Bildungschaos, Kampfhubschraubereltern, Pisa-Hysterie: Der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, legte am Donnerstag, den 30. Januar 2020, in Krautheim den Finger in die Wunden des deutschen Bildungswesens.
„Stecken wir im Bildungschaos fest oder anders gesagt: Sind wir noch zu retten?“ – mit diesen provokanten Worten stellte Schulleiter Thomas Weniger den Redner des Abends vor und bezeichnete diesen als „Klarsprecher“. Viele Eltern aber auch Lehrer hatten sich im gut besuchten Eugen-Seitz-Bürgerhaus eingefunden. In seinem kurzweiligen Vortrag zum Thema „Bildungsnation oder Bildungschaos? Was Eltern jetzt wissen müssen“ zerpflückte der Autor mehrerer Bücher die Bildungspolitik, gab aber auch den Eltern einige Tipps mit auf den Weg.
„Wir haben den Mittelweg nicht gefunden“
Natürlich sei es ein provokantes Thema, bekannte der der 70-Jährige: „Ein Wissenschaftler dürfte nicht so reden.“ Aber er selbst sei Praktiker und ein „Mann des klaren Wortes“. Er scheue sich nicht davor anzuecken. Der Oberstudiendirektor a.D. und Diplom-Psychologe weiß, wovon er spricht. Als Leiter eines Gymnasiums in Bayern begleitete er laut eigenen Worten rund 2.000 Schüler bis zum Abitur. Außerdem war er von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und begleitete so die Bildungspolitik in Deutschland. „Ich hatte viel von dieser Gesellschaft“, erklärt Kraus, der sich selbst als politischen Menschen sieht. „Deshalb will ich meine Erfahrungen zurückgeben“. Von 1993 bis 2014 war er zudem Mitglied im Beirat für Fragen der Inneren Führung des Verteidigungsministers und wäre 1995 beinahe hessischer Kultusminister geworden. Im vergangenen Jahr hat er gemeinsam mit dem Co-Autor Oberst a.D. Richard Drexl ein Buch über die Bundewehr veröffentlicht.
Geht mit der deutschen Bildungspolitik hart ins Gericht
An diesem Abend in Krautheim geht Kraus mit der deutschen Bildungspolitik hart ins Gericht. Deutschland habe eine große Bildungstradition – „weltweit beneidet“ – doch „wir sind dabei, Strukturen, Inhalte und Vorzüge über Bord zu schmeißen“. Das mache ihm Sorgen, „weil wir zurückfallen“. Immer mehr Ausbildungsbetriebe und Universitäten müssten Lift-Kurse besonders in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathe anbieten, in denen bestimmte Inhalte des schulischen Unterrichts nochmal aufbereitet werden –„das ist im Prinzip Nachhilfe“.
Viele Studierberechtigte – die er unterscheidet von Studierbefähigten – brächten nicht mehr das mit, was für ein Studium nötig sei. Vor allem mache ihm Sorgen, dass „wir weltweit in einem globalen Wettbewerb stehen mit Nationen, wo das Leistungsprinzip in der Bildung noch nicht diskreditiert ist“, wo noch Neugier und Anstrengungsbereitschaft angesagt seien. Er vergleicht Deutschland mit den „Ostasiaten, die uns über kurz oder lang wahrscheinlich auch in diesem Bereich überrunden werden“. Er möchte kein Drillsystem wie in Korea, China oder Japan. Aber hier findet seiner Meinung nach das andere Extrem statt: „Wir haben den Mittelweg nicht gefunden.“

Josef Kraus in Krautheim. Foto: GSCHWÄTZ
Er möchte kein Drillsystem wie in Korea
Von Bilanzen lässt sich Josef Kraus nach eigenen Worten nicht täuschen. Jedes Jahr steige die Abiturienten-Quote in Deutschland, die Noten werden immer besser, die Anzahl der Sitzenbleiber und Durchfaller dagegen falle. Doch hier werden, „Quote und Qualität verwechselt“. Zeugnisse würden zu „ungedeckten Schecks, mit denen man Eltern und junge Leute hinters Licht führt“. So sei eine Schieflage zwischen beruflicher und akademischer Bildung entstanden und das in einem Land, das immer sagte, „Bildung ist unser Exportschlager und der Garant dafür, dass wir die weltweit niedrigste Arbeitslosenquote bei Jugendlichen haben.“ Heutzutage würden in Deutschland mehr junge Leute ein Studium als eine Ausbildung beginnen. Was bei der mittelständischen Wirtschaft und teilweise in der Industrie spürbar werde – Stichwort Fachkräftemangel. Vor 2011 sei Baden-Württemberg bei allen innerdeutschen Vergleichen unter den vorderen vier Plätzen gewesen. Ein paar Jahre später sei es schließlich auf den hinteren Rängen gelandet. Kraus führt das auf eine „Reformitis ohne gleichen zurück, die meine, keinen Stein auf dem anderen lassen zu müssen“.
