Bild dir deine Meinung: Bild-Chef Reichelt missbraucht seine Macht – Das Spiel mit den jungen Praktikantinnen
Das Nachrichtenmagazin der Spiegel titelte am Dienstag, den 19. Oktober 2021: „Warum Julian Reichelt gehen musste.“
Persönliche Freude
Vorausgegangen waren Recherchen und Veröffentlichungen der US-amerikanischen Zeitung New York Times, die die Machtstrukturen hinter den Kulissen des wohl mächtigsten Boulevarblatts Deutschlands öffentlich machte. Dabei soll der nunmehr vom Springer-Verlag gefeuerte Bild-Chefredakteur unter anderem mit diversen Praktikantinnen seine persönliche Freude gehabt haben und damit seine interne Macht im Verlag missbraucht haben. Was da hinter den Kulissen abging, schien im Verlag und unter den Mitarbeiter:innen ein offenes Geheimnis gewesen zu sein. Wer mit Reichelt schlafe, solle danach eine dementsprechende Stellenaufwertung erfahren haben, heißt es.
Von Hollywood direkt in die deutschen Redaktionsstuben
Die #Metoo-Debatte ist damit von Hollywood direkt in die deutschen Redaktionsstuben gehupft. Doch man darf sicherlich nicht so naiv sein, zu glauben, dass Reichelt diese machtmissbräuchlichen Spielchen am Arbeitsplatz erfunden hat.
Der böse Bube
Der Unterschied zu den vergangenen Jahren: (Ehemalige) Mitarbeiter:innen und Führungskräfte packen aus oder zeigen sich auch öffentlich solidarisch gegenüber den Opfern. Der öffentliche Druck hat zugenommen. Ein Kopf musste schließlich rollen. Der Springerverlag feuerte den bösen Buben Julian Reichelt. Undenkbar, dass Reichelt heute, wenn er auf die Bühne gehen würde, Standing Ovations erhalten würde – (wie das immerhin die Who-is-who-Hollywoordriege vor einigen Jahren Brad Pitt bei einer Preisverleihung gezollt hat – sein erster öffentlicher Aufritt nach dem Skandal um sein übergriffiges Verhalten gegenüber seinem Sohn Maddox).
Von Anfang an stand Reichelt in der Kritik – und erhielt Rückendeckung unter anderem von Kai Diekmann
Interessant wäre es nun, und ehrlich noch dazu, würde der Springerverlag nun machen, was ihm ureigen ist: recherchieren, welche ehemaligen Chefredakteure ihre Spitzenposition noch so zu ihrem eigenen Vorteil genutzt haben, wie es Reichelt getan hat – oder vielleicht auch nicht? Sogleich denkt man an den berühmten Kai Diekmann, der zuvor jahrelang die Geschicke von Bild geleitet hat.
Diekmann zeigte sich zunächst verständnisvoll
In einem Interview vom März 2018 zeigte sich Dieckmann verständnisvoll mit der neuen Führung Reichelt und verteidigt ihn, obwohl er damals bereits in der Kritik stand: Es sei, so Diekmann, „normal, dass sich Dinge erst setzen müssen“. Was Diekmann wohl heute zu Reichelts Verhalten sagen würde?
Das Patrichat in Deutschland jedenfalls hat solche machtmissbräuchlichen Strukturen gegenüber Frauen schon immer begünstigt. Fortschritt sieht anders aus. Aber die kritische öffentliche Debatte über Reichelts Verhalten ist schon mal ein Anfang.
Text: Dr. Sandra Hartmann