Energie AG, dem Förderverein „Freunde der Burgfestspiele Jagsthausen e. V.“, der KulturStiftung der Kreissparkasse Heilbronn, der SV SparkassenVersicherung, dem Deutschen Bühnenverein und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien mit dem Förderprogramm „Neustart Kultur“.

Karten für alle Stücke gibt es online unter http://www.burgfestspiele-jagsthausen.deper Mail unter info@burgfestspiele-jagsthausen.de, telefonisch unter 07943 912345 oder persönlich im TicketCenter.

 




„Gestern noch lallend auf dem Kneipenboden, heute strippend auf der Showbühne“

Nicht nur die Außentemperaturen treiben das Thermometer aktuell in die Höhe. Auch im Burghof wird’s heiß. Denn hier wird aktuell auf Hochtouren geprobt, getanzt und gespielt, damit am Freitag, 24. Juni bei der Premiere von „Ladies Night“ (von Stephen Sinclair und Anthony McCarten / Deutsch von Annette und Knut Lehmann) die Hüllen fallen können. Die Geschichte ist angelehnt an den Film „Ganz oder gar nicht“, wurde aber eigens für die Burgfestspiele von Monika Hirschle, bekannt aus „Laible und Frisch – Urlaubsreif“ aus der Spielzeit 2019, ins Schwäbische übersetzt. Beginn ist um 20.30 Uhr.

Darum geht es:

Sie sind arbeitslos, vollkommen pleite und ohne jede Perspektive: zehn ehemalige Arbeiter aus unterschiedlichen Branchen in Schwaben. Dazu kommt Ärger in den Beziehungen. Kurz: Sie sind richtig am Ende und es gibt keinen Ausweg – oder vielleicht doch? Wieso verdienen die Men-Strip-Stars „Chippendales“ viel Geld mit Ausziehen, während sie stempeln gehen?

„Der Wunsch, dem Elend zu entkommen, ist stärker als die Schamgrenzen“

Sie sind zwar zu dick, zu schmächtig oder zu alt, aber sie wollen es versuchen. Also trainieren, tanzen und strippen sie, was das Zeug hält – heimlich natürlich, nicht einmal ihre Frauen sollen etwas davon wissen. Immer wieder droht der große Plan zu scheitern, jeder hat Angst, sich zu blamieren. Doch der Vorverkauf läuft blendend, die Frauen zahlen für ihre nackten Tatsachen und am Ende ist der Wunsch, dem Elend zu entkommen, stärker als die Schamgrenzen – und die Show ein Triumph. Und vielleicht machen nicht nur Kleider Leute…

„Klassische Männer, wie wir sie vom Fernsehsofa kennen“

„Freuen Sie sich auf klassische Männer, wie wir sie vom Fernsehsofa kennen – die ihren Job verloren haben und am Tiefpunkt ihres Lebens einen neuen Höhepunkt anstreben, frei nach dem Motto: gestern noch lallend auf dem Kneipenboden, heute strippend auf der Showbühne“, so Regisseur Stephan Bruckmeier.

Ladies Night bei den Burgfestspielen Jagsthausen. Foto: BFS Jagsthausen

Karten gibt es online unter www.burgfestspiele-jagsthausen.de, per Mail info@burgfestspiele-jagsthausen.de oder telefonisch unter 07943 912345. Alle Veranstaltungen der Burgfestspiele Jagsthausen werden unter den dann aktuellen behördlich vorgegebenen Schutz- und Hygienemaßnahmen stattfinden.

Pressemitteilung Burgfestspiele Jagsthausen




„Ich bin der Mann. Ich verdiene das Geld. Du bist die Frau. Du gehörst ins Haus, in die Küche und zu den Kindern“

„Ich bin der Mann. Ich verdiene das Geld. Du bist die Frau. Du gehörst ins Haus, in die Küche und zu den Kindern.“ Der dumme August, Zirkusclown von Beruf, hat eine klare Vorstellung von männlicher und weiblicher Rollenverteilung im Alltag. In Ottfried Preußlers 1972 erschienenem Kinderbuchklassiker „Die dumme Augustine“ erfährt August, im wahrsten Sinne des Wortes schmerzlich, dass seine Frau weit mehr Fähigkeiten hat, als er ihr bisher zugeschrieben hat. Nun haben sich die Burgfestspiele Jagsthausen das Kinderstück in dieser Saison auf die Fahnen geschrieben. GSCHWÄTZ-Reporterin Priscilla Dekorsi war bei der Premiere dabei.

Der Clown hat Zahnschmerzen

Augustine (Sarah Kattih) träumt schon seit langem davon, in der Manege zu stehen und das Publikum zum Lachen zu bringen. „Bravo, Augustine!“, schallt es in ihren Träumen, während die tosende Menge Beifall klatscht. Ihr Mann August (Sebastian Faust) ist allerdings nicht besonders begeistert von dem Gedanken, dass seine Frau berufstätig sein könne. Sie habe doch genug mit dem Haushalt und ihrem gemeinsamen Sohn Guggo (Björn Luithardt) zu tun. So hat sich für Augustine der Traum der Karriere im Zirkus erst einmal ausgeträumt – bis ihr Gatte eines Tages mit Zahnschmerzen zum Zahnarzt muss. Der Zirkusdirektor (dargestellt durch eine liebevoll in Handarbeit gefertigte Puppe der Puppenbauer Robert Buschbacher und Oliver Köhler) ruft August aus und wartet, zunehmend nervöser, auf den Auftritt des Clowns. Hier kommt Augustine zum Zug. Sie springt kurzerhand für ihren Mann ein und rettet die Vorstellung. Das Publikum, der Zirkusdirektor, der dumme August und vor allem die Akteurin sind hellauf begeistert.

