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„Das Prinzip der Demokratie“

Reinhold Würth steht nach wie vor zu seinem offenen Schreiben, in welchem er seine Mitarbeitenden in Deutschland rät, die AfD bei den kommenden Wahlen nicht zu wählen – trotz der öffentlichen Kritik in den sozialen Kanälen an seiner Wahlempfehlung. Manche Kund:innen haben daraufhin laut eigenen Aussage ihren Firmenaccount bei der Firma Würth gekündigt und von „finsteren Zeiten“ gesprochen, an die sie das Schreiben erinnert habe (wir berichteten).

Wir haben bei der Firma Würth nachgefragt, wie wie viele derartige Schreiben das Unternehmen Würth erhalten haben und ob das Unternehmen oder Reinhold Würth dazu Stellung nehmen möchten.

Das Unternehmen Würth äußert sich wie folgt:

„Die Würth Unternehmenskultur ist geprägt von Werten wie Respekt, Bodenständigkeit und Verlässlichkeit. Diese Werte verbinden die 87.000 Menschen bei der Würth-Gruppe und nach ihnen richten wir unser Handeln aus.

Als Unternehmen mit mehr als 400 Gesellschaften in 80 Ländern der Welt glauben wir an die Kraft der internationalen Zusammenarbeit und sind überzeugt, dass sie die beste Basis für Entwicklung und dauerhaften Wohlstand ist.

Wir sind überzeugt: Menschenwürde, das Prinzip der Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit halten unsere Gemeinschaft zusammen.

Diese Haltung unterstreicht Prof. Dr. h. c. mult. Reinhold Würth in einem Brief an die Mitarbeitenden des Unternehmens, für das er Identifikationsfigur und Orientierungsgeber ist.“




„Das ist anti-demokratisch“

Reinhold Würth ist nicht nur ein Meister in kaufmännischen Dingen, sondern auch im Bereich PR. Wenn er etwas zu sagen hat an seine Mitarbeitenden schreibt er gerne Briefe – und diese verfehlen in der Regel nie ihre Wirkung, zumal sie auch gerne in die Öffentlichkeit getragen werden. Früher ging es dabei unter anderem um die Frage, wann seine Außendienstmitarbeitenden tanken sollen. Aktuell rät der Schrauben-Milliardär seinen 25.000 Mitarbeitern in Deutschland, bei den anstehenden Wahlen in diesem Jahr nicht das Kreuz bei der AfD zu machen (hier lesen Sie den Brief in voller Länge).

Kretschmann lobt Würth für seinen Brief

Diese Wahl-Empfehlung fand diversen positiven Anklang, unter anderem bei Kunden, Mitarbeitenden und der Politprominenz – wie etwa Winfried Kretschmann (Die GRÜNEN). Kretschmann lobt den Brief und dass sich Würth damit für eine „stabile Demokratie“ einsetze. Nach aktuellen Umfragewerten kommt die AfD derzeit auf 15 Prozent und belegt damit Platz 3 direkt hinter der CDU und der SPD.

Doch es gibt auch andere Stimmen

Doch es gibt auch Bedenken, dass die Wahlempfehlung von Reinhold Würth, „anti-demokratisch“ sei. Das zumindest findet unter anderem Nikolaos Boutakoglou. Er ist Inhaber eines Sanitär- und Heizungsbetriebes in Vaihingen/Enz und hat in einem Schreiben an die Firma Würth, das in den sozialen Netzwerken für Wirbel gesorgt hat, „mit sofortiger Wirkung“ sein Kundenkonto gekündigt, nachdem er den Brief von Reinhold Würth an seine Mitarbeitenden gelesen hat. Der Grund: „Ihre Aktion finde ich sehr befremdlich und erinnert mich an finstere Zeiten in unserem Land“, heißt es in seinem Kündigungs-Schreiben an Reinhold Würth. In einem Telefonat mit der Redaktion GSCHWÄTZ erklärt Boutakoglou: „Ich habe die Zusammenarbeit mit Würth nach acht Jahren beendet, weil ich auch mir selbst nie anmaßen lassen würde, meinen Arbeitnehmern zu empfehlen, wenn Sie wählen würden.“ Der Handwerker ist seit 2017 AfD-Mitglied, kandidierte für die Partei als Landtagskandidat und stand schon wegen Volksverhetzung vor Gericht, wurde aber für nicht schuldig befunden. Er führt näher aus: „Das ist das private, persönliche Wahlrecht. Ich kann nicht nachvollziehen, dass man als Arbeitgeber politisch wird.“ Er betont aber in diesem Zusammenhang auch, dass die Qualität der Firma Würth nach wie vor „super“ sei. „Herr Würth hat in der Region zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen. Aber Ich sehe das als Angriff auf die Demokratie. Es sollten alle Parteien respektvoll miteinander umgehen. Ich habe Freunde, die mit der AfD nichts anfangen können. Deswegen sind es trotzdem meine Freunde.“ Würth habe hier seiner Meinung nach eine „rote Linie überschritten“.

