Lockdown, Mundschutz, Social Distancing: Weltweit wird das Leben der Menschen durch Covid-19 auf den Kopf gestellt. Doch während es in der westlichen Welt nur vergleichsweise wenige Einschränkungen gibt, sind die Menschen in den ärmeren Ländern von der Krise und ihren Auswirkungen hart getroffen.
„Bloß die Kinder dürfen zum Spielen raus“
„Seit Mai ist Simbabwe im Lockdown“, sagt Christa Zeller, die sich seit 35 Jahren für das Land und seine Bewohner engagiert. „Nur zum Einkaufen dürfen die Menschen außer Haus gehen und bloß die Kinder dürfen zum Spielen raus.“ Es gebe zwar nicht so viele Fälle in dem Land wie beispielsweise in Europa, man geht aber von einer hohen Dunkelziffer aus. Desinfektionsmittel wird selbst hergestellt und es gibt eine Maskenpflicht in dem Land, die zwar nicht für Kinder gilt. „Im Kindergarten tragen trotzdem alle eine“, sagt die Mitarbeiterin der Hochschule Heilbronn, wo sie als Schulkoordinatorin tätig ist.
Zahlreiche Probleme
90 Prozent der Bevölkerung in dem südafrikanischen Land lebt von der Hand in den Mund. „Viele Simbabwer haben kleine Verkaufsstände am Straßenrand, sind ansonsten Selbstversorger“, erzählt die Vorsitzende und Gründerin des Hilfsvereins Bongai Shamwari e.V., der in Mutare einen integrativen Kindergarten für Drei- bis Sechsjährige betreibt. Doch nun haben die meisten wegen des Lockdowns Schwierigkeiten, auf ihr Feld zu kommen. Weitere Probleme: Die Strompreise sind um 50 Prozent gestiegen, die Lebensmittelpreise sowieso viel höher als in Deutschland und die Krankenversicherung für Mitarbeiter hat sich um 1.000 Prozent verteuert. Außerdem wurde in der Hauptstadt Harare wegen der landesweit herrschenden Dürre das Wasser abgestellt. Mittlerweile hat die Welthungerhilfe eine Warnung ausgesprochen. Außerdem werden die Lehrer jetzt in Landeswährung bezahlt, die allerdings nichts mehr wert ist. Es gibt in Simbabwe zwar einen Mindestlohn, den der Staat aber nicht zahlt.
Unterstützung mit Care-Paketen
Erst seit Anfang Oktober öffnen die Schulen nach und nach wieder ihre Pforten. Kindergärten dürfen wahrscheinlich ab Mitte November wieder Kinder betreuen – dann schichtweise. Im Moment könne noch niemand von außen das Projekt besuchen, auch sie selbst sei in diesem Jahr noch nicht in Simbabwe gewesen, plant erst für Januar 2021 den nächsten Besuch, um dann eventuell drei Monate zu bleiben – denn dann ist sie in Rente. Dennoch hätte man Kontakt gehalten. „Wir haben in der Zeit unsere Kinder beispielsweise mit Care-Paketen für die ganze Familie unterstützt“, berichtet Christa Zeller. Zu tun gibt es trotz Lockdown genug in dem Kindergarten: Der Garten will gepflegt sein und die Lehrkräfte stellen Spielsachen aus Montessori-Materialien her, die sie nach der Wiederöffnung für die Kinder verwenden wollen. Nur ab und zu, wenn etwas ganz Besonderes ansteht, darf eins der Kind mit auf das Gelände.
„Die Kinder ziehen einen speziellen Baum groß“
Um den Kindern auch während des Lockdowns eine Aufgabe zu geben, nimmt der Kindergarten an einem Wiederaufforstungsprogramm teil. „Die Kinder ziehen einen speziellen Baum groß, einen Moringa, der später ausgepflanzt wird“, erzählt Christa Zeller. Das Projekt wird zusammen mit einem Lehrer – auch ein ehemaliges Kindergartenkind – durchgeführt, der schon über 1.000 Bäume gezogen hat.
Genderfreie Erziehung und Chancengleichheit für Jungs und Mädchen