Reformen über Reformen über Reformen – Der Fachkräftemangel komme nicht von ungefähr
Der Niederbayer lehnt den Bildungszentralismus ab, weil „wir dann innerhalb einer Generation Pisa-Ergebnisse wie Bremen und Berlin haben“. Politik gebe sich gerne populistisch und „Erleichterungspädagogik und Gefälligkeitsbildungspolitik würden bei einem Teil der Beteiligten“ gut ankommen. Er wünscht sich einen „Wettbewerbsföderalismus“. Dieser sei aber weitestgehend außer Kraft gesetzt worden, bedauert Kraus und macht gleich den Schuldigen aus: „Ein falsches Verständnis von Föderalismus ist schuld, wenn es schief läuft in Deutschlands Schulen und Bildungseinrichtungen“. Die Schuld macht er nicht an Schülern, Eltern oder Lehrern fest – auch wenn unter Deutschlands 800.000 Lehrern nicht nur Helden und Heilige seien. Die Schuldfrage dagegen stellt er in Richtung Politik und Bildungswissenschaften, „die immer noch uralten Ideologien hinterherhecheln“.
Politiker „hecheln uralten Ideologien hinterher“
Der Träger des Deutschen Sprachpreises 2018 zeigt der deutschen Bildungspolitik sechs „ideologische Irrwege“ auf, die man immer wieder diskutieren müsse, „bevor man in reinem schul- und bildungspolitischem Pragmatismus ersäuft und immer neue Versprechungen draufsetzt, die alle in Richtung Gefälligkeitspädagogik gehen“. Zu der zählt er die Abschaffung der Hausaufgaben, des Sitzenbleibens, der Zeugnisse und Noten sowie der Rechtschreibung. Er geißelt die Rechtschreibreform als „Kniefall vor der zunehmenden Legasthenisierung der Gesellschaft“. Aber Rechtschreibung „hat auch mit sprachanalytischem Verständnis zu tun“ und sie biete eine „gewisse Chancengerechtigkeit, wenn alle sie beherrschen“.
Auch das Egalitätsprinzip gehört für ihn dazu, denn wenn alle Abitur haben würden, habe keiner mehr eins. Dann gebe es andere Selektionskriterien. Er selbst bezeichnet sich als großer Fan von Haupt- und Realschule und meint, „wer die Hauptschule abschafft, schafft den Hauptschüler nicht ab“. Erfreut stellte er fest, dass es in Krautheim eine Hauptschule gibt. „Ich habe gesehen, welch lebendige Schule das ist, auch übrigens in der Kooperation mit Partnern aus der Wirtschaft“, sagte er.
Lob für die Haupt- und Realschule in Krautheim
Ein weiterer Irrweg sei der „Machbarkeitswahn“, bei dem man glaube, „mit Pädagogik könne man aus jedem Menschen alles machen“. Dazu zählt er auch die „Radikalinklusion“ und spielte auf den Fall von Henri an, dessen Mutter ihren Sohn, der das Down-Syndrom hat, unbedingt aufs Gymnasium schicken wollte. Bei allen Fragen der Beschulung stehe an oberster Stelle das Kindeswohl und dieser Fall hat laut Kraus nichts mit Kindeswohl zu tun. Für ihn sei das eher Kindesmisshandlung. Das bedeute aber nicht, dass behinderte Kinder nicht auch eine Regelschule besuchen könnten, sofern die technischen und personellen Voraussetzungen erfüllt seien.
