Biss unter die Haut
// Body Suspension erfreut sich wachsender Beliebtheit in der Tattoo- und Piercingszene
// Text von Dr. Sandra Hartmann
„Alles was du vorher gedacht hast, ist weg und du bist einfach im Hier und Jetzt“, erklärt Markus Pohl. Er nimmt keine Pillen, um sich in einen derartigen Zustand versetzen zu lassen, sondern er hat das erste Mal Body Suspension ausprobiert: Er ließ sich an seiner eigenen Haut aufhängen.
Markus Pohl aus Öhringen verkauft eigentlich Gemüse auf dem Wochenmarkt, sieht aber nicht aus, wie man sich einen Gemüsehändler vorstellen würde. Der 48-Jährige hat zwei große Tunnel in den Ohrläppchen, diverse Piercings und Tattoos. „Wenn man auf Tattoo- und Piercingseiten surft, dann sieht man diese Body Suspensions“, erklärt er. Ihn haben die glücklichen Gesichter fasziniert, die er dabei gesehen hat auf youtube. An die vier Jahre hat es gedauert, bis er selbst diesen Schritt gewagt hat, Body Suspension zu machen. Seine Frau war offen dafür: „Sie meinte: Du kannst machen, was du willst. Ich guck‘ mir das gerne an. Danach hat sie gesagt: Das will ich auch“, erinnert sich der Vater von zwei Jungen und lacht.
Im vergangenen Jahr war es soweit. An einem Hof in Schwäbisch Hall hat er sich mit Sabine Twedelera getroffen. Die Holländerin macht weltweit Body Suspensions. Zuerst wurden Markus zwei dicke Haken in die Haut am Rücken gesetzt. „Das ist wie Blut abnehmen, wie ein Nadelstich, nur etwas dicker“, erklärt Markus. Einer dieser Haken hat ein alter Bekannter von ihm gesetzt, Andre Nalin. Der 34-Jährige war bis vor seinem Umzug nach Berlin sein Piercer in Schwäbisch Hall. Über Andre hat Markus wiederum Sabine kennengelernt.
„Wichtig ist, dass die ausführenden Künstler sich mit der Anatomie der Haut auskennen, zum Beispiel, wie tief die Haken unter der Haut sitzen müssen“, erklärt Andre. „Wir lernen voneinander: Viele, die Body Suspension anbieten, kommen aus dem Kletterbereich und wissen ganz genau, wie sie auch die Knoten der Seile machen müssen.“
An einem Baum wird Markus über einen Flaschenzug an Seilen, die durch die Haken gelegt werden, und damit praktisch an seiner eigenen Haut hochgezogen. Er schwingt sich ein, erst vorsichtig, dann immer geschmeidiger, vor und zurück. Er befindet sich zirka drei oder vier Meter über der Erde. Und strahlt.
Auch Andre lässt sich an diesem Tag mit Haken versehen und schwingt. Es ist das dritte Mal für ihn: „Für mich persönlich war das eine positive Grenzerfahrung. Zu was kann man seinen Geist und Körper bringen? Für mich kostete es extreme Überwindung, einfach loszuschwingen, obwohl man durch den Adrenalinausstoß keine Schmerzen spürt.“
Aber dann sei es fast eine meditative Erfahrung, obwohl er eigentlich kein spiritueller Mensch sei. „Alles andere aussenherum wird auf lautlos gestellt“, versucht Andre die Gefühle, die man bei Body Suspension hat, zu erklären, um im nächsten Atemzug lachend hinzuzufügen: „Aber es ist schwer, das jemanden zu erklären, der das noch nie gemacht hat. Das ist wie mit Sex. Das kann man auch schwer erklären.“
Markus Pohl berichtet von einer „wahnsinnigen Endorphin- und Adrenalinausschüttung“. Er habe gedacht, es seien starke Schmerzen, aber „du gehst nur über einen kleinen Punkt drüber“.
Je länger man hängt, umso mehr weitet sich auch die Haut. Nach 30 oder 40 Minuten hat man wie eine Art Engelsflügel auf dem Rücken, beschreibt Markus sein Aussehen nach der Suspension. Aber nach ein oder zwei Tagen sei die Haut wieder komplett zugewachsen.
Ärzte sehen das etwas kritischer. Hierzu Professor Dr. Peter Elsner, Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) sowie Direktor der Klinik für Hautkrankheiten am Universitätsklinikum in Jena: „Das Einbringen von Haken in die Haut im Rahmen einer „Suspension“ stellt in gleicher Weise eine Verletzung der Hautkontinuität dar wie bei einem Piercing. Durch mögliche weitere mechanisch bedingte Einrisse könnte eine zusätzliche Traumatisierung erfolgen.“ Häufig (zehn bis 20 Prozent) seien lokale Infektionen. Über Fälle von Übertragung der Hepatitis-Viren B, C, D und G sowie von HIV wurde berichtet. Weitere Berichte liegen vor über Tetanus- und Tuberkuloseinfektionen.“
Für Markus Pohl wird es nicht das letzte Mal gewesen sein, dass er Body Suspension macht. 30 verschiedene Positionen seien möglich, manche Menschen möchten die Haken in den Hintern gesetzt bekommen, andere in die Brust. „Manche springen auch von einer Brücke und machen quasi Bungee Jumping und Body Suspension gleichzeitig. Das sei jedoch nichts für ihn.
Termine Body Suspension: Body Suspensions (übersetzt: Körperfederung) werden oft an Tattoo Conventions angeboten. Wegen des steigenden Interesses in der Region ist laut Andre Nalin im Sommer auch eine zweitägige Body Suspension in der Nähe von Schwäbisch Hall geplant. Wer sich Body Suspension gerne vorher schon mal anschauen möchte, findet bei youtube diverse Videos dazu.
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