Den Kindergarten in Mutare gibt es seit 2018. Er wird von rund 27 Kindern besucht – drei von ihnen behindert – und finanziert sich hauptsächlich über Patenschaften und Spenden. Die Kinder bekommen dort ein Frühstück und Mittagessen – sie „lieben vor allem Spätzle“. Dafür halten sie Hühner und Hasen, ziehen zurzeit kleine Häschen mit einer Pipette auf. „Für das Frühstück mahlen die Kinder ihr Müsli selbst“, berichtet Christa Zeller. „Dafür kriegen wir Weizen von einem örtlichen Bauern.“ Überhaupt legt die Einrichtung Wert auf Selbstversorgung: Brot und Joghurt werden selbst hergestellt, das Gemüse kommt aus dem eigenen Garten. Der Kindergarten achtet auf eine genderfreie Erziehung und Chancengleichheit, denn in Simbabwe sei es noch Tradition, dass die Frau nach der Heirat dem Mann gehöre. Der Jungs-Mädchen-Anteil ist ungefähr gleich und auch Jungs dürfen in die Puppenecke. „Das machen die übrigens gerne“, hat Christa Zeller beobachtet. Eng ist die Zusammenarbeit des Kindergartens mit Künstlern. So haben die Kinder ihre Werke bereits im Nationalmuseum ausgestellt und dort auch schon Preise gewonnen.
Barfuß und zerlumpt zur Schule
Die Eltern müssen im Kindergarten mitarbeiten, sonst müssten die Kinder die Einrichtung wieder verlassen, was auch schon vorgekommen sei. „Insgesamt ist der Zusammenhalt mit den Eltern aber gut“, so Christa Zeller. „Jeden Tag kommen ein bis zwei Elternteile zu uns.“ Einmal im Monat kommen für größere Projekte – beispielsweise den Bau eines Zauns um das Grundstück – alle Eltern zusammen. Die Mütter der Kinder stellen außerdem Dinge für den Verkauf her – beispielsweise Salze und verarbeitete Avocado- und Papayakerne, Orangen- und Zitronenschalen. „Das verkaufen wir beim Weltgebetstag oder in Eine-Welt-Läden“, so die Vereinsvorsitzende. „Zurzeit stellen die Frauen Vaseline und Seife her, die vor Ort angeboten werden.“ Besonders beliebt waren Nudeln, die vor allem weiße Bewohner von Mutare gekauft haben. Die Schuluniformen werden ebenfalls selbst genäht. „Das ist wichtig, weil manche Kinder sonst zerlumpt kommen würden“, so Christa Zeller. „Die Kinder sind darauf richtig stolz.“ Dafür kämen viele barfuß zu Schule, weil sie entweder keine Schuhe oder nur unbequeme Plastiklatschen hätten.
„Oft hat es an der Qualität gefehlt“
Christa Zeller hat von 1985 bis 1990 mit ihrer Familie in Simbabwe gelebt und dort mit Einheimischen ein Kindergartenprojekt gestartet. Insgesamt 14 Einrichtungen wurden aufgebaut und außerdem ein Ausbildungsprogramm für Erzieherinnen entwickelt. „Simbabwe hat eine sehr gute Erzieher-Ausbildung, die auf einem Uni-Studium aufbaut und viel besser als bei uns ist“, sagt die zweifache Mutter. Allerdings sei diese „vollkommen an der Realität vorbei und sehr verschult“. Vor einigen Jahren hat der Staat schließlich entdeckt, dass vorschulischer Unterricht gut für die Kinder sei., und kurzerhand die Kindergärten eingezogen, um sie selbst weiter zu betreiben. Seither muss jedes Kind vor seiner Einschulung zwei Jahre in die Vorschule. „Kindergärten sind danach wie Pilze aus dem Boden geschossen“, so Christa Zeller. „Aber oft hat es an der Qualität gefehlt.“ Auch der Bongai Shamwari-Kindergarten hat jetzt eine solche Konzession bekommen. Kosten: rund 1.000 US-Dollar.
„Bei der normalen Bevölkerung kommt nichts davon an“
Simbabwe hat mit vielen Problemen zu kämpfen. Es gibt dort zwar auch sehr reiche Leute, die seien aber Angehörige der Politikerriege. Das Land ist reich an Bodenschätzen, die allerdings von den Chinesen abgebaut werden. „Bei der normalen Bevölkerung kommt nichts davon an“, sagt Christa Zeller. Hinzu komme die allgegenwärtige Korruption, die seit dem Umsturz noch schlimmer geworden sei. „Seither funktioniert eigentlich gar nichts mehr“, so die gelernte Erzieherin. Hinzu kommt eine hohe Aidsrate und seit Corona hätten sich frühe Kinderschwangerschaften gehäuft. „Die Familien leben dicht beieinander, viele Männer sind arbeitslos und alkoholkrank, so kommt es öfters zu Missbrauchsfällen“, hat Christa Zeller erfahren. „In zwei Fällen mussten wir einschreiten.“ Bei einem Vater habe es etwas genutzt.
„Medikamente sind teuer oder erst gar nicht erhältlich“