Schluss mit dem Machbarkeitswahn: Aus jedem Menschen könne man eben nicht alles machen
Der „Glaube, Lernen müsse immer nur Spaß machen“ sei ein weiterer Irrweg. Seiner Meinung nach gebe es Lernen und Bildung nicht ohne Anstrengung. Doch in Deutschland sei das Leistungsprinzip über „Jahrzehnte diskreditiert worden“. Aber Leistung sei ein „wichtiges Vehikel zur Entwicklung der eigenen Identität“ und Basis des Sozialstaates. Spaß- und Gefälligkeitspädagogik lehnt er ab, denn nicht „alles, was den Kindern in der Schule leicht gemacht wird, macht ihnen den Einstieg ins Leben leicht“. Weitere Irrungen sind die Quotenfalle, „die planwirtschaftliche Vermessenheit“, dass alle studieren müssten sowie die „Pisa-Testerei“. Pisa sei kein Schulleistungstest, sondern messe nur rund zehn Prozent des schulischen Lerngeschehens. Sprachliches Ausdrucksvermögen käme darin genauso wenig vor wie „Bildung in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Geschichte“. Aber „die hohe Politik ist besoffen von Pisa-Rankingplätzen“ und verordne den Schulen Multiple-Choice-Tests und „Lücken-Zustöpsel-Tests“ im Fach Deutsch, obwohl hier die jungen Leute lernen sollten, ihre Gedanken auszuformulieren.
Auch die Beschleunigung bezeichnet Kraus als Falle. „G8 war ein katastrophaler Fehler“, sagt er. Und jetzt komme auch noch aus der Ecke der Wirtschaft der Ruf nach „Einschulung mit vier“. Er nennt das „Beschleunigungswahn ohne Rücksicht auf die Entwicklungspsychologie von Kindern“. Er erlaube sich als erfahrener Pädagoge, der als Schulleiter G9 und G8 erlebt hat, zu sagen, „dass die „G8-Absolventen weniger reif sind“.
Ein weiterer Irrweg: Lernen müsse eben nicht immer nur Spaß machen
Auch die Eltern bekamen an dem Abend ihr Fett weg. Kraus hielt ihnen den Spiegel vor, was diese amüsiert aufnahmen. Er wolle niemanden in Schubladen stecken, aber verhindern, dass sie genauso werden, erklärte er und gab ihnen zehn Anregungen für die Kindererziehung mit auf den Weg – „Impulse zur Selbstreflexion“ aber keine Patentrezepte, denn jede Familie und jedes Kind sei anders. Es gebe zwei extreme Elterntypen: Diejenigen, die sich um nichts kümmerten und jene, die sich um „alles und noch mehr kümmern“. Deren Anteil werde immer größer. Die meisten Eltern seien verantwortungsbewusst, weshalb er ein differenziertes Elternbild habe. Das Problem seien aber die Kinder aus den extremen Erziehungshaltungen.
Die Sache mit den „Schneepflugeltern“
Kraus beansprucht für sich, 2011 den US-amerikanischen Begriff Helikopter-Eltern in Deutschland eingeführt zu haben. Mittlerweile gebe es drei Ausprägungen, die die Zuhörer mit Gelächter zur Kenntnis nahmen: Kampfhubschrauber-Eltern, Rettungshubschrauber-Eltern sowie Transporthubschrauber-Eltern. Neu seien Begriffe wie Schneepflugeltern, Curling-Eltern oder auch Drohnen-Eltern. Er führte kuriose Beispiele der Elternliebe an wie Handys mit GPS, die Alarm geben, sobald die Kinder einen Aktionsradius von 200 Metern überschreiten. Diese Eltern würden dem Kind nichts zumuten und nie was versagen, aus Angst es zu traumatisieren – sie seien im „Verwöhnwahn“. Genauso schlimm sei aber auch der Förderwahn, bei dem die Mama einen VHS-Kurs in Latein macht, wenn das Kind aufs Gymnasium wechselt. Oder die unsäglichen WhatsApp-Gruppen, in denen die Eltern um die richtigen Lösungen für die Hausaufgaben streiten. Lachen unter den Eltern – der eine oder die andere schien solche Situationen zu kennen. Solche Kinder hätten Hilflosigkeit gepaart mit hohen Ansprüchen gelernt. Sie würden nie Verantwortung übernehmen und nie Unternehmergeist entwickeln.
