„Wir haben uns entschlossen, etwas zu tun, anstatt abzuwarten. Die Politik entscheidet dann, ob sie das Angebot annimmt oder nicht.“ Professor Dr. Ralph Wystup aus Morsbach hat zusammen mit anderen Ingenieuren und Medizinern eine Privatinitiative gegründet, um der Coronakrise aktiv zu begegnen. Heute haben sie Landrat Dr. Matthias Neth ihre neu entwickelte Schutzhaube für medizinisches Personal.
Die Initiative wurde ursprünglich zum Bau von Beatmungshilfen gegründet. Das hat sich mittlerweile etwas geändert, wie Wystup gegenüber GSCHWÄTZ erklärt: „Ursprünglich wollten wir Beatmungsgeräte bauen.“ In Gesprächen mit den Medizinern sei dem Team jedoch schnell klar geworden, dass Beatmungsgeräte derzeit zweitrangig wären.
Professor Dr. med. habil. Reiner Buchhorn vom Caritas Bad Mergentheim meinte, dass durch die Corona-Krise zunehmend deutlich werden würde, dass neben einem Mangel an Beatmungsgeräten vor allem die notwendige Schutzausrüstung für das medizinische Personal fehlen würde. Als klassische Tröpfcheninfektion infiziere sich das medizinische Personal vor allem durch hustende Patienten, unter anderem im Rahmen intensivmedizinischer Prozeduren. Das infizierte medizinische Personal wäre hierdurch selbst großen gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt und stünde darüber hinaus nicht mehr für die Versorgung von Patienten zur Verfügung. Außerdem würde das infizierte Personal selbst zu einer Gefahrenquelle für Patienten und Kollegen werden.
Nun ist Wystup mit Diplomingenieur Rainer Nase, Professor Dr. Andreas Krug von der Hochschule Heilbronn und Professor Dr. Reainer Buchhorn vom Caritas Bad Mergentheim dabei, in Absprache mit Hohenlohes Landrat Dr. Matthias Neth Schutzhauben zu entwerfen. Die Künzelsauer Firma Ziehl-Abegg stellte erst kürzlich seine 3-D-Schutzhauben vor (wir berichteten), die wie Visiere ausschauen. Doch die Schutzhauben des Netzwerks sehen etwas anders aus.
Eine akkubetriebene Gebläseeinheit soll den Träger mit frischer, virenfreier Luft versorgen.
„Es handelt sich hierbei um eine Haube, die komplett über den Kopf gezogen wird“, erklärt Professor Wystup, der vor seiner aktuellen Professur für Elektrotechnik in Eisenach als Lehrbeauftragter am Campus Künzelsau tätig war. „Die Haube erinnert an einen Taucherhelm aus Stoff.“ Eine akkubetriebene Gebläseeinheit soll den Träger mit frischer, virenfreier Luft versorgen. Die Haube sei für das medizinische Personal und für Mitarbeiter der Pflege gedacht, damit diese Menschen weiterarbeiten können.
Professor Wystup lobt dabei die in Hohenlohe ansässigen Firmen, die das Projekt unterstützen. So seien die Akkus von der Firma Ansmann und das Gebläse von der Firma ebm-papst zur Verfügung gestellt worden. Die Firma Ziehl-Abegg war laut Wystup sofort bereit, den 3D-Druck der mechanischen Komponenten zu übernehmen, die Konstruktion hierfür habe „rasch und unbürokratisch“ das Ingenieurbüro Xares übernommen. Die Firma Jako leistete „wertvolle Hilfe“ beim textilen Design und bei der Fertigung der Haube selbst. Ingenieur Nase erklärt weiter, dass in dem noch parallel laufenden Projekt des Beatmungsgeräts außerdem die Firma Gemü sehr aktiv sei. Die Firma Würth Elektronik habe bei der Platinenerstellung Unterstützung zugesichert und auch die Firma Bürkert wäre bereit für weitere Unterstützung der Initiative. „Alle Firmen, welche wir bis jetzt um Unterstützung gebeten haben, waren sofort bereit zu helfen“, betont Wystup.
Mitwirkende Firmen sind unter anderem Ziehl-Abegg, Jako, Gemü, ebm-papst, Würth Elektronik
Aus Sicht der Hochschule zeigt die Bündelung dieser regionalen Kapazitäten „die besondere Innovationskraft der Region Hohenlohe“. Wystup: „Nur durch die sofortige, bereitwillige Unterstützung der regionalen Firmen ist es uns überhaupt möglich, dass wir nun einen ersten Prototyp dem Landrat präsentieren können.“ Dann soll der Prototyp zum Regierungspräsidium nach Stuttgart weitergereicht werden.
„Gewöhnliche Masken für medizinisches Fachpersonal in stark kontaminierter Umgebung nicht ausreichend“
Wie bewertet Professor Buchhorn den selbst genähten Mundschutz, der derzeit auch in Hohenlohe in einer vierstelligen Zahl hergestellt wird? „Die Ansteckungsgefahr hängt mit der Virenkonzentration zusammen. Für den normalen Spaziergang ist ein selbst genähter Mundschutz besser als nichts, um andere zu schützen. Aber wenn Sie ständig angehustet werden, dann sind Schutzmasken, selbst professionelle Masken, oft unzureichend. Für das medizinische Fachpersonal in stark kontaminierter Umgebung sind normale Masken nicht ausreichend“, meint Prof. Buchhorn.
Zurück zu „Made in Germany“?
Eine Aussage dazu, wie schnell die Masken von den Prototypen in die Serienproduktion gehen können, kann Wystup momentan noch nicht treffen: „Es geht jetzt erst einmal darum, die Machbarkeit zu zeigen. Wie eine Serienproduktion konkret aussehen kann, wissen wir erst, nachdem wir uns über die benötigten Ressourcen und Einzelteile im Klaren sind. Aufgrund des bisherigen positiven Verlaufs des Projekts und der guten Gespräche mit den Firmenvertretern hoffen wir aber, über Wochen statt über Monate zu reden.“
Die ursprünglich geplanten Beatmungsgeräte sind ebenfalls nicht gänzlich aus ihren Köpfen gestrichen. Allerdings sei durch die Komplexität im Bau die Umsetzung langwieriger im Vergleich zu den Schutzhauben. Zudem gäbe es hohe Zulassungsbestimmungen bei den Beatmungsgeräten. Dennoch: „Prototypen für Beatmungsgeräte für die mittelschweren Fälle wären machbar“, ist Wystup überzeugt.
Das Problem bei den Herstellern in Deutschland sei derzeit schlichtweg die Lieferzeit – zumal auch diverse Komponenten aus dem Ausland kommen. Wystup: „Jetzt kommt die Zeit, in welcher wir uns wieder auf Made in Germany besinnen.“

So schaut die Schutzhaube aus. Foto: Screenshot Präsentationsfolie Professor Wystup

Ralph Wystup. Foto: privat

Sonja Wystup. Foto: privat

Reiner Buchhorn. Foto: privat

Rainer Nase. Foto: privat

Frederik Wystup. Foto: privat

Andreas Krug. Foto: privat