Der langsame Fall eines großen Jeansherstellers
Kommentar.
Eine Ära geht zu Ende. Klingt zu schmalzig? Ist aber so. Sicher, wenn Würth Künzelsau verlassen würde, läge die gesamte Kreisstadt am Boden. Aber Mustang ist ebenfalls ein Urgestein und ein unvergleichliches noch dazu. Ein Nachruf.
Nun ist es also amtlich. Das Herz des Jeans-Herstellers und einst gefürchteten Konkurrenten von Levi Strauss schließt seine Zentrale in Künzelsau. Dort, wo alles begann. Schwäbisch Hall sei der attraktivere Standort mit Bahnanbindung für diese Entscheidung gewesen, heißt es. Aha.
Personalabbau, Personalabbau, Personalabbau
Wer glaubt, dass die Jeans mit der Bahn irgendwohin gefahren wird, der lebt noch im Land der Cowboy und Indianer- zumal Mustang seine Produktion schon seit Längerem ins Ausland verlagert hat. Wo die Zentrale eines Unternehmens sitzt, ist nicht ausschlaggebend für deren Erfolg. Aber das scheint auch Berner nicht so richtig verstanden zu haben.
Der schlichte Grund für den Wechsel nach Hall: Mustangs Geschäftszahlen sind seit Jahren alles andere als berauschend. Der Verkauf des Areals in der Künzelsauer Innenstadt würde zumindest kurzfristig Geld in die Kassen des angeschlagenen Unternehmens spülen (schließlich haben auch die Investoren viel Geld in Mustang investiert, das sie ungern verlieren möchten), ziehen sie doch in die Gebäude in Schwäbisch Hall zur Miete (obwohl man gar nicht wissen möchte, wie hoch die Miete der neuen Räume ist). Eins ist klar: Die Investoren hängen offensichtlich weit weniger an dem Standort Künzelsau, als die Familie Sefranek. Aber das ist eben, so bitter es klingen mag, business as usal. Die Entlassungswelle rollt ebenfalls seit Jahren über die Mitarbeiter hinweg. In Schwäbisch Hall wird es nur fortan weniger auffallen.
Was ist schief gelaufen, dass der einstmalige Riese so zusammengeschrumpft ist?
Als Heiner Sefranek damals das Zepter von seinem Vater Albert übernahm, wollte er es verjüngen. Man hatte nicht mehr nur die mittlere Altersklasse zwischen 40 und 60 im Blick, die schon seit Jahren Mustang-Jeans kauft, eine solide Kaufkraft haben und ein bestimmtes Jeansmodell, das sie immer anziehen. Verjüngen wollte man sich unter anderem mit der mehr als verrückten Marke W<. Ein Unterfangen, das man nach geraumer Zeit wieder im Sand verbuddelt hat. Das Produktsortiment wurde erweitert. Kunden konnten fortan in den Shops und Stores auch Oberteile, Schuhe, Taschen und Gürtel kaufen. Alles Zukäufe – und das Kernprodukt? Wie heißt es so schön: Never stop a running system. Was so viel heißt, wie: Wenn etwas gut läuft, lass es weiterlaufen…Die Jeans ist gut gelaufen und dennoch hat man sie verändert: in der Form, in der Qualität, in der Farbe und Mustang verlor das Wertvollste, was es besaß: seine Stammkundschaft.
Künzelsau verliert ein Pionierunternehmen
Mit dem Verkauf fast aller Anteile der Familie Sefranek ging damals bereits eine Ära zu Ende, weil es immer so ist, wenn fremde Investoren mit ins Boot steigen und das Ruder übernehmen: Man weiß nicht mehr, wohin es gehen wird.
Der nun eingeschlagene Weg ist nicht nur bitter für die Familien Sefranek und Hermann, die einst etwas Großes aufgebaut haben, sondern auch bitter für die Stadt Künzelsau, ein Pionier-Unternehmen zu verlieren und vor allem bitter für alle Mitarbeiter, die in der Zentrale seit Jahren und Jahrzehnten ebenfalls Großes geleistet haben und nun ebenfalls die Wahl haben: gehen oder bleiben.
Foto: GSCHWÄTZ