Die Schreiben ähnlich sich teilweise in ganzen Absätzen

Ähnlich empfindet das auch Wolfgang Werz Er ist ist Inhaber von Media 66 in Mössingen. Auch er hat einen Brief an Würth geschrieben mit Kündigung seines Kundenkontos aufgrund des Briefes von Reinhold Würth. Auch dieser Brief geistert derzeit in den sozialen Netzwerken herum. Auffällig dabei ist: Teilweise sind die Schreiben in manchen Absätzen deckungsgleich. Sowohl Werz als auch Boutakoglou betonen aber, das Schreiben selbst verfasst zu haben. Boutakoglou sagt, sein Brief sei der „Ursprungsbrief“ gewesen. Vielleicht habe es dann weitere Menschen gegeben, die sich daran angeschlossen und den Brief in Teilen übernommen haben. Werz betont ebenfalls, seinen Text selbst geschrieben zu haben. Werz ist im Gegensatz zu Boutagoglou kein AfD-Mitglied, sondern laut eigenen Aussagen parteilos. Aber auch er sieht in dem Würth-Schreiben ein „Angriff auf die Demokratie. Es erinnert schon ein wenig an die Zeit von früher, als gesagt wurde, was man wählen soll.“ Er ist sich sicher: „Das gehört nicht in eine Firma rein. Das ist undemokratisch. Ich werde mich hüten, meinen Miarbeitenden irgendetwas dahingehen zu sagen.“

Warum er glaubt, dass Reinhold Würth das getan hat?, möchten wir von ihm wissen. „Er sieht die AfD offensichtlich als gefährlich an“, vermutet Werz.




Würth: „In Deutschland muss kein Mensch hungern oder frieren“

Reinhold Würth sorgte unlängst mit einem Offenen Brief an seine 25.000 Mitarbeitenden in Deutschland auf Furore. Darin rät er, bei den diesjährigen Wahlen das Kreuz nicht bei der AfD zu machen. Hier lesen Sie den Brief in voller Länge:

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

heute erhalten Sie von mir eine außergewöhnliche Nachricht, weil die Würth-Gruppe verordnet hat, sich in allen Ländern, wo wir tätig sind, vom politischen Geschehen distanziert zu halten. In der Rückschau von Mitte März 2024 wissen wir, dass gerade in Bezug auf die AfD in der Bundesrepublik Deutschland viele Millionen Bürger protestierend auf die Straße gegangen sind mit dem Ziel, klar zu machen, dass sie am grundsätzlichen Politiksystem in Deutschland keine Veränderung wollen. Ich schließe mich diesem Protestzug voll an und möchte auch begründen warum.

Die Bürger in Deutschland sehen für den Zulauf zur AfD viele Parallelen aus der Endzeit der Weimarer Republik. Oberflächlich könnte man tatsächlich meinen, dass es Parallelen gibt.

Würth: „In Deutschland muss kein Mensch hungern oder frieren“

Steigt man aber nicht nur oberflächlich in die Geschichte ein, dann wird jedem klar, dass zwischen dem AfD-Hype und dem Zulauf der NSDAP in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts keinerlei Parallelität besteht:

Man muss einfach wissen, dass 1929 bis zur Machtübernahme durch Adolf Hitler 1933 das ganze deutsche Volk bitter unter den Forderungen des Versailler Vertrags gelitten hat, wegen der sich daraus ergebenen Hyperinflation und vor allem wegen der riesengroßen Arbeitslosigkeit. Der Zulauf zu Adolf Hitler war also tatsächlich die Folge einer bittertiefen Notsituation aller Deutschen. Adolf Hitler wurde als der Retter aus der blanken Not gesehen. Soweit die Historie.