Obwohl das Leben sehr schwierig sei, seien die Leute immer sehr freundlich. „Manchmal krieg ich aber schon eine Wut im Bauch“, bekennt sie. „Wir haben ein Schließfach bei der Bank für unser Bargeld, das hat seither 50 Dollar monatlich gekostet.“ Jetzt aber verlange die Bank 30 Dollar pro Monat und zusätzlich nochmal 30 Dollar pro Besuch. Auch die medizinische Versorgung in dem Land ist sehr schlecht: „Medikamente sind teuer oder erst gar nicht erhältlich.“ Deshalb nimmt die Vereinsvorsitzende bei ihren Besuchen stets eine Grundausstattung an Medikamenten mit. Außerdem will der Verein die Krankenversicherung für seine Mitarbeiter wegen der hohen Kosten kündigen und stattdessen Rücklagen für Privatärzte bilden, weil die staatlichen Krankenhäuser so schlecht aufgestellt sind.
Solarkochkisten für die Eltern
Trotz aller Probleme blicken die Leute von Bongai Shamwari e.V. nach vorne und machen bereits Pläne für die Zeit nach Corona, um den Kindergarten weiterzuentwickeln. Sie wollen die Zusammenarbeit mit anderen Kindergärten ausbauen, das Gartengrundstück von der Stadt kaufen und dort ein Cottage bauen. Für ein Projekt mit Solarkochkisten für die Eltern werden noch Sponsoren für die Materialkosten von 25 bis 30 Euro gesucht. „Diese Kisten sind eine Art Backofen mit Parabolspiegel“, erklärt Christa Zeller. Damit können Temperaturen bis zu 200 Grad Celcius erreicht und Pizza, Lasagne oder Aufläufe hergestellt werden. Außerdem ist der Bau einer Solaranlage, für die bereits Anträge beim baden-württembergischen Förderprogramm bwirkt! gestellt wurden, und eines 34.000-Liter-Wassertanks geplant. Christa Zeller selbst hat in Mutare ein Haus gekauft, das zum Anlaufpunkt für Besucher und Freunde werden soll, die am Projekt mitarbeiten.
„Das Projekt ist in guten, jungen Händen“
„Mir macht das nach wie vor unheimlich viel Spaß“, begründet Christa Zeller ihr Engagement. „Es kommt viel zurück, auch wenn es mit viel Papierkram verbunden ist.“ Zu vielen ehemaligen Kindergartenkindern gebe es nach wie vor Kontakt, manche volontieren in dem Projekt. „Mittlerweile sind auch junge Leute in unserem Verein engagiert und wir haben eine Kooperation mit der Hochschule Künzelsau“, berichtet sie weiter. Für Christa Zeller fühlt es sich gut an: „Zu wissen, dass das Projekt in guten, jungen Händen ist und damit weiterläuft.“ Denn so könne sie sich auch mal zurücklehnen. Überhaupt scheint soziales Engagement in ihrer Familie zu liegen: Sohn und Tochter – er Kinderarzt, sie Apothekerin – engagieren sich beide in den Organisationen Ärzte beziehungsweise Apotheker ohne Grenzen.
Erneute Ausstellung im Frühjahr 2021
In der Ausstellung „Hohenlohe meets Simbabwe“ zeigten im Frühjahr verschiedene Künstler ihre Werke in der Sparkasse in Künzelsau. Die Schau wurde wegen Corona abgebrochen, die Künstler mussten eilends in ihre Heimat zurück. Diese Ausstellung soll 2021 wiederholt werden. Außerdem hat der Verein zwei Schaufenster in Ingelfingen – in der Schlossstraße und der Mariannenstraße angemietet – und stellt dort Bilder und Skulpturen aus Simbabwe aus, die über Christa Zeller verkauft werden. Auch bei Hohenloher Hörakustik in der Künzelsauer Hauptstraße sind Werke ausgestellt. Die Kunstwerke werden in Simbabwe hergestellt und gelangen per Container nach Deutschland.
Kunstwerke aus Simbabwe sind auch über einen Online-Katalog erhältlich. Dieser ist über die Homepage des Vereins unter www.bongai-shamwari.org zu finden.
Text: Sonja Bossert

Christa Zeller (rechts) 2009 in Zimbabwe

Kinder in Zimbabwe

Kinder vor dem Kindergarten in Zimbabwe.
Foto: GSCHWÄTZ/Archiv

Solche Kunstwerke stellen die Künstler in Simbabwe her. Verkauft werden sie über Christa Zeller und einen Online-Katalog. Foto: GSCHWÄTZ

Die Kunstwerke werden in Simbabwe hergestellt und per Container nach Deutschland geschickt. Foto: GSCHWÄTZ