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Und dann hat’s BUH gemacht

Dünn besetzt waren die Publikumsplätze, die im Ratssaal eingerichtet waren. Das war bei den Themen der Gemeinderatssitzung vom 19. November 2020, wo es hauptsächlich um umfangreiche Tabellen mit einer Unmenge Zahlen und Kalkulationen ging, nicht verwunderlich. Äußerst verwunderlich war aber, dass auch die Reihen der Räte kaum besetzt waren: Unentschuldigt fehlten die kompletten Fraktionen der SPD/GRÜNEN, der UBK und der FfK.  Da auch noch 2 Mitglieder entschuldigt fehlten, war die Beschlußfähigkeit, die mit 12 stimmberechtigten Mitgliedern erreicht ist, nicht gegeben. Das kam wohl in Künzelsau seit Jahren nicht mehr vor.

Gemeinderat war nicht beschlußfähig

Trotzdem eröffnete Bürgermeister Neumann nach einer Wartezeit die Sitzung, natürlich mit dem Hinweis, dass die anstehenden Abstimmungen nicht stattfinden könnten. Eigentlich schade, dass kaum jemand anwesend war, denn sowohl Bürger als auch Räte hätten gut vorbereitete Präsentationen von Roswitha Deptner zum Thema Einwendungen und Ratschläge zur Erweiterung des Gewerbegebiets Lerchenhöhe in Amrichshausen und von Ulrich Walter, der über den Nachtragshaushalt und die Änderung der Wassergebühren berichtete, hören können.

Sachthemen absolute Nebensache

Über die Sachthemen gab es fast keine Diskussion, die anwesenden Räte waren mit den Vorschlägen der Verwaltung sehr zufrieden.

Emotionale Aussagen über die fehlenden Kollegen

Vielmehr entspann sich eine heftige Diskussion über die mutmaßlichen Gründe des Fortbleibens der Ratskollegen. Christian von Stetten  mutmaßte, dass es an der Künzelsauer IT-Infrastruktur ja eigentlich nicht liegen könne, denn man habe ja in den letzten Jahren Millionensummen investiert. Und das, obwohl ausgerechnet bei seinem Beitrag die Tonqualität extrem schlecht war. Er findet es „nur recht und billig, die technischen Möglichkeiten zu nutzen“, gerade in Corona-Zeiten, wo die Politik darüber diskutiere, nur noch Treffen von zwei Personen zuzulassen. „Wenn man das den Bürgern vorlebt, dann akzeptieren die das“, spricht er die Vorbildfunktion auch der Lokalpolitiker an. „Man muß da schon nochmal nachfragen“, spricht er die nicht anwesenden Kollegen gezielt an.

Auch Bürgermeister Neumann will nicht an technische Probleme glauben. Er habe gerade heute morgen eine problemlose Konferenz mit rund 50 Teilnehmern durchgeführt. Außerdem habe es Schulungen und Hilfestellungen gegeben.

„Und dann gibt es Leute, die das konterkarieren“

Verena Löhlein-Ehrler findet deutliche Worte: Sie unterstellt einen Boykott und forderte sogar Ordnungsmittel. Sie will die Situation nicht  einfach hinnehmen, man habe sich intensiv vorbereitet „und dann gibt es Leute, die das konterkarieren“. Ihr Antrag auf Ordnungsgeld wird in den nichtöffentlichen Teil verschoben.

„Wenn man will, dann geht das“

Gerhard Rudolph ist überzeugt, dass man auch im Rat mit der Zeit gehen müsse: „Wenn Sie die Jugend fragen, dann sagen die, das ist die Zukunft.“ Ein Ordnungsgeld wünscht er nicht, er „würds mal so belassen“. Auch er geht eher von einem Boykott aus: „Wenn man will, dann geht das.“

„Kindergarten“

Von „Kindergarten“ spricht Rainer Süßmann, aus seiner Erfahrung weiß er: „In der Schule wissen wir, wie wir das hinkriegen.“ und „Es ist mir unbegreiflich, dass man sowas macht.“

„Ich möchte mir das nicht gefallen lassen“

Gar nicht beruhigen will sich Verena Löhlein-Ehrler. Sie will zumindest, dass in der Einladung für die Wiederholungssitzung Konsequenzen angedroht werden. Sie sei „zornig“, sagt sie und ergänzt: „Ich möchte mir das nicht gefallen lassen“.

Den Hinweis auf mögliche Konsequenzen will Bürgermeister Neumann der Einladung zur Wiederholungssitzung, die voraussichtlich am 26. November 2020 stattfinden soll, hinzufügen. Er weist abschließend darauf hin, dass es bei der Wiederholung einer Sitzung wegen Beschlussunfähigkeit nur drei stimmberechtigte Anwesende benötigt.

Und wie war das jetzt, mit der Technik?

Natürlich traten Tonprobleme wie Hall, Hintergrundgeräusche oder sehr leise Übertragung auf. Diese Probleme lassen sich zum großen Teil technisch und preiswert lösen, zum Beispiel durch ein Headset mit Mikrofon direkt am Mund. Anfangs fragte man sich manchmal, warum die Tonqualität von der ISS über Neuseeland besser war als bei einer Übertragung von Künzelsau ins Rathaus. Das wurde im Verlauf der Sitzung nachjustiert. Was natürlich fehlt, ist der Überblick über die Anwesenden, der direkte Blick auf spontane Reaktionen, die Abstimmung mit Blicken innerhalb der Fraktionen, der ein oder andere Zwischenruf – kurz: die Atmosphäre. Vor allem, da man während der Präsentation eines Dokuments nicht einmal die kleinen Bilder der Räte sehen kann.

Text: Matthias Lauterer

Geistersitzung des Künzelsauer Gemeinderats.
Foto: GSCHWÄTZ

Geistersitzung des Künzelsauer Gemeinderats.
Foto:GSCHWÄTZ

Dünn besetzt waren auch die Reihen der Räte.
Foto: GSCHWÄTZ