Heute wird nun in vielen Diskussionen eine Parallelität zu der Weimarer Zeit konstruiert, was absoluter Unsinn ist. Rekapitulieren wir einfach einmal, in welcher Zeit wir leben: Im Gegensatz zur Weimarer Zeit muss in unserer heutigen Bundesrepublik Deutschland kein Mensch hungern oder frieren. Die Sozialeinrichtungen des Bundes und der Länder überschütten geradezu die Bedürftigen mit Hilfsangeboten. Der Normalfall ist aber, dass heute die Bürger in Deutschland wohl etabliert ein eher freiheitliches Leben leben können und einen guten oder mindestens angemessenen Arbeitsplatz haben.

Würth: „Jeder kann sagen ‚Bundeskanzler Scholz ist ein Dummkopf‘“

Ich wette, dass der durchschnittliche AfD Wähler über ein eigenes Auto verfügt und mindestens einmal im Jahr in den Urlaub fährt. Im Jahr 2023 haben die deutschen Bürger 76 Milliarden Euro für Auslandsurlaubsreisen und sicher einen ähnlich hohen Betrag nochmals für Inlandsurlaubsreisen, mit Sicherheit insgesamt mehr als 100 Milliarden Euro, ausgegeben.

Die Sparquote im Land ist hoch, die Gesundheitsvorsorge auf europäischem Niveau. Wir haben deutlich kürzere Arbeitszeiten als in vielen anderen Ländern. Jeder Volljährige hat sein Wahlrecht und kann unbeeinflusst wählen, wenn er will sogar die AfD.

Ich frage Sie, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, was will die AfD im Rahmen dieses Systems ändern? Wir haben solche Freiheit: Jeder kann sagen „Bundeskanzler Scholz ist ein Dummkopf“ und wandert dafür nicht für zwei Wochen oder ein halbes Jahr in das Gefängnis. Dagegen steht die Aussage eines AfD-Landtagsabgeordneten, der sagte: „Wenn wir morgen in einer Regierungsverantwortung sind, dann müssen wir diesen Parteienstaat abschaffen“. Das heißt, man würde mindestens eine Demokratur oder gar eine Diktatur einführen – wollen wir uns das antun?

Gestatten Sie mir mit meinen 89 Lebensjahren und entsprechenden Erfahrungen eine Frage zu stellen: Geht es uns in diesem Land einfach zu gut? Tatsächlich ist eine menschliche Eigenschaft, Erreichtes als selbstverständlich anzusehen und das Erreichte in seiner positiven Wirkung gar nicht mehr zu schätzen.

„Ist es deshalb nicht wunderbar, dass unser Deutschland eine Ampelregierung aushalten kann?“

Ist es deshalb nicht wunderbar, dass unser Deutschland eine Ampelregierung aushalten kann, die in vielen Teilen wie ein Hühnerhaufen durcheinanderrennt und doch trotzdem das eine oder andere positive Gesetz auf den Weg bringt? Ich selbst habe einen hohen Respekt vor Herrn Bundeskanzler Scholz, weil er die Taurus-Marschflugkörper nicht aus Deutschland herausgibt. Die Demokratie garantiert, dass die nächste Regierung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine CDU/SPD- oder eine CDU/GRÜNEN-Koalition abgeben wird und die Ampelregierung wird verfassungsgemäß ohne Murren abtreten.

Ich appelliere an jede Bürgerin und jeden Bürger und auch an Sie, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, überlegen Sie, wem Sie bei den verschiedenen Wahlen Ihre Stimme geben.

Bloß wegen ein bisschen Spaß an der Freude Rabatz zu machen und aus Unmut über die Ampelregierung die AfD zu wählen, ist einfach zu wenig. Meine Frage: Nachdem wir alles oder fast alles, was wir brauchen, haben – Arbeit, Urlaub, Gesundheitsversorgung, Reisefreiheit, Einkommen und die Freiheit des Reports im Rahmen der Verfassung – brauchen wir mehr?