Nachdem der dumme August den anfänglichen Schock über das Engagement seiner Frau verdaut hat, gibt er zu: „Manchmal sagt man Blödsinn, auch wenn er nicht so gemeint war“ und schlägt vor: „Wir werden uns die Arbeit teilen. Du hilfst mir im Zirkus und ich helfe Dir im Haushalt.“

Szene aus „Die dumme Augustine“. Foto: GSCHWÄTZ

Eva Hosemann, künstlerische Leiterin der Burgfestspiele, erklärt: „Nach wie vor ist die Fragestellung: ‚Wer macht was und vor allem wer macht was für die Familie?‘ aktuell. Besonders im ländlichen Raum, wo es noch weniger Kitas gibt, ist das ein großes Thema. Wenn der Kindergarten um 12 Uhr schließt und man zum Mittagessen schon wieder die Kinder Zuhause hat, ist es eben meistens die Frau, die Zuhause bleibt und sich um die Familie kümmert.“

Auf dem Land sind die alten Rollenbilder in jedem Fall noch ein Thema

Besucherin Rebecca Collins teilt Hosemanns Ansicht: „Die alltägliche Aufgabenverteilung zwischen Mann und Frau ist auf jeden Fall noch ein Thema. Ich finde es wichtig, dass dieses Thema angesprochen wird.“ Darauf, dass Aufgabenteilung, wenn auch wie in Augustines Fall auf den zweiten Blick, möglich ist und es das Zusammenleben in jeder Hinsicht bereichert, wenn jeder das macht, was ihn oder sie erfüllt, weist diese Inszenierung auf spielerische und natürliche Weise hin.

Mut, groß zu träumen

Und Augustines Selbstvertrauen, ihr Mut, groß zu träumen und ihre Zielstrebigkeit haben ihr schlussendlich nicht nur die Anerkennung ihres Mannes und der Zirkusgäste eingebracht, sondern auch das Staunen und die Begeisterung des Jagsthausener Publikums: ‚Ahhs‘ und ‚Ohhs‘ untermalt von schallendem Kinderlachen. Von den Kindern gibt es für die Jagsthausener Inszenierung der „dumme(n) Augustine“ auf jeden Fall tosenden Beifall und auch den großen Kindern im Publikum steht das Entzücken ins Gesicht geschrieben.

Text: Priscilla Dekorsi




„Die Schwachen werden regieren mit List“

Völlig zerrissen steht Götz von Berlichingen (Stephan Szász) auf der Bühne in der Jagsthausener Götzenburg. Kein polternder Raufbold, der mit seiner Eisenhand am liebsten alles kurz und klein schlagen möchte, was sich ihm in den Weg stellt, ist Götz in der Inszenierung von Wolfram Apprich. Ein Sturkopf ist er aber geblieben, der mit seinen alten Werten die Welt verbessern will, auch für sich ganz persönlich und für seine wirtschaftliche und soziale Situation.

Burgfestspiele Jagsthausen. Ein nachdenklicher Götz (Stephan Szász) . Foto: GSCHWÄTZ

Nur werden diese alten Werte in der Welt nicht mehr gebraucht, es herrscht eine Zeitenwende. Ein nachdenklicher Sturkopf ist Götz also, der seine Untaten der Vergangenheit bedenkt und sie so einordnet, dass sie ihm nicht allzu viele Skrupel bereiten müssen. Und einer, der in die Zukunft sieht und merkt, dass er diese Zukunft kaum noch selbst beeinflussen können wird. Der Kaiser hat nicht mehr lange zu leben, die Allianzen für seine Nachfolge werden bereits geschmiedet und da ist für die „letzten Ritter“, Götz und Franz von Sickingen, kein wirklicher Platz mehr im sozialen Gefüge.

Der „Freiheit“ hinterherrennen

Götz lebt für die Freiheit. „Es lebe die Freiheit“, ruft er – das ist sein Ziel. Aber als er sich letztendlich im Namen dieser Freiheit nochmal dem Bauernhaufen anschließt, findet er schnell heraus, dass die Freiheit, die er meint, auch von diesen Bauern nicht erkämpft werden will. Das war sein letztes Aufbäumen. Er resigniert, er fühlt sich gescheitert. Die „Freiheit“, die er meint, gibt es in der Gesellschaft nicht mehr – wenn es sie je gegeben haben sollte.
Er hat kein reales Ziel mehr vor Augen.

Burgfestspiele Jagsthausen. Götz (Stephan Szász) und sein Jugendfreund Weislingen (Dirk Emmert) versöhnen sich. Foto: GSCHWÄTZ

Weislingen (Dirk Emmert), Götzens Freund aus der Kindheit, ist gleichfalls innerlich hin- und hergerissen in einem Wertekonflikt. Da ist die Freundschaft zu Götz, andererseits sein persönlicher sozialer Aufstieg bei den Kaiserlichen und den Bischöflichen in Bamberg. Und so gerät er nach der Versöhnung mit Götz und dem Verlöbnis mit Götzens Schwester unmittelbar wieder in die Fänge der Politik am Hofe – und in die Fänge der schönen Witwe Adelheid (Lina Hoppe). Für die ist Weislingen nur ein Mittel zum Zweck, ihre eigenen Ziele zu erreichen.