„Wer nichts weiß, muss alles glauben“
Kraus riet den Eltern, der „Bildungspolitik und ihren Versprechungen“ zu misstrauen – das seien nur Sprechblasen – ebenso wie dem „Gerede von überfrachteten Stoffplänen“. Was man gelernt habe, schaffe kognitive Strukturen. Die junge Generation brauche mehr konkretes Vorratswissen, wenn sie mitreden möchte. Er zitierte den Spruch von Marie von Ebner-Eschenbach. „Wer nichts weiß, muss alles glauben“. Wissen habe schließlich auch mit Mündigkeit zu tun.
Eltern sollten den Kindern in punkto Neugier und Lesen ein Vorbild sein. Wer liest komme weiter und außerdem besagten Studien, dass „Vielleser ein 30-prozentiges höheres Einkommen“ hätten. „Ist das kein Argument?“, fragte Kraus. Dann erinnerte er die Eltern daran, dass ein Kind Liebe und Zuwendung auch ohne Abi verdient habe. Schließlich gebe es unendlich viele Abschlüsse und der Mensch beginne nicht erst beim Abi. Auch eine handwerkliche Ausbildung könne zufrieden machen.
Mut zur Autorität in der Erziehung
Eltern sollten Mut zur Autorität in der Erziehung und die Bereitschaft haben, die der Schulen anzuerkennen. Kinder seien überfordert, „wenn sie Partner auf einer Augenhöhe mit den Eltern sein sollen“. Sie bräuchten Orientierung. Wer keine Vorgabe mache, verweigere diese den Kindern. Außerdem sollten Kinder in Anspruch genommen werden. Die Eltern sollten dem „Gerede vom Schulstress misstrauen“. Den größten Stress, den Kinder heutzutage hätten, sei medialer Stress, sie kämen dadurch nicht mehr zur Ruhe.
Ebenso sollten sich Kinder an angemessenen Herausforderungen erproben und lernen, mit Niederlagen und Enttäuschungen umzugehen. Sie sollten auch mal scheitern dürfen. So lernten sie Frustrationstoleranz und Resilienz. Natürlich könne man mal hinfallen, aber das Dümmste sei, „liegen zu bleiben und nicht mehr aufzustehen“.
Auch mal scheitern dürfen
„Sofortismus“ sollte man ebenfalls nicht betreiben, Kinder also mal warten lassen und ihnen nicht jeden Wunsch von den Augen ablesen. Sie würden sonst dazu verführt, „nie die eigenen Möglichkeiten auszuschöpfen“. Glück könne man nur erleben, wenn man „Hirnschmalz, Zeit und Frustrationsüberwindung investiert hat und dann zum Erfolg kommt“.
Kinder sollten sich motorisch austoben und genügend schlafen. Zu wenig Bewegung habe direkte Auswirkungen auf die Motorik und „infolgedessen gibt es immer mehr adipöse Kinder“. Außerdem solle man seinen Kindern „lange Weilen“ gönnen. Sie bräuchten auch Faulheit – das „Durchhängen nach Aktivitäten“. Dafür solle man Entschleunigungsinseln schaffen. Zum Schluss stellte Kraus fest: „Erfolgreiches Erziehen geht nur mit einem Schuss Humor und Leichtigkeit“. Humor sei ein wichtiges pädagogisches Mittel, aber daran fehle es in Deutschland. „Kommen Sie weg vom immer nur Bierernsten“, empfahl er. Mit Humor könne der Mensch ein lebensbejahendes Leben führen, das „relativiert und entspannt Manches“. Echter Humor sei das beste Mittel, um den Unwägbarkeiten des Lebens zu begegnen.

Symbolfoto Schülerin. Quelle: adobe stock