In Hohenlohe beschreiben wir einen Menschen, der gut platziert ist und trotzdem durch besondere Unzufriedenheit auffällt als einen „dem man einmal die Zunge schaben müsste“ ☺. Vielleicht wäre das auch beim einen oder anderen Wähler angebracht ☺.

Fazit: Meine Empfehlung ist, lassen Sie uns im heutigen System unseres so wunderbaren Grundgesetzes mit unseren unterschiedlichen Meinungen, Vorstellungen und Ideen weiter zusammenleben und schätzen wir wieder, was wir haben: Eine Familie, einen Arbeitsplatz, ein Auto, eine Wohnung oder ein Haus, Urlaubsziele, absolute Bewegungs- und Reisefreiheit und die politische Vielfalt der demokratischen Parteien.

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wenn das alles kein Grund zur Dankbarkeit ist, dann weiß ich auch nicht weiter ☺.

Wir äußern uns ja normalerweise zu politischen Themen überhaupt nicht, aber in diesem Fall der AfD sehe ich mich in Übereinstimmung mit Abermillionen deutscher Bürger.

Nicht vergessen sei, dass ich Ihnen allen meinen herzlichen Dank für Ihre Arbeit im Unternehmen zum Ausdruck bringen möchte. Wir alle sind dankbar, dass wir so viele sichere Arbeitsplätze anbieten können.

In diesem Sinne grüße ich Sie in Demut und mit großem Respekt
Ihr Reinhold Würth




Mysteriöses Schreiben geht in Niedernhall um

Ein mysteriöses Schreiben erhielten einige Niedernhaller Haushalte in den vergangenen Tagen. Das Auffällige: Es steht kein Absender unter dem zweiseitigen Schreiben. Die Verfasser des am PC geschriebenen Essays kritisieren die  kürzlich getroffene Entscheidung des Gemeinderates Niedernhall bezüglich der Flüchtlingsunterkünfte hinsichtlich einer Verlängerung der Beherbergung von Flüchtlingen in den Containeranlage auf dem ehemaligen Kerl-Areal, die sich zwischen der katholischen Kirche und Rossmann befindet.

Mietvertrag zwischen dem Hohenlohekreis und Niedernhall wurde verlängert

Der Mietvertrag zwischen dem Hohenlohekreis und dem Kocherstädtchen diesbezüglich wäre Ende Mai 2023 ausgelaufen. Nun wurde er verlängert bis Ende 2024. Das sorgt anscheinend für Unverständnis und Ärger bei manchen Einwohner:innen.

Unter anderem verwiesen die Verfasser darauf, dass die Stadt gemessen an der Einwohnerzahl lediglich für maximal 30 Flüchtlinge hinsichtlich der so genannten „Anschlussunterbringung“ Sorge tragen müsse. In der Containeranlage seien derzeit rund 100 Flüchtlinge untergebracht. Weiter heißt es: „Dass es sich dabei fast ausschließlich um Männer aus Syrien und Afghanistan handelt und nicht, wie vor über zwei Jahren im Gemeinderat und von Herrn Beck vorgestellt, um ukrainische Familien, sei hier ebenfalls erwähnt.“

Es sei mit Ängsten der Bürger:innen gespielt woren

Die Autoren monieren in ihrem Schreiben überdies, dass mit irrealen Ängsten der Bürger:innen gespielt worden sei bei der Verlängerung der Containeranlage, unter anderem mit einer möglichen Unterbringung von Flüchtlingen in der Turnhalle – wie etwa in Öhringen. Das sei jedoch in Niedernhall ohne die Zustimmung des Gemeinderates nicht möglich, da die Turnhalle städtisches Eigentum ist. In Öhringen gehöre die Halle jedoch dem Landkreises, ebenso wie die Eberhard-Gienger-Halle in Künzelsau.

Ein weiteres aufgeworfenes Argument: Mit der Entstehung einer Flüchtlingsunterbringung im benachbarten Ingelfingen mit ebenfalls über 100 Plätzen seien die Hälfte aller Flüchtlinge, die es aufzunehmen gelte als Hohenlohekreis in zwei Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, die lediglich fünf Kilometer voneinander entfernt seien.