Burgfestspiele Jagsthausen. Weislingen in den Fängen der Ränkeschmiedin Adelheid. Foto: GSCHWÄTZ

Denn wie so vieles in dieser neuartigen Welt ist auch die edle Minne nicht mehr, was sie früher einmal war. Adelheid ist nicht mehr die mittelalterliche Frau, sie ist eine moderne Frau, die ihr eigenes Leben führen will und nicht nur ein Anhängsel eines Mannes sein will. Das bekommen im Stück die Männer zu spüren. Längerfristig glücklich werden sie alle nicht mit ihr, sie sind nur Spielzeug in den Händen der Ränke schmiedenden Furie.

Das rächt sich: Götzens Schwester Maria (Bernadette Hug) wird letztendlich zur Nemesis, zur Göttin des gerechten Zorns, und löst das Problem Adelheid mit althergebrachten Mitteln: Sie ersticht sie – mit dem Dolch, der ähnlich einem Damoklessschwert über fast das ganze Stück hinweg in der Mitte der Bühne steckt und somit zu einem zentralen Motiv der Inszenierung wird. „Macht kaputt, was Euch kaputtmacht“ – Maria lebt dieses Motto.

Wirkliches Glück mit ihrem Weislingen findet Maria nicht: Weislingen ist zermalmt zwischen den Mühlsteinen der Macht- und der Ränkespiele, er liegt erschöpft am Boden und kann nicht mehr.

Burgfestspiele Jagsthausen. Weislingen und Maria. Foto: GSCHWÄTZ

Nur zwei Konstanten kennt das Stück: Im Leben des Götz ist es die Liebe seiner Frau Elisabeth, die in guten wie in schlechten Zeiten zu ihm hält. Als Gegenfigur zu Adelheid bleibt sie bis zum Ende eine starke Persönlichkeit, die ebenfalls weiß, was sie will. Aber sie hat einen ganz anderen Lebensentwurf als Adelheid. Eine Wandlung ist auch bei Elisabeth sichtbar: Anfangs steht sie hinter ihrem Mann, später stellt sie sich vor ihn – sie wird zu seinem Schutz vor der Welt, entwickelt sich auch zu einer modernen, Verantwortung tragenden, starken Frau, wenn auch ganz anders als Adelheid.

Und in der Welt ist die Konstante die Kirche, die in der Person des Bischofs von Bamberg lächelnd dem Geschehen auf der Bühne zuschaut. Sein Beten sieht immer aus wie ein Händereiben. Die Kirche ändert sich nicht, sie hält sich vordergründig aus den Machtspielen heraus, zieht dafür aber im Hintergrund die Fäden. Es wird wohl Absicht der Regie sein, dass der Schatten des Bischofs wie ein Clown aussieht …

Burgfestspiele Jagsthausen. Die Kirche schaut lächelnd zu. Foto: GSCHWÄTZ

„Die Schwachen werden regieren mit List“, sinniert Götz über die verlorene Zukunft. Und Elisabeth verflucht das Jahrhundert, das ihren Götz verstoßen hat. Mehr bleibt der einst einflußreichen Familie derer von Berlichingen nicht mehr.

Am Ende geht ein resignierter Götz von der Bühne, schweren Schrittes und gebeugten Hauptes. Selbst sein Schatten ist zwiegespalten. Zu sagen hat er weiter nichts mehr.

Burgfestspiele Jagsthausen. Abgang Götz – selbst sein Schatten ist zwiegespalten. Foto: GSCHWÄTZ

Mit diesem Götz ist Regisseur Wolfram Apprich und Eva Hosemann, der künstlerischen Leiterin der Burgfestspiele, ein Coup gelungen. In der Manier der klassischen griechischen Tragödie spielen die Schauspieler in minimalistischer Umgebung und zwingen das Publikum so, sich auf die Szene und die eindrucksvollen Charaktere zu konzentrieren. Es ist einfach nichts vorhanden, was das Publikum ablenken könnte – Mimik und Gestik, die vielmals mehr als die Worte sagen, kommen zur Geltung.

Damals wie heute: Eine Welt im Umbruch

Und doch findet sich der Zuschauer im Stück wieder: Da ist die „Zeitenwende“ des ausgehenden Mittelalters. Nichts bleibt so, wie es war. Scheinbar bewährte Lebenseinstellungen verlieren ihren Sinn.
Das kennen wir aus der heutigen Zeit auch – auch heute spricht man von „Zeitenwende“. Damals war es eine gesellschaftliche Entwicklung, das Bürgertum in den Städten kam als neue ökonomische und gesellschaftliche Macht auf. Die heutige Zeitenwende wird von außen aufgezwungen.

Mehrere Lebensentwürfe in diesen Umbruchszeiten werden dargestellt. Aber egal, ob die Person am Althergebrachten festhalten will oder sich Hals über Kopf in den Trubel der modernen Welt stürzt: Am Ende scheitern sie alle. Am wenigsten erfolglos ist wohl noch die Strategie von Elisabeth: Sie versucht, sich auf ihr kleinstes Lebensumfeld zu konzentrieren, ihre Familie. Aber selbst sie scheitert letztendlich.

Eine Lösung, wie man sich in der Zeitenwende verhalten könnte, gibt uns Apprichs Götz nicht. Götz verabschiedet sich und geht.

Text und Fotos: Matthias Lauterer
Die Fotos entstanden während der Hauptprobe




„Es lebe die Freiheit“

SCHWDer Götz von Berlichingen darf bei den Burgfestspielen in der Götzenburg von Jagsthausen nicht fehlen.