Flüchtlingen seien gut integriert

Als die Stadt Niedernhall vor kurzem die Verlängerung der Containeranlage als Flüchtlingsunterkunft veröffentlichte, erklärte sie, dass die Flüchtlinge, die derzeit in Niedernhall leben, sehr gut integriert seien. Man wolle daher an dem Konzept erst einmal nichts ändern. Mit dem Hohenlohekreis habe man sich deshalb auf die Fortführung für ein weiteres Jahr geeinigt.

 

Dieses zweiseitig anonyme Schreiben lag in diversen Briefkästen in Niedernhall. Quelle: privat

Dieses zweiseitig anonyme Schreiben lag in diversen Briefkästen in Niedernhall. Quelle: privat




„Ich fühlte mich wertlos, schmutzig, leer und verloren“

Gewalt. Zwang. Täuschung. Ausbeutung. Die Mitternachtsmission in Heilbronn hat sich – als eine von zwei Fachberatungsstellen in Baden-Württemberg – auf die Fahnen geschrieben, Frauen, die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution geworden sind, aufzufangen, zu unterstützen, zu begleiten und ihnen wieder den Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Jessica Anderson und Sara Huschmann sind Ansprechpartnerinnen für Frauen, die den Ausstieg geschafft und sich an die Fachberatungsstelle gewandt haben. Bei einer Informationsveranstaltung zum Thema „Menschenhandel“ klären sie nicht nur über Zahlen und Fakten auf, sondern geben auch ganz intime Einblicke in das Erlebte einer Betroffenen.

Ein Brief, um Frauen in einer ähnlichen Situation zu ermutigen

„Wir wollen jetzt eine von Zwangsprostitution betroffene Frau selbst zu Wort kommen lassen. Eine Frau, die wir schon seit längerer Zeit in einer unserer anonymen und dezentralen Schutzunterkünfte begleiten, hat zu diesem Zweck einen Brief geschrieben, den ich heute hier vorlesen darf. Sie hat den Brief genau so geschrieben, wie ich ihn vortragen werde. Verfasst hat sie ihn mit dem Wunsch, Frauen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, zu ermutigen“, erklärt Anderson und betont: „Der Brief ist nur vom Englischen ins Deutsche übersetzt. Ansonsten sind das genau ihre Worte, die ich vorlesen werde. Sie verwendet dabei die Ansprache „Liebe Frau“ und schreibt den Text in der Du-Form. Ich finde diesen Brief sehr besonders. Vor allem auch, weil er zeigt, wie unterschiedlich die Hintergründe sein können, aus denen die Frauen kommen, die Opfer von Zwangsprostitution werden.“

„Es kostet mich viel Mut“

„Liebe Frau,

ich freue mich, meine Geschichte mit Dir zu teilen. Es kostet mich viel Mut, diese aufzuschreiben. Meine größte Motivation dafür war der Gedanke, dass durch das Teilen meiner Geschichte irgendjemand irgendwo eine Lektion daraus lernen könnte. Es könntest Du sein, die Du gerade diesen Text liest oder jemand, mit dem Du ihn teilen kannst.“

Mutter mit 16

„Ich bin in Westafrika in einer polygamen Familie geboren und aufgewachsen. Als einziges Mädchen meiner Mutter. Als ich 16 Jahre alt war, wurde ich Opfer einer Vergewaltigung. Daraus resultierte eine Schwangerschaft, die mich zur jungen Mutter eines kleinen Mädchens machte. Meine Mutter unterstützte mich sehr, indem sie nach der Geburt auf mein Kind aufpasste, während ich weiter zur Schule ging. Leider starb zwei Jahre später meine Mutter aufgrund von chronischem Gebärmutterkrebs. Meine Tante, also die Schwester meiner Mutter, war wie eine Mutter für mich und entschied sich, für meine Tochter zu sorgen, damit ich meine Schulbildung fortsetzen konnte. Sie zog mit meiner Tochter in die südliche Region des Landes, wo sie lebte. Ich blieb zurück und kämpfte darum, mir ein eigenes, passendes Leben aufzubauen, damit es mir eines Tages möglich sein würde, meinem Kind zu helfen.“

„Ich konnte nicht einfach zusehen, wie meine Träume zerschlagen wurden“

„Ich war schon immer eine optimistische Frau mit vielen Träumen, die jeden Tag darum kämpfte, diese zu erreichen. Einer meiner größten Träume war, die Highschool zu beenden und in Europa zu studieren. Ich überredete meinen Vater, den Prozess für mich zu starten, weil die Schulen aufgrund der andauernden Krise in unserem Land schließen mussten. Mein Vater half mir, die Durchführung der Reise weiterzuverfolgen und förderte meine Bemühungen, bis er aufgrund seiner Kooperation als Aktivist in der andauernden Krise in unserem Land festgenommen und inhaftiert wurde. Allein gelassen konnte ich nicht einfach nur dabei zusehen, wie meine Träume zerschlagen wurden. Ich wanderte von der nordwestlichen in die westliche Region und suchte verzweifelt eine Arbeit oder einfach nur einen sicheren Ort, um ein neues Leben zu beginnen.“

Ein Fremder hilt weiter

„Glücklicherweise ergab sich der Kontakt zu einem völlig Fremden, dem ich erklärte, wie elend mein Leben war. Er entschied, mir zu helfen. Ich erzählte ihm von dem Prozess mit der Schule und wie weit mein Vater und ich bisher gekommen waren. Er nahm mich mit zu seinem Zuhause und gab mir einen Ort, an dem ich bleiben konnte. Ich arbeitete eine Weile für ihn und überraschenderweise teilte er mir eines Tages mit, dass ich ihm die Daten meiner Schule nennen sollte. Ich gab sie ihm und er half mir, indem er Kontakt zur Schule aufnahm. Er gab mir die Information, dass mein Studentenvisum bereits versandt wurde und nur noch die Abholung ausstand. Ich verließ ihn, ging zur Botschaft, holte es ab und er besorgte ein Flugticket für mich. Da ich niemanden in Europa kannte, erzählte mir der Mann, dass er einen Freund dort hätte, mit dem ich Kontakt aufnehmen könne, sodass er mich beim Prozess, ein Wohnheim zu finden und die Schule zu beginnen, unterstützen könne. Der Tag des Abflugs kam und ich verließ meine Heimat.“

„Hier begannen meine Qualen“

„Ich landete am Flughafen, rief die Nummer seines Freundes an und er holte mich ab. Er brachte mich zu sich nach Hause und ich wohnte für eine Woche bei ihm. Eines Abends kam er zu mir und sagte: ‚Mach dich bereit. Ich fahre dich zu deinem Studentenwohnheim.‘ Wir fuhren ein paar Stunden und kamen an einem bestimmten Gebäude an. Ich ging herein und wurde in eines der Zimmer als mein Studentenzimmer geführt. Er ging in derselben Nacht weg. Davor forderte er meine Unterlagen und Zertifikate ein und sagte, dass er sie brauche, um das Aufnahmeverfahren für die Schule abschließen zu können. Er sagte mir, dass er sie am nächsten Tag zurückbringen würde, wenn alles erledigt sei. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Und hier begannen meine Qualen.“

„Ich wurde gezwungen, misshandelt, missbraucht“

„Ich wurde meiner Möglichkeit zu kommunizieren, meiner Freiheit und der Freiheit, mich selbst auszudrücken, beraubt. Hier traf ich alle möglichen Menschen mit unterschiedlichen Sprachen, die ich nicht verstehen konnte. Mein Handy wurde beschlagnahmt. Für meine Versuche, zu schreien oder nicht mitzumachen, wurde ich geschlagen. Alle möglichen Männer kamen und missbrauchten meinen Körper. Ob ich wollte oder nicht, wurde ich gezwungen, misshandelt, missbraucht. Ich fühlte mich wertlos, schmutzig, leer, verloren, niedergeschlagen. Ich dachte viele Male daran, mir selbst das Leben zu nehmen, aber ich erinnerte mich daran, dass ich eine Tochter habe, deren Aufenthaltsort ich nicht kannte. Einen Vater, der im Gefängnis leidet. Eine Familie. Ein zurückgelassenes Ich. Und einen Traum für meine Zukunft, der nie unrealistischer oder unerreichbarer erschien.“

„Alles, was ich hatte, war weg“

„Ich verlor mein Vertrauen und meinen Glauben. Ich verlor meinen Wert, meine Würde und meinen Respekt. Alles, was ich hatte, war weg. Aber da war eine Sache, die blieb: Leben. Meine Mutter pflegte zu sagen, dass jeder Herzschlag ein Grund zur Hoffnung ist und der einzige Moment, in dem es keinen Grund mehr zu hoffen gibt, der ist, wenn das Herz aufhört zu schlagen. Daran dachte ich, ging auf meine Knie, betete zu Gott, schrie zu ihm und bat ihn um Hilfe. Diese kam nicht so schnell, wie ich sie wollte, aber um Dir die Wahrheit zu sagen: Sie kam.“

„Ich war fähig, meine Leiden zu überwinden“

„Ich begegnete einem barmherzigen Samariter, der mir half, zu flüchten. Ich entkam, rannte hilflos weg und wurde zu einer Polizeiwache geleitet. Dort wurde mir gesagt, dass ich in Deutschland sei. Um ehrlich zu sein, war Deutschland nicht mein Ziel, als ich mein Zuhause verlassen habe, aber ich glaubte, dass alles aus einem bestimmten Grund passierte. Im weiteren Verlauf wurde ich mit der Mitternachtsmission bekannt gemacht, die einen starken Einfluss auf meine Heilung hatte. Bei mir wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Ich nahm Therapien und Medikamente in Anspruch und bekam Beratung von ihnen: moralisch, geistig, pädagogisch, gesellschaftlich und so weiter. Langsam aber sicher war ich fähig, meine Leiden bis zu diesem Punkt, an dem ich heute stehen darf, zu überwinden. Ich gewann meinen inneren Frieden, meine Würde und meinen Wert zurück und bin auf dem Weg, mein Traumleben aufzubauen.“

„Es gibt immer eine zweite Chance im Leben“

„Liebe Frau, am Ende angekommen möchte ich Dir mitgeben, dass es immer eine zweite Chance im Leben gibt – unabhängig davon, wie zerstört und zerbrochen Dein Leben Dir erscheint. Es gibt immer Raum, um ganz neu anzufangen – wenn Du daran glaubst. Ich würde Dir gerne erzählen, dass ich alles, was ich verloren habe, zurückgewonnen habe, aber ich bin noch auf der Reise, das wiederzuerlangen. Und sogar noch mehr. Triff jetzt die Entscheidung und such nach Hilfe. Es gibt Menschen und Organisationen, die Dir dabei helfen können, Dein Leben wieder auf den richtigen Weg zu bringen.“

 „Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher“

Laut Bundeslagebild des Bundeskriminalamtes gab es 2019 in Deutschland 287 Verfahren wegen Zwangsprostitution, an denen 427 Betroffene beteiligt waren. Hierbei handelt es sich aber ausschließlich um abgeschlossene Verfahren, also das Hellfeld der Polizei. Fachberatungsstellen sind sich einig, dass die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher ist. Über die Dunkelziffer herrsche sogar eine „weitestgehende Unkenntnis“, wie Sara Huschmann von der Mitternachtsmission erklärt. „Das liegt an der Randgruppenproblematik, daran, dass Staatsanwaltschaften aufgrund höherer Erfolgschancen oft auf einfacher anzuwendende Straftatbestände ausweichen (zum Beispiel Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz) oder die Opfer aufgrund ihrer Traumata nicht in der Lage sind, auszusagen. Oftmals kommt es erst gar nicht zur Anzeige, also erscheint der Fall auch nicht in der polizeilichen Statistik. Somit ist bei den Zahlen, Menschenhandel und Zwangsprostitution betreffend, höchste Vorsicht geboten.“

Im vergangenen Jahr haben sich nach Informationen des Arbeitskreises „Aktiv gegen Menschenhandel“ allein in Baden-Württemberg 350 Betroffene von Zwangsprostitution an Fachberatungsstellen gewandt.

Kontakt zur Heilbronner Mitternachtsmission: Steinstraße 8 | 74072 Heilbronn | Telefon: 07131/84 531

Text: Priscilla Dekorsi