Stephan Szász spielt in dieser Neuinszenierung von Wolfram Apprich einen Götz, der an seinem altgeprägten, eigenen und auch durchaus eigennützigen Freiheitsbegriff inmitten einer sozialen und politischen Zeitenwende zugrundegeht. Aber nicht nur er wird letztendlich an seiner Zerrissenheit scheitern.

Burgfestspiele Jagsthausen. Wolfram Apprich, Regie. Foto: GSCHWÄTZ

Die Inszenierung ist in keiner Weise „modern“ – trotzdem passen die dargestellten Schicksale in die heutige Zeit.

Burgfestspiele Jagsthausen. Stephan Sász als Götz und Sarah Kattih als seine Frau Elisabeth. Foto: GSCHWÄTZ

Die Premiere dieser neuen Inszenierung beginnt am Freitag, 17. Juni 2022 um 20:30.

Text und Fotos: Matthias Lauterer
Die Fotos entstanden während der Hauptprobe




„Aus dem Dornröschenschlaf erwacht“

Birgit Baronin von Berlichingen, Geschäftsführerin der Burgfestspiele Jagsthausen gGmbH, brachte es am Samstag, 11. Juni 2022 auf den Punkt: „Die Festspiele sind aus dem Dornröschenschlaf erwacht“. 2020 und 2021 sind die Festspiele coronabedingt ausgefallen, jetzt konnte mit dem Monty Python Musical  „Spamalot“ die erste große Produktion der Spielzeit 2022 Premiere feiern.

Innenminister Strobl (links), Birgit Baronin von Berlichingen und Roland Halter eröffnen die Festspiele. Foto: GSCHWÄTZ

„Die Ritter der Kokosnuss“

Auf Basis des Films „Monty Python and the Holy Grail“ – auf Deutsch „Monty Python und die Ritter der Kokosnuß“ – hat Eric Idle, einer der fünf Monty Pythons, ein Musical geschrieben, das genau wie der Film eine Institution auf die Schippe nimmt.

Der Film beschäftigt sich mit dem englischen Nationalmythos Artus und seiner Suche nach dem heiligen Gral und verballhornt den Mythos derart gelungen, dass der Film anfangs grottenschlechte Kritiken erhielt – was seinen Aufstieg zum Kultfilm einer Generation sicherlich beschleunigt hat. In Deutschland müßte man sich dazu Siegfried, zu Fuß und begleitet von einer Schar edler Recken, die mit Kokosnußhälften Hufgeklapper imitieren, an Gunthers Hof in Worms einlaufend vorstellen.

Das Musical verballhornt dazu noch das Genre des Musicals – und das zu einer Zeit, in der Musicals in Mode waren und in vielen Städten große Musicaltheater aus dem Boden schossen. So wird beispielweise die – ohnehin nur angedeutete – Handlung des Gralsmythos von der weiblichen Hauptdarstellerin (Helena Blöcker), in diesem Moment als „Diva“ unterwegs, unterbrochen:

Spamalot: „Wann gehts hier wieder mal um mich?“ (Helena Blöcker). Foto: GSCHWÄTZ

Sie beklagt sich singend darüber, dass sie ja schon so lange nicht mehr auf der Bühne zu sehen war – und wird danach von der Wache abgeführt. Oder wenn sie erklärt, dass das Lied, das sie gerade singt, wie in jeder Show, das Lied fürs Gemüt ist – und später darauf hinweist, dass dies jetzt das Lied mit dem Kuß ist.

Eric Idle hat das Musical-Business durchschaut und persifliert es in typischer Monty-Python-Manier.

Eine doppeltePersiflage

Und Eva Hosemann, die künstlerische Leiterin der Burgfestspiele, bringt diese doppelte Persiflage genauso grotesk, wie es Monty Python auch getan haben, auf die Bühne im Schloßinnenhof von Jagsthausen.

Ein verwirrter König

König Artus, gespielt von Jeff Zach, strahlt wenig Autorität aus: Sein eigenes Volk nimmt ihn nicht wirklich ernst, die Franzosen verhöhnen ihn gar aufs Übelste. Dazu strahlt er eine Unsicherheit und Ziellosigkeit bezüglich seiner Aufgabe, den Gral zu finden, aus. Eigentlich wirkt er stets fehl am Platz und niemals seiner Aufgabe gewachsen – eine wahrhaft tragische Figur. Seinen Zenit erreicht Artus im Lied „Ich bin allein“, in dem er seiner Niedergeschlagenheit – oder ist es bereits eine ausgewachsene Depression? –  freien Lauf läßt. Jeff Zach spielt ihn genau so, wie man sich den Helden eines Nationalepos ganz bestimmt nicht vorstellt.

Spamalot: „Ich bin allein.“ Artus (Jeff Zach, vorne) und Patsy (Carlo Benz). Foto: GSCHWÄTZ

Immer begleitet wird Artus von seinem getreuem Patsy (Carlo Benz), der wie ein Sancho Pansa nicht wirklich intelligent wirkt, aber seinen Herrn durch seine teils weltfremd erscheinenden Analysen doch immer wieder auf die richtige Spur führt.

Sehr seltsame Rittergemeinschaft

Auch die Ritter der Tafelrunde sind sehr divers zusammengesetzt und entsprechen so gar nicht dem, was uns die Artus-Sage über die edlen Ritter sagen will:

Spamalot: Die Ritter:innen der Tafelrunde. Foto: GSCHWÄTZ

Sir Robin (Frank Roder) ist ein wahrer Angsthase vor dem Herrn, der sich vor dem Kampf gerne einnäßt, und während des Stücks aus dramaturgischen Gründen sogar seine Kleider wechseln muß, weil es seinen Mitstreitern etwas zu eindeutig riecht. Eigentlich will er ja auch nicht kämpfen, sondern nur tanzen und singen und geht nur nach Camelot, damit er seinen Freund Lancelot begleiten kann.

Lancelot, gespielt von Dan Glazer, ist ein unerschrockener Totschläger mit einem aufgewühlten Gefühlsleben. Er sucht nicht nur den Gral, sondern auch die Minne – und er wird letztlich seinen Herbert (Karsten Oliver Wöllm) vor einer ungewollten Hochzeit mit einer Prinzessin „mit riesigen … äääh … Ländereien“ erretten und mit ihm seinen persönlichen Gral finden.

Spamalot: Lancelot und sein Herbert. Foto: GSCHWÄTZ

Sir Bedevere, in der Sage als fast so schön wie Artus beschrieben, wird von Sarah Kattih gespielt, die ihm – oder doch ihr? – ein deutlich weibliches Profil gibt, verspielt und etwas träumerisch.

Am meisten dem klassischen Bild eines Ritters der Tafelrunde entspricht noch Sir Galahad (Raphael Dörr). Nachdem ihn Artus und die Fee vom See (Helena Blöcker) von der Absurdität seiner sozialreformerischen Ansichten überzeugt haben, folgt er seinem König treu und ergeben.

Gesang, Chor und Choreographie

Eva Hosemann und ihr Team schaffen es, diesen herrlich unsinnigen Plot, verbunden mit echtem Klamauk, auf die Bühne zu bringen. Das ist nur möglich, weil alle Darsteller – nicht nur die Hauptdarsteller – hohe künstlerische Qualität zeigen. Die Tanzszenen bestechen durch Präzision und Leichtigkeit und unterstützen jeweils die Handlung auf der Bühne eindrucksvoll.

Spamalot – Klamauk. Foto: GSCHWÄTZ

Spamalot – Auftritt Die Fee vom See (Helena Blöcker). Foto: GSCHWÄTZ

Alles wird gut

Das Stück endet moralisch, mit einer Paraphrasierung dessen, was der Gral für die einzelnen Gralssucher letztendlich ist. Bei der ersten Erwähnung, dass man den Gral im Inneren suchen muß, war noch die Frage zu hören „Hat ihn jemand verschluckt?“ – am Ende haben alle ihren Gral gefunden: Sir Robin wird Musicaldarsteller und Artus und Lancelot heiraten ihren jeweiligen Gral.

Spamalot – Schlußszene. Foto: GSCHWÄTZ

Die Aufführung hat offenbar das Herz des Publikums getroffen, das Ensemble erhält stehende Ovationen und muß mehrfach „Always look on the bright side of life“ singen. Nein, das ist nicht richtig: von „muss“ kann nicht die Rede sein – zu viel ehrliche Freude spricht aus den Gesichtern der Beteiligten.

Spamalot – ein begeistertes Publikum feiert das Ensemble. Foto: GSCHWÄTZ

Text und Fotos: Matthias Lauterer
Die Bühnenfotos entstanden während der Hauptprobe

 




Spamalot – große Musical-Premiere in Jagsthausen

König Artus und seine Ritter der Tafelrunde stehen im Mittelpunkt des Musicals Spamalot, das am 11. Juni in der Götzenburg zu Jagsthausen Premiere feiert.  Eric Idle, Mitglied der englischen Komiker- und Satirikertruppe Monty Pythons, schrieb das Musical angelehnt an den Film „Monty Python and the Holy Grail“, auf deutsch bekannt unter dem Namen „Die Ritter der Kokosnuss“.

Die Story

Spamalot – Auftritt Die Fee vom See (Helena Blöcker). Foto: GSCHWÄTZ

Spamalot – Die Ritter der Tafelrunde. Foto: GSCHWÄTZ

Artus und seine aus … sagen wir: sehr merkwürdigen Persönlichkeiten zusammengesetzte Tafelrunde erhalten von einer geheimnisvollen Fee aus dem See den Auftrag, den heiligen Gral zu suchen, was zu einer turbulent inszenierten Weltreise führt, in der diverse Abenteuer zu bestreiten sind. Bis am Ende doch noch alles gut wird. Nein, nicht alles: Mehrere Personen, die während des Stücks den Bühnentod erleiden, erleben das Ende nicht mehr.

Alles drin, was man von einem Musical erwartet

Spamalot – König Artus ( Jeff Zach) und sein getreuer Patsy (Carlo Benz). Foto: GSCHWÄTZ

Aus dieser Story hat die Truppe um Eva Hosemann, der künstlerischen Leiterin der Burgfestspiele Jagsthausen, eine Aufführung erarbeitet, die alles bietet, was man von einem Musical erwartet: Klamauk, bunte Tanzszenen, Gesang und Wortwitz mit aktuellem und lokalen Bezug, sowie Blut und Szenen inniger Romantik sorgen für beste Musical-Unterhaltung.

Text: Matthias Lauterer
Die Fotos entstanden bei der Hauptprobe




Nach zwei Jahren Coronapause: viel Neues für Besucher der Burgfestspiele Jagsthausen

Ab dem 4. Juni 2022 kann sich das Publikum der Burgfestspiele Jagsthausen ein Bild von den Neuerungen beim Freilichttheater machen. Für Besucher mit Hörschädigung haben die Burgfestspiele Jagsthausen in Technologie von Sennheiser investiert. Darüber hinaus zieht die Theaterkasse in eine moderne Umgebung.

Investitionen für Hörgeschädigte

Anfang Juni öffnen sich die Tore der Götzenburg für das Publikum der Burgfestspiele Jagsthausen. Im Jahr 2022 wird ein Projekt realisiert, auf das die Geschäftsleitung besonders stolz ist. „Ich freue mich sehr, dass wir in diesem Jahr mit dem Hörunterstützungssystem „MobileConnect“, entwickelt von Sennheiser in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut, auch für Menschen mit Hörschädigung den Zugang zum Theater erleichtern oder gar erst ermöglichen können. Durch die finanzielle Unterstützung der Freunde der Burgfestspiele konnten wir in eine Technologie investieren, die in Theatern, Universitäten und Museen weltweit zum Einsatz kommt“, so Birgit Baronin von Berlichingen, Geschäftsführerin der Burgfestspiele Jagsthausen.

Ton der Vorstellung wird direkt aufs Handy übertragen

Für Menschen mit Hörschädigung wird ein Theaterbesuch oft erschwert. MobileConnect ist eine unabhängige Hörunterstützung und bringt Live-Audio direkt auf das Smartphone. Im Fall der Burgfestspiele heißt das, das Theaterstück wird direkt auf das Handy übertragen.

In nur drei Schritten gelangt der Zuschauer in den Klanggenuss von MobileConnect:

  1. Zuhause oder über das öffentliche Netzwerk der Burgfestspiele wird die MobileConnect-App heruntergeladen
  2. Der Zuschauer können sich anschließend im Burghof-Netz Jagsthausen einwählen
  3. Die App öffnen und am Service-Point den QR-Code scannen.

Die App ermöglicht es den Nutzern, das Theaterstück in allen Klangfarben zu erleben und den Ton ganz den individuellen Hörgewohnheiten und -bedürfnissen anzupassen.

Auch die Kasse modernisiert

Neben MobileConnect kann sich das Publikum auch über die neue, moderne Theaterkasse freuen. Viel Platz und modernes, klares Design sorgen schon von der ersten Minute für einen unvergesslichen Theaterbesuch.

Pressemitteilung BFS Jagsthausen




„Ein gutes Leben ist die beste Rache“ 

Mit „Endlich!“ begrüßte Eva Hosemann, die künstlerische Leiterin der Burgfestspiele Jagsthausen, am 26. März 2022 das Publikum und den Kabarettisten Jess Jochimsen im Gewölbekeller der Götzenburg. Endlich ist es wieder möglich, Kultur live zu erleben, mit echten Menschen.

Demütigende Grenzerfahrung

Und Jochimsen erzählt auch gleich aus der Coronazeit, als es auch schon einmal wieder losging, mit einem Auftritt im Autokino: „Ich stand auf einem Parkplatz und habe Autos Witze erzählt – eine demütigende Grenzerfahrung“. Das ist sein Stilmittel: Das Absurde herauszuarbeiten und die komische Fallhöhe der Absurdität im Selbstverständlichen herauszuarbeiten. Im Kleinen wie im Großen.

„Mir waren die Irren lieber“

Wenn er zum Beispiel den „Dorfdepp“, der den ganzen Tag „schwallend“ durch’s Dorf läuft, mit Headset-Handytelefonierern vergleicht: „Mir waren die Irren lieber“. Oder wenn er die weltweiten Krisen nicht mehr als Ausnahme von der Normalität ansieht, sondern zur Normalität der Ausnahme erklärt.

Eine ganz eigene Form des Lachens

Gelacht wird, aber es ist kein herzhaftes Lachen, es ist eher unterdrückt. Liegt es daran, dass das Publikum in den letzten Jahren im Lachen nicht mehr so geübt ist? Oder zeigt der Eulenspiegel auf der Bühne dem Publikum zu deutlich den Spiegel? Erkennt sich das Publikum selbst als Protagonist der alltäglichen Absurdität und mag nicht so recht über sich selbst lachen?

Keine Antwort auf die Fragen

Eine Antwort darauf gibt Jochimsen nicht, will er auch nicht geben: „Der Satiriker gibt keine Antworten, er bereitet nur den Weg.“ Dieser Weg kann das mathematische Denken sein, meint er: Die Fähigkeit, eine Abfolge von Schritten zu minimalisieren und die Fähigkeit, immer auch die Umkehrmöglichkeit zu sehen. Auch beim mathematischen Denken gehe, wie in der Satire, nicht um die Antworten, sondern „um die Qualität der Fragen“.

„Kürzen und Kehren“

Diese Methode nennt er „kürzen und kehren“ und mit zwei einfachen Gesten, die er zu diesen Worten einführt, bringt er das Publikum im Lauf des Abends immer wieder auf diesen Weg zurück. Denn mit dem „Kürzen und Kehren“ will er das Publikum vor dem Irregehen bewahren: „Kürzen und Kehren – das ist der komplette Gegensatz zu jeglicher Esoterik“, und er meint damit von der Religion bis zum Aberglauben alles.

Jess Jochimsen im Gewölbekeller der Götzenburg. Foto: GSCHWÄTZ

„Wissen macht mehr Mühe als glauben“

Aber sofort folgt auch an dieser Stelle die Umkehrung: „Wissen macht mehr Mühe als glauben“.
Kleine und große Seitenhiebe auf die aktuelle Politik dürfen im Kabarett nicht fehlen. Und so empfiehlt Jochimsen stets den Blick auf die Opposition: „Neue Ideen kommen aus der Opposition“, meint er – und mit Blick auf Merz und Söder resigniert er. Über Söder sagt er: „Seine erste Aktion als Ministerpräsident war, überall Kreuze aufhängen zu lassen, auch in den Klassenzimmern. Heute weiß man: Waschbecken wären sinnvoller gewesen.“

Aber noch bevor ein befreiendes Lachen über die Politik seinen Weg finden kann, hält er dem Publikum schon wieder den Spiegel vor: „Man weiß immer erst später, wo man vorher stand.“ Und nachdem er sein Publikum erst zur Sehnsucht nach dem schönen, normalen, beschaulichen „früher“ hingeführt hat, sagt er ganz lakonisch „früher ist rum“ und löscht diese Sehnsucht umgehend, geradezu brutal, wieder aus.

„Wir werden alle bunte Hütchen tragen“

Jess Jochimsen im Gewölbekeller der Götzenburg. Foto: GSCHWÄTZ

In seinem Abschlußlied kürzt und kehrt er nochmals die Absurdität in die Albernheit um, er malt sich einen Moment aus, in dem „wir alle bunte Hütchen tragen“ und begegnet der allfälligen Frage „Wenn das alle machen würden, wo kämen wir dann hin?“ mit einem „keine Ahnung, aber ich glaube, da ist es schön“. Da ist er konsequent: Der Satiriker gibt keine Antworten.

Symbol der Normalität: Diashow zum Abschluß

Und damit auch alle das mit der Umkehrung verstehen, dreht er diese Albernheit nochmals um und beendet beide Teile seines Auftritts mit dem Symbol für die Normalität schlechthin: einer Diashow. Die dann aber auch nur Absurditäten des Alltags zeigt.

„Ein gutes Leben ist die beste Rache“

Und so verabschiedet er sein Publikum mit einem Appell an Solidarität, Vernunft und Gelassenheit und dem Motto: „Ein gutes Leben ist die beste Rache“ in die Nacht.

Im Innenhof der Götzenburg. Foto: GSCHWÄTZ

Eva Hosemann hat recht: Endlich sind solche Veranstaltungen wieder möglich.

Text: Matthias Lauterer

Post Scriptum: „Die Presse“ kommt dem Wunsch des Künstlers selbstverständlich gerne nach und berichtet davon, dass an diesem Abend Kinder ins Kabarett gezwungen wurden.

Info:
www.jessjochimsen.de
www.burgfestspiele-jagsthausen.de/




„Wir arbeiten an einem nachhaltigen Überleben“

Viele Branchen waren und sind durch die Auswirkungen der Corona-Lockdowns in ihrer Existenz gefährdet. Einige dieser Branchen suchten den Weg in die Öffentlichkeit, über andere wurde recht wenig berichtet. Eine der Branchen, die kaum öffentlich zu Wort kamen, sind die Veranstalter von Kulturveranstaltungen. GSCHWÄTZ hat mit Eva Hosemann, der künstlerischen Leiterin, und Roland Halter, dem Geschäftsführer der Burgfestspiele Jagsthausen (BFS) unter anderem über dieses Thema gesprochen.

Zwei Jahre kompletter Ausfall

In den Jahren 2020 und 2021 fiel das Programm der Burgfestspiele den Corona-Einschränkungen komplett zum Opfer. Einzig zwei Konzerte konnten 2021 stattfinden. Eine auch persönlich besonders unglückliche Wendung für Eva Hosemann, die mit dem Programm 2020 ihre erste Saison als künstlerische Leiterin bestreiten wollte. „Und schon haben wir nicht gespielt“, sagt sie mit einem eher gequälten Lachen. „Als Kulturschaffender ist das eine Tragödie“, sagt sie, aber fügt hinzu: „In der Tragödie sterben alle, wir arbeiten aber an einem nachhaltigen Überleben.“ Den Optimismus sieht man daran, dass rund um die Burg Jagsthausen schon mit dem Programm für 2022 geworben wird. Die Veranstalter möchten die Stücke aufführen, die für 2020 geplant waren.

Die Lobby fehlt

„Wir waren die ersten, die aus der Szene rausgeschossen wurden und wir kommen als letzte wieder rein“, beschreibt Halter die Situation. „Bedauerlicherweise haben wir nicht die Lobby wie DFL oder UEFA oder andere verantwortungslose Veranstalter.“ Er verweist auf die bekannten Bilder von nahezu voll besetzten Fußballstadien in Budapest, St.Petersburg oder Wembley. Deutliche Worte sind das – aber „ich weiß nicht, wie ich aus meinem Herzen eine Mördergrube machen sollte“.

Manche Akteure haben den Beruf komplett gewechselt

Im Jahr 2020 war das gesamte Ensemble bereits engagiert, die Verträge waren unterschrieben, als die Vorstellungen abgesagt wurden. Glück für die Künstler, denn aufgrund der bestehenden Verträge konnte Kurzarbeit beantragt werden und die Künstler hatten daher immerhin Einnahmen. Die Spielzeit 2021 wurde so frühzeitig abgesagt, dass man gar keine Engagements abgeschlossen hat. Trotz der Absagen habe man große Teile des Ensembles für 2022 halten können. Einige geplante Akteure seien allerdings durch andere Engagements gebunden, andere hätten sogar den Beruf gewechselt. „Besonders für die Freiberufler ergaben sich echte Notlagen.“ Hosemann berichtet von einem Ensemblemitglied, das eine Übergangstätigkeit in der Pflege angenommen habe und sich jetzt für eine Ausbildung im Pflegebereich entschieden hat.

Keine Möglichkeit, ein alternatives Programm anzubieten

Häuser mit festem Ensemble hätten einen Vorteil, meint Hosemann: „Mit einem eigenen Ensemble kann man Übergangsprogramme selber machen, bei uns hätte jede Idee neu installiert werden müssen.“  So sei für die Burgfestspiele (BFS) in Jagsthausen ein Alternativprogramm nicht möglich gewesen. Andere Bühnen konnten beispielsweise interaktive Aktionen über das Internet anbieten.

Aus den Corona-Hilfen-Töpfen gab es keine Förderung, einzig aus dem „Nothilfefonds Kultur“ des Landes Baden-Württemberg sei Geld geflossen. Auf das Land Baden-Württemberg läßt Halter nichts kommen: „In den letzten Jahren hatten wir eine hervorragende Zusammenarbeit mit dem Ministerium, eine tolle Unterstützung, ideell und finanziell. Es ist leicht zu schimpfen, aber wir haben keinen Grund zu schimpfen“.

„Kein Geldgeber ist abgesprungen“

Noch begeisterter ist er, wenn er über die Sponsoren der BFS spricht: „Nicht ein Geldgeber, nicht ein Sponsor ist abgesprungen“.

Statt 860 nur 180 Zuschauer

Andere Theater haben 2021 zumindest ein abgespecktes Programm gespielt. Das kann Eva Hosemann bestätigen. „Wo eine potente Stadt und eine Touristik dahintersteckt“, sei das teilweise möglich gewesen. Zum Beispiel in Schwäbisch-Hall, wo es breite Zu- und Abgangswege gibt und die Bestuhlung etwas luftiger gestellt werden kann. „Hier auf dem Dorf ist es zu eng für das große Spektakel, da sind die Hygieneauflagen nicht zu erfüllen, auch wegen der Dreifachnutzung des Schlosses als Privatwohnung, Hotel und Theater“ sei das nicht leistbar. „Wir wären nur noch ein Hygienekonzeptunternehmen gewesen“, wirft Halter ein. Coronabedingt vor 180 Zuschauern statt wie in normalen Jahren vor bis zu 860 Zuschauern zu spielen, das sei wirtschaftlich nicht mehr darstellbar.
Die Gegebenheiten der einzelnen Spielstätten seien nunmal sehr unterschiedlich – einige Veranstalter hätten ihr Ensemble auch in Kohorten eingeteilt, die nichts miteinander zu tun haben.

Der Reiz von Jagsthausen

Das geht bei den BFS aber nicht: In Jagsthausen übernehmen Schauspieler nämlich bis zu drei Rollen – vom Götz bis zum Kindertheater. „Das ist ja das Reizvolle: einen Schauspieler in drei komplett unterschiedlichen Rollen sehen zu können“, beschreibt es Hosemann aus Sicht des Publikums. „Auch für die Schauspieler ist das ein Anreiz. Das macht Spaß, auch wenn die Proben anstrengend sind.“

„Eine der großen Aufgaben ist es, in kurzer Zeit ein homogenes Ensemble zu erzeugen“, sagt Hosemann, „dazu ist die Auswahl der Schauspieler wichtig“ – das ist einer der Anreize für sie selbst.

Stephan Szász, Götz-Darsteller. Foto bereitgestellt von den BFS, ©_Janosch-Orlowsky

Und dann ist da ja noch der Spielort, die historische Götzenburg: „Das ist für mich überhaupt immer so ein Faszinosum, ich kann Wände berühren, die Götz vielleicht auch berührt hat, kann Landschaften sehen, die er vielleicht auch sah. Das ist für mich immer eine wunderbare Inspirationsquelle.“ So drückt es Stephan Szász, der Darsteller des Götz, aus.

Halter und Hosemann können das nachvollziehen: „Das geht mir genauso, wenn ich an einem historischen Ort bin“ – das letzte Mal habe er in der Goslarer Kaiserpfalz so empfunden. Und Hosemann wird etwas wehmütig, wenn sie an ihre Zeit in Wien zurückdenkt, wo man „pausenlos auf historischen Spuren wandelt“.

Jeder Euro erzeugt weitere vier Euro

Aber zurück zu den ökonomischen Folgen der coronabedingten Schließung: Nicht nur die Festspiele selbst, auch die Schauspieler und die weiteren Beteiligten leiden unter dem Ausfall – lokale Handwerker, Einzelhändler, Gastronomie und Hotellerie eingeschlossen. „Die Umwegrentabilität der Festspiele ist 1:4“ sagt, Halter. Was er damit meint: Jeder Euro, der für den Festspielbesuch ausgegeben wird, erzeugt weitere 4 Euro, die in der Region ausgegeben werden. Das beginnt beim Handwerker, der beim Bühnenbau beteiligt ist und endet bei der Hotellerie und den Freizeitaktivitäten.  „Die Besucher bleiben gerne mal einen Tag länger und besuchen zum Beispiel das Kloster Schöntal, die Grablege des Götz, oder andere kulturhistorische Stätten der Region.“

Im zweiten Teil des Gesprächs sprechen Hosemann und Halter darüber, was die coronabedingte Einsamkeit mit den Menschen macht und warum Kultur so wichtig für die Entwicklung von Kindern ist.

Weitere Informationen, alles zum Spielplan und Kartenbestellungen auf: https://burgfestspiele-jagsthausen.de/spielplan/

Das Gespräch führte Matthias